„Collateral Murder“ und das Massaker von Mỹ Lai

11. Juli 2020 - 12:30 | | Politik | 0 Kommentare

Der Journalist, der das Massaker von Mỹ Lai mitaufdeckte, wurde von der New York Times übernommen. Julian Assange, der die Morde an irakischen Zivilisten mitaufdeckte, sitzt – genau so wie die Whistleblowerin Chelsea Manning – in Haft. Der Vergleich der Reaktionen auf die Beweise zweier Kriegsverbrechen offenbart, wie sehr sich die USA in den letzten 50 Jahren verändert haben.

von Joe Lauria aus dem Englischen von Susanne Hofmann für die NachDenkSeiten.

Anmerkung Freiheitsliebe-Editor: Es wurde bewusst darauf verzichtet, Bilder des Mỹ-Lai-Massakers hier abzubilden, die extreme Gewaltszenen zeigen, weil dies der Philosophie der Seite zuwiderläuft. Aus dokumentarischen Zwecken ist das „Collateral Murder“-Video hingegen mit einem Warnhinweis eingebettet.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Collateral Murder“ und das Mỹ-Lai-Massaker

Um den Wandel der Reaktionen vonseiten des US-Militärs, der Mainstream-Medien und der Öffentlichkeit auf ein US-Kriegsverbrechen abzuschätzen, muss man nur die Reaktion auf zwei der abscheulichsten amerikanischen Verbrechen vergleichen: das Mỹ-Lai-Massaker in Vietnam und das Abknallen unschuldiger Iraker auf einer Straße in Bagdad im Jahr 2007.

Von letzterem gibt es ein Video, das vom Cockpit des angreifenden Apache-Helikopters aus aufgenommen wurde und vor zehn Jahren von WikiLeaks veröffentlicht wurde. WikiLeaks erhielt das Video von der gewissenhaften Nachrichtendienst-Analytikerin Chelsea Manning.

WARNUNG: Das folgende Video zeigt Szenen brutaler Gewalt und das Töten von Menschen!

Der Mỹ-Lai-Vorfall wurde im November 1969 durch die Berichterstattung des investigativen Journalisten Seymour Hersh öffentlich bekannt gemacht. Ein Whistleblower, der ehemalige Vietnam-Soldat Ronald Ridenhour, hatte Anfang 1969 zunächst an das Weiße Haus, das Pentagon, das Außenministerium und an Kongressmitglieder geschrieben und glaubwürdige Details zum Massaker enthüllt. Dies führte zu einer Untersuchung des Vorfalls durch das Militär.

Diese ergab, dass Soldaten der US-Armee am 16. März 1969 im Dorf Mỹ Lai 504 unbewaffnete Menschen getötet haben, Männer, Frauen und Kinder. Einige Frauen wurden Opfer von Massenvergewaltigungen durch Soldaten. Die militärischen Ermittlungen führten dazu, dass 26 Soldaten angeklagt wurden. Nur einer, Leutnant William Calley Junior, ein Kommandant des ersten Platoon der C-Kompanie, wurde verurteilt. Er wurde des vorsätzlichen Mordes an 109 Dorfbewohnern für schuldig befunden. Von seiner lebenslänglichen Haftstrafe verbüßte er letztlich nur dreieinhalb Jahre unter Hausarrest.

Doch Calleys Verurteilung wurde vom Militär weitgehend vertuscht. Die New York Times brachte am 7. September 1969 lediglich einen kurzen Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press mit wenigen Angaben. Hersh jedoch hörte von dem Vorfall durch eine Quelle im Militär und begann herumzustochern. Schließlich gelang es ihm, Calley in Georgia aufzuspüren und durfte sogar Notizen zu seinem Fall lesen, die unter Verschluss waren. Hersh hatte seine Story beisammen. Er bot sie den Zeitschriften Look und Life an, bekam aber Absagen. Schließlich veröffentlichte der freie Journalist seine Story bei der relativ unbekannten Agentur Dispatch News Service.

Unidentifizierte Leichen in der Nähe eines brennenden Hauses. Mỹ Lai, Vietnam. 16. März 1968. By Ronald Haeberle, Wikimedia Commons, published under public domain.

Nach Hershs Enthüllung gab es einen öffentlichen Aufschrei. Die Geschichte wurde von Zeitungen im ganzen Land aufgegriffen und landete auf den ersten Seiten der New York Times und der Washington Post. Die Enthüllungen befeuerten die Anti-Kriegs-Stimmung und den Hass auf Präsident Richard Nixon. Zwei Tage nach der Veröffentlichung von Hershs Story versammelten sich rund 250.000 Kriegsgegner am Washington Monument. „Die Demonstration war größer als der Marsch auf Washington der Bürgerrechtsbewegung 1963 und locker die größte – und vielleicht die jüngste – Antikriegs-Demo, die es je in den Vereinigten Staaten gegeben hatte“, berichtete die Post.

40 Jahre nach dem Mỹ-Lai-Vorfall eröffneten am 12. Juli 2007