Russland: Die Wahl im Fokus

27. September 2016 - 15:23 | | Politik | 0 Kommentare

Man kann mittlerweile stark sehen, dass die russische Gesellschaft sich (wieder) konsolidiert. Die wilden 90ger sind vorbei, aus Chaos wurde Ordnungsfetischismus, aus Krise wurde Stabilität (zumindest bis zum letzten Jahr) und aus Oligarchen wurden respektable Geschäftsmänner. Und irgendwo dazwischen eine abgehängte Generation von Glücksrittern, Polit-Lethargikern, neu-bürgerlichen Kids, einer apathischen Boheme und karriereorientierten Sich-Durchbeißern. Meine Generation.

So kann man eben die Wahlen in Russland deuten. Sie waren und das konnte man an jeder Ecke sehen und in persönlichen Gesprächen erfahren, von der sowohl ökonomischen als auch der außenpolitischen Krise geprägt, die im Zuge der Ukraine-Krise kam. Da kam bei der Präsidenten-Partei ganz schön was zusammen. Denn selbstverständlich wird dem Zaren der Erfolg für die erneute Stärke Russland in der Außenpolitik zugeschrieben und damit natürlich auch seiner Partei.
Aber die Frage der Zustimmung für „Einiges Russland“ nur daran zu messen wäre falsch. In den letzten 10 Jahren bildete sich mehr und mehr eine große Mittelschicht heraus, eine Petit Bourgeoisie wenn man so will. Polizisten, Lehrer, Ärzte etc. bekamen mehr Geld. Die Wirtschaft lief gut, die Menschen lebten besser. Da ist es nicht verwunderlich, und das schrieb bereits Bourdieu, dass eben diese Petit Bourgeoisie stark daran gelegen ist den Staat und das System zu stützen. Sie war es die der Putin-Partei maßgeblich zum Sieg verholfen hatte.
Zu den anderen Parteien bleibt nur wenig zu sagen. Die Wähler der KP sind meist ältere Menschen die von der SU träumen. Die Partei schafft es nicht oder will es vll. auch nicht einen wirklich linken turn zu schaffen um mehr jüngere Leute anzuziehen, anstatt vom alten zu schwärmen von dem die Jugend nur aus Erzählungen gehört hat. Die LDPR hat gewohnt rassistische Stimmungsmache betrieben mit ihrem Frontmann und Dauercholeriker Shirinovski. Und „Gerechtes Russland“ schafft es immer noch nicht so etwas wie eine Sozialdemokratie zu etablieren, dafür fehlt auch eigentlich die Nachfrage.
Und dann ist da die Jugen, die Millionen junger Menschen, die sich irgendwie versuchen durch das Leben zu beißen, irgendwie versuchen ihrem Leben einen Sinn zu verleihen. Diejenigen die es geschafft haben einen festen Job zu finden bauen ihr eigenes Leben auf mit 25 schon Familie und mitten im Leben. Nichts von freier Lebensgestaltung, wo den auch? Die anderen fristen ihr Dasein bei Bier in Hinterhöfen mit Kumpels und der Einsamkeit vor dem Computer in der Chruschtschowka.
Während meiner Reise habe ich auch Kronstadt besucht und der Kronstädter Matrosen gedacht. Ein kleines unscheinbares Denkmal, fast wie das Leben drumherum.

Ein Bericht von Julius Zukowski-Krebs, Bundessprecher der Linksjugend.

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