Zeit für höhere Löhne – Inflation und warum höhere Löhne eine vernünftige Forderung sind

Es herrscht aktuell große Aufregung. Medien sämtlicher Couleur ereifern sich über die „Rückkehr“ der Inflation. Und wie sie zurückgekommen ist: Im Juli wurden 3,8 Prozent, im August 3,9 Prozent verbucht. Im September waren es dann schon 4,1 Prozent, im Oktober 4,5 Prozent und im November 5,2 Prozent Preissteigerung im Vergleich zum Vorjahr. Es macht also den Eindruck, als ob der Wert unseres Geldes zusehends verfällt, da ja auch die Banken auf Sparguthaben momentan eher Negativzinsen draufschlagen anstatt Zinsen auszubezahlen.

Aber woher kommt diese Preissteigerung? Die Inflation wird anhand eines standardisierten Warenkorbes errechnet (der von Zeit zu Zeit auf die aktuellen Bedürfnisse der Menschen angepasst wird), dessen Preisentwicklung im Vergleich zum Vorjahr betrachtet wird. Im Juli 2020 wurde als Teil der Coronamaßnahmen von der Bundesregierung der Mehrwertsteuersatz bis Ende Dezember 2020 um zwei Prozent gesenkt. Diese Maßnahme hat den Bund rund 20 Milliarden Euro gekostet und gesamtwirtschaftlich betrachtet so gut wie gar nichts gebracht. Das Ziel war damals, die Nachfrage bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu erhöhen und dadurch die Wirtschaft anzukurbeln. Die Verbraucherinnen und Verbraucher befanden sich jedoch vielfach in einer prekären Lage, weil auch sie unter der Coronapandemie und bedingt dadurch zum Teil unter Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder direkt unter der Krankheit litten. Der große Kaufrausch blieb nachweislich aus, aber zwischen Juli und Dezember kam es dadurch zu einer deflationären Phase – die damals auch für Angst und Schrecken bei verschiedenen Wirtschaftswissenschaftlern sorgte. Bei der momentanen Inflation handelt es sich rein technisch betrachtet zum Teil nur um einen Nachholeffekt. Rechnet man diesen plump mit zwei Prozent heraus, liegt die Inflation fast wieder im Zielkorridor der von der EZB angepeilt ist, nämlich bei knapp unter zwei Prozent. Keine Panik also, alles gut?

Nicht ganz, denn der Verbraucherpreisindex ist nur die Darstellung des Gesamtwarenkorbes. In diesen muss ein genauerer Blick geworfen werden, um auf die wahren Ursachen und Probleme zu stoßen. Während in dem Teilbereich Dienstleistungen die Preise nur moderat anstiegen (jeweils um die 2,3 Prozent zwischen Juli und Oktober), stieg der andere Teilbereich der Waren deutlich an (bis zu sieben Prozent im Oktober). Zu den Waren gehört auch die Energie (Haushaltsenergie und Kraftstoffe) und in diesem Bereich kann man in den meisten Jahren im Herbst einen Anstieg sehen. Diesmal zeigt die Kurve jedoch bereits seit November 2020 steil nach oben. Im Vergleich zum November letzten Jahres reden wir allein bei der Energie von einem Anstieg von über 20 Prozent. Haupttreiber dieser Preissteigerung sind Flüssiggas und Erdöl. Diese beiden „Waren“ werden mit einem minimalen Arbeitsaufwand gefördert, raffiniert und transportiert. Zu behaupten, dass die momentane Preissteigerung etwas mit gestiegenen Löhnen zu tun hätte, wäre schlichtweg falsch. Solche Preissteigerungen kommen nur durch Rohstoffspekulation zustande – dazu zählen hier der Einfachheit halber auch die Absprachen der OPEC-Staaten und der angeschlossenen Unternehmen. Dies trifft diejenigen überall auf der Welt besonders hart, die sowieso wenig haben.

