Fußball-EM: Kein Hoch auf Schwarz-Rot-Gold

12. Juni 2016 - 20:10 | | Gesellschaft | 8 Kommentare

Pünktlich zur EM wird wieder die deutsche Nation bejubelt und der unverkrampfte Partypatriotismus zur Schau gestellt, warum aber auch während der EM Patriotismus negative Folgen hat, verdeutlicht Nils Böhlke in diesem Artikel.

Ich habe vor sechs Jahren zum ersten Mal für marx21 einen Artikel darüber geschrieben, dass ich mir den Fußball nicht von den Nationalisten nehmen lassen möchte und mich niemals in eine Fanmeile stellen würde, um dort mit Schwarz-Rot-Gold auf der Wange der deutschen Nationalmannschaft zuzujubeln. Heute ist deutlicher denn je erkennbar, wie sich die Enttabuisierung nationaler Symbolik bei Sportevents negativ auf die gesellschaftliche Entwicklung auswirkt. Wenn ich das schreibe, geht es mir keinesfalls darum, mich gegen diejenigen zu stellen, die sich für Fußball begeistern. Nichts liegt mir ferner. Ich bin Fußballfan seit ich denken kann. Das erste Mal war ich im Alter von sieben Jahren im Stadion. Ich habe mich heiser geschrien für den FC St. Pauli und mit den anderen Fans viele Siege gefeiert und leider noch mehr Niederlagen erlebt. Während der Europameisterschaft werde ich mir so viele Spiele wie möglich anschauen. Dennoch werde ich niemals eine Deutschlandfahne in die Hand nehmen.

EM: »schwarz-rot-geil«?

Die »Bild« wird mich und andere, die ähnlich denken, als »Spaßbremse« und »Miesmacher« bepöbeln. Egal. Denn ich bin Überzeugungstäter: Ich bin überzeugt davon, dass der absehbare schwarz-rot-goldene Taumel gerade in der jetzigen Situation Wasser auf die Mühlen nationalistischer Kräfte wie der AfD sein wird. Über »schwarz-rot-geil« (»Bild«) freuen sich die Falschen. Wenn sich heute ein rechter Hardliner der AfD, Bernd Höcke, in einer Fernseh-Talkshow mit Deutschlandfahne präsentiert, sieht er sich an der Seite der Vielen, die sich in den letzten Jahren bei den großen internationalen Fußballturnieren auf den Fanmeilen tummelten. Die Enttabuisierung nationaler Symbolik wurde bereits nach der WM 2006 von konservativen Kräften bejubelt. So schrieb damals zum Beispiel die notorisch rechte CDU Hessen: »Die Fußballweltmeisterschaft in unserem Land hat den Umgang mit nationalen Symbolen wieder selbstverständlicher gemacht. Die Diktatur der Nationalsozialisten und die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hatten das deutsche Nationalgefühl stark beschädigt. In den Jahrzehnten nach 1945 hatten wir Deutsche große Probleme, zu einem normalen Patriotismus zurückzufinden.

Das scheint nun gelungen zu sein.« Gerhard Haslinger, Bezirkspolitiker der rechtsextremen FPÖ in Österreich, frohlockte: »Eine herrliche Zeit! Man darf ungestraft zeigen, dass man auf seine Nation stolz ist und man darf öffentlich sein Land lieben. (…) Die gepredigte Vielfalt weicht der Nation, das Miteinander zerfällt zu Gegnern.« Auch NPD-Ideologe Jürgen Gansel freute sich über die Deutschlandfahnen: »Die Herrschenden in Politik und Kultur müssen feststellen, dass über 60 Jahre nach Kriegsende nationale Gemeinschaftssehnsüchte nicht länger unterdrückt und Nationalbewusstsein nicht mehr unter moralische Quarantäne gestellt werden kann.«

