Warum sind die US-Ölpreise ins Negative abgestürzt?

25. April 2020 - 13:37 | | Politik | 2 Kommentare

Die US-Rohölpreise wurden diese Woche zum ersten Mal in der Geschichte negativ. Hier sind die Gründe dafür.

von Patricia Sabga

 Die Benchmark-Preise für US-Rohöl fielen am Montag zum ersten Mal in der Geschichte ins Negative und stürzten auf bis zu -40,32 US-Dollar pro Barrel ab, bevor sie sich auf negative 30er-Werte einpegelten. Am Dienstag fielen die Preise erneut unter Druck.

Warum stürzen die Ölpreise derart ab? Und welche Auswirkungen könnte das auf dich haben?

Warum fielen die US-Ölpreise ins Negative?

Mit einem Wort – Überangebot. Derzeit schwappt auf den US-amerikanischen und globalen Märkten so viel überschüssiges Rohöl umher, dass Produzenten und Händlern buchstäblich die Lagerplätze ausgehen – sowohl in Tanks an Land als auch auf See in Öltankern. Wenn die Preise negativ werden, bedeutet das, dass Händler bereit sind, dafür zu zahlen, dass das Öl einfach aus ihren Lagern verschwindet.

Ich habe immer wieder von Öl-Futures gehört? Was ist das?

Öl wird als sogenannte „Terminkontrakte“ oder einfach „Futures“ gehandelt, die es Käufern ermöglichen, zu einem festgelegten Preis Barrel Öl für die Lieferung an einem festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft zu kaufen. Dies ist eine verbindliche Vereinbarung, nach der Käufer und Verkäufer gesetzlich verpflichtet sind, das Geschäft bei Vertragsschluss auch einzuhalten.

Am Montag lief jener Terminkontrakt aus, der die Käufer dazu zwang, im Mai das Rohöl des US-Benchmark West Texas Intermediate (WTI) in Besitz zu nehmen. Und weil sich die Händler darum sorgten, wo sie all das Öl, das sie aufnehmen müssen, nur lagern sollen, stießen sie die Verträge ab und schickten die Preise so in den negativen Bereich.

Brutal. Wird dasselbe mit den WTI-Futures passieren, die im Juni ausgeliefert werden sollen?

Auch die WTI-Preise für Lieferungen im Juni standen am Dienstag unter Druck, waren aber noch nicht negativ. Sollten Lagerkapazitäten jedoch weiterhin ein Problem darstellen, wird dieser Druck auch eher nicht nachlassen.

Warum gibt es überhaupt so eine Flut von Rohöl?

Die Welt war bereits Anfang des Jahres überschwemmt mit Rohöl. Dann schlug das Coronavirus ein. Eindämmungsmaßnahmen wurden eingeleitet, Unternehmen mussten schließen, Grenzen wurden geschlossen, internationale Reisen gecancelt und Verbraucher unter Lockdown gesetzt. All diese Störungen haben die Nachfrage noch weiter dezimiert. Und gerade, als es nicht schlimmer kommen konnte, erklärte Saudi-Arabien einen Ölpreiskrieg.

Was ist ein „Ölpreiskrieg“ und warum haben die Saudis einen angefangen?

Die Saudis, die de facto die Führer des OPEC-Kartells zur Festsetzung des Ölpreises sind, wollten, dass der Nicht-OPEC-Produzent Russland tiefgreifenden Produktionskürzungen zustimmt, um die wegen der Corona geschwächte Nachfrage auszugleichen und so die Preise anzukurbeln. Als Russland sich weigerte zu tun, was die Saudis wollten, reagierte Riad letzten Monat, indem es den Preis für saudisches Rohöl senkte und ohne Unterlass Öl pumpte. Zu diesem Zeitpunkt begannen die Preise dann, so richtig abzustürzen.

Aber tut das nicht auch den Saudis weh, wenn die Preise fallen?

Sicher, aber nicht so sehr wie anderen Produzenten. Die Saudis können Öl billiger pumpen als jeder andere Produzent, was ihnen einen enormen Vorteil verschafft, wenn sie Marktanteile von Produzenten mit höheren Produktionskosten abgreifen wollen. Aber derart niedrige Preise können selbst die Saudis nicht auf unbestimmte Zeit überstehen. Das Königreich braucht Ölpreise auf einem Niveau von 83 Dollar pro Barrel, um seinen Staatshaushalt auszugleichen.

Welche Produzenten waren am stärksten betroffen?

