Unterdrückung der Uiguren: „Die Welt muss endlich aufwachen“ – im Gespräch mit Asgar Can

18. August 2020 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare

By SFT HQ, Flickr, licensed under CC BY 2.0.

Seit einiger Zeit dringen immer wieder Berichte aus der Provinz Xinjiang an die Öffentlichkeit, die dokumentieren, wie die chinesische Regierung Mitglieder der uigurischen Bevölkerung massenhaft in „Umerziehungslagern“ interniert, dort ausbeutet und foltert. Doch die Unterdrückung der uigurischen Minderheit durch Peking reicht viele Jahrzehnte zurück. Über all das und mehr sprachen wir mit Asgar Can, dem Vorsitzenden der Uigurischen Gemeinde in Europa e.V. und Europa-Referenten des Weltkongresses der Uiguren.

Die Freiheitsliebe: Vor einigen Monaten gab es viele Medienberichte über die Situation der Uiguren. Woher kam das plötzliche Interesse und warum scheint es nun wieder weg zu sein?

Asgar Can: Die Unterdrückung der Uiguren ist nichts Neues. Verfolgung und Unterdrückung des uigurischen Volkes fingen 1949 an. Unser Land Ostturkistan wurde am 1. Oktober 1949 von China besetzt. Seitdem versucht der chinesische Staat, uns Uiguren mit allen Mitteln auszulöschen.

Der Rahmen und das Ausmaß der Unterdrückung haben von Jahr zu Jahr zugenommen und in den letzten Jahren ihre Obergrenze erreicht. Wir haben über die Unterdrückung und das Leiden der Uiguren immer wieder berichtet, aber keine Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und Medien erweckt, da wir vielleicht keine Belege vorlegen konnten. Nach der Veröffentlichung der China Cables hat sich die Lage jedoch geändert. Dort wurde das furchtbare Vorgehen der chinesischen Regierung gegen die Uiguren sehr ausführlich geschildert. Diese Dokumente wurden direkt zu Medien geschickt und von diesen ebenfalls ausgewertet, und es bestand kein Zweifel, dass sie echt sind.

Nach diesen Dokumenten wurde sehr deutlich, dass China einen Krieg gegen ein gesamtes Volk erklärt hat und ihn mit jedem Preis gewinnen will. Das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit hält noch an, da die Lage der Uiguren immer unerträglicher wird. Die Internierungslager, die steigende Anzahl der verschollenen Uiguren, staatlicher Organhandel, Zwangsarbeit, Sterilisation der Uiguren, Gehirnwäsche von uigurischen Kindern, willkürliches Vorgehen der Regierung gegen Uiguren… All das ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.

Die Freiheitsliebe: Seit 2013 gibt es Dokumentationen von „Umerziehungsmaßnahmen“ für Uiguren durch die chinesische Regierung. Bis zu eine Million Menschen – jeder zehnte Uigure – sollen gegen ihren Willen in „Umerziehungslagern“ inhaftiert sein. Was hat es damit auf sich?

Asgar Can: Der chinesische Staat führt seit 71 Jahren eine Assimilationspolitik gegen die Uiguren durch. Trotz aller Bemühungen der chinesischen Regierung haben sich die Uiguren erfolgreich dagegen gewehrt. Die chinesische Führung will jetzt die Auslöschungspolitik in den Umerziehungslagern fortsetzen. Dort wird man durch schockierende Methoden gezwungen, chinesisch zu denken, dem Staat treu zu sein, dem Staat Dankbarkeit zu erweisen, kurz gesagt: einer Gehirnwäsche unterzogen.

Die Anzahl der in den Internierungslagern befindlichen Uiguren ist auf drei Millionen gestiegen. Nach Erzählungen von Herrn Omar Bekali, der über acht Monate lang im Internierungslager war und jetzt in den Niederlanden sein Asylrecht zugesprochen bekommen hat, werden Uiguren in Internierungslagern gefoltert, misshandelt und seelisch sowie psychisch über die Grenzen eines Menschen gequält.

Die chinesische Regierung will das, was sie in über 70 Jahren nicht geschafft hat, mittels Internierungslager schaffen – nämlich ein ganzes Volk umzuerziehen und so auszulöschen.

Die Freiheitsliebe: Als Grund, in diese Lager zu kommen, reicht nach einigen Berichten schon ein langer Bart, Halāl-Ernährung oder Besitz eines Gebetsteppichs oder eines Korans. Sind die Maßnahmen also vor allem religiös motiviert?

