Fakemedien & Newsportale, oder: Wo bekomme ich eigentlich im Informationszeitalter Informationen her?

19. Juli 2018 - 07:30 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Medien im digitalen Zeitalter – wer sich dafür interessiert, wird gerne mit einer von mit zwei gegensätzlichen Lesarten konfrontiert: Das Ende des seriösen Journalismus, der Qualitätsinformationsangebote, der Schriftkultur insgesamt auf der einen, die Verheißung einer neuen, selbstorganisierten Kultur der Informationsbereitstellung und des mündigen Medienkonsums auf der anderen. Die Wahrheit ist natürlich weniger plakativ.

Praktisch alle großen Zeitungen, Magazine, TV Nachrichtenformate usw. gibt es weiter. Wahr ist, dass die gedruckten Auflagen und die Zahlen der angestellten Journalist*innen sinken. Selbst die Bild-Zeitung – deutsche Meisterin der Altpapierproduktion – verkauft nur noch gut ein Drittel ihrer früheren Auflage. Die Leserschaft ist aber nicht ins Nirvana verschwunden, sondern liest online – unter anderem – weiter genau die gleichen Artikel. Das ist für die Zeitungen insofern ein Problem, als dass es noch kein wirklich überzeugendes Konzept des Verkaufens von Nachrichten im Internet gibt.

Die Finanzierung durch Werbung ist wahrscheinlich das häufigste Modell, krankt aber an verschiedenen Problemen. Einerseits entziehen sich die Leser*innen mittels Werbeblockern und bleiben – werden technische Gegenmaßnahmen ergriffen – teilweise weg. Auch der Versuch, Kunden für einzelne Artikel zahlen zu lassen, scheint wenig erfolgversprechend, so lange andere ihre Artikel kostenlos anbieten. Manche verbergen sich ganz oder auch nur Teile der eigenen Artikel hinter einer Paywall oder sie bitten die Leser*innen mit viel Moral um „freiwillige Bezahlung“, also praktisch Spenden. Die Finanzierung über Werbung ist aber auch da ein Problem, wo sie ökonomisch funktioniert – denn sie verleitet, da die Abrechnung im Allgemeinen an den über die Anzeige geleiteten Traffic gekoppelt ist, zu Clickbaiting und reißerischer Berichterstattung.

Reichweite & Leser*innenverhalten

Aus der Perspektive der Redaktionen relevant ist neben der Frage der Finanzierung daher auch das geänderte Leser*innenverhalten. Diese lesen dank der „neuen“ Möglichkeiten zunehmend nicht mehr „die Zeitung“, sondern eben ein paar interessante Artikel / aktuelle Meldungen. Und zwar unter Umständen quer gemischt von ganz verschiedenen Quellen.

Wenn einzelne Artikel für große Reichweiten (und Werbeeinnahmen) sorgen, andere hingegen kaum gelesen werden, hat das zur Folge, dass die Schere zwischen aufsehenerregenden Artikeln und „Brot und Butter“ Berichterstattung weiter auseinander geht. Über unspannende Themen, die aber vielleicht wichtig sind und in eine seriöse Zeitung gehören, wird dann vielleicht weniger engagiert berichtet. Bisher seriöse Redaktionen erliegen unter Umständen gar der Versuchung der gezielt reißerischen Berichterstattung, in dem Bewusstsein, dass Klickzahlen für die persönliche Karriere manchmal wichtiger sind als das Ansehen des Mediums.

Sollten wir uns also in die goldenen Zeiten des Journalismus zurückwünschen, als Vossische Zeitung, Stürmer und NRhZ der Leser*in niemals irgendwelche #FakeNews vorgesetzt hätten? Wohl kaum. Fake News sind keine neuzeitliche Erfindung. Zudem ist der stellenweise beobachtbare Niedergang des Journalismus eher ein Produkt der sich steigernden Renditeerwartungen der Anleger*innen als des Internets. Und, der Kapitalismus hat in den Medien nicht erst seit der Digitalisierung Einzug gehalten.

Der Kapitalismus hat in den Medien nicht erst seit der Digitalisierung Einzug gehalten.

Aber widerstehen wir der Versuchung, an dieser Stelle die Probleme des Journalismus lösen zu wollen und nehmen – die Vorrede im Hinterkopf – die Perspektive der Nutzer*in der Gegenwart ein.

Die Möglichkeiten sich zu informieren, sind auf den ersten Blick – trotz allem – besser als jemals zuvor. Über das Internet haben wir per Knopfdruck Zugriff auf praktisch alle Nachrichtenquellen. Außerdem Zugriff auf Originalquellen, von Bundestagsdrucksachen über Scans skandalöser Briefe bis hin zu echten Social Media Auftritten besprochener Personen und Büchern im Volltext. Medien, die halbwegs auf der Höhe der Zeit sind, verlinken auf solche Quellen in ihren Artikeln. Alles online, alles im Internet. Und das Internet hat bei uns inzwischen praktisch jede*r in der Hosentasche.

