Erich Kästner: Kein harmloser Kinderbuchautor

23. Februar 2018 - 11:12 | | Kultur | 0 Kommentare

Erich Kästner wird heute fast nur noch als harmloser Kinderbuchautor wahrgenommen. Doch in fast all seinen Werken kommt auch sein politisches Engagement für Frieden und Gerechtigkeit zum Vorschein. Eine Hommage zu seinem Geburtstag

Er stand direkt daneben. Fassungslos und „sehr bleich“, wie ein Polizeiwachtmeister später berichtete. Damals, im Mai 1933, als die Nazi-Studentenschaft die Werke vieler als „undeutsch“titulierter Autorinnen und Autoren unter infernalischem Triumphgeheul des faschistischen Mobs in den lichterloh brennenden Scheiterhaufen auf dem Platz vor der Berliner Staatsoper warf. Neben Büchern von Marx, Brecht, Seghers oder Luxemburg befanden sich auch sein Roman „Fabian“ und seine Gedichtbände darunter. Ganz unscheinbar weilte dieser freundliche kleine Herr mit tief ins Gesicht gezogenem Hut in der tobenden Menge, beobachtete angewidert das primitive Spektakel und entfernte sich erst dann rasant, als eine Frau ihn erblickte und – mehr verwundert als denunzierend – lautstark ausrief: „Da ist ja der Erich Kästner!“

Ja, der Erich Kästner hat sich, anders als die allermeisten seiner verfemten Kollegen, nicht aus dem Staub gemacht nach der unheilvollen Machtübernahme durch die Nazis. Er arrangierte sich mit dem erdrückenden Terror, ohne ihm jemals zu dienen. Und doch wurde ihm sein Verbleib im Lande nachher immer wieder barsch zum Vorwurf gemacht; bis hin zu der schneidenden Annahme, der lediglich stille Widerstand des im NS-Regime verbotenen Literaten sei eine Bestätigung für dessen immerzu unpolitische Haltung gewesen. So zumindest will es bis heute die bundesrepublikanische Erzählung, die Kästner nur mehr als Schöpfer netter Kindergeschichtchen und als bloßen Märchenonkel in der „Hall of Fame“ des deutschen Dichtertums duldet. Wie so häufig liegt aber auch hier ein hegemonialer Narrativ weit jenseits der Wahrheit.

Tatsächlich hatte Kästner einen privaten Grund, der ihn im sogenannten Dritten Reich hielt, dafür aber einen wirklich guten: sein „liebes Muttchen“. Zu Ida Kästner pflegte der Autor zeitlebens ein derart inniges Verhältnis, dass sein Biograf Klaus Kordon daraus sogar Kästners dauerhafte Bindungsprobleme mit allen „Frauen, die nicht seine Mutter sind“, ableitet. Kästner selbst hat dies in seinen charmanten Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“ bestätigt. Er wäre wohl an seinen Schuldgefühlen zerbrochen, hätte er die betagte Dame nicht in diesen zwölf furchtbaren Jahren bestmöglich unterstützt, sondern bei dem weitgehend mittellosen Vater in Dresden zurückgelassen.

Vom obrigkeitshörigen Bübchen zum antifaschistischen Friedensaktivisten

Ebendort wurde Erich Kästner am 23. Februar 1899 in der Königsbrücker Straße 66 geboren. Nachdem der zurückhaltende Musterschüler als Kind formal-bürgerlich wenig gebildeter Eltern unter entbehrungsreicher Förderung seiner Mutter zunächst brav Aufsätze schrieb, in denen er die „deutsche Gemütstiefe“ und den „deutschen Volkscharakter“ lobte und beides gegen die „vielen Feinde der deutschen Art“ verteidigte, besuchte er eher aus Verlegenheit denn aus Überzeugung das Lehrerseminar. Im Ersten Weltkrieg blieb ihm dank eines Herzfehlers der Schützengraben erspart. In der parallel zum Germanistik-Studium in Leipzig aufgenommenen journalistischen Tätigkeit begab sich der junge Mann, dem in der Schule zeittypisch widerlichster Kadavergehorsam eingedrillt wurde, dann später doch noch in den Schützengraben, wenn auch nur in den diskursiven. Hier avancierte er vom obrigkeitshörigen Bübchen zum antifaschistischen Friedensaktivisten mit höchsten literarischen Ambitionen.

Spätestens mit seinem 1927 erfolgten Umzug nach Berlin entwickelte der wortgewandte Frauenheld aus Sachsen in den folgenden fünfeinhalb Jahren eine literarische Produktivität, die er nachher nie mehr erreichen sollte. Inspiriert haben ihn insbesondere das mitreißende Nachtleben der Metropole und die vielen weiblichen Bekanntschaften, denn die „Romantische Zweierbeziehung“ war für den Lebemann persönlich nie ein denkbares Lebensmodell, auch wenn es fast immer die Frauen waren, die ihm den Laufpass gaben.

