Die pro-israelische Linke in Deutschland hat ein neues Ziel gefunden: Juden.

26. Januar 2020 - 13:46 | | Politik | 3 Kommentare
Antideutsche

Der israelische Historiker und Kulturkritiker Ofri Ilany widmete seine wöchentlichen Haaretz-Kolumne „Unter der Sonne“ dem Phänomen der Antideutschen, die er mit ironischer Schärfe für die israelischen Leser analysiert. Damit auch die deutschsprachige Leserschaft in den Genuss kommt eine Außenperspektive auf die Eigentümlichkeiten der hiesigen Politik zu lesen, veröffentlichen wir eine Übersetzung des Artikels aus dem hebräischen Original, die mit der Genehmigung des Autors leicht bearbeitet wurde:

Eine aggressive Gruppe von Deutschen richtet ihre wütenden Angriffe auf jeden, der der Kritik an Israel verdächtigt wird. Gegenstand der Angriffe in diesem Fall sind Institutionen der jüdischen Geschichte und der Antisemitismusforschung.

Ich habe Thomas, einen enthusiastischen jungen Deutschen, vor mehr als zehn Jahren bei einer linksradikalen Demonstration in Berlin kennengelernt, die sich gegen die Feierlichkeiten zum Anlass des Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung richtete. Da die offizielle Veranstaltung zum Tag der Einheit proppenvoll und polizeigesichert war, zog ich es vor, an der gegnerischen Protestkundgebung teilzunehmen, die für mich faszinierender klang. Es sollte eine anti-nationalistische Kundgebung sein, die vor den Gefahren eines patriotischen Diskurses über die „Einheit der Nation“ warnen sollte. Aber als ich ankam, war ich überrascht, dass viele der Demonstrierenden die israelische Flagge schwenkten. Thomas war einer von ihnen und lief mit einer blau-weißen Flagge auf der Straße umher. Als ich halblaut fragte, warum er ausgerechnet die israelische Flagge bei sich trägt, immerhin die Flagge eines Staates, der seit Jahrzehnten mit Deutschland eng verbunden ist, bekam ich von Thomas als Erklärung: „Ich bin anti-national und hasse jede Flagge, mit Ausnahme der israelischen Flagge, weil Israel die Antwort auf den Faschismus ist.“ Dann schloss er sich den anderen Demonstranten an und brüllte: „Opa, Oma, keine Tränen, ihr seid keine Opfer, sondern Täter.“

So wurde ich mit dem politischen Phänomen der „Antideutschen“ bekannt. Ursprünglich war es eine exotische Strömung, die aus der maoistischen radikalen Linken hervorging und sich unter dem Motto „Nie wieder Deutschland“ der Legitimität einer deutschen Nation nach dem Nationalsozialismus widersetzte. In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Antideutschen begonnen, sich hauptsächlich aufeines zu konzentrieren: jeden und jede, der/die Kritik an der israelischen Politik äußert, und sei sie noch so milde, rücksichtslos zu attackieren. Ihre Weltanschauung ist bemerkenswert simpel: Antisemitismus sei die Quelle des Bösen, und weil Israel die Antwort auf Antisemitismus sei, sei Israel das absolut Gute.

Dementsprechend wird in Demonstrationen und Facebook-Posts dieser linken Gruppierungen sogar gefordert, den Gaza-Streifen flächendeckend zu bombardieren – was nicht anders bedeutet, als zu einem Völkermord aufzurufen. Und es wird noch absurder. Sogar die Forderung nach Regulierung des Finanzsystems wird von den Antideutschen pauschal als Antisemitismus angesehen, weil sich dahinter zwangsläufig eine Feindschaft gegenüber jüdischen Bankiers und dem internationalen Zionismus verberge. Weibliche Meditationssitzungen, deren Teilnehmerinnen Hände halten und sich mit der Großen Mutter verbinden, werden ebenfalls von den Intellektuellen dieser Strömung angegriffen: Sie behaupten, dies sei ein heidnisches Ritual, das sich gegen den jüdischen Monotheismus richtet. 

Laut der hebräischen Wikipedia sind die Antideutschen eine „antinationalistische und kommunistische Bewegung“. Es ist jedoch bereits schwierig, sie als Kommunisten zu bezeichnen und noch schwieriger sie mit Antinationalismus in Verbindung zu bringen. Die Antideutschen sehen sich auch nicht mehr unbedingt als Linke, viele von ihnen fühlen sich eher dem Wirtschaftsliberalismus zugeneigt und einige sind sogar bereit, sich an die Seite der rechtsextremen AfD zu stellen, da sie behauptet Israel bedingungslos zu unterstützen.

Das alles mag wie die Beschreibung einer seltsamen ideologischen Sekte klingen. Und tatsächlich zählt diese Szene kaum mehr als einige tausend Anhänger/innen. Aber im gegenwärtigen politischen Klima, in dem das Randständige zum Mainstream wird und umgekehrt, ist diese Weltanschauung in den letzten Jahren zu einem Phänomen geworden, das den Rahmen des Anekdotischen sprengt. Anhänger/innen dieser Strömung haben heutzutage großen Einfluss auf Parteien, zivilgesellschaftliche Organisationen und sitzen in den Redaktionsräumen der wichtigsten Zeitungen in Deutschland und mittlerweile auch in Österreich und der Schweiz. Insbesondere in Berlin wurden sie dominant. Auch Thomas, der enthusiastische Demonstrant, wurde seitdem zum Kulturredakteur in einer angesehenen Zeitung.