Asgar Can: Die Uiguren sind Muslime und der Islam wurde bei Uiguren sehr liberal und säkular interpretiert. Das Praktizieren des Islams bei den Uiguren ist nicht mit arabischen Ländern vergleichbar. Islam spielt im Leben der Uiguren eine wichtige Rolle und ist ein Schutzschild vor der Auslöschungspolitik der chinesischen Regierung. Dennoch sind die Maßnahmen nicht religiös motiviert.

Der chinesische Staat hat in den letzten 71 Jahren das uigurische Alphabet dreimal geändert. Das ursprüngliche Alphabet ist arabisch, dann Latein, dann kyrillisch und jetzt wieder arabisch. Damit wollte die Regierung die Verbindung zwischen den Generationen unterbrechen und uns von unseren Wurzeln trennen.

Unsere Geschichte und Literatur wurden umgeschrieben. Unsere Sprache ist im Kindergarten und in den Schulen verboten. Alte uigurische Städte sowie historische Bebauungen wurden abgerissen. Die uigurische Architektur wurde zerstört. Die Namen der uigurischen Städte, Dörfer, Flüsse und Seen wurden geändert. Also das ist nicht nur religiös motiviert, sondern eine Auslöschungs- und Vernichtungspolitik des chinesischen Regimes beziehungsweise einer Besatzungsmacht gegen unser Volk.

Die Freiheitsliebe: Die chinesische Regierung erklärt, dass sie nur gegen „Terrorismus“ vorgehe und es sind tatsächlich auch verschiedene Anschläge dokumentiert. Wie viel ist also an der Aussage dran?

Asgar Can: Für die chinesische Regierung zählt jeder, der sich gegen das brutale Vorgehen der chinesischen Regierung gegen die Uiguren stellt und ihre Politik kritisiert, als „Terrorist“. Ansonsten hätte die Regierung fast drei Millionen Menschen willkürlich gegen ihren Willen in Internierungslager gesteckt. Der echte Terrorist ist der Staat China und seine Führung. Die chinesische Regierung bezeichnet das ganze uigurische Volk als Terroristen und hat Ostturkistan/Xinjiang in ein offenes Gefängnis umgewandelt. Uiguren werden mit Hightech überwacht. Selbst bei uigurischen Familien sind chinesische Beamte untergebracht worden, damit sie regelmäßig über die Familien berichten und schreiben und dies dann an die Regierung weitergeben. So ein unmenschliches und menschenunwürdiges System hat es im Leben der Menschheit noch nie gegeben.

Nach Angaben der chinesischen Regierung gab es ein paar Anschläge, die angeblich von Uiguren ausgeübt worden sind. Aber unsere Aufforderung, dass ein fairer Gerichtsprozess stattfinden sollte und die Täter danach bestraft werden sollen, wurde von der chinesischen Regierung nie akzeptiert. Wenn sie wirklich Terroristen wären, sollte unser Vorschlag für die chinesische Regierung willkommen sein, denn so könnten sie die „Terroristen“ mit Belegen anklagen und sie in einem öffentlichen und fair geführten Gericht für schuldig erklären und ihre Behauptungen vor der Weltgemeinschaft nachweisen. Da die chinesische Regierung unserer Aufforderung nicht nachgekommen ist, bezweifele ich, dass die Anschläge tatsächlich von Uiguren ausgeübt worden sind.

Die Freiheitsliebe: Ist der Kampf gegen Terror und Separatismus nur vorgeschoben oder gibt es in der uigurischen Bevölkerung wirklich Sympathie für Separatismus und/oder gewaltvollen Protest?

Asgar Can: Die Uiguren wurden zuletzt 1949 von China besetzt. Davor wurden 1933 und 1944 ostturkistanische Republiken ins Leben gerufen. In der Geschichte haben Uiguren selbständig gelebt und Staaten gegründet. Besonders nach den Ereignissen, wie dem Massaker vom 5. Juli 2009, gibt es die Sehnsucht nach Unabhängigkeit, da ein Zusammenleben nicht mehr vorstellbar ist. Wir werden ja in allen Bereichen des alltäglichen Lebens benachteiligt, verfolgt und unterdrückt. China führt einen grausamen Krieg gegen unser Volk. China will uns vernichten und ganz auslöschen.

