Damals wie heute Frauensache: Warum sich bei Verhütungsmethoden etwas ändern muss

Methoden zur Empfängnisverhütung sind bereits seit tausenden von Jahren überliefert. Meist handelte es sich um Pflanzenmixturen, die auf die Gebärmutter aufgetragen wurden und die die Spermien daran hindern sollten, sich in der Eizelle einzunisten. Bei einigen dieser Methoden, so haben Analysen der alten Rezepte und Versuche ergeben, darf von einer recht guten Wirksamkeit ausgegangen werden. Einige der Bestandteile waren allerdings nicht nur für die Spermien giftig, sondern gleichermaßen für die Frauen. Ein Problem, was auch auf einige heutige Verhütungsmittel in gewisser Weise zutrifft.

Vorläufer von Kondomen wurden im späten Mittelalter entwickelt, eine genaue Datierung ist nicht möglich. Der Übergang von Schafsdärmen zu aus Gummi gefertigten Präservativen geht auf den besonders als Reifenhersteller bekannt gewordenen Charles Goodyear zurück. 1855 stellte er seine Idee vor, ab 1870 wurde das Produkt massenhaft produziert. Hauptgrund für die Verbreitung war jedoch weniger die Verhütung, als der Schutz vor grassierenden Geschlechtskrankheiten. Nichtsdestotrotz: Ab dieser Zeit war Verhütung nicht mehr ausschließlich etwas für Wohlhabende.

In den 1960er Jahren ereignete sich eine kleine Revolution: Mit der Einführung der Pille stand ein Produkt zur Verfügung, das mit großer Zuverlässigkeit Schwangerschaften verhindern konnte. In einer Zeit, in der Kinder bekommen weitgehend mit dem Verlust des letzten Restes Unabhängigkeit der Frauen gleichgesetzt war, konnten Frauen ihr Leben nun ein Stück weit selbstbestimmter gestalten.

Die Pille

Die Pille ist bis heute in Deutschland das meistgenutzte Verhütungsmittel, insbesondere bei jungen Erwachsenen, allerdings sind die Zahlen in den letzten Jahren deutlich rückläufig gewesen. Hauptgrund dafür dürften vor allem die zahlreichen Nebenwirkungen der Pille sein. Blutungen, Übelkeit, Depressionen, in seltenen Fällen auch Thrombosen oder Embolien können die Folge sein. Gleichzeitig ist die Verhütung deutlich sicherer, als die Verhütung mit Kondomen. Der so genannte Pearl Index liegt für die Pille bei 0,1 bis 0,9, das bedeutet auf 100 Frauen, die ausschließlich mit der Pille verhüten, kommt es zu 0,1 bis 0,9 Schwangerschaften pro Jahr. Beim Kondom ist dieser Wert mit 2-12 Schwangerschaften wesentlich höher. Kupfer- und Hormonspiralen, die einen ähnlichen Pearl-Index wie die Pille aufweisen, sind die drittbeliebteste Verhütungsmethode. Bei ihnen kommt es jedoch beim Einsetzen und auch während der Nutzung immer wieder zu Komplikationen, was unter anderem daran liegt, dass das korrekte Einsetzen bis heute nicht standardmäßig zur Ausbildung von Gynäkologinnen und Gynäkologen gehört.

Einerseits ist es erfreulich, dass offenbar immer mehr Männer in die Verantwortung gedrängt werden (oder sich tatsächlich selbst verantwortlich fühlen) und die Verhütungsfrage weniger einseitig auf Frauen abgewälzt wird. Der Haken an der Sache ist: Verhütungsmittel mit hohem Pearl-Index stehen für Männer nicht zur Verfügung. Medikamententests mit einer Pille für den Mann kamen nicht zur Marktreife, da zu viele Nebenwirkungen auftraten. Diese Nebenwirkungen sind dabei auf vergleichbarem Niveau wie die Pille für Frauen. Pharmaunternehmen sehen hierin jedoch ein zu hohes unternehmerisches Risiko, um die Weiterentwicklung zu forcieren. Forschung findet daher vor allem mit staatlicher Förderung und im akademischen Bereich statt.

Verhütungs-Forschung

Die Ampel-Koalition hat in ihrem Koalitionsvertrag eine Erhöhung entsprechender Forschungsgelder festgehalten, jedoch nicht in konkreter Höhe. Ein weiterer Fortschritt in Sachen Verhütungsmitteln deutet sich bei der Bezahlung von Verhütungsmitteln an. Krankenkassen soll in Zukunft die Kostenübernahme ermöglicht werden. Dass viele Krankenkassen diesen Schritt gehen werden, ist höchstwahrscheinlich, da sie damit junge Kundinnen an sich binden können. Da unter Umständen ein Wechsel der Krankenkasse nicht möglich ist und es außerdem symbolisch die Wichtigkeit des Themas unterstreichen würde, plädieren wir für eine Verpflichtung der Krankenkassen, die Kosten zu übernehmen. Für Geringverdienende soll laut Koalitionsvertrag die Kostenübernahme sichergestellt werden. Aktuell können Hartz IV-Empfängerinnen nur in einigen Städten die Erstattung beantragen. Wer nicht in der richtigen Stadt lebt, muss die Verhütung von den im Regelsatz vorgesehenen 17 Euro für Gesundheits- und Hygieneartikel bestreiten. Sichere Verhütung hängt somit klar vom Geldbeutel ab. Die Ankündigungen zur Kostenerstattung klingen gut – wie die konkrete Ausgestaltung aussieht müssen wir aber abwarten. Skeptischer bin ich hingegen bei der Forschung nach männlichen Verhütungsmitteln: Dass hier tatsächlich genug Forschungsgelder bereitgestellt werden, damit ein Durchbruch gelingt, glaube ich kaum. Wir als Linke werden auf jeden Fall weiter Druck in diese Richtung machen. Dass sichere Verhütung im Jahr 2021 immer noch Frauensache ist, ist völlig inakzeptabel! 

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