In der Stadt an der Spree etablierte sich Kästner schnell als prominenter Publizist, indem er für das Wochenblatt „Montagmorgen“ zwischen 1928 und 1930 seine brillanten „Montagsgedichte“« schrieb und neben seinen beiden wichtigsten Romanen (1929:“Emil und die Detektive“ und 1931: „Fabian“) auch seine zwei besten Gedichtbände veröffentlichte: „Herz auf Taille“ (1928) und „Ein Mann gibt Auskunft“ (1930). In ersterem findet sich sein bissigstes antimilitaristisches Poem mit dem typisch kästnerschen Sarkasmus. Er parodiert hier Goethes pathetisches „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ und münzt es auf den in Deutschland florierenden Nationalismus: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? / Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen! / Dort stehen die Prokuristen stolz und kühn / in den Büros, als wären es Kasernen. (…) / Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will / – und es ist sein Beruf, etwas zu wollen – / steht der Verstand erst stramm und zweitens still. / Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!“

Auch dem Kapital gegenüber wurde er zunehmend aufmüpfiger. So wünschte Kästner dem „Maskenball im Hochgebirge“ eine Lawine, welche „die blöde Bande“ zudecken möge. Fast alle seine in dieser Zeit erschienenen Gedichte vermitteln eine formgewandte Mischung aus anthropologischem Pessimismus und aufgebrachtem Drang nach Frieden und sozialer Gerechtigkeit. In seiner „Ansprache an die Millionäre“ warnte er etwa die selbstgefälligen Reichen vor dem Zorn der Arbeiterschaft: „Warum wollt ihr so lange warten, / bis sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins über den Schädel hauen? (…) Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten. / Es tut uns leid. Ihr werdet’s bereuen. / Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten! / Es wird uns freuen“. Das Neue an Kästners Lyrik war, dass er die Perspektive der sogenannten kleinen Leute einnahm. Stets schrieb er im Interesse der Arbeiterklasse, viele Figuren seiner Texte stammen aus einfachen Verhältnissen – von der Bardame über die Sekretärin bis zum Handwerker und dem prekären Akademiker.

„Emil und die Detektive“

In „Emil und die Detektive“ zeigte er sich dann sogar als erster bedeutender Literat, der Kinder wirklich ernst nahm, dialogisch mit ihnen kommunizierte und seine Geschichte nicht im Indianerland oder in der Märchenwelt, sondern im vor sozialen Problemen nur so wimmelnden Berlin der 1920er Jahre ansiedelte. Emil und seine Freunde jagen darin einen dreisten Dieb durch die Stadt und bringen damit in Ordnung, was Erwachsene verbrochen haben und was sie eigentlich auch selbst wieder gut machen müssten. Ähnlich verfuhr Kästner im „Doppelten Lottchen“ (1949). In „Pünktchen und Anton“ (1931) wiederum kritisierte er die Klassenverhältnisse im Kapitalismus unaufdringlich und kindgerecht.

In „Fabian“, seinem einzigen politischen, aber genialen Roman für Erwachsene zeichnet Kästner ein satirisch formuliertes und zugleich realistisch inszeniertes Bild von der chaotischen Spätphase der Weimarer Republik, in der eine menschenfreundliche Ethik der Hauptfigur Jakob Fabian nichts einbringt als das hilflose Erleiden eines Elends nach dem anderen. Seine Odyssee durch das von brutalen Nazis, missgünstigen Karrieristen und beziehungsopportunistischen Frauen verseuchte Berlin kulminiert in der Pointe, in welcher der Protagonist einen Knaben retten will: „Der kleine Junge kam heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen“. Hier erklomm Kästner zweifellos den Gipfel seiner famosen Sprachbegabung, denn er erschuf erstmals in der verkopften deutschsprachigen Literatur eine Schreibe, die einfach zu lesen und doch erhellend war. Was ihm in seiner inhaltlichen Grundhaltung bis heute als zu pessimistisch vorgehalten wird und was der Dichter selbst einmal süffisant mit „Wo bleibt das Positive, Herr Kästner? Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt!“ beantwortete, fand in den linken Reaktionen zum „Fabian“ seinen Höhepunkt.

