Niederländische Gewerkschaften in Zeiten der Krise: Stabile Organisationen, aber allmählich abnehmender Einfluss

12. Mai 2019 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare
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Um zu verstehen, wie sich die krisenhaften Entwicklungen des zurückliegenden Jahrzehnts auf die niederländischen Gewerkschaften ausgewirkt haben, muss man zunächst einen Blick auf das korporatistische System der Arbeitsbeziehungen in den Niederlanden werfen. Vor diesem Hintergrund beschreiben wir dann die mehrjährige Krise innerhalb des größten Gewerkschaftsbundes nach 2011 und stellen einige neue Gewerkschaftsstrategien vor, die in dieser Zeit entwickelt wurden.

Die Gewerkschaften und das niederländische „Polder-Modell“

Aus der Ferne betrachtet bietet das niederländische System der Arbeitsbeziehungen ein Bild der institutionellen Stabilität und Kontinuität. Die wichtigsten Institutionen des korporatistischen Systems wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt und haben seit ihrer Entstehung keine radikalen Veränderungen erfahren: die Arbeitsstiftung (Star) und der Sozial- und Wirtschaftsrat (SER). Doch als seit den 1960er Jahren das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern zunehmend angespannt wurde und sich Konflikte und Arbeitskämpfe häuften, begann die Regierung, in die Lohnfindung einzugreifen. Die tiefe Wirtschaftskrise Ende der 1970er Jahre gab dann den Anstoß zu dem sogenannten Wassenaar-Abkommen von 1982, das gewöhnlich als Ausgangspunkt des „Polder-Modells“ angesehen wird.

In dieser Vereinbarung einigten sich die Sozialpartner auf eine Strategie moderater Lohnerhöhungen mit dem Ziel einer Wiederherstellung der Unternehmensgewinne. Als Gegenleistung wurden verschiedene Formen der Arbeitsumverteilung vereinbart — sowohl eine kürzere Wochenarbeitszeit als auch die Förderung von Teilzeitarbeit. Die historische Bedeutung des Wassenaar-Abkommens liegt weniger im Detail als vielmehr in der Tatsache, dass es eine neue Phase der niederländischen Arbeitsbeziehungen eingeleitet hat, die durch ein harmonischeres Verhältnis zwischen den Sozialpartnern und der Regierung gekennzeichnet ist. Die wichtigsten Merkmale der niederländischen Arbeitsbeziehungen seit dieser Zeit sind

  • die Autonomie der Tarifparteien ohne Einmischung der Regierung,
  • Lohnmäßigung,
  • Dialog- und Kompromissbereitschaft,
  • und eine stabile Tarifbindung (Visser/Hemerijck 1997).

Obwohl die Regierung sich seit 1982 nicht mehr direkt in die Lohnverhandlungen einmischt, ist die Lohnpolitik häufig Gegenstand von Konsultationen zwischen der Regierung und den Sozialpartnern. Darüber hinaus hat sich die Arbeitsstiftung, in der die Spitzenverbände der Arbeitgeber und Gewerkschaften zusammenarbeiten, wiederholt auf eine moderate Lohnerhöhung geeinigt.

Diese Befreiung der Lohnverhandlungen von direktem staatlichen Eingreifen mündete (wenn man so will:) paradoxerweise in einen sehr mäßigen Anstieg der Löhne. Wie der Verlauf der tarifvertraglichen Lohnsteigerungen seit 1950 zeigt, lag — im Gegensatz zur Zeit davor — nach 1982 die nominale Erhöhung nie höher als 5%. Preisbereinigt liegt seitdem die Rate der Tariferhöhungen im Durchschnitt sogar nahe bei Null (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nominale und reale tarifliche Lohnerhöhungen pro Jahr (in %)