EM: Die Rechte fühlt sich pudelwohl

Nun will nicht jeder, der bei der Europameisterschaft einen Deutschlandwimpel schwenkt, die Wiederherstellung des Dritten Reichs oder eine starke AfD. Man kann sogar recht sicher davon ausgehen, dass das nur auf einen kleinen Teil der Deutschlandfans zutrifft. Tatsache ist jedoch: Die schwarz-rot-goldene Woge schafft eine Atmosphäre, in der sich die Rechte pudelwohl fühlt. Richtig hässlich wird es, wenn sich Patriotismus noch mit Spekulationen über einen feststehenden Nationalcharakter oder obskuren biologischen Annahmen paart.
Vor der WM 2006 meinte Luis Fernando Suárez, Trainer des ecuadorianischen Teams, in einem Interview über die deutsche Mannschaft: »Die Deutschen spielen wie große Panzer, die alles, was sich ihnen in den Weg stellt, überrollen. Sie spielen realistisch, effizient. Sie sind Zerstörer, wie im Krieg.« Ähnlich äußerte sich Franz Beckenbauer, der wusste: »Wir Deutschen haben etwas im Blut, um das uns die ganze Welt beneidet. Wir geben nie auf.« Der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder variiert das völkische Motiv soziobiologisch, wenn er pseudowissenschaftlich analysiert: »Der südamerikanische und afrikanische Fußball haben genetisch andere Voraussetzungen.« Diese Pseudowissenschaft wird Teil des Alltagsbewusstseins. Autoren wie Thilo Sarrazin können darauf aufbauen und ihre Thesen auf andere Lebensbereiche ausweiten.

Die Erfindung der Nation

Die Annahme, dass sich in einer Nationalmannschaft und ihrer Spielweise ein Nationalcharakter manifestiert, ist absurd. Denn so etwas wie »das Deutsche« gibt es nicht. Nationalismus – und damit auch die Annahme einer feststehenden »deutschen Nation« – ist das Produkt frühkapitalistischer Gesellschaften. Der Begriff in seiner heutigen Bedeutung ist erst im späten 18. Jahrhundert entstanden, wie der Historiker Benedict Anderson in seinem Buch »Die Erfindung der Nation« gezeigt hat. Das, was wir heute als Deutschland kennen, war noch im frühen 19. Jahrhundert ein Mosaik verschiedener Königreiche und Fürstentümer. Lange Zeit gab es keine einheitliche deutsche Sprache. Ein Bewohner Badens hätte sich nicht mit einem Einwohner Mecklenburgs unterhalten können. Nachdem die Nationalstaaten entstanden waren und mit ihnen der Nationalismus, wurde im Nachgang eine Nationalgeschichte konstruiert, die nach Möglichkeit tausende von Jahren in die Vergangenheit zurückreichte. So wurde beispielsweise im 19. Jahrhundert der Germanenfürst Arminius, der im Jahr neun nach Christus die Römer in der Varusschlacht besiegt hatte, zu »Hermann«, dem Gründungsvater der Deutschen umgewidmet. Das sollte der Nation historische Tiefe geben, ist aber ein unhistorisches Konstrukt.

EM-Kader mit Migrationshintergrund

Bislang ist jeder Versuch der Konservativen, in »Leitkulturdebatten« festzulegen, was deutsch ist, im Sande verlaufen. Die Leitkulturvertreter scheitern schon daran, dass seit Jahren Pasta und Pizza die unangefochtenen Lieblingsessen der Deutschen sind, und nicht Eisbein oder Sauerbraten. Gesellschaften sind permanent im Wandel und Mentalitäten ändern sich. Debatten wie die über die »deutschen Tugenden« der Nationalmannschaft und die Leitkultur verfolgen nur einen Zweck: eine Einteilung in »wir« und die »anderen«, in Deutsche und Nichtdeutsche.
Da hilft es auch wenig, dass mit Mesut Özil, Jérome Boateng, Lukas Podolski, Emre Can, Mario Gomez, Shkodran Mustafi, Antonio Rüdiger, Sami Khedira und Leroy Sané knapp die Hälfte des aktuellen deutschen EM-Kaders einen Migrationshintergrund hat – im Gegenteil. Alexander Gauland von der AfD meint, dass Jérome Boateng zwar als Fußballspieler beliebt sei, aber Deutsche jemanden wie ihn (er spielte auf die Hautfarbe an) nicht gerne als Nachbar hätten. Simpler kann man den Nützlichkeitsrassismus nicht mehr ausdrücken: Die dunkelhäutigen Fußballer werden zwar für ihre Arbeitskraft geschätzt, aber als Menschen, die sich in unserer Nachbarschaft aufhalten, sind sie unerwünscht. Sobald Boateng also (und jeder andere »Gastarbeiter«) seine Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung stellt, ist er aus der Sicht der AfD-Rassisten unerwünscht in diesem Land.

