Geburtsschmerz

17. November 2019 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

Trotz steigender Geburtenraten wird ein Kreißsaal nach dem anderen geschlossen, denn es fehlt an Hebammen. Tabea wollte darum wissen, warum das so ist, und hat sich auf den Weg nach Hamburg gemacht.

Julia ist 26 Jahre alt und arbeitet als Hebamme in Hamburg. Heute ist ihr letzter Urlaubstag, ab Montag geht es wieder los. Obwohl sie ihren Beruf liebt, merke ich ihr an, dass bei dem Gedanken daran nicht nur Freude aufkommt. Als sie 2013 ihre Ausbildung begann, gab es noch deutlich mehr Bewerberinnen als Ausbildungsplätze. Inzwischen sieht es ganz anders aus – und dass die Ausbildung unter den gegenwärtigen Bedingungen niemand mehr machen will, wundert Julia kein bisschen.

Alles neu macht der B.Sc.?

Im Mai dieses Jahres wurde vom Bundeskabinett eine Reform der Hebammenausbildung beschlossen: die Ausbildung soll zukünftig ausschließlich als duales Studium stattfinden. Ich frage Julia, was sie von der Akademisierung der Ausbildung hält. Sie ist der Meinung, dass eine wissenschaftlichere Ausrichtung zur Verbesserung der Lehre auf jeden Fall sinnvoll wäre, zumal dies vielleicht sogar die verkrusteten Hierarchien zwischen Hebammen und Ärztinnen aufbrechen könnte. Allerdings sei es offensichtlich, dass es in erster Linie darum gehe, dem Beruf einen moderneren Anstrich zu verpassen, um ihn wieder attraktiver zu machen.

Aber ob sich allein durch neue Abschlüsse an den miesen Berufsbedingungen etwas ändert, ist fraglich. Ein akademischer Abschluss schützt heute nicht automatisch vor prekären Lebensverhältnissen – erst recht nicht in den Städten, in denen der Hebammenmangel besonders groß ist: München, Berlin, Frankfurt, Hamburg… Die Liste ist lang.

Der Druck steigt

Weil aus Kostengründen zunehmend Kreißsäle in kleineren Städten und Gemeinden geschlossen werden, wird die Zentralisierung in den Großstädten weiter zunehmen, sich das Problem also weiter verschärfen. Schließlich werden nicht automatisch mehr Hebammen eingestellt, bloß weil es mehr Bedarf gibt. Stattdessen steigt der Stress für diejenigen, die überhaupt noch bereit sind, im Kreißsaal zu arbeiten – laut dem Deutschen Hebammenverband sind das gegenwärtig gerade noch 50% der Hebammen in Deutschland. Warum ist das so?

Julia erzählt mir, dass das auch viel mit mangelnder Anerkennung zu tun hat – sowohl in der Gesellschaft als auch im Krankenhaus: „Junge Hebammen erleben während ihrer Ausbildung eigentlich alle das Gleiche: es gibt extreme Hierarchien und sie werden als billige Hilfskräfte wahrgenommen. An Kollegialität zwischen den Hebammen im Krankenhaus mangelt es stressbedingt oft total. Und dann wundern sich immer alle, dass die frisch ausgebildeten Hebammen nicht mehr im Kreißsaal arbeiten wollen wegen der Erfahrungen, die sie dort gemacht haben.“

Das Hauptproblem heißt Fallpauschale

Vor allem geht es aber darum, dass vorhandene Gelder völlig falsch eingesetzt werden. Statt mehr Stellen zu schaffen und diese auch angemessen zu bezahlen, setzen die Geschäftsführungen der Klinik-Konzerne lieber auf schnieke Hightech-Ausstattung, um Patientinnen und Patienten anzulocken. Geburten werden von den Kassen jedoch nicht nach spezifischem Aufwand bezahlt, sondern mit so genannten Fallpauschalen. Diese bleiben gleich – ganz egal, ob eine Geburt fünf Stunden dauert oder fünfzehn. Um Kosten zu sparen, haben Kliniken ein großes Interesse daran Entbindungen möglichst schnell durchzuführen. Das wiederum hat die Kaiserschnittrate in Deutschland enorm in die Höhe getrieben: mit gut 30% liegt sie deutlich über den 10%, die die WHO als medizinisch notwendig angibt.

Da ist es kein Wunder, dass viele Hebammen unter diesen Bedingungen nicht weiterarbeiten wollen, sich entweder selbstständig machen oder ihren Beruf komplett aufgeben. Die Selbstständigkeit hat neben Vorteilen wie flexibleren Arbeitszeiten, mehr Zeit für die Patientinnen und bessere Verdienstmöglichkeiten jedoch so einige Tücken: Krankheit bedeutet Verdienstausfall. Und die mittlerweile horrenden Haftpflichtprämien muss die Hebamme seit 2015 zwar nicht mehr selbst aufbringen, aber zumindest vorstrecken. Das allein kann existenzbedrohend sein: seit 2002 haben sich die Prämien für Hebammen, die Geburtshilfe leisten, mehr als verzehnfacht – aktuell liegen sie bei über 8000€ jährlich. Leisten kann sich das eigentlich nur, wer anderweitig abgesichert ist oder bereit ist, massenhaft 12-Stunden-Schichten zu übernehmen. 

Aber die Probleme sind nicht plötzlich dagewesen, sondern über lange Zeit hinweg gewachsen. Unterbezahlung, massiver Personalmangel, Überstunden sind insbesondere im Krankenhaus nichts Neues. Warum hört man also so wenig davon, wenn man nicht selbst vom Hebammenmangel betroffen ist?

Gesellschaft ohne Bewusstsein

“Wie wichtig eine Hebamme ist, ist den meisten eigentlich nur während der Schwangerschaft und im Wochenbett bewusst”, erklärt mir Julia. Danach verschwinde man irgendwie wieder aus dem Bewusstsein. Die meisten Leute unterschätzen auch, wie anstrengend der Beruf ist – sowohl körperlich als auch emotional. Ständige Erreichbarkeit wird als Selbstverständlichkeit angenommen. 

Einen Teil des Problems sieht Julia auch beim Selbstverständnis der Hebammen. Gerade die älteren sagen: Unser Beruf ist eine Berufung, wir sind die Wegbereiterinnen des Lebens – dafür wird auch ein Burnout in Kauf genommen. Dieses Selbstbild hat über Jahrzehnte dazu beigetragen, dass die Arbeitsbedingungen sich teilweise widerstandslos verschlechtern konnten. Streik ist für viele Hebammen oft ein moralisches Dilemma, weil sie das Gefühl haben, dass sie damit die werdenden Mütter im Stich lassen. Aber es findet gerade ein Generationenwechsel statt: die jüngeren Hebammen sind nicht mehr dazu bereit, sich für den Job kaputt zu arbeiten. Allerdings weiß Julia auch: “Leider sind wir bisher eine massiv unorganisierte Berufsgruppe und es wird sich nur etwas ändern, wenn endlich der Großteil anfängt zu sagen: Nicht mit uns.!“

Tabea (studiert Germanistik und) ist im SDS Leipzig aktiv. Unter den derzeitigen Bedingungen möchte sie sich lieber nicht vorstellen, wie es ist, ein Kind zu bekommen

Der Beitrag erschien in gedruckter Version in der Critica.


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