Walter Benjamin nämlich warf ihm ebenso wie Kurt Tucholsky und Walter Mehring grimmig vor, „linke Melancholie“ zu fabrizieren, die nur das Bürgertum anspreche: „Es ist von Haus aus allein diese Schicht, der der Dichter etwas zu sagen hat, der er schmeichelt, indem er ihr vom Aufstehen bis zum Zubettgehen den Spiegel weniger vorhält als nachträgt.“ Damit richtet sich der bürgerliche Marxist primär gegen Kästners immer wieder explizit geäußerte Ablehnung der direkten Parteiarbeit. In Sven Hanuscheks hervorragender Kästner-Biographie findet sich dazu ein Bonmot, mit dem Kästner seine diesbezügliche Sichtweise treffend beschrieb: „Ich bin Mitglied einer Partei, die es nicht gibt, denn wenn es sie gäbe, wäre ich nicht ihr Mitglied.“ Er war gewiss kein Marxist, kein Anarchist und erst recht kein Sozialdemokrat. Seine Devise lautete, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen und doch Haltung zu zeigen: 1932 initiierte er einen Aufruf zu einer einheitlichen Arbeitereinheitsfront, also zur Zusammenarbeit von SPD und KPD gegen die immer stärker werdenden Nazis, und auch nach dem Krieg engagierte er sich als Journalist und Dichter massiv gegen die Wiederbewaffnung der BRD, kritisierte die zahllosen Nazis in höchsten Staatsämtern, kämpfte gegen die atomaren Bestrebungen der Bundesregierung und später gegen den Vietnamkrieg.

Mit einem aber sollte Benjamin uneingeschränkt Recht behalten: Kästner unterschätzte die Nazis maßlos. Nicht etwa in ihrer grundsätzlichen Gefahr. Er glaubte aber, der Spuk sei nach kurzer Zeit wieder vorbei. Auch der Zweite Weltkrieg und der Holocaust überstiegen bei weitem seine düstersten Vorahnungen. So sah er sich im Nazi-Reich gefangen und geknebelt, hoffend, dass es schnell vorüber sein mochte. Als“Kulturbolschewist“ mit einem Schreibverbot belegt, durfte er hin und wieder doch unter Pseudonym arbeiten. Das noch heute in Expertenkreisen als herausragend betrachtete Drehbuch zu dem NS-Durchhalteprojekt „Münchhausen“ stammt aus Kästners Feder. Schaut man sich den mit Hans Albers in der Hauptrolle besetzten Spielfilm heute an, staunt man, wie Kästner es schaffte und wie er es sich vor allem traute, in dieser Komödie allerlei Seitenhiebe auf das NS-Regime unterzubringen. Nicht nur dies zeigt, dass er zwar einerseits zu Kompromissen bereit war, um sich ebenso wie seine Langzeitfreundin Luiselotte Enderle und seine Eltern durchzubringen, andererseits aber auch unbändigen Mut bewies. In der Mondszene fragt beispielsweise Münchhausens Diener seinen Herrn: „Entweder ist Ihre Uhr kaputt, Herr Baron, oder – oder die Zeit ist kaputt.“ Antwort: „Die Zeit ist kaputt!“ Klaus Kordon schreibt dazu in seiner lesenswerten Kästner-Biographie: „Menschen, die unter Stiefeln leben, haben das Heraushören auch der leisesten Untertöne gelernt.“

Unfair, weil völlig falsch, wäre somit das Urteil, Kästner sei ein Mitläufer gewesen, der außer dem wunderbaren Gedicht „Sachliche Romanze“ und einigen schönen Kinderbüchern nichts von dauerhaftem Wert geschrieben hätte. Ganz im Gegenteil: Den Spätgeborenen stünde ein demütigeres Reden als jenes von der Kollektivschuld aller in der Nazi-Diktatur lebenden Menschen gut zu Gesicht. Wer bewundernswert offensiv aufmuckte, erlebte die Befreiung durch die Alliierten in der Regel nicht. Wer sich wie Kästner in innerer Emigration befand und alles überstand, ohne dem System je zu nutzen, verdient ebenfalls großen Respekt. Und als der hochdekorierte und in die „Kitschhölle des Volksschriftstellers“ (Hanuschek) verbannte Erich Kästner am 29. Juli 1974 in München an Speiseröhrenkrebs starb, hinterließ er ein in diesem Sinne imposantes politisch-literarisches Erbe. Das letzte Kapitel seines „Fabian“ ist nicht umsonst betitelt mit einer glasklaren Aufforderung, die das Fiktive durchbricht: „Lernt schwimmen!“ Kästner formte Fabian bewusst als Identifikationsfigur des Romans, wollte ihn aber keinesfalls als Vorbild verstanden wissen. Ihm ging es in seiner Arbeit immer um den unabhängigen Kampf an der Seite der Erniedrigten und Geknechteten. Ein Anspruch, den er auch als Motto lyrisch pointiert hat: „Es gibt nichts Gutes. Außer: Man tut es!“

Der Beitrag erschien im Magazin „Marx21“

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