Nation statt Klasse

Während der Weltmeisterschaft 2014 gab es derweil eine Debatte, weil Boateng, Özil und Khedira die Nationalhymne zu Beginn der Spiele nicht mitsangen. In der »Welt« schrieb eine Kommentatorin »Die drei stehen stumm da und machen die schöne Idee kaputt, dass wir mit der Hymne zu einem einigen Ganzen werden könnten.« In diesem Satz wird wunderbar deutlich, worum es eigentlich geht: Das große deutsche »Wir« beschwören, um die soziale Spaltung zu verkleistern. Der »Spiegel« brachte es im Jahr 2006 auf den Punkt: »Es ist tatsächlich eine Stimmung der Einheit, die Deutschland erfasst hat. (…) Für die Dauer eines Turniers interessieren sich Hartz-IV-Empfänger, Investmentbanker und Intellektuelle für dasselbe, im Jubel sind die Grenzen sozialer Herkunft verwischt.«

Warum das alles? Weil den Konservativen »das gebrochene Verhältnis der Deutschen zur Nation« ein Dorn im Auge ist. Das hat einen Grund: Die deutsche Gesellschaft ist tief gespalten. Die oberen fünf Prozent der Bevölkerung verfügen über 46 Prozent des Vermögens und die oberen zehn Prozent sogar über zwei Drittel. Allein das oberste Prozent besitzt über 23 Prozent des Reichtums in Deutschland. Gleichzeitig haben zwei Drittel der Bevölkerung nahezu kein eigenes Vermögen. Als Folge des Sozialabbaus der letzten Jahre öffnet sich die Schere immer weiter und immer schneller. Die »Süddeutsche Zeitung« (»SZ«) zeigte in einer Reportage anschaulich, wie selbst Menschen, deren soziale Existenz völlig zerstört ist, das Nationalgefühl annehmen. Unter einer Brücke in München machte das Blatt obdachlose Fußballfans ausfindig: »›Wir haben oft genug vom Staat auf den Sack bekommen‹, sagt Indie, ›aber wir stehen trotzdem für Deutschland, weil wir hier geboren sind, weil das unser Vaterland ist.‹ Sein Feuerzeug hat die Farben Schwarz-Rot-Gold.« Die »SZ« wollte mit diesem Artikel die allumfassende Begeisterung dokumentieren. Doch eigentlich ist diese Geschichte sehr traurig. Indie bräuchte ein Dach über dem Kopf, eine Gesellschaft, die sich um ihre Schwächsten kümmert. Stattdessen bekommt er Schwarz-Rot-Gold. Und das kann man bekanntlich nicht essen.