Das auf der Hand liegende Problem ist also nicht die Verfügbarkeit von Informationen, sondern das Finden der relevanten Informationen. Deren zeiteffiziente Auswahl.

Alles Fakenews oder was?

Wie praktisch, dass uns so viele dabei helfen wollen. Unsere „Freunde“ in den Sozialen Medien teilen für gut befundene Artikel. Google, Microsoft, Yahoo und gefühlt jeder „Internetkonzern“ bietet uns maßgeschneiderte Nachrichtenauswahlen an. Inzwischen startet praktisch jeder Browser, und schon lange jeder „gratis“-E-Mail Anbieter, mit einem eigenen Neuigkeiten-Fenster. Das ist – ganz ohne Ironie – wirklich sehr praktisch. Das muss es auch sein, sonst würde es niemand nutzen.

Das man als kritisch denkender Mensch ein ungutes Gefühl dabei hat, seine Nachrichtenauswahl zu wesentlichen Teilen in die Hände von Großkonzernen zu legen, die dank Big Data viel zu gut wissen, was uns interessiert, ist nur vernünftig. Ich möchte hier nur auf zwei problematische Aspekte eingehen: Torwächter und Filterblase. Und auch das nur kurz, denn zu beidem ist bereits so viel geschrieben worden, dass ich es an dieser Stelle nur in Erinnerung rufen möchte:

Zwei problematische Aspekte: Torwächter und Filterblase.

Die Betreiber*innen der Nachrichten-Auswahl-Services entscheiden als Torwächter*innen, welche Quellen potentiell zur Auswahl stehen (im Wesentlichen die Produkte der großen Medienhäuser) und was nicht (kleine Blogger*innen, alternative Medien…). Das betrifft letztlich sogar die Informationen, die über Menschen in sozialen Netzwerken an uns herangespült werden, denn die Algorithmen, die hier darüber entscheiden, was aus dem Informationsangebot uns tatsächlich angezeigt wird, bewerten dazu ihrerseits die Links zu den Nachrichtenseiten, und bekannte Quellen schneiden da praktisch immer besser ab als unbekannte.

Beim Stichwort Algorithmus sind wir auch schon mitten drin im Thema Filterblase. Wir Menschen lesen bekanntlich am liebsten Nachrichten, die zu unserem Weltbild passen. Und unsere Big Brothers mit Zugang zu Big Data wissen das und zeigen uns genau das. Damit entgehen uns aber systematisch Informationen, die unser Weltbild weiterentwickeln können. Um ein ausgewogenes Weltbild auszubilden, benötigt Mensch Nachrichten aus verschiedenen Blickwinkeln. Dazu gehört die klassische Dialektik aus These, Antithese und Synthese, aber auch schlicht Informationen, die nicht aus jeder Perspektive für gleichermaßen berichtenswert gehalten werden.

Haben wir mit der Filterblase nun endlich etwas gefunden, an dem wir der Digitalisierung die Schuld geben können? Nein. Auch die Stammleser*innenschaften von Stürmer und NRhZ werden sich kaum überschnitten haben und an ihren Stammtischen bevorzugt mit Menschen gesprochen haben, die im Großen und Ganzen ihre Weltsicht teilten. Aber: Die Digitalisierung verpasst dem Ganzen ein saftiges Update.

Wechseln wir ein weiteres Mal die Perspektive. Wir betrachten die Digitalisierung jetzt mit den Augen eines kleinen Bloggers, einer kleinen Initiative oder einer kleinen Partei, die ein Publikum erreichen, sich an der gesellschaftlichen Meinungsbildung beteiligen möchte.

Auf den ersten Blick erscheinen die sich bietenden Möglichkeiten riesig. Mit einem Gratis-CMS eine eigene Webseite zu gestalten und für kleines Geld ins Netz zu setzen ist ohne weiteres machbar. Einen eigenen Youtube-Kanal oder entsprechende Auftritte in den sozialen Medien einzurichten ist eine Sache von wenigen Klicks. Auf Bürgerreporter-Seiten wie Lokalkompass.de kann jeder öffentlich schreiben. Und so weiter.

Denn mit der Reichweite in den Sozialen Medien ist es wie mit vielem anderen: Die Differenz zwischen theoretischem Zugang und praktischer Nutzbarkeit ist riesig.

Auf den zweiten Blick schrumpfen diese Möglichkeiten auf winzige Reste zusammen. Auf den zweiten Blick nämlich, mit dem man, nachdem man all diese Auftritte schön eingerichtet und mit Inhalten befüllt hat, auf die Zahl seiner Leser*innen schaut. Denn mit der Reichweite in den Sozialen Medien ist es wie mit vielem anderen: Die Differenz zwischen theoretischem Zugang und praktischer Nutzbarkeit ist riesig.

Big Data, ein Problem?

Dennoch gibt es Blogger*innen, Youtuber*innen und alternative Medien, die „es geschafft“ haben. Die sich unabhängig von großen Medienhäusern und professionellen Teams eine eigene, teils beachtliche, Leser*innenschaft aufgebaut haben.

