Korrektur einer soziologischen Fehldiagnose

14. August 2018 - 07:55 | | Politik | 0 Kommentare

Nachdem realitätsferne Sozialwissenschaftler mit Sitz in der Schweiz vergeblich versucht hatten, den Nachweis dafür zu erbringen, dass sich die Lebensverhältnisse in Ost und West qualitativ angeglichen hätten (Blättchen Nr. 12/2018), legte jetzt die Bundesagentur für Arbeit Zahlen vor, die eine andere Sprache sprechen. Im Unterschied zum Befund der Schweizer Soziologen, der unterstellt, dass man nicht so viel rechnen dürfe, sondern vom subjektiven Befinden der Menschen ausgehen müsse, stützt sich die jetzige Analyse auf offizielle Daten zur Einkommens- und Vermögenssituation in Ost- und Westdeutschland.

Danach differieren die Verdienste der Arbeitnehmer auch im 28. Jahr der deutschen Einheit regional immer noch sehr stark und liegen die Löhne und Gehälter im Osten „klar unter dem Niveau“ der Löhne und Gehälter im Westen. So lag der mittlere Bruttoverdienst von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten 2017 im Westen bei 3339 Euro, im Osten aber nur bei 2600 Euro im Monat. Das Ostniveau beträgt danach derzeit 77,9 Prozent des Westniveaus. Die tatsächlichen Einkommen differieren noch weit stärker, da im Osten ein größerer Anteil der Arbeitnehmer prekär beschäftigt und der Anteil der besser verdienenden Selbstständigen und Beamten geringer ist als im Westen. Von einer Angleichung der Lebensverhältnisse kann also, sofern auf die Einkommensentwicklung rekurriert wird, überhaupt keine Rede sein.

Die Daten belegen zudem, dass es falsch ist, wenn behauptet wird, dass das Süd-Nord-Gefälle inzwischen genauso groß sei wie das West-Ost-Gefälle. Die Reihenfolge der Bundesländer in der Lohn- und Gehaltsstatistik beweist das Gegenteil: Ganz oben steht Hamburg mit einem mittleren Bruttoverdienst von 3619 Euro, gefolgt von Baden-Württemberg mit 3546, Hessen mit 3494, Bremen mit 3397 und Bayern mit 3345 Euro. Dann kommen das Saarland mit 3323 Euro, Nordrhein-Westfalen mit 3306 und Rheinland-Pfalz mit 3180 Euro. Auf Platz neun folgt schließlich Berlin, das bei den Einkommen jedoch nach wie vor eine geteilte Stadt ist, mit 3126 Euro, gefolgt von Niedersachsen mit 3087 und Schleswig-Holstein mit 2958 Euro. Die letzten fünf Plätze belegen die fünf neuen Bundesländer mit 2494 Euro bis 2391 Euro. Während die Differenz zwischen den westdeutschen Ländern mit 661 Euro beachtlich ist, beträgt der Unterschied zwischen den neuen Bundesländern nur 103 Euro. Es gibt ihn also immer noch, den Osten, als relativ einkommensschwache Region, verglichen mit dem Westen als einer insgesamt einkommensstarken Region. Selbst im einkommensärmsten westdeutschen Bundesland, in Schleswig-Holstein, verdient man im Durchschnitt monatlich noch knapp 500 Euro mehr als in den neuen Ländern, egal wo.

Als besonders frappierend erscheinen die Unterschiede zwischen einzelnen Städten und Kreisen, etwa zwischen Hamburg, München, Stuttgart, Frankfurt am Main, Düsseldorf, Köln …, verglichen mit Berlin, Dresden, Leipzig, Rostock, Magdeburg, Erfurt. Ein Vergleich soll beispielhaft hervorgehoben werden: Ingolstadt, wo der Bruttoverdienst im Mittel bei 4635 Euro liegt, und Görlitz, wo es nur 2183 Euro sind, was einer Relation von 47,1 Prozent entspricht. Das absolute Gefälle beträgt monatlich 2452 Euro. Auf das Jahr hochgerechnet sind das fast 30.000 Euro Differenz. Auch wenn Mieten in Görlitz weniger kosten als in Ingolstadt, so sind Kartoffeln und Bananen genauso teuer, Autos, Bücher, Fahrkarten, Kraftstoffe und Bekleidung auch. Zudem liegt die Eigentümerquote bei Wohnraum im Westen höher. Die statistisch kaum relevante Differenz bei den Lebenshaltungskosten kompensiert die eklatante Differenz bei den Löhnen und Gehältern folglich nicht. Es bleibt auch in realer Rechnung ein beachtlicher Unterschied, der sich nur als anhaltendes West-Ost-Gefälle erklären lässt.