Die EM und der »Patriotismuseffekt«

Politik und Wirtschaft setzen ganz bewusst auf den »Patriotismuseffekt«. Im Vorfeld der WM 2006 ließen es sich 25 Konzerne 30 Millionen Euro kosten, um uns von Plakatwänden, aus Zeitungen und im Fernsehen immer wieder dieselbe Botschaft zu predigen: Du bist Deutschland! In ihrem Manifest appellieren die Initiatoren: »Behandle dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn, sondern biete ihm deine Hilfe an.« Auch der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder und die CDU unterstützten die Kampagne.
»Spiegel«-Autor Matthias Matussek argumentierte ähnlich: »Umfragen zeigen ja, dass die Deutschen im Prinzip zu schmerzhaften Einschnitten bereit sind. Wenn es dann allerdings um die konkreten Maßnahmen geht, dann antworten die jeweiligen dann betroffenen Gruppen wiederum anders. Aber ich glaube, dass es ein Nationenzusammengehörigkeitsgefühl braucht, um gerade durch schwierige Zeiten zu kommen und zu sagen: Okay, das muss jetzt sein, diesen Einschnitt machen wir. Und da ist Patriotismus natürlich sehr tauglich.« Diese Rolle hat Nationalismus seit jeher gespielt: eine zwischen arm und reich, zwischen Klassen gespaltene Gesellschaft unter dem Banner von »Volk« oder »Nation« zu vereinen, um dann für die Nation Opfer einzufordern. Anschaulich schildert das Henrik Müller, damals stellvertretender Redakteur des »Manager-Magazins« in seinem 2006 erschienenen Buch »Wirtschaftsfaktor Patriotismus – Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung«. Darin klagt er: »Statt sich auf den ökonomischen Wettbewerb einzustellen und mitzuspielen, verlangen viele in Deutschland nach internationalen Lösungen: zum Beispiel nach einer Harmonisierung der Steuer- und Sozialsysteme innerhalb der EU, mit dem Ziel, den Standortwettbewerb zu begrenzen. Es liegt auf der Hand, welche Reformen in Deutschland anstehen: ein grundlegender Umbau der Sozialsysteme, die weitere Öffnung des Arbeitsmarkts und der Märkte für Dienstleistungen.« Neidisch blickt der Journalist auf die erfolgreiche Konkurrenz: »Andere Länder haben es vorgemacht – in den 1980er Jahren die Niederlande, Großbritannien, die USA, Neuseeland, in den 1990er Jahren Schweden, Finnland, Dänemark; erst recht die vormals sozialistischen osteuropäischen Staaten. Sie alle haben sich in kollektiven Kraftakten auf die neuen Realitäten eingestellt, haben grundlegende Reformen durchgesetzt.«
Müller wirbt deshalb für die entsprechende Ideologie, um diesen »kollektiven Kraftakt« auch im Interesse der deutschen Konzerne durchzusetzen: »Das Bindemittel des Patriotismus – das Zugehörigkeitsgefühl zu dem und die Opferbereitschaft für das nationale Kollektiv – wird offenkundig benötigt als emotionaler Gegenpol zu einer ökonomischen Globalisierung.«

Es gibt keinen unverkrampften Patriotismus

Sie reden vom Weltmeistertitel und meinen den Exportweltmeister – eine Position, die errungen wurde auf dem Rücken von immer schärfer ausgebeuteten Beschäftigten. Dieses Spiel sollten Linke nicht mitmachen und auch während der Europameisterschaft über die wirklichen Probleme im Land reden. Und das ist nicht ein mögliches Ausscheiden in der Vorrunde, sondern Dinge wie zum Beispiel Schäubles Dogma einer »schwarzen Null«, die zur Zerstörung der sozialen Infrastruktur führt. Politiker, Manager und Medien werben für den angeblich »unverkrampften« Patriotismus, weil sie hoffen, hinter der Fassade des neuen »Wir-Gefühls« Politik gegen alle Menschen in Deutschland machen zu können – egal, ob sie Deutsche, Türkinnen, Italiener oder Serbinnen sind. Jedoch sollten weder Deutsche noch andere der Regierung dabei helfen, indem sie das Bild ihrer Städte mit schwarz-rot-goldenen Fahnen prägen.

Über den Autor: Nils Böhlke ist Politikwissenschaftler und Fußballfan. Er arbeitet als Gewerkschaftssekretär bei ver.di und ist Landessprecher der LAG Betrieb & Gewerkschaft der LINKEN in Nordrhein-Westfalen. Dies ist ein Vorabdruck aus dem neuen marx21 Magazin (Erscheint am 13. Juni 2016). Hier findest du das Inhaltsverzeichnis und das Cover der aktuellen Ausgabe.

Über den Autor

8 Kommentare

  • 1
    Maria von Finnentrop sagt:

    Es gibt aber einen extrem verkrampften Antipatriotismus, der sich aus einer betonharten pseudomarxistischen Ideologie speist.

  • 2
    Daniel sagt:

    Selten so einen Schwachsinn gelesen. Könnte meinen Ärger jetzt in 50 Zeilen ausdrücken, aber die 5 Minuten für’s Lesen ist schon Verschwendung genug.
    Wander doch lieber aus!

  • 3
    Pit sagt:

    Linksideologisch borniert-verborter Schwafelkopp mal wieder beim krampfhaft-bemühten Zerreden, Schlechtreden und Leugenen der eigenen Identität und verbissener Zelebrierung des identitären Selbsthasses.

    Wie öde und langweilig.

    Unsachlichst aufgehangen am EM-Fußball, wo der Repräsentationsrahmen ja aber nunmal auf „Nationalmannschaft“ lautet — und nicht auf „Team Telekom“ oder „Team Red Bull“.

    Man kann’s auch echt übertreiben.