Der Schlüssel dazu ist: Aufmerksamkeit erregen, Unterhaltungswert bieten, Aufmerksamkeit halten. Wer dabei jetzt an Kätzchenvideos denkt, beweist damit ein ziemlich eingeschränktes Verständnis von Unterhaltung. Auch jemand, der das Gefühl hat, sich auf dem Laufenden zu halten, etwas Wichtiges zu verstehen, in einem produktiven Austausch zu sein, fühlt sich unterhalten. Ersie merkt es vielleicht nicht, oder würde es nicht so nennen. Aber ersie kommt vermutlich wieder. Wenn eine Nachrichtenquelle es bei einer ausreichenden Zahl von Leser*innen bis zu diesem Punkt geschafft hat, setzt ein gewisser Herdentrieb ein. Menschen müssen die Nachrichten nicht mehr an den Frühstückstisch gebracht bekommen, sie rufen sie aus eigenem Antrieb auf. Und sie reden mit anderen darüber.

Und darum geht es am Ende: Beiträge produzieren, die Menschen konsumieren wollen. Und zwar hoffentlich aus den richtigen Gründen. Informiert werden gehört durchaus zu den normalen Bedürfnissen von Menschen. Es verlangt nur eine längere Aufmerksamkeitsspanne als ein Kätzchenvideo und erzeugt daher unter Umständen zunächst weniger Klicks von vorbeiscrollenden Leser*innen am Handy in der Straßenbahn. Trotzdem kann ein informativer Beitrag ein viraler Erfolg werden, auch bei Leuten, die sonst gerne Kätzchenvideos gucken.

Die Algorithmen der Sozialen Netzwerke versuchen übrigens genau solche Beiträge, die die Menschen konsumieren wollen, herauszufiltern und entsprechend zu verbreiten. An dieser Stelle gehen der Kapitalismus und seine Kritiker*innen einmal Hand in Hand. Wenn auch, für letztere, mit relativ schlechten Startchancen.

Je weiter eine Nachricht hingegen vom Weltbild der Leser*in entfernt ist, je schwerer hat es die Überbringer*in, zu überzeugen.

In dem sich ergebenden Kampf um Aufmerksamkeit setzen sich leider oft Quellen durch, die ich hier einmal als „Fakemedien“ bezeichnen möchte. Also Quellen, die vorgeben, „Medien“ zu sein, und in eigener redaktioneller Verantwortung geprüfte und als zutreffend und relevant bewertete Informationen zu verbreiten, tatsächlich aber (oft nach einer gewissen politischen Agenda) reißerisch aufbereitete Informationsschnipsel ohne großes Interesse an Wahrheit verbreiten.

Was uns auf eine (für heute) letzte Perspektive stößt: Die des engagierten verantwortungsbewussten Menschen, der die Dynamiken der Meinungsbildung in der Informationsgesellschaft mit Sorge betrachtet.

Ihm möchte ich einen Funken Hoffnung mit auf den Weg geben, ohne ihn deswegen gleich beruhigen zu wollen: Niemand lässt sich gerne verarschen. Das Problem ist, dass Menschen dazu neigen, Quellen praktisch sofort kritiklos zu vertrauen, die die eigenen Vorurteile bedienen und damit verstärken. Je weiter eine Nachricht hingegen vom Weltbild der Leser*in entfernt ist, je schwerer hat es die Überbringer*in, zu überzeugen. Das dafür nötige Kapital an Vertrauen und Sympathie aufzubauen und so Stück für Stück selbst Menschen, die einen heute noch als „Lügenpresse!!1!“ titulieren, empfänglich für unFakeNews zu machen, ist ein hartes Brot, respektive dickes Brett, respektive eine Sisyphusaufgabe, vor der wir uns aber nicht drücken dürfen. Glück auf!

Ein Beitrag des Kommunikationswissenschaftlers Götz Lange.

Über den Autor

Ein Kommentar

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    Ralf Krämer says:

    Zur inhaltlichen Seite des Problems will ich nur einen Hinweis geben, den ich schon in der Schule gelernt habe und der immer richtig ist: „Audiatur et altera pars!“ Höre auch die andere Seite! Bei politisch oder ideologisch strittigen Themen, am meisten m.E. bei Themen der internationalen Politik, immer Texte aus sehr verschiedenen Richtungen lesen, wenn man ein etwas umfassenderes Bild gewinnen will. Konkret heißt das, da in den alleremeisten hiesigen Medien, von BILD bis Tagesschau, wenn auch in unterschiedlicher Krassheit. im wesentlichen eine „westliche“, kapitalistisch/imperialistisch orientierte und dominant weiterhin neoliberale Sicht verbreitet wird, alternative Informationen der „Gegenseite“ zur Kenntnis nehmen, die man findet etwa auf den Nachdenkseiten, in der JW, Rubikon, Amerika21, auch RT usw. Es geht nicht darum die kritiklos zu betrachten, aber eben verschiedene Sichten.