Außer Kontrolle geratene Finanzmärkte und zu niedrige Löhne

Es wäre ein wichtiger erster Schritt, wenn die Regierung mit einem Energiegeld die ärmsten Haushalte in Deutschland entlasten würde. Im Gegensatz zu einem neuen Fernseher oder einem neuen Sofa sind Energiekosten nichts, wo man den Kauf aufschieben könnte, bis sie wieder gefallen sind. Wenn es im Winter kalt ist, braucht man Wärme. Kann man diese aufgrund eines zu geringen Einkommens nicht zahlen, droht in Deutschland immer noch die extreme Praxis, dass Strom und Gas abgestellt werden. Der Preisanstieg wird gerne mit der deutlich erhöhten Geldmenge begründet, die seit der letzten Finanzkrise 2007 im Umlauf ist und die sich im Zuge der Coronakrise nochmals erweitert hat. „Mehr Geld im Umlauf bewirkt Inflation“, ist jedoch eine zu stark verkürzte Formel, die so nicht funktioniert. In der Berechnung des Warenkorbes fehlen nämlich diverse Produkte, die dennoch gekauft und verkauft werden: Aktien, Grundstücke, Kunst oder Goldbarren und dergleichen. Betrachtet man diese Produkte, lässt sich für die vergangenen Jahre eine deutliche „Vermögenspreisinflation“ erkennen – selbst nach dem massiven Einbruch der Aktienmärkte bei Beginn der Coronakrise stiegen die Preise relativ schnell wieder und erreichten bis jetzt neue Rekordhöhen. Das liegt nicht an einer realistischen Erwartung der wirtschaftlichen Entwicklung der Unternehmen, sondern an einer großen Menge Anlagekapital, das Anlagemöglichkeiten sucht. Der durchschnittliche Endverbraucher merkt die Vermögenspreisinflation in der Regel erst, wenn mit Dingen spekuliert wird, die er auch kaufen oder indirekt bezahlen muss. Dazu zählen hierzulande meist der Öl- oder Gaspreis sowie Mieten, aber momentan auch die zum Teil durch Spekulation steigenden Nahrungsmittelpreise mit momentan knapp sieben Prozent Preissteigerung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Arbeitgeberlobby und verschiedene Wirtschaftswissenschaftler warnen aktuell davor, dass die Inflation als Argument für höhere Lohnforderungen genutzt wird, da dieser Vorgang eine „Lohn-Preis-Spirale“ in Gang setzten würde – es steigen die Preise, daraufhin die Löhne, daraufhin wieder die Preise und so weiter. Nur wissen wir, dass dies noch nie der Fall war. Seit spätestens den 1970er Jahren ist nachgewiesen, dass Lohnsteigerungen noch nie die Inflation angetrieben haben, da Lohnsteigerungen sich erst mit einer mehrjährigen Verspätung auf Warenpreise auswirken. Historisch sind immer erst die Preise gestiegen – aus sehr unterschiedlichen Gründen – und daraufhin haben die Gewerkschaften höhere Löhne eingefordert. Die letzte große inflationäre Ära in Deutschland war in den 1970er Jahren – im Vergleich zu dem nationalen Trauma der Hyperinflation in den 1920er Jahren, eine Inflation, von der heute höchstens noch Wissenschaftler sprechen aber keine schockierten Zeitzeugen. Dabei lag die Inflation über Jahre hinweg im zweistelligen Prozentbereich – aus heutiger Perspektive schier unfassbare Dimensionen. Warum hat das damals niemanden gestört? Die Gewerkschaften waren stark und haben dafür gesorgt, dass die Löhne mit der Inflation mithalten konnten, diese sogar bisweilen überflügelten. Seitdem wissen wir, es ist nicht die Höhe der Inflation, die problematisch ist, sondern die Stabilität der Inflationsrate. Wenn die Preise jedes Jahr um 20 Prozent ansteigen, über Jahrzehnte hinweg, dann kann sich eine Gesellschaft auf entsprechend steigende Löhne und Zinsen einstellen und es macht keinen Unterschied zu einer dauerhaften Inflation von zwei Prozent. Wenn jetzt aber ein elementares Gut wie Wärme im Winter plötzlich eine Inflationsrate von 20 Prozent aufweist, dann ist das ein enormes Problem, weil darunter die Menschen mit den geringsten Einkommen im Land leiden. In dieser Bevölkerungsgruppe müssen die Einkommen aber dringend steigen.

Dass die Löhne zu wenig steigen, sieht man an dem geringen Inflationsanstieg im Bereich der Dienstleistungen – der Dienstleistungssektor ist in Deutschland der Hauptarbeitgeber. Wenn im Dienstleistungsbereich die Arbeitnehmerentgelte stark steigen, hat dies meist direktere Auswirkungen auf die Verbraucherpreise als im Warensektor. Die geringe Inflationsrate im Bereich der Dienstleistungen weist also auf insgesamt geringe Lohnsteigerungen hin. Eigentlich wären also jetzt die Gewerkschaften gefragt und vor kurzem gab es im öffentlichen Dienst auch Tarifauseinandersetzungen. Das Ergebnis muss als eher unterdurchschnittlich gewertet werden in Anbetracht der aktuellen Preissteigerungen und vor allen Dingen in Anbetracht der Leistungen, die der öffentliche Dienst während der Corona-Pandemie erbracht hat.

Also vielen Dank fürs Klatschen, aber viel mehr gibt es nicht. Die Schuld ist aber nicht bei den Gewerkschaften zu suchen, der Organisationsgrad ist in ganz Deutschland mittlerweile viel zu gering. Gewerkschaften verteidigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegen inflationäre Tendenzen, das haben sie immer schon gemacht. Was es dafür aber braucht, sind Organisationsgrade wie in den 1970er Jahren. Wenn uns die aktuelle Inflation eines lehrt, dann dass die Politik nicht für ein paar kurze Monate an der Mehrwertsteuer drehen sollte, dass Gas und Strom niemandem jemals abgestellt werden dürfen, dass das unterste Einkommensdrittel in unserer Gesellschaft dringend höhere Löhne braucht und diejenigen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, sollten diese in einer menschenwürdigen Höhe erhalten. Und zu guter Letzt: Die Gewerkschaften müssen wieder gestärkt werden!

Christian Arnd hat politische Ökonomie in Aachen studiert und arbeitet als politischer Referent an der Humboldt-Universität.

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