© Christof Mattes

„Solidarität muss wieder gelebt werden in Deutschland!“ – im Gespräch mit Gerhard Trabert

Am 13. Februar wird in der Bundesversammlung der Bundespräsident gewählt. Frank-Walter Steinmeier (SPD) tritt ein zweites Mal an. Während die AfD den WerteUnionler Max Otte (CDU) aufstellte, nominierte DIE LINKE den parteilosen Arzt Gerhard Trabert, der sich seit Jahrzehnten für sozial benachteiligte Menschen stark macht. Im Folgenden unser Interview mit Gerhard Trabert.

Die Freiheitsliebe: Danke, dass Sie dieses Interview mit uns machen. Würden Sie sich für unsere Leserinnen und Leser kurz selbst vorstellen?

Gerhard Trabert: Gerne. Mein Name ist Gerhard Trabert, ich bin Arzt und Sozialarbeiter von Beruf, stolzer Vater von vier Kindern, die aber alle schon älter sind und engagiere mich schon seit über 30 Jahren für sozial benachteiligte, ausgegrenzte Menschen in Deutschland und weltweit.

Die Freiheitsliebe: Sie haben ja momentan ein gigantisches Projekt: Sie haben sich für die Wahl zum deutschen Bundespräsidenten aufstellen lassen! Erst mal, ganz grundsätzlich: Wie kam es überhaupt dazu?

Gerhard Trabert: (lacht) Das frag‘ ich mich auch manchmal. Ich hatte ja bereits für ein Projekt mit Janine Wissler (zusammen mit Susanne Hennig-Wellsow Ko-Vorsitzende der Linkspartei, Anm. d. Red.) zusammengearbeitet, da ging es um die Versorgung von nicht-krankenversicherten Menschen. Außerdem habe ich für die Partei DIE LINKE im Bundestagswahlkampf 2021 als Parteiloser für ein Direktmandat kandidiert und konnte das beste Erstimmenergebnis im Westen erzielen. Von daher war da schon eine personelle, vor allem aber auch eine inhaltliche Nähe – gerade beim Thema soziale Ungleichheit – vorhanden. Dann wurde ich angerufen, Janine hat mich gefragt, ob ich mir die Kandidatur zur Wahl des Bundespräsidenten vorstellen könnte und mir natürlich etwas Bedenkzeit gegeben – sowas wird man ja nicht häufig gefragt (lacht). Aber als ich dann ein paar Tage darüber geschlafen hatte, nahm ich an. Es ist eine gute Möglichkeit, die Themen Armut, soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu platzieren und darauf wirklich bundesweit hinzuweisen!

Die Freiheitsliebe: Das leitet uns gleich zum großen Thema über: Wie sie ja gesagt haben, arbeiten Sie seit Jahren zum Thema Ungleichheit. Medial und in den meisten politischen Debatten wird das Thema aber sehr unscharf behandelt. Was ist ihrer Meinung nach das Profil von Ungleichheit in Deutschland?

Gerhard Trabert: Ja, leider. Das Thema Ungleichheit spielt, meiner Meinung nach, immer noch keine große Rolle bei vielen politischen Entscheidungsträgern – gerade im Bundestag in Berlin. Wir haben eine enorm steigende Armut: Mehr als 13 Millionen Menschen sind in diesem reichen Land von Armut betroffen. 40 Prozent aller Alleinerziehenden, überwiegend Mütter, sind von Einkommensarmut betroffen, genau wie 2,8 Millionen Kinder. Das wird ja bei uns immer nach einer EU-Definition definiert: Wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens in einem Land verdient, gilt als von Armut gefährdet, und wer weniger als 40 Prozent verdient, gilt als „von strenger Armut betroffen“ – das ist demnach bei jedem Hartz-IV-Bezieher der Fall.

Der Hartz-IV-Regelsatz ist viel zu niedrig. Damit wird Armut in unserem System nicht vermieden, sondern mehr Menschen werden mit harten Einschränkungen in ihrem Leben konfrontiert. Zu Beginn des Jahres den Hartz-IV-Satz um drei Euro zu erhöhen, für jede Frau und jeden Mann, ist de facto eine Kaufkrafterniedrigung. Deswegen fordern ja alle Wohlfahrtsverbände auch eine Erhöhung auf mindestens 650 Euro im Monat.

Das ist aber lediglich eine Facette der Armut in Deutschland, da gibt es zum Beispiel auch den Niedriglohnsektor, die zunehmende Altersarmut, die Kinderarmut! Gerade jetzt während Corona hat man ja gesehen, dass die Bildungschancen für Kinder in Deutschland abnehmen, dass gerade die Ärmsten sich eben keinen Drucker, keinen Laptop leisten können und sich ununterbrochen in beengten Räumlichkeiten aufhalten müssen, da die Mietpreise zu hoch sind.

