Wie ich aus Versehen mit 12 bulgarischen Nazis Whiskey trank und Gras rauchte

Vor einer Weile lebte ich für eine Zeit in Sunny Beach, an der Schwarzmeerküste Bulgariens. Im Sommer ist der Badeort überfüllt mit Proll-Touristen aus Deutschland und England, Sportmannschaften, denen Malle für die Saisonabschluss-Besäufniswoche zu teuer ist oder halbstarken Abiturienten, die einem zu schlechtem Techno in den dichtgepackten Straßen gerne mal vor die Füße kotzen.

Im Herbst mutiert Sunny Beach dann zur Geisterstadt, ist buchstäblich menschenleer. Der perfekte Ort also, um abzuschalten und in Ruhe arbeiten zu können, so dachte ich, und verbrachte meine Tage damit, an der wunderschönen Küste joggen zu gehen und an meinem Buch zu schreiben.

Anfangs wohnte ich etwas außerhalb der Stadt im Hinterland – Redneck Territory. Das nächste Dorf war zu Fuß eine Viertelstunde entfernt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion – so schien es – hat sich hier nichts verändert. Bauruinen wechseln sich mit heruntergekommenen Schafställen und selbstgezimmerten Bruchbuden ab. Die Dorfbewohner, sehr viele Sinti und Roma darunter, grüßten freundlich das Weißbrot, das dann und wann durch ihr Dorf spazierte. Garstige, ausgehungerte Hunde bellten sich jedes Mal die Kehle aus dem Leib. Ein heruntergekommener Charme, mit dem die saufenden Touris ein paar Kilometer weiter wohl nicht allzu viel hätten anfangen können – mir gefiel’s!

Als ich mir eines Nachts ein paar Feierabendbier gönnen wollte, ging ich zum Dorfladen, vor dem ich gelegentlich mit einigen Dorfalten in Zeichensprache kommunizierend Bier trank. Der Laden war leider schon geschlossen, doch um die Ecke sah ich eine kleine Meute stehen, die ich fragte, ob sie nicht ein paar Bier über hätten. „Ah, come in, come in, drink with us!“, sagte ein schlaksiger Typ Mitte 20. Da ich es liebe, mit Fremden zu trinken, nahm ich das Angebot natürlich an und wir gingen in ihre Hinterzimmerbar, in der ein paar abgeranzte Couches standen und eine sehr nette Barfrau Bier und Whiskey an ein Dutzend Typen verteilte, wie ich sie auch in jeder Säuferkneipe in Berlin oder Prag hätte antreffen können.

„You smoke, you smoke?“, fragte mich der come-in-come-in-Typ. Da ich bereits eine Kippe im Mund hatte, war der Hintergrund seiner Frage natürlich klar. „Sure!“ Er telefonierte kurz, „5 minutes, 5 minutes.“ Die Dreiviertelstunde, die wir auf seinen Smoke Guy warteten, verbrachten wir mit Bier und Whiskey – Becher voll Whiskey, bis zum Rand gefüllt.

Ein 2-Meter-Hüne zog zur Überbrückung der Wartezeit unverhofft eine Gaspistole und ballerte in der Bar rum. Die Meute grölte, alle waren außer sich. Der Hüne kam mit einer ätzend schmierigen Körpernähe auf mich zu und hielt die Knarre direkt neben meinen Kopf – „Look, look!“ – und schoss unter Beifall auf eine Lampe in der Ecke, die zerplatzte. Noch am nächsten Tag hatte ich das Fiepen in den Ohren. Endlich kam der Smoke Guy und die mir – als Feind jeglicher Schusswaffen – doch etwas unangenehme Situation beruhigte sich schlagartig, als der erste Joint die Runde machte (der übrigens kaum weniger prall gefüllt war als die Whiskey-Becher).

So saßen wir, tranken und rauchten, bis der Gaspistolen-Hüne den Ehrengast der Runde schließlich fragte:

„Where you from?“

„Germany, Германия.”

Drei Sekunden Pause. Die Typen guckten sich an und fingen plötzlich an zu grölen und auf die Sessel zu springen. Der Hüne sprang auf, klackte die Hacken, machte den strammsten Hitler-Gruß und brüllte „Sieg Heil! Sieg Heil!“ – in einer durchchoreographierten Art und Weise, als würde er jeden Tag vor dem Spiegel üben. Ich als Naivling noch überzeugt, er wolle mich nur aufziehen, drückte halblachend seinen Arm runter: „No, no, we don’t do this anymore!“ Er drückte mich weg und zeigte mit seinem inbrünstigen doppelten „Heil Hitler!“, dass er wenig zu Späßen aufgelegt ist, wenn es um sein Repertoire an Nazi-Saluten ging.

Alle wollten ob meiner tollen Herkunft mit mir einklatschen und holten zur Feier des Gastes aus Германия die nächste Runde Bier und Whiskey. Ein paar zeigten mir ihre Hakenkreuz-Tattoos oder ihre Balkan-folkloristischen Varianten der Swastika. In einer Sekunde der Klarheit – ausgelöst durch die Abscheu, die ich als Linker verspüre, wenn ich vor meinen Augen den Hitler-Gruß sehe – realisierte ich schließlich, dass ich mich die letzten anderthalb Stunden mit einem Dutzend Nazis betrank, die Hälfte von ihnen muskelbepackte Schlägertypen, mitten in der bulgarischen Pampa.

Nachdem ich, ohne Verdacht zu erregen, meine Drinks leerte, erzählte ich – benebelt wie ich war – irgendetwas von einem Freund, den ich noch treffen wolle und wie super sorry ich doch sei, dass ich leider schon losmüsse. Nach einigem Hin und Her und einem weiteren „Sieg Heil!“ des Hünen kam ich schließlich unversehrt von diesem tollwütigen Haufen weg.

Auf den Schock – und ja, auch die Demütigung – des soeben Erlebten nahm ich von der netten Barfrau noch zwei Bier mit, die ich zu Ton Steine Scherben im Ohrstöpsel auf dem Nachhauseweg trank. Ich fiel schließlich betrunken ins Bett und dachte daran, dass ich beim Betreten der Bar eigentlich meinen Hoodie ausziehen wollte, es dann glücklicherweise aber doch nicht tat – in fetten Lettern stand auf meinem Shirt darunter REFUGEES WELCOME


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