Wir sind nach der chinesischen Verfassung ein autonomes Gebiet und viele Rechte stehen uns nach der Verfassung zu. Diese werden und wurden aber nie in die Praxis umgesetzt. Die chinesische Regierung muss Ihre eigene Verfassung respektieren und uns die zustehenden Rechte einräumen. Stattdessen terrorisiert der chinesische Staat das ganze Volk der Uiguren und schließt sie aus der Gesellschaft aus. Wie können die Uiguren in so einem Verbund bleiben und welche Perspektiven haben sie?

Trotz all dieser Grausamkeiten der chinesischen Regierung haben die Uiguren nie die Gewalt als Lösung gesehen und sind auch nie diesen Weg gegangen. Die Uiguren führen ihren Kampf gegen die Herrschaft weltweit mit demokratischen und friedlichen Mitteln.

Die Freiheitsliebe: Insbesondere das Schweigen der Staatschefs in überwiegend muslimischen Ländern zu den Lagern in Xinjiang ist ohrenbetäubend. Im Februar 2019 stellte Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman Peking in seinen Methoden gar de facto seine Absolution aus. Wie steht es in der Uiguren-Frage um die weltweite „muslimische Solidarität“?

Asgar Can: Leider muss ich mit Bedauern zugeben, dass die muslimische Welt nur schweigt und sich sogar auf die Seite der chinesischen Regierung stellt sowie das Vorgehen von China gegen die Uiguren unterstützt. Von einer „muslimischen Solidarität“ kann keine Rede sein.

Die meisten islamischen Länder werden von Diktatoren und nicht legitimen Menschen regiert und sie unterdrücken ihre eigenen Bürger und Bürgerinnen. Sie respektieren keine Menschenrechte und Menschenwürde. Außerdem sind sie wirtschaftlich sehr stark abhängig von China und für sie spielen Menschenrechte, Demokratie und Menschenwürde keine Rolle.

Was kann man von den Ländern, die nicht demokratisch sind, deren Legitimität in Frage steht und die ihre eigenen Völker unterdrücken, erwarten, und wie kann man dann auf Unterstützung hoffen?

Die Freiheitsliebe: Was müssten/könnten die internationale Gemeinschaft, die UN, die EU oder andere multilaterale Organisationen tun, um das System der „Umerziehungslager“ zu beenden? Wie realistisch ist das?

Asgar Can: Die internationale Gemeinschaft kann immer noch etwas bewegen, falls sie wirklich ehrlich sind und zusammenarbeiten. Da muss aber jeder bereit sein, Opfer zu bringen und mit anzupacken. Die UNO, EU und andere demokratische Kräfte müssen auch sehen, dass sie nicht nur China brauchen, sondern China auch sie braucht. Die Welt muss endlich aufwachen und die Gefahr sehen. China ist nicht nur eine Gefahr für die Uiguren, sondern für die ganze Weltgemeinschaft.

Vor 10 bis 15 Jahren war es leichter, China zu stoppen und zu beeinflussen. Je stärker China wurde, desto frecher und unberechenbarer wurde es. Jetzt will China der Welt diktieren, wo es lang geht. China will eigene Menschenrechte, eigene Demokratie-Einstellungen und eine eigene Weltordnung schaffen und die Weltgemeinschaft soll dem Land folgen.

Wenn die Welt jetzt nicht endlich aufwacht und für die universellen Werte nicht zusammen kämpft, wird es nach weiteren zehn Jahren viel zu spät sein. Dann bleibt kein Wert mehr, für den man kämpfen könnte. Deshalb muss die Weltgemeinschaft bei der Schließung der Internierungslager zusammenarbeiten und gemeinsam ein starkes Zeichen setzen, dass sie es nicht hinnimmt, dass im 21. Jahrhundert Gehirnwäsche-Lager errichtet werden und dort drei Millionen Menschen gegen Ihren Willen festgehalten werden.

Jetzt müssen sie Stopp sagen und ihre wirtschaftlichen Interessen zur Seite stellen, falls sie China stoppen wollen, sonst wird es zu spät. Wenn man China einen Finger gibt, will es den ganzen Arm haben. Wenn man einen ganzen Arm gibt, will es den ganzen Körper. Doch mit „geben“ können wir China nicht zufrieden stellen. Wenn die Weltgemeinschaft nicht von China geschluckt werden will, muss man jetzt dringend nach den eigenen Interessen handeln und aktiv werden.

Die Freiheitsliebe: Wir bedanken uns vielmals für das Gespräch.

Subscribe to our newsletter!


Unterstütze die Freiheitsliebe

600€ of 2.000€ raised
Zahlungsmethode auswählen
Persönliche Informationen

Spendensumme: 3,00€

Über den Autor

Ein Kommentar