Überall, wo man hinschaut – wenn man denn hinschaut –, wird man sehen, wie Armut zunimmt und zu wenig gesehen wird. Seit Jahren wissen wir, das Armut krank macht, und Krankheit zu Armut führt. Das RKI veröffentlicht seit Jahrzehnten katastrophale Zahlen. Wenn man das reichste Viertel mit dem ärmsten Viertel in unserer Gesellschaft vergleicht, dann sterben arme Frauen um 4,4 und arme Männer um 8,6 Jahre früher; 30 Prozent der von Armut betroffenen Männer erreichen nicht das fünfundsechzigste Lebensjahr!

Die Freiheitsliebe: Sie haben vollkommen Recht, wir sind ja mit unglaublichen Zahlen und unglaublichen Schicksalen konfrontiert – hier sind häufig die Grenzen der Menschenwürde erreicht. Warum aber, denken Sie, spielt das bis heute kaum eine Rolle, sowohl in den Entscheidungsfindungsprozessen der Politik als auch in der medialen Darstellung? Gerade wenn uns mehrere Quellen deutlich sagen, dass Armut eine der größten Gefahren unserer aktuellen Gesellschaft ist?

Gerhard Trabert: Neben dem Klimawandel ist sicher die soziale Ungleichheit die größte gesellschaftliche Herausforderung, vor der wir im Moment stehen. Sogar im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums wurde noch einmal betont, wie stark die Ungleichheit durch die Pandemie weiter zugenommen hat. Die Vereinten Nationen schätzen das 150 Millionen Menschen in den letzten beiden Jahren zusätzlich in bittere Armut abgerutscht sind!

Warum das so eine geringe Rolle spielt, darüber kann ich lediglich spekulieren. Zum einen ist es so, dass ein Großteil der politischen Entscheidungsträger schlicht zu weit weg ist von der Lebensrealität vieler Menschen in unserer Gesellschaft. Viele glauben ja, dass mit unseren sozialen Transferleistungen, mit Hartz IV und Arbeitslosengeld die Menschen vor der Armut bewahrt werden können – genau das Gegenteil ist aber der Fall!

Hier wird viel zu häufig weggeschaut. Nicht nur hier, sondern auch beim familiären Status; sowohl bei Alleinerziehenden als auch bei Haushalten mit beiden Eltern, in denen drei und mehr Kinder leben, sind mehr als 30 Prozent direkt in der strengen Armut. Die Berliner Charité hat eine Erhebung unter ihren Krebspatienten durchgeführt und gefragt, wovor sie gerade am meisten Angst haben. Man würde erwarten, die Antworten wären „vor dem Tod“, doch die häufigste Aussage war: „Vor dem sozialen Abstieg“! Die Menschen fürchten sich vor Verdienstverlust und zunehmenden Eigenbeteiligungen, die mit einer Behandlung bei einer schweren Erkrankung verbunden sind. Sie denken aber auch an den Niedriglohnsektor, der gerade im Alter nicht im mindesten vor Armut schützt, vor Altersarmut generell. An die Kosten bei der Miete, die sich die Wenigsten jetzt noch leisten können, und den hohen Heiz- und Energiekosten.

Die Lebensrealität der Menschen spielt da zu oft keine Rolle, und das hat meiner Meinung nach schon damit zu tun, dass die meisten Politiker, gerade im Bundestag, aus der gehobenen Mittel- oder Oberschicht kommen und eben keine Arbeiter mehr sind, die aus der sogenannten „Unterschicht“ stammen, ja dass es gerade aus niedrigen Einkommensschichten häufig unmöglich ist, eine Politikerkarriere anzustreben.

Die Freiheitsliebe: Sie sprechen da mit Mieten, Energie und Heizung etwas sehr Wichtiges an. Gerade während Corona haben wir einen Anstieg einer der größten, brutalsten Ausdrucksformen der sozialen Ungleichheit erlebt: der Obdach- und Wohnungslosigkeit. Wir haben erst Ende 2020, als eines der letzten Länder in der „ersten Welt“, damit begonnen, Erhebungen durchzuführen, wie groß dieses Problem tatsächlich ist. Als jemand, der bereits mit den Ärmsten der Gesellschaft gearbeitet hat, was denken Sie, was sind die Ergebnisse, die die Regierung hier finden wird? Wie gravierend sind Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland – ein Problem, dass sogar noch weniger als generelle soziale Ungleichheit Beachtung findet?

