Wie die Linke vom Sieg Corbyns profitieren kann – Im Gespräch mit Ken Loach

25. Oktober 2016 - 10:45 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Ken Loach ist einer der bekanntesten politischen Filmemache. Seine Filme behandeln Geschichte von Protesten, Revolutionen, aber auch Streiks und Sexismus. Dem Socialist Review hat er ein Interview gegeben über Sozialhilfe, Jeremy Corbyn und darüber, wofür man sich als Sozialist einsetzen sollte.

SW: Warum hast du für deinen neuesten Film „Ich, Daniel Blake“ das Thema Sozialhilfe gewählt?

Ken Loach: Paul Laverty, der Autor des Films, und ich haben immer wieder Geschichten gehört, manchmal in der Presse, manchmal von Aktivisten: über Menschen, denen die Sozialhilfe gekürzt wurde, Menschen, die für arbeitsfähig erklärt wurden, obwohl sie es nicht waren, und so weiter. Diese Geschichten schienen uns sehr extrem, also haben wir ein Wenig recherchiert. Wir haben uns im ganzen Land, von London bis Glasgow, aber vor allem in den Midlands und in Nordengland, verschiedene Städte angesehen, und sind dabei immer wieder auf die gleichen Geschichten gestossen. Also dachten wir uns, da steckt Stoff für einen Film drin. Paul entwickelte zwei Protagonisten und schrieb ein sehr bewegendes Drehbuch. Er ist ein erstklassiger Autor, unsere Produzenten lasen das Skript und sagten, „Ja, macht das.“

SW: Soll der Film etwas bewegen, so wie seinerzeit dein Fernsehdrama „Cathy Come Home“ über Obdachlosigkeit?

Ken Loach: So kann man nicht denken, nicht während man den Film macht. Mann muss einen Film aus der Perspektive der Protagonisten denken, ihre Situation, die Konflikte, in denen sie gefangen sind, ihre Widersprüche, die Entscheidungen, die sie treffen. Man muss Fragen, bewegen mich diese Charaktere, so dass man als Zuschauer wissen will, was als nächstes geschieht, und wie sich die Dinge entwickeln.

Die grundlegenden Fragen hinter dem Film entstanden aus einer Analyse der gegenwärtigen Situation, und Überlegungen über den politischen Aspekt, den sozialen und politischen Kontext, in dem die Tory-Regierung – und vor ihr die Labour-Regierung, diese Umstände ermöglicht haben. Man entwickelt eine Sicht auf die Dinge, und diese fliesst in die Geschichte mit ein. Aber sobald man dann anfängt zu schreiben, muss man sich von den Protagonisten führen lassen, davon, wie sie handeln würden, statt sie zu manipulieren, um eine bestimmte Aussage zu machen.

SW: Glaubst du, dass radikale Filmemacher und andere Künstler einen besonderen Beitrag leisten können, indem sie Untersuchungen dieser Art anstellen?

Ken Loach: Ja. Ich glaube, Künstler wie ich, die keine Politiker sind, sich aber Gedanken machen, haben die Aufgabe, das, was in der Welt geschieht, in groben Zügen zu vermitteln, ganz gleich, ob man Filme macht, schreibt, Theater macht, Poesie, darstellende Kunst oder was auch immer.

Diejenigen, die sich täglich damit beschäftigen, die Dinge zu verändern, können über Strategien nachdenken, – „Ok, hier müssen wir einen Schritt zurückgehen, damit wir nächstes Jahr, oder nächste Woche, zwei Schritte nach vorne gehen.“ Diese taktischen Details sind für Künstler nebensächlich.
Wir sollten eher sagen, „Sieh mal, das geschieht gerade in der Welt“, und irgendwo in der Struktur des Films andeuten, warum die Dinge so sind. Sagen, „dies ist die Realität, was werden wir dagegen tun? Wie können wir dafür Verständnis entwickeln?“ Also geht es bei uns eher um das Grundsätzliche, darum, aktiv die Realität wiederzugeben, mit Hinweisen darauf, warum es so ist, wie es ist.

SW: Reden wir über Politik. Es heisst, du denkst darüber nach, wieder der Labour-Partei beizutreten. (Loach war in den 1990ern aus Protest gegen Tony Blair und New Labour ausgetreten A.d.Ü)

Ken Loach: Zur Zeit könnte ich mir das vorstellen. Die Wahl von Jeremy Corbyn (Zum Labour-Parteivorsitzenden) hat vieles verändert. Für mich ist das gerade eine schwierige Entscheidung. Es ist eine taktische Entscheidung. Es bedeutet nicht, dass sich meine Einstellung geändert hat. Die Frage ist eher, wo werde ich mit meiner Einstellung am besten vertreten.

SW: Findest du mit Blick auf Corbyn’s Wiederwahl und die grosse Unterstützung, die er in der Partei erhält, dass Labour jetzt anders ist als früher?

