Katar trotzt der Saudi-Blockade mit neuem Selbstbewusstsein

13. August 2018 - 19:03 | | Politik | 0 Kommentare

Statt in einer von saudischen Interessen dominierten Region einfach still und leise an den Katzentisch des Juniorpartners zurückzugehen, hat Katar begonnen, seine Identität zu verändern – wer es ist und was es bieten kann. Wenn die Blockade nicht verhängt worden wäre, ist es unwahrscheinlich, dass dieses neue Katar so schnell entstanden würde.

Vor zwölf Monaten begann die Blockade gegen Katar durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten mit der Absicht, das widerspenstige Land in die Knie zu zwingen. Spannungen wurden geschürt, Forderungen wurden gestellt und eine Frist gesetzt, nach der sich Katar unterwerfen sollte.

Doch diese Frist verstrich bald – und was seitdem passiert ist, hat viele Beobachter überrascht. Die Blockade ist gescheitert. Akademiker und politische Kommentatoren haben als Gründe für den anhaltenden Widerstand des kleinen Golfstaates alles angeführt, von Katars enormen finanziellen Ressourcen bis zu politischem Taktieren des Landes.

Was jedoch im vergangenen Jahr immer deutlicher wurde, ist der Umstand, dass gewöhnliche Kataris, obwohl sie ernsthaft das Ende der Blockade wollen, immer zögerlicher werden, ihren Platz im Golf-Kooperationsrat [einem sechsköpfigen Rat aus reichen arabischen Öl-Monarchien; Anm. J.R.] zurückzuerlangen, der fest unter saudischem Diktat steht.

US-Außenminister John Kerry (4.v.l.) mit seinen Amtskollegen vom Golf-Kooperationsrat (GCC) aus Kuwait, Katar, Oman, Saudi-Arabien, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem GCC selbst (v.l.n.r.) auf einem Gipfel in Manama, Bahrain am 7. April 2016. By U.S. State Department, Wikimedia Commons, published under public domain.

Das königliche Gesicht des Widerstands

Nicht ohne Ironie wurde es immer deutlicher, dass ein Schritt, der darauf abzielte, Katar wieder in das Korsett der arabischen Golfstaaten-Welt zu zwängen, zur Herausbildung einer neuen katarischen Identität geführt hat, die sich maßgeblich von der vor Juni 2017 unterscheidet, als Katars nationale Identität oft mit transnationalen tribalistischen Strukturen gleichgesetzt wurde.

Während der Blockade findet Katar eine ganz eigene nationale Identität – und erschafft sie neu.

Eine solche Idee ist nicht ohne Beispiel. In seiner viel beachteten Rede „Was ist eine Nation?“, die 1882 an der Sorbonne gehalten wurde, betonte der Gelehrte Ernest Renan die Wichtigkeit der gemeinsamen Erfahrung in der Herausbildung eines Gefühls nationaler Identität. Er argumentierte, ein Volk mit „einer heroischen Vergangenheit, großen Männern und Ruhm – das ist das soziale Kapital, worauf sich eine nationale Idee gründet.“, und dass die durch diese gemeinsame Erfahrung geschaffene Einheit traditionelle Kennzeichen wie Ethnie, Sprache, Religion oder wirtschaftliche Interessen in den Schatten stellt.

Angenommene Ideen einer heroischen Vergangenheit könnten angesichts Katars zartem jugendlichen Alter als souveräner Staat gewiss Stirnrunzeln verursachen, doch in den letzten 12 Monaten haben Kataris bereitwillig ihren eigenen Helden geschaffen: in Gestalt des Emirs Scheich Tamim bin Hamad Al Thani.

Seit dem Beginn der Blockade war Scheich Tamim das Gesicht des katarischen Widerstands gegen die Blockade. Sein Bild ist in Doha so weit verbreitet wie Che Guevaras Konterfei an den Wänden eines Studentenwohnheims. Von Wolkenkratzern bis hin zu Eiscreme, das von seinem Abbild geschmückt wird – eine Welle nationalen Stolzes schwappt durch das Land.

Tamim der Glorreiche vom Künstler Ahmed bin Majed Almaadheed ziert das öffentliche Bild überall in Katar. By courtesy of Apex Events, Facebook, all rights reserved.