Gerhard Trabert: Sie haben da ja schon einiges angesprochen. Obdachlosigkeit ist für mich die Spitze des Armutseisbergs in Deutschland. Hier wird die extreme Dimension von Armut in Deutschland sichtbar. Ja, die Zahlen steigen wieder. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt jährlich Schätzzahlen heraus, und ich denke, jetzt im Februar soll sogar eine vom Bund gesteuerte Erhebung zum Thema Wohnungslosigkeit herausgegeben werden. Momentan denkt und schätzt man, dass es etwa 400.000 Wohnungslose in Deutschland gibt mit deutscher oder europäischer Staatsangehörigkeit und noch einmal 400.000 Geflüchtete, die nur in Sammelunterkünften ohne eigenes Zuhause leben. Es ist ein zunehmendes Problem. Dafür gibt es viele Gründe, ein großer Grund allerdings ist der fehlende soziale Wohnungsbau, die zu hohen Mieten und der ständig steigende Preis für Wohnraum. Ein anderer Grund ist aber auch, dass, gerät man in Deutschland in Arbeitslosigkeit, fällt man schnell in eine „soziale Abwärtsspirale“.

Ich arbeite seit 28 Jahren mit und für wohnungslose Menschen als Arzt und Sozialarbeiter. Viele haben mir immer wieder gesagt, dass Schicksalsschläge, die jeden von uns treffen können – Tod des Partners, Krankheit, plötzliche Arbeitslosigkeit –, sie entwurzelt haben. Wenn diese Menschen dann kein soziales Umfeld haben, das sie in so einer Situation stützt, ist es nachvollziehbar, dass sie die Motivation auf ein „normales“ Leben verlieren und auf der Straße landen.

Wohnungslose Menschen verstehen meist sehr gut, was das bedeutet, und bei mir stellt sich dann das Gefühl ein, dass es sich um einen chronischen Suizid handelt, wenn sie sich erniedrigt und sehr stark nicht als Mensch gewürdigt sehen. Gerade aus der rechten Szene werden Wohnungslose ja als „die Asozialen“ hingestellt und erfahren häufig Gewalt.

Die Freiheitsliebe: Sie streben ja das höchste politische Amt in Deutschland an und damit einen erheblichen Anteil an politischer Macht. Wir haben jetzt von der Ampel Pläne gehört, wonach „Obdachlosigkeit bis 2030“ bekämpft sein soll. Bisher sehr unkonkret wird von einer Umstrukturierung von EU-Fördergeldern gesprochen und davon, einen neuen „Fokus“ setzen zu wollen. Jetzt meine Frage: Was würde es ihrer Meinung nach benötigen, um die Lebenssituation der Menschen tatsächlich wieder zu verbessern?

Gerhard Trabert: Zum ersten muss Armut schlicht wieder ein Querschnittsthema werden. Häufig sind heute das Vermehren und das Stabilisieren von Reichtum im Fokus, aber nichts wird getan beim Bekämpfen von Armut! Dabei muss Ungleichheit in jedem Ministerium, bei jeder Entscheidung mitbedacht werden. Wenn man beispielsweise die Lebensmittelpreise erhöhen will – was ja unter Umständen sinnvoll ist –, müsste ich eigentlich sofort ein Konzept mitpräsentieren, was das für die Empfänger von sozialen Transferleistungen bedeutet. Ich möchte die Leute ja nicht noch mehr zu den Tafeln schicken!

Es braucht wieder einen sozialen Wohnungsbau, es braucht bezahlbare Mieten. Ich bin auch ein Verfechter eines flächendeckenden Mietendeckels. Es benötigt einen höheren Mindestlohn, aber auch Rentenansprüche müssen, gerade für Frauen, generiert werden, die zugeschnitten sind auf Menschen, die in der Kindererziehung und in der Pflege von Angehörigen engagiert sind. Hier wird so viel geleistet, und doch spiegelt sich das nicht in den Rentenansprüchen wider. Frauen haben eine deutlich geringere Rente als Männer, und die Altersarmut nimmt ohnehin schon stark zu.

Wir benötigen auch eine Entlastung von Alleinerziehenden, Plätze in Kinderhort und Kindergarten müssen zur Verfügung gestellt werden und die müssen unentgeltlich sein! Auch brauchen wir ein Ende des dualen Krankenversicherungssystems aus Privat- und Gesetzlichen Krankenversicherungen: Eine Bürgerversicherung muss her, die auch Beamte miteinbezieht! Solidarität muss wieder gelebt werden in Deutschland!

Die Freiheitsliebe: Eine letzte Frage: Es wird ja nicht ausreichen: Sie werden Bundespräsident, und damit sind unsere Probleme gelöst. Knapp auf den Punkt: Was müssen wir kollektiv tun, um diese Probleme anzugehen?

Gerhard Trabert: Das Thema Armut muss offen angegangen werden. Es muss immer wieder, privat und politisch diskutiert werden. Wir müssen in Solidarität und Mitgefühl für und mit sozial Benachteiligten agieren und immer wieder jede Form von Politik mit dem Thema konfrontieren!

Ich würde mir auch wünschen, dass es genauso flächendeckende Demonstrationen für das Thema soziale Gerechtigkeit wie für das Thema Klimawandel geben würde. Wir alle müssen das Thema in die Politik tragen, immer wieder, bis es endlich zu Veränderungen, vor allem strukturellen Veränderungen kommt.

Die Freiheitsliebe: Vielen Dank für das Interview!

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