Die Causa Mendívil – wie eine palästinasolidarische Dozentin mundtot gemacht werden soll

19. Januar 2017 - 12:18 | | Politik | 2 Kommentare
Eleonora Roldán Mendívil

„Israelhetze mit Lehrauftrag an Berliner Uni?“ mit diesem reißerischen Titel beginnt der diffamierende Artikel auf dem rechten Blog „boasinfo – facts, info, opinion“, der am 25.12.2016 erschien. Darin wird die Dozentin Eleonora Roldán Mendívil mit schweren Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Zwei Wochen später gibt das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin bekannt, dass Mendívil vorerst keine weiteren Lehraufträge erhalten werde. Doch wie konnte ein einfacher Blog-Eintrag derart weitreichende Wirkungen entfalten?

Der Verfasser des Blogeintrages, Andreas B., der auf seinem Twitter-Account mit Deutschland- und Israelfahne posiert, wirft Mendívil vor, den Israelischen Staat als Kolonialstaat zu delegitimieren und von einer Besatzung Palästinas zu sprechen. Ein Großteil seiner Kritik beschäftigt sich zudem mit mangelnder Wissenschaftlichkeit Mendívils und ihrer marxistischen Haltung. Am Ende des Eintrags wird gefordert, den Lehrauftrag Mendívils zu überprüfen. Zwei Wochen später veröffentlichte die „Jüdische Rundschau“ den Blogartikel fast eins zu eins in ihrer Zeitung. Der sich selbst als „unabhängiger Nahost Think-Tank“ bezeichnende Blog „mena-watch“ folgte wenig später ebenfalls und begründete die Antisemitismusvorwürfe mit Aussagen Mendívils zu u.a. der vermeintlichen Verharmlosung „palästinensischen Terrors“, sowie ihrer Unterstützung für die BDS-Kampagne. Keiner der Artikel versucht dabei, die Vorwürfe anhand von Inhalten oder Aussagen der Dozentin im Seminar nachzuweisen, sondern alle beziehen sich auf Aussagen Mendívils, die sie in Posts aus 2014 und 2015 auf ihrem persönlichen Blog veröffentlichte. Auch die Gruppe „Gegen jeden Antisemitismus an der Freien Universität“ forderte daraufhin Mendívil den Lehrauftrag zu entziehen.
Mendívil, die seit diesem Wintersemester ein Seminar zu „Kapitalismus und Rassismus“ am Otto-Suhr-Institut anbietet, beschäftigt sich besonders mit den Themen Geschlechterforschung, Postkolonialer Theorie, Critical Race Studies, Migrationsforschung sowie marxistischer Theorie. Ihr Seminar ist mit bis zu 70 Teilnehmenden eines der Beliebtesten des Semesters.
In seiner Begründung, Mendívil keine weitere Lehrauftrge zu geben, bezieht sich das Otto-Suhr-Institut, dann auch „auf den Seminarplan oder „die Leitung der Lehrveranstaltung“, sondern die „mögliche Eignung der Dozentin für einen wissenschaftlichen Umgang mit Lehrinhalten“. Etwaige Vorkommnisse während des Seminars kann das Otto-Suhr-Instiut offensichtlich nicht nennen, ihre Eignung wird allein aufgrund ihrer politischen Äußerungen abseits der Uni in Frage gestellt.
Viele Studierende solidarisieren sich aber auch mit Mendívil und sehen die Antisemitismusvorwürfe als Diffamierungskampagne gegen eine kritische, palästinasolidarische Dozentin. Sie fordern in ihrer Petition die Rücknahme der öffentlichen Stellungnahme des Otto-Suhr-Instituts und Mendívil auch künftig Lehraufträge zu erteilen. Die Petition findet sich hier. Ein Interview mit Eleonora findet sich hier.

Ein Gastbeitrag von Katharina Schramm, sie studiert an der FU Berlin und ist dort aktiv in Die Linke.SDS

Über den Autor

2 Kommentare

  • 1
    Interessierter says:

    Hallo Katharina,

    hättest Du Interesse an einer Diskussion dieses Themas in kleinerer Runde, damit ich Deine Position besser verstehen kann? Ich bin auch an der FU, vielleicht kann man sich da mal treffen?

  • 2
    Silvia Roldan says:

    Man ist nicht antisemitisch wenn man die Besatzungspolitik Israels kritisiert.