    Sollte denn dort lieber die „Mannschaft Hartz-IV“ gegen die „Mannschaft Goldman Sachs“ antreten — oder was wäre eigentlich die gewünschte Variante?

  • 4
    Heinrich vB sagt:

    Einfach nur dumm, sorry 🙁

  • 5
    Meh sagt:

    Der Autor scheint ob seiner vehementen Ablehnung gegenüber Nation, Herkunft und Identität derart verbittert zu sein, dass er Deutschland aus eigener Frustration eine Antipathie entgegenbringt.

    Ich selbst bin Deutscher.
    Meine Eltern und Großeltern waren Deutsche. Meine Vorfahren Preußen.
    Und das ist auch gut so, denn es es ist die Wirklichkeit.

    Und mein Schwager ist Däne, ein Onkel ist Engländer, ein Onkel ist Holländer, mein bester Freund kommt kommt aus Oberschlesien, meine Freundin aus der Pflaz. Mein Nachbar aus dem Iran, mein Kommilitone aus der Türkei.

    Und sie ALLE freuen sich mit mit, wenn ich zur EM meine schwarz-rot-goldene Fahne schwenke – teilweise mit dieser Fahne, teilweise an meiner Seite mit ihrer eigenen.

    Ein vielfältiges Miteinander.
    DAS ist Deutschland.

    Egal ob nun rechter Spinner sagen, man solle NUR die deutsche Fahne schwingen oder linke Idioten fordern, man dürfe die deutsche Fahne NICHT schwingen!
    Die meisten vernünftigen Menschen lassen sich von euch nicht aufetzen.

    Deshalb sehe und erlebe ich auch die EM als Chance für Völkerverständundigung, Verständnis und Annäherung in Europa.

    Den Miesmachern, die dagegen hetzen, sage ich fröhlich: Fickt euch! 🙂

  • 6
    Henning sagt:

    Wenn ein sachlich geschriebener, nüchtern argumentierender Artikel gehässige Kommentare auf sich zieht, zeigt das, dass manche Leute sich getroffen fühlen. Positiv an dem Artikel – und an der Freiheitsliebe insgesamt – ist der sachliche Duktus. Dankenswerterweise macht dieser es möglich, auch sachliche Kritik zu üben.

    Nils, vieles, was in dem Artikel gesagt wird, ist richtig und muss gesagt werden – und manches ist arg verkürzt und dadurch inkonsistent. Dass die Nation immer ein „Konstrukt“ ist, stimmt natürlich – aber ein Computer ist auch ein Konstrukt, allerdings eines, dessen wir uns mit großem Nutzen bedienen. Von Marxist zu Marxist: Man sollte nicht so leicht der (von vielen Leuten allzu naiv für besonders „links“ gehaltenen) postmodernen Modephilosophie nachgeben, welche die Existenz einer objektiven Wirklichkeit bestreitet und alles nur für „Konstruktion“ hält, die dann „dekonstruiert“ werden soll. Natürlich sind Nationen Konstrukte, aber diese Konstrukte haben doch objektive Daseinsgründe. Der moderne Nationalstaat entstand in der Tat mit der bürgerlichen Gesellschaft. Die Idee des „Deutschen“ ist allerdings nicht erst mit der Bismarckschen Reichsgründung erfunden und in die Geschichte zurückprojiziert worden, sondern sie reicht viel länger zurück. Die Bezeichnung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ kam im späten 15. Jahrhundert auf. Eigenschaften, die als „typisch deutsch“ gelten, hat schon Machiavelli beschrieben. (Dass im nördlichen Teil Deutschlands damals Niederdeutsch gesprochen wurde, ändert daran nichts. Auch mein Urgroßvater im Ruhrgebiet sprach Ende des 19. Jahrhunderts noch Niederdeutsch.) Es gibt Nationalcharaktere, sie sind ein Produkt von Geschichte, einer Sozialisation, die Generationen von Menschen unter bestimmten Bedingungen geprägt hat. Immer, wenn ich z.B. mit Italienern zu tun habe, merken die natürlich, dass ich Deutscher bin, und ich merke es – sie merken es nicht bloß an meinem Akzent, sondern an einem typischen Verhaltenshabitus. Mit Fußball kenne ich mich zu wenig aus, um einschätzen zu können, ob die Erfolge deutscher Fußballmannschaften etwas damit zu tun haben – das kann ich einfach nicht beurteilen. Die Feststellung der Existenz von Nationalcharakteren liefert natürlich keinen Grund, warum man darauf „stolz“ sein oder gar andere abwerten sollte. Sie verdient allerdings Erwähnung gegenüber einer allzu simplen ideologiekritischen Montage aus postmodern-dekonstruktivistischem Relativismus und Vulgärmarxismus, die behauptet, dass die deutsche Nation einfach eine willkürliche Erfindung der herrschenden Klasse sei. Ganz so einfach ist es nicht.