Journalist/innen und Aktivist/innen aus der antideutschen Strömung sind heutzutage auch die treibende Kraft hinter den Angriffen auf Institutionen in Berlin, die sich mit jüdischer Geschichte und sogar mit dem Studium des Antisemitismus befassen. Dies bezieht sich hauptsächlich auf das Jüdische Museum in Berlin, das derzeit besonders drastisch angegriffen wird. Der frühere Direktor der Institution, der Judaist Peter Schäffer, wurde durch die Verleumdungen pro-israelischer Aktivist/innen zum Rücktritt gezwungen. Weil das Museum auf Twitter einen Artikel über eine Petition von Israelis zur Redefreiheit geteilt hatte, wurde Schaefer vorgeworfen, BDS und damit Antisemitismus zu unterstützen. Später wurde die Direktorin der Akademie des Museums, Yasemin Shooman, zur Zielscheibe der Angriffe. Ihr wird vorgeworfen, es gewagt zu haben, antisemitische Angriffe mit Angriffen gegen Muslime zu vergleichen. Thomas Thiel, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung, veröffentlichte einen Artikel, in dem er sogar behauptete, Shooman habe das Museum – ein Museum für jüdische Geschichte wohlgemerkt – zum Zentrum des „politischen Islam“ gemacht.

Tatsächlich wird der intellektuelle Diskurs konsequent an den der israelischen Rechten angeglichen. Wenn es um Israel geht, veröffentlichen die angesehensten journalistischen und akademischen Publikationen in Deutschland Artikel, die so plump und populistisch klingeln, als würden sie aus dem israelischen Pendant von Breitbart oder Politically Incorrect kopiert. Auch das Institut zur Antisemitismusforschung an der TU Berlin – eines der wichtigsten Forschungszentren auf seinem Gebiet in Deutschland – ist in die Auseinandersetzung geraten und wurde des Antisemitismus beschuldigt.

Die Antideutschen fordern, dass jede Auseinandersetzung mit Antisemitismus ihrer dogmatischen Linie unterliegt. Ideen und Meinungen, die an israelischen Universitäten ohne besondere Probleme geäußert werden können, lösen Stürme der Entrüstung in Berlin aus. Deutsche Hitzköpfe, von denen einige Nachkommen von Nazis sind, zögern nicht, jüdische und israelische Linke als Antisemit/innen zu beschimpfen. Gelehrte, die ihr Leben lang dem Studium des Judentums gewidmet haben, laufen auf Zehenspitzen, aus Angst, etwas zu sagen, das nicht zu dieser absurden Vorstellung von Realität passt. 

Niemand scheint den Wahnsinn der Antideutschen aufzuhalten, deren Treiben immer mehr an die Evangelikalen oder andere pro-israelische rechtsextremen Gruppen erinnert. Es besteht die berechtigte Sorge, dass selbst, wenn die israelische Regierung beschließe, alle Palästinenser/innen abzuschieben oder den Libanon zu annektieren, ihre Verteidiger/innen in deutschen Zeitungen jegliche Kritik verbieten würden.

Eigentlich interessieren sich Letztere auch nicht wirklich für Israel. Obwohl Israel scheinbar das Zentrum ihrer Welt ist, ist ihr Wissen über die israelische Gesellschaft und Politik in der Regel eher beschränkt. Was sie viel mehr interessiert, ist eine Kultivierung von Selbstgerechtigkeit, die mittlerweile alarmierende Ausmaße erreicht hat. Weil die NS-Vergangenheit und der Holocaust die Grundlage der deutschen Identität nach dem Zweiten Weltkrieg sind, fordern sie im Grunde den Rest der Welt auf, sich ihre Identität überzustülpen.  

Aus der gegenwärtigen Atmosphäre in Berlin, der ehemaligen Hauptstadt des Dritten Reiches, lässt sich der Stand der Antisemitismusdebatte 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ablesen. Die Gleichsetzung von Kritik an Israel und Antisemitismus nimmt immer zwingendere Formen an. Jede andere Vorstellung wird rigoros abgelehnt. Das Treffen der Staats- und Regierungschefs in Jerusalem dieser Woche verkörpert diese Sicht der Realität, die die Geschichte und die Moral vollständig den gegenwärtigen Interessen der israelischen Regierung unterwirft. So wurde der Holocaust-Tag zum Iran-Tag. In der neuen Version des Holocaust ist Hitler nur noch der Vorläufer Khameneis und Netanjahu ist Anne Franks zeitgenössische Verkörperung.

Aber es geht nicht nur um Israel. Der neuen deutschen Ideologie liegt der „kategorische Imperativ“ Adornos zugrunde: Alles zu tun „dass sich Auschwitz nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe.“ Es hört sich gut an, aber mittlerweile stellt sich heraus, dass dieser Imperativ ein schlechter Kompass ist, und jeder, der sich darauf verlässt, wird den Weg verlieren. Jeder, der sein gesamtes Weltbild darauf ausrichtet, ein einziges, spezifisches Verbrechen nicht zu wiederholen – und sei es das abscheulichste Verbrechen in der Geschichte -, kann zu irrwitzigen Schlussfolgerungen kommen. Es stellt sich heraus, dass unter dem Motto der Bekämpfung des Antisemitismus man mörderische Handlungen rechtfertigen, die Meinungsfreiheitverletzen, Juden verleumden und vor allem die Vernunft verhöhnen kann.


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