Ken Loach: Ich glaube, die Partei hat sich sehr verändert. Ich war dieses Wochenende bei einigen Momentum Meetings (Peoples Momentum, eine Bewegung innerhalb von Labour, die Jeremy Corbyn unterstützt und sich gegen die neoliberalen Tendenzen von New Labour richtet A.d.Ü), und es ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Anwesenden sich nicht für das Kleingedruckte der sozialdemokratischen Politik interessiert, für dieses ständige Abwägen der Arbeiterinteressen gegen das, was die rechten Parteien in den Medien verbreiten. Den Momentum-Aktivisten geht es um die grossen Fragen: Wie überleben wir? Wie erhalten wir den Planeten? Wie können wir den Menschen ihre Würde zurückgeben? Wie schaffen wir ihnen einen Ort zum Leben? Wie findet man Arbeit?

Auch der historische Prozess: bei dem Thema bin ich auf grosses Interesse gestossen. Ich denke, da liegt im Augenblick die Energie und das Interesse der linken Bewegung. Das war das Besondere an den sechziger Jahren, damals lagen alle Energien bei den linken Gruppen, ob das nun die Sozialistische Internationale oder die Marxistische Internationale waren. Es gab diese kreative Energie.

Jetzt, wo eine halbe Million Menschen in die Labour Partei eingetreten sind – und hoffentlich werden es noch viel mehr – ist die Partei der Ort, an dem diese Energie zu verorten ist, der Ort, wo sich diejenigen treffen, die offen für eine sozialistische Analyse, eine sozialistische Diskussion sind. Ich habe im letzten Jahr viele meiner Filme im Labour-Umfeld gezeigt, und auch an anderen Orten, in der Öffentlichkeit, bei Gewerkschaften, wurde ich im Gespräch mit den Zuschauern immer wieder gefragt, „Bist du auf unserer Seite?“ Es macht mich etwas unglaubwürdig, wenn ich dann immer sagen muss, „Nein, ich bleibe unabhängig.“ Das bringt mich in eine schwierige Position.

Ich sage nicht, dass ich jetzt sofort beitreten würde, denn ich sehe das als strategischen Zug. Die grundlegende politische Analyse des Konflikts zwischen den Klassen, die unerbittlichen Forderungen der herrschenden Klasse, der unvermeidliche Widerstand der Arbeiterklasse, und alles, was daraus hervorgeht: das ist nicht verhandelbar. Davon sagt man sich nicht los; Das ist die Art, wie ich Geschichte verstehe, nicht wahr? Und Loyalität zur Arbeiterklasse. Daran wird sich nichts ändern. Die Frage ist eher, wo finde ich die Menschen, die offen für diesen Diskurs sind? Sind sie vorwiegend in der Linken Bewegung, oder in der Labour-Partei? Das ist die Frage, die ich klären muss. Ich denke, dass sich zur Zeit viele diese Frage stellen werden. Es geht nicht darum, auf einmal Sozialdemokrat zu werden. Die Frage ist, wo bringen wir uns ein, wo können wir am besten unseren Beitrag leisten?

SW: Wenn linke Parteien mit einem Reformprogramm an die Macht kommen, wie zB Syriza in Griechenland, müssen sie mit Schwierigkeiten rechnen. Wenn Corbyn Premierminister wäre, gäbe es grossen Druck von staatlicher Seite und von der Rechten. Kann man jetzt schon etwas tun, um dem zu begegnen?

Ken Loach: Ganz sicher. Ich denke, da hängt vieles von den Gewerkschaften ab. Es sollte eine starke Gewerkschaftsbewegung geben, die Gewerkschaften sollten ihre Mitglieder mobilisieren, um gegen Kürzungen vorzugehen, eine starke Bewegung, um das Gesundheitssystem zu erhalten. So dass Corbyn, wenn er gewählt wird, falls er gewählt wird, nicht bei Null anfangen muss, dass hinter jedem Punkt seines Programms bereits eine ganze Bewegung steht. Ich denke, das würde ihn unterstützen.

Die Linke wird niemals allein durch Wahlen gewinnen. Ein Wahlsieg wäre das Ergebnis einer starken Arbeiterbewegung in allen Bereichen – Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Gewerkschaften und so weiter. Das ist das, was ihn in die Regierung, und wichtiger noch, an die Macht bringen wird. Ich sollte hinzufügen, ja, natürlich wird er dann von allen Seiten angegriffen werden, von der Weltbank, dem IWF, der EU, wenn es die dann noch gibt, wir werden dann internationale Unterstützung brauchen.

SW: In Filmen wie Days of Hope (Tage der Hoffnung, 1975, spielt 1916-1926) und Land and Freedom(1995, über den spanischen Bürgerkrieg) untersuchst du historische Zeiten, aus denen wir lernen können. Gibt es noch andere Perioden, von denen du denkst, dass sie gezeigt werden sollten?

Ken Loach: Es gibt noch viele Filme zu machen. Ich bin nicht der Richtige dafür, das muss jemand jüngeres tun. Es sollte wirklich einen Film über die ethnische Säuberung an den Palästinensern geben. Und wie war es im Irak? Wie war es in Falluja als die Amerikaner dort Bomben und chemische Kampfmittel eingesetzt haben? Es gibt Geschichten in Lateinamerika – der Putsch gegen Salvador Allende

Für den Start unseres neuen Films haben wir uns sehr angestrengt, so viele Screenings wie möglich gemacht mit anschliessenden Gesprächen. Man will ja nicht, dass er sich einfach in Luft auflöst.

Ken Loach’s neuer Film „Ich, Daniel Blake“ kommt am 24 November in die Kinos.
Der Artikel wurde übersetzt von Hannes Busch.

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