Ist der Terroranschlag in Ahvaz der Auslöser für den Krieg der USA gegen den Iran?

24. September 2018 - 17:02 | | Politik | 1 Kommentare

Es gibt deutliche Hinweise auf eine Komplizenschaft der Saudis und Emiratis – und möglicherweise der USA – im jüngsten Terroranschlag in Ahvaz im Iran, bei dem 29 Menschen getötet wurden. Sollte dies der Fall sein, ist die Intention dahinter aller Wahrscheinlichkeit nach, eine Vergeltung Teherans – und damit wiederum einen ausgewachsenen Krieg gegen den Iran – zu provozieren, meint Trita Parsi.

Der Iran wurde erneut von einem Terroranschlag heimgesucht. Mindestens 29 Menschen wurden in der südwestlichen Stadt Ahvaz getötet, als Militante das Feuer auf eine Menschenmenge eröffneten, die eine Militärparade besuchten; dem iranischen Pendant zum Memorial Day. Doch anders als frühere Terroranschläge kann dieser einen regionalen Flächenbrand auslösen – der nicht nur die regionalen Rivalen Saudi-Arabien und Iran involviert, sondern auch die Vereinigten Staaten. In der Tat könnte der Anschlag mit genau diesem Ziel ausgeführt worden sein.

Der Terroranschlag – dessen Täterschaft als erstes von einer arabischen Separatistengruppe mit mutmaßlichen Verbindungen zu Saudi-Arabien, der Ahvaz National Resistance, für sich beansprucht wurde – fand nicht in einem Vakuum statt. Die regionalen Rivalen des Iran, insbesondere Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, haben ihren jahrzehntelangen hinter den Kulissen ausgeübten Druck auf die USA, den Iran zu bombardieren, zunehmend öffentlich artikuliert.

Was früher im Privaten gesagt wurde, wird nun unverhohlen in der Öffentlichkeit geäußert. Außerdem beschränken sich die Golf-Monarchien nicht mehr darauf, die USA zu militärischen Aktionen zu drängen, sondern kommunizieren ihre eigene Bereitschaft, den Iran anzugreifen.

Drohungen Saudi-Arabiens und der VAE gegenüber dem Iran

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) kündigt einen Kampf „im Innern des Iran“ an. By kremlin.ru, licensed under CC BY 4.0.

Erst vor einem Jahr erklärte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) in einem Interview, Saudi-Arabien werde den Kampf „im Innern des Iran“ führen.

„Wir werden nicht warten, bis der Kampf in Saudi-Arabien ist“, sagte MbS. „Vielmehr werden wir darauf hinarbeiten, dass der Kampf für sie im Iran stattfindet.“ Diese Erklärung wurde weitgehend als Signal interpretiert, dass Riad die Spannungen mit dem Iran dramatisch verschärfen und seine Unterstützung für verschiedene bewaffnete Gruppen, die sich der Regierung in Teheran widersetzen, intensivieren würde.

Abdulkhaleq Abdulla, ein Berater der Emirate-Regierung in Abu Dhabi, rechtfertigte den jüngsten Anschlag in Ahvaz auf Twitter, es handle sich keineswegs um einen Terroranschlag und dass „eine Verschiebung der Schlacht auf die iranische Seite die erklärte Option“ sei. Angriffe dieser Art, so warnte er unheilverheißend, „werden in der nächsten Phase weiter zunehmen“.

Wenn der Terroranschlag in Ahvaz Teil einer größeren Eskalation seitens der Saudis und der Emirate im Iran war, war sein Ziel wahrscheinlich, den Iran dazu bringen, sich zu rächen und Teherans Reaktion wiederum auszunutzen, einen größeren Krieg auszulösen und die USA in diesen hineinzuziehen, da Riad und Abu Dhabi es militärisch allein nicht mit den Iran aufnehmen können (nachdem sie rund 6 Milliarden US-Dollar im Monat ausgeben, sind sie gar daran gescheitert, die Houthi-Rebellen im Jemen auszuschalten).

Wenn dem so ist, geht es beim Terroranschlag in Ahvaz ebenso darum, den Iran in den Krieg zu treiben, als auch die USA in einen von ihnen forcierten Krieg zu verwickeln. Wie der ehemalige Verteidigungsminister Bob Gates bereits 2010 sagte: die Saudis „wollen die Iraner bekämpfen – bis zum letzten Amerikaner“.

Die Iran-Falken der Trump-Regierung

Die Trump-Regierung ist jedoch vielleicht nicht der allzu unschuldige Zuschauer einer solchen Intrige. Trumps eigene Aktionen und die enge Abstimmung, die wir zwischen seiner Regierung, Saudi-Arabien, den VAE und Israel im Hinblick auf den Iran gesehen haben, lassen eine andere Erklärung möglich erscheinen: Eine, in der die USA selbst aktiv ihre Verbündeten in den Krieg gegen den Iran drängen und wechselseitig von ihren Verbündeten gedrängt werden.

Der Ahvaz-Anschlag ereignete sich nur einen Tag, nachdem US-Außenminister Mike Pompeo eine starke Drohung gegenüber dem Iran aussprach und erklärte, Teheran werde „zur Rechenschaft gezogen“, sollte es weitere Angriffe auf US-Konsulate im Irak geben.