Jedes Land, das für den Löwenanteil seines Einkommens stark auf Öl angewiesen ist, wird derzeit in Mitleidenschaft gezogen. Dies gilt auch für US-Schieferölproduzenten (Fracking), da ihre Produktionskosten relativ hoch sind. Viele US-Ölproduzenten brauchen Rohölpreise zwischen 46 und 54 USD pro Barrel, um auf Null zu kommen – von Gewinnen noch gar nicht geredet. Es hilft auch nichts, dass sich viele US-Fracking-Unternehmen Unmengen an Geld geliehen haben, um neue Bohrlöcher zu bohren, die bei einem Preisverfall einfach nicht rentabel sind. Deshalb hat sich Präsident Donald Trump jetzt auch persönlich auf den Ölmärkten eingemischt.

Was hat Trump gemacht?

Er wurde zum Beziehungsberater. Er rief den De-facto-Führer Saudi-Arabiens, Kronprinz Mohammed bin Salman, und den russischen Präsidenten Wladimir Putin an und forderte sie auf, einen Waffenstillstand zu schließen und ein Abkommen zur Stabilisierung der Ölmärkte zu schließen.

Hat Trump Erfolg gehabt?

Ja und nein. Die von Saudi-Arabien geführte OPEC und ihre Partner einigten sich zwar auf Produktionseinschnitte in Rekordhöhe von 9,7 Millionen Barrel pro Tag. Die Märkte waren jedoch kaum beeindruckt, da selbst dieser historische Einschnitt nicht ausreicht, um dem heftigen Schlag entgegenzuwirken, den das Coronavirus der Nachfrage verpasst hat. Die US-Fracking-Unternehmen stehen also immer noch unter Druck. Sehr sogar. Und sie haben einfach keinen Platz mehr, um all das Rohöl zu lagern, das sie produzieren.

Wie schnell, bis die Lagerkapazitäten ausgehen?

Nach einigen Schätzungen sehr bald. Analysten von Rystad Energy gehen davon aus, dass das Ölspeicher-Drehkreuz in Cushing, Oklahoma, zu dem US-Öl geliefert wird, das über Terminkontrakte gekauft wurde, bis Mitte-Ende Mai keinen Platz mehr haben könnte.

Sind es nur die großen Tiere und Aktionäre der Fracking-Konzerne, die betroffen sind?

Klares Nein. Die Menschen, die für diese Unternehmen arbeiten, könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn ihre Unternehmen untergehen. Bis März waren rund 156.000 Menschen im US-amerikanischen Öl- und Gassektor beschäftigt. Der Schaden könnte sich jedoch auf Unternehmen ausbreiten, die in den Lieferketten Downstream der Öl- und Gasförderung angesiedelt sind. Und wenn diese Firmen untergehen, führt das auch zu weniger Steuereinnahmen für die Finanzierung von Regierungsprogrammen. Immer dran denken: Dein Einkommen ist mein Einkommen. Mein Einkommen ist dein Einkommen. So funktioniert die Wirtschaft. Wir stecken hier alle zusammen drin.

Was ist mit den Benzinpreisen? Bedeutet Rohöl mit Negativpreis, dass ich meinen Tank kostenlos füllen kann?

Nein. Während die Benzinkosten infolge von Lockdowns zusammen mit der Nachfrage gesunken sind, werden die Benzinpreise jedoch nicht nur durch den Ölpreis bestimmt. Es gibt auch Raffinierungskosten, Vertrieb und Marketing sowie Steuern, die bestimmen, was wir an der Zapfsäule zahlen. Schaut euch dazu diese Grafik der US-Energiebehörde zu Preiszusammensetzung von Benzin und Diesel an.


Dieser Beitrag von Patricia Sabga erschien zuerst auf Al Jazeera und wurde von Jakob Reimann für Die Freiheitsliebe übersetzt.

Patricia Sabga ist eine renommierte Wirtschaftsjournalistin. Ihr Fachgebiet ist die Schnittmenge zwischen Ressourcen/Energie und Geopolitik. Patricia berichtete unter anderem aus Irak und Afghanistan und ist gegenwärtig Managing Business Editor für Al Jazeera Digital und arbeitete vorher unter anderem für PBS, NBC und CNN. Zusammen mit ihrem Mann Bob Shepherd schrieb sie mehrere Bücher. Hier ist ihre Website, hier könnt ihr Patricia auf Twitter folgen: @patriciasabga


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