    Marxistisch betrachtet, ist die Nation Bestandteil des Überbaus bürgerlicher Vergesellschaftung. Nationalstaaten sind Realität. Daraus ergibt sich, dass Fußballmeisterschaften zwischen Nationen ausgetragen werden, und dabei werden nun einmal Nationalfarben als Erkennungszeichen verwendet. Man kann das schlecht finden – dann müsste man allerdings generell gegen die Europameisterschaft sein. Für die meisten Leute sind solche Sportereignisse einfach eine willkommene Abwechslung im Lohnarbeiteralltag. Dass in Deutschland lebende Menschen (ich sage bewusst nicht „Deutsche“, weil ich auch von am gesellschaftlichen Leben teilhabenden Menschen ohne deutschen Pass rede) der deutschen Nationalmannschaft Erfolg wünschen, ist ein völlig normaler Vorgang, weil nun einmal die deutsche Nationalmannschaft diejenige ist, zu der in Deutschland lebende Menschen meistens einen engeren Bezug haben als zu anderen. Und es dürfte schwer zu begründen sein, wieso Menschen in Deutschland, die die deutsche Nationalmannschaft anfeuern, dafür nicht die Nationalfarben als Erkennungszeichen verwenden sollen, wie es in jedem anderen Land selbstverständlich ist.

    Ein solcher „Patriotismus“ ist zunächst einmal völlig harmlos. Natürlich gibt es allerdings die realen Gefahren, die in dem Artikel völlig richtig beschrieben wurden. Es ist wahr, dass da, wo nationale Symbole verwendet werden, Rassisten und Faschisten sich zum „coming out“ ermutigt fühlen. Rechte Milieus fühlen sich durch den „Partypatriotismus“ begünstigt – aber sie sind nicht dessen Produkt. Ebenso so richtig und wichtig (vielleicht sogar noch wichtiger, weil davon nur wenig geredet wird) ist der Hinweis auf das, was die ganzen Funktionäre und Ideologen der herrschenden Klasse mit dem „Patriotismus“ im Schilde führen: Nationales Gemeinschaftsgefühl stärken, um Lohnabhängigen und Arbeitslosen noch mehr Opfer zumuten zu können – eine Ideologie, um den Verlierern Lohn- und Rentenkürzungen, den Abbau des Sozialstaats als heroischen Beitrag zur „gemeinsamen“ Sache der Nation schönzureden. Es ist wichtig, dass Linke genau diese Bestrebungen der herrschenden Klasse unnachgiebig angreifen – und nicht die harmlosen Fußballfans.

    Was die Konstruktionsweise der Nation angeht, lohnt der Blick aufs Nachbarland Frankreich: Die französische Nation ist ein Produkt der Revolution von 1789. Vor der Revolution sprachen die meisten Leute im Königreich Frankreich gar kein Französisch (sondern Bretonisch, Katalanisch, Baskisch, Moselfränkisch usw.). Die französische Nation ist definiert über die französische Sprache und die Ideen der Revolution und der Republik – nicht über „Blut“, „Ahnen“ oder die schöne Landschaft. Frankreich ist eine Staatsbürgernation, sie kennt kein mystifiziertes „französisches Wesen“. Das heißt nicht, dass es in Frankreich weniger Rassismus gäbe – da darf man sich keine Illusionen machen. Marine Le Pen wird dadurch nicht besser. Allerdings ist es in Frankreich schwieriger, Ausgrenzung unter Berufung auf irgendeine Abstammung zu betreiben. In Deutschland haben wir hingegen eine Tradition, die die Zugehörigkeit zur Nation über Abstammung definiert. Nun haben wir aber die Realität, dass „unsere“ besten „Leistungsträger“ im Fußball tatsächlich zum großen Teil keine „Biodeutschen“ mehr sind. Dagegen treten rechte Bewegungen wie Pegida und AfD mit einem „identitären“ Diskurs auf, in dem es um die Frage geht: Wer definiert, wer „dazugehört“ und wer nicht? Für uns stellt sich die Frage: Wie gehen wir damit um?