Das US-Konsulat im südirakischen Basra ist in der vergangenen Woche angegriffen worden – mutmaßlich von dem Iran nahestehenden irakischen Schiiten. Die Trump-Administration hat keine Beweise dafür vorgelegt, dass der Iran an diesem Angriff beteiligt war, hat jedoch erklärt, sie werde den Iran angreifen, sollten weitere derartige Angriffe stattfinden.

Das iranische Konsulat in Basra wiederum wurde in dieser Zeit mehrfach angegriffen, wobei Teheran wiederum den USA die Schuld zuschrieb (ebenfalls ohne klare Beweise zu liefern).

Der Unterschied besteht darin, dass die USA eine unverhohlene Drohung ausgesprochen haben, sie würden gegen den Iran Vergeltung üben, obwohl weder Washington noch Teheran Beweise liefern können.

Dieses Muster von kriegslüsternen Statements und Handlungen passt gut zu einem Memo des nationalen Sicherheitsberaters John Bolton – der eine bewiesene Geschichte hat, Geheimdienstinformationen zu manipulieren, um die USA in den Krieg zu treiben –, das Bolton im August 2017 verfasste, bevor er dem Trump-Team beitrat.

Das Memo beschreibt im Detail, wie sich die USA mit Israel und Saudi-Arabien koordinieren sollten, um – auf nationaler und internationaler Ebene – Unterstützung für einen Rückzug aus dem Iran-Nuklearabkommen sowie eine wesentlich aggressivere Politik gegenüber dem Iran aufzubauen.

Präsident Trump und eine US-Delegation auf einem bilateralen Gipfel mit Saudi-Arabiens König Salman ibn Abd al-Aziz, 20. Mai 2017, Riad, Saudi-Arabien. By The White House, Flickr, published under public domain (cropped, edited).

Es wird ausdrücklich erwähnt, dass Chuzestan-Arabern „Hilfe zukommen soll“ – jene Minderheit im Iran also, die die Attentäter der jüngsten Ahvaz-Anschläge vermeintlich repräsentieren wollen. Bolton argumentiert auch, dass die Trump-Administration vom Iran Wiedergutmachungszahlungen für Irans nicht-existente Rolle in den Anschlägen vom 11. September 2001 fordern und Teheran in einer Politik der Konfrontation unaufrichtige Dialogangebote aussprechen solle [genau das, was Trump vor wenigen Wochen tat, Anm. J.R.].

Die Iran-Politik der Trump-Regierung folgt dem Bolton-Memo nahezu Punkt für Punkt. Der Aufruf zur Unterstützung der Chuzestan-Separatisten ist hierbei besonders verwerflich. Dies wirft den legitimen Verdacht auf, dass – sollte der jüngste Terrorangriff die Fingerabdrücke der Saudis und Emiratis aufweisen – es nicht so sehr ein Versuch der Golf-Monarchien sein könnte, die USA in den Krieg zu ziehen, sondern dass Trump selbst auf dem Fahrersitz operiert.

Für Saudi-Arabien und die VAE ist dies strategisch sinnvoll – ist ihre Fähigkeit, es auf lange Sicht mit dem viel größeren und kohärenteren Iran aufzunehmen, doch äußerst fragwürdig. Wenn sie die USA jedoch dazu bringen können, ihre militärische Präsenz im Nahen Osten weiter hochzufahren, können sie diese amerikanische Macht nutzen, um dem Iran die Stirn zu bieten.

Für Amerika – das im Nahen Osten bereits zu Lasten seines strategischen Interesses in Asien und zu Hause überfordert ist – macht all dies wenig Sinn.


Dieser Artikel von Trita Parsi erschien zuerst auf Middle East Eye und wurde von Jakob Reimann für Die Freiheitsliebe übersetzt.

Trita Parsi erhielt 2010 den mit $200,000 dotierten Grawemeyer Award for Ideas Improving World Order. Er ist ein preigekrönter Buchautor: ‚Treacherous Alliance – The Secret Dealings of Israel, Iran and the US‘, ‚A Single Roll of the Dice – Obama’s Diplomacy with Iran‘, sowie  Losing an Enemy – Obama, Iran and the Triumph of Diplomacy. Parsi ist Präsident des National Iranian American Council und gilt als einer der weltweit renommiertesten Iran-Experten.

Die Freiheitsliebe sends the best wishes to Trita Parsi to the States and to the Middle East Eye staff to London and says THANK YOU! to everyone involved for their great job – connect critical journalism worldwide!

Über den Autor

Middle East Eye ist ein 2014 in London gegründetes Online-Newsportal, das auf Englisch und Französisch über sämtliche Themen rund um den Nahen und Mittleren Osten berichtet. Es ist unabhängig finanziert und keiner Regierung oder Bewegung angegliedert. MEE verfügt über ein großes Netzwerk an Aktivisten und Reportern vor Ort und bietet daher authentische Einblicke in die Konflikte der Region. Neben Al Jazeera und The New Arab ist MEE Teil des jüngsten Soft-Power-Kriegs im Zuge der Katar-Krise. Die Internetpräsenz des Portals ist daher in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Saudi-Arabien geblockt. Seit Juli 2017 pflegt Die Freiheitsliebe eine Kooperation mit Middle East Eye.

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