“Yemeni Girls”, by Rod Waddington, Flickr, licensed under CC BY-SA 2.0.

Aus für die Sprachkitas: Kürzen bei den Kurzen

„Die Kindertagespflege wollen wir als Angebot der Kindertagesbetreuung weiterentwickeln und fördern und das Programm „Sprach-Kitas“ weiterentwickeln und verstetigen“ schrieben sich SPD, Grüne und FDP in ihren gemeinsamen Koalitionsvertrag. Ein knappes dreiviertel Jahr später haben wir dann schwarz auf weiß, was die selbst ernannte Fortschrittskoalition unter „weiterentwickeln und verstetigen“ versteht: Die Bundesförderung des Programms wird nach 11 Jahren vollständig eingestellt. Ein Schock für die Träger, die Länder, die Kommunen und ganz besonders für die Angestellten, die nun nicht wissen, wie es ab dem 1.1.2023 weiter gehen soll und die Familien, deren Kinder von der zusätzlichen Sprachförderung profitiert haben.

Immer wieder betonen Politiker:innen wie wichtig es sei, die Erziehungsberufe zu stärken und zu einem attraktiveren Berufsfeld zu machen. Ein sicherer Weg, genau das Gegenteil zu erreichen, ist eine solche, völlig überstürzte Aktion. Das Signal, das die Mittelstreichung aussendet ist eindeutig: Sucht euch lieber eine andere Stelle, denn wenn gekürzt werden muss, dann seid ihr die Ersten – und das sogar, nachdem vor einem guten Jahr das genau gegenteilige Signal ausgesendet wurde, als im Corona-Aufholpaket weitere Mittel für die Anstellung bereitgestellt wurden, man also offensichtlich grundsätzlich von der Sinnhaftigkeit des Programms überzeugt war.

Rund 7.000 Kitas konnten durch das Programm insgesamt 7.500 Halbtagsstellen für Fachkräfte finanzieren und damit über einer halbe Millionen Kinder erreichen. Ziel war es ganz besonders, diejenigen Kinder zu erreichen, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen und diejenigen, die in ihrer Sprachentwicklung Unterstützung benötigen. Dass man diese Kinder nun in einem Moment im Stich lässt, in dem sprachliche Förderung ganz besonders von Nöten wäre, zeigt wie schwach das soziale Gewissen der Bundesregierung ausgeprägt ist. Studien haben belegt, dass das sprachliche Vermögen bei einem Teil der Kinder unter Corona und den damit verbundenen Lockdowns nicht gelitten hat. Für einen anderen Teil der Kinder, nämlich insbesondere denjenigen, die vom Sprachkita-Programm profitierten, hatte Corona jedoch sehr wohl einen Einfluss und die Schere in der sprachlichen Entwicklung ist nun also noch größer als vorher. Zusätzlich sind viele Kitas gerade damit konfrontiert, dass sie zahlreiche Kinder aus der Ukraine in ihren Alltag integrieren müssen – der Bedarf also noch einmal weiter gestiegen ist. In dieser Situation entscheidet die Bundesregierung nun erneut nicht danach, was sozial geboten ist, sondern wo sie den geringsten Gegenwind erwartet.

Gebetsmühlenartig wiederholte Familienministerin Paus, dass alles ja nicht so schlimm sei, denn in der Weiterentwicklung des Gute Kita-Gesetzes, dem so genannten Kitaqualitätsgesetz, wurde ja nun das Element der Sprachförderung mit aufgenommen. Dass sie sich diese Argumentation selbst nicht so ganz abnimmt, offenbarte sich bereits vergangenen Woche, als sie ankündigte, bei den Ländern für eine Fortführung der Sprachkitas werben zu wollen – dann selbstverständlich aus deren Mitteln. Woher dieses Geld kommen könnte, lässt sich anhand der bekannt gewordenen Veränderungen von Gute Kita-Gesetz zu Kitaqualitätsgesetz ablesen: Die Gebührenfreiheit bzw. zumindest die Reduzierung von Kitagebühren ist nicht länger als Qualitätsmerkmal durch den Bund gefördert. Die Länder werden also mehr oder weniger vom Bund zur Wiedereinführung bzw. Erhöhung von Gebühren genötigt, denn die desolate Haushaltslage vieler Bundesländer ist allseits bekannt.

Wir als LINKE fordern schon lange, dass das Kooperationsverbot im Bildungsbereich aufgehoben wird und sich der Bund endlich stärker an der Finanzierung beteiligt. Nur so lässt sich die chronische Unterfinanzierung dieses Bereichs beenden und die deutlichen Unterschiede der Bildungsausgaben pro Kind angleichen. Die drastisch unterschiedlichen Chancen unserer Kinder sind absolut inakzeptabel. Und genau deshalb müssen wir alles daran setzen, dass kurzfristig zumindest das Sprachkita-Programm gerettet wird und gemeinsam mit den Verbänden weiter Druck auf die Regierung machen!

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