    Konkret führt das zu Fragen wie: Wer ist Jérôme Boateng? Herr Gauland meint: Das ist ein guter Fußballer, der aber die falsche Hautfarbe hat und deshalb irgendwie nicht zu „uns“ gehört. Das braucht man wohl nicht zu diskutieren – damit macht Gauland sich selbst in Teilen der eigenen Klientel lächerlich. Andere meinen: Boateng ist das Musterbeispiel eines „vorbildlich integrierten“, für „uns“ nützlichen „Ausländers“. Das ist Quatsch: Boateng ist gebürtiger Berliner mit deutscher Mutter und deutscher Muttersprache – er ist eindeutig Inländer. Auf der Linken wiederum gibt es Leute, die meinen: Boateng ist einfach ein Mensch, der gut Fußball spielen kann, und alle Menschen sind sich gleich nahe. Das ist gut gemeint, aber leider eine Abstraktion. Solange wir in einer nationalstaatlich verfassten bürgerlichen Gesellschaft leben, bleibt die „Nation“ eine reale Bezugsgröße, die wir nicht einfach überspringen können – man schafft Realitäten nicht einfach dadurch aus der Welt, dass man sie sich aus dem Kopf schlägt (oder, wie die Postmodernisten meinen, intellektuell „dekonstruiert“). Es kann unter Umständen – es hängt vom Kontext ab – sinnvoller und wirksamer sein, zu sagen: „Boateng ist Deutscher“, als zu sagen: „Boateng ist ein Mensch“. Beide Aussagen können in bestimmten Kontexten der Auseinandersetzung angemessen sein. Entscheidend ist für uns doch die Frage: Was bringt uns voran im Kampf für gleiche Rechte aller, gegen Ausgrenzung und Herrschaft? Unter diesen Gesichtspunkten, meine ich, sollte man den „Partypatriotismus“ nicht pauschal verwerfen, sondern darin die Prozessmomente sehen, die das Biodeutschtum unterlaufen und darin wenigstens das Element bürgerlicher Gleichheit stärken, mit dem die Liebhaber des Biodeutschtums sich so schwer tun – natürlich im Wissen um die Begrenztheit bürgerlicher Gleichheit. Und natürlich sind auch die gefährlichen Elemente zu benennen und zu bekämpfen. Ich glaube, das bringt uns eher voran als eine abstrakte Negation des Konstrukts „Nation“. (Natürlich ist es auch wichtig, gegen den sogenannten „gesunden Patriotismus“ zu argumentieren, dass biologisch-medizinische Kategorien wie „gesund“ und „krank“ zur Beschreibung gesellschaftlicher Sachverhalte gänzlich unangemessen sind.)

    Manche Leute, die sich als links sehen, werden mir entgegenhalten, dass die bloße Anerkennung der Existenz des historischen Bezugsrahmens „Nation“ schon ein Zugeständnis an die Rechte sei. Ich glaube aber nicht, dass man sich hier vor Applaus von rechts fürchten muss: Der Kern rechten Denkens ist die Ablehnung des Universalismus, des Gleichheitsprinzips. Sollen die Rechten sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen im Streit darüber, ob Boateng nun ein „integrierter Ausländer“ oder ein unerwünschter Kanake ist. Er gehört zu uns: als Fußballer, als Migrantenkind und als Deutscher – als Mensch mit einer Geschichte, die Teil einer Geschichte ist, die Marx als Geschichte von Klassenkämpfen erfasste.

  • 7
    Mr Mindcontrol sagt:

    Wie sieht das erst mal in anderen Ländern aus? Dort wird nicht nur zu Fußball die Nationalfahne getragen sondern auch am Nationalfeiertag. Auf Kreta hing als ich da war an diesen Tag aus jedem Fenster ne griechische Nationalflagge. Wenn man nach dem Maßstab geht sind ALLE anderen Länder als D. faschistische Länder!
    Außerdem darf ich doch wohl im eigenen Land die Fahne des Landes tragen, das zu verbieten wie es die Antifa fordert wäre doch lächerlich!