Hasta la Independence

In einer erstaunlichen Wendung der Ereignisse ist der Milliardär Sheikh Tamim für viele Kataris zu einer Art Pseudo-Che-Guevara-Figur geworden. Indem er sich weigerte, vor den invasiven Forderungen des viel größeren Saudi-geführten Blocks zu kapitulieren, und auf Katars Recht beharrte, seinen eigenen Weg zu gehen, wurde er zu einem Symbol für die Art von Nation, in dessen Entstehung sich Katar gerne sieht: modern, unabhängig und schlau genug, sämtliche Hindernisse zu überwinden.

Dieser Wunsch nach Unabhängigkeit zeigt sich in der Art und Weise, in der sich viele Kataris auf die Veränderungen seit Juni 2017 eingestellt haben. Katars Reichtum schirmte es von der Art wirtschaftlicher Not ab, die Saudi-Arabien und seine Verbündeten so sehr hofften. Die Türkei, der Oman und andere Handelspartner waren mehr als bereit, das Saudi-förmige Loch auf dem katarischen Markt zu füllen.

Doch anstatt all diese Waren nur von alternativen Anbietern zu importieren, war ein noch bedeutenderes Ergebnis die Art und Weise, wie die katarischen Behörden die Blockade nutzten, um eine langfristige Lösung für das langerklärte Streben des Landes nach Autonomie, Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit zu erarbeiten.

Heute gehören Obst, Gemüse und Milchprodukte Made in Qatar in den Regalen der Supermärkte des Landes zum Alltag – und lassen eine Autarkie erahnen, die nur selten zum Vorschein kam, bevor Saudi-Arabien und seine Partner die Beziehungen kappten.

Die Blockade hat auch zu einer Wiederbelebung der katarischen Kultur geführt. In der Vergangenheit oft von anderen Golfstaaten überschattet, treten lokale Künstler, Musiker und Schriftsteller in den Vordergrund, um jene Inhalte auszugleichen, die Katar offen verleumden.

Kunst statt Auge um Auge

Kinder sitzen an einer Promenade, die Skyline von Doha, der Hauptstadt Katars, im Hintergrund. By Osama Saeed Bhutta, Flickr, licensed under CC BY-NC 2.0.

Anstatt mit einer Art Auge-um-Auge-Kultur zu reagieren, stellten Dohas kulturelle und künstlerische Produktionen Katars Vorzüge ins Zentrum ihrer Arbeit, anstatt Steine zum großen Nachbarn zu werfen. Lieder, Theaterstücke und vor allem das Bild von Sheikh Tamim – insbesondere ein weithin reproduziertes Porträt des Künstlers Ahmed bin Majed Almaadheed, mit dem sehr zurückhaltenden Titel Tamim der Glorreiche – haben ein positives Selbstbild von Katar gefördert.

In den 12 Monaten ihres Bestehens hat die Blockade ihre Ziele verfehlt. Diejenigen, die die rasche Kapitulation Katars vorhergesagt hatten, ließen die Widerstandsfähigkeit des katarischen Volkes vollkommen außer Acht. Denn sie glaubten, dass Faktoren wie Ethnie, Religion, Kultur und wirtschaftliche Interessen ausschlaggebend wären, die Affäre zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Doch während sich die Blockade in ihr zweites Jahr hievt, ist etwas entstanden und wächst unaufhörlich weiter. Heute existiert ein Katar, das entschlossen ist, sich selbst eine Nische zu schaffen.

Statt in einer von saudischen Interessen dominierten Region einfach still und leise an den Katzentisch des Juniorpartners zurückzugehen, hat Katar begonnen, seine Identität zu verändern – wer es ist und was es bieten kann. Wenn die Blockade nicht verhängt worden wäre, ist es unwahrscheinlich, dass dieses neue Katar so schnell entstanden würde.


Dieser Artikel von Ross Griffin erschien zuerst auf Middle East Eye und wurde von Jakob Reimann für Die Freiheitsliebe übersetzt.

Ross Griffin ist Assistant Professor für Postkoloniale Literatur im Department für Literatur und Linguistik an der Qatar University. Seine Forschungsinteressen umfassen die Darstellung der arabischen Welt in westlichen Medien, die Beziehung zwischen Sport und postkolonialer Gesellschaft und die nationale Identität im GCC.

Die Freiheitsliebe sends the best wishes to Ross to Doha and to the Middle East Eye staff to London and says THANK YOU! to everyone involved for their great job – connect critical journalism worldwide!

Über den Autor

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