Dead Cheap Fashion – Wenn Europäer die Textilproduktion sehen

24. Januar 2015 - 16:49 | | Politik | 1 Kommentare

In Norwegens-Modewelt sind sie wie Götter: Sie urteilen darüber, was In und was Out ist: Anniken, Frida und Ludvig sind drei angesagte Fashion-BloggerInnen. Alleine Anniken hat auf Instagram mehr als 80.000 FollowerInnen und 10.000 Seitenaufrufe täglich. Doch über die Herkunft ihrer Klamotten machen sie sich keine Gedanken. In Kambodscha stellen Zehntausende Näherinnen unter unmenschlichen Bedingungen in Sweatshops* für wenige Euro am Tag Kleidung her. Viele Europäer wissen es, doch wenigen ist es bewusst. Die norwegische Tageszeitung Aftenposten hat die drei erfolgreichen ModebloggerInnen nach Kambodscha geschickt. Die dabei entstandenen schockierenden Bilder sind als Dokumentation Dead Cheap Fashion frei im Netz Verfügbar.

Den Lebensalltag nachempfinden, sich in die Lebenswelt der Näherinnen begeben. Das ist es, was alle drei im Kambodscha tun sollen. Dabei müssen sie etliche Stunden an Nähmaschinen arbeiten. Was für sie am Anfang noch wie ein ulkiger Spaß wirkt, lässt sie schnell ermüden: „Für unter 20 Euro die Stunde würde sie den Job nie machen“ erklärt Frida. Die NäherInnen in der Fabrik die sie besuchten erhalten drei Dollar am Tag und sie haben keine Wahl, sie müssen arbeiten. Die jüngste der drei Bloggeringen, Anniken, will die Ausbeutung am Anfang nicht wahrhaben und bedient mit Sprüchen den üblichen Alltagsrassismus: Dass ArbeiterInnen auf dem Boden sitzen sei ja kulturelle bedingt. Und überhaupt ihre Emsigkeit und die Arbeit an der Nähmaschine sei ja gar keine körperlich anstrengende. Erst als sie mit einer 19 jährigen spricht, deren Mutter trotz Zweitjob verhungerte, bricht sie zusammen und kann mit dem Weinen nicht mehr aufhören.

Wissen und bewusstes Begreifen ist ein Unterschied

Die drei jungen NorwegerInnen machen eine wichtige Erfahrung: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wissen das Ungerechtigkeit und Ausbeutung auf der Welt existieren und dem bewussten wahrnehmen, wenn sich die Erkenntnis in einem breit macht: Scheiße, warum ist die Welt so beschissen? Die Erkenntnis darüber das Millionen Menschen auf der Erde wie Sklaven arbeiten müssen, damit Unternehmen und Supperreiche größtmögliche Profite erwirtschaften können. Der Erkenntnis, dass nicht jeder Mensch, egal wie hart man arbeitet, seines eigenen Glückes Schmied ist und, solange es einen Reichen gibt, irgendwer auf der Welt arm ist.

NäherInnen im Kambodscha (Screenshot Dokumentation Sweatshop)

NäherInnen im Kambodscha (Screenshot Dokumentation Sweatshop)

Kapitalismus – Der Zustand der Welt

Die Dokumentation zeigt in einer knappen Stunde in fünf Teilen, was das Ergebnis kapitalistischer Produktionsweise ist. Erst als sie mit ihrem Tageslohn von insgesamt neun Dollar in den Supermarkt gehen stellen sie fest: Es ist unmöglich mit dem Gehalt zu überleben. Für diesen „Augen auf“ Effekt muss man die Dokumentation loben. Sie zeigt das Leid der Frauen Kambodschas, die bereits für für Löhne über 150 Dollar kämpfen müssen. Kritisieren muss man die Dokumentation jedoch an einem Punkt: Namen von Modeketten und Labeln fallen kaum, dabei ist klar: Egal ob Prada oder H & M, alle lassen in Billiglohnländern herstellen oder holen sich Leiharbeiter aus China und Südostasien, um dann ganz „elegant“ made in Italy, Germany, USA etc. auf ihre Kleidung nähen zu können.

* Ein Sweatshop bzw. Ausbeutungsbetrieb ist eine abwertende Bezeichnung für Fabriken bzw. Manufakturen, üblicherweise in einem Entwicklungsland, in denen Menschen zu Niedriglöhnen arbeiten.

Über den Autor

Bundessprecher der linksjugend ['solid] und Wortakrobat für die Freiheitsliebe, Balkan21 und andere Medien.
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Ein Kommentar

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    Florian Hohenwarter sagt:

    Passt nicht gerade zur Überschrift, aber ich möchte dieses Video hier trotzdem nochmal reinstellen, da mich es immer noch wundert, warum es so wenig verbreitet ist.

    Der ehemalige Spiegel Journalist Harald Schumann redet Klartext und prangert die Interne Pressefreiheit in Deutschland an.

    Schumann: “… das ist in der deutschen Presse Gang und Gäbe, dass Chefredakteure oder Resortleiter ihren Untergebenen sagen, wie sie zu denken haben. Dass Vorgaben gemacht werden, was sie recherchieren dürfen und was nicht, und dass viele junge Kollegen daran gehindert werden überhaupt kritische Journalisten zu werden weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen.”

    Interviewer: “Sie nehmen ausdrücklich die ÖR-Anstallten nicht aus, warum?”

    Schumann: “Weil ich genügend Kollegen aus ÖR-Anstallten kenne, die mir genau solche Geschichten berichtet haben und mir das hundertfach bestätigt haben. Insofern, die sind da nicht aus zunehmen.”

    https://www.youtube.com/watch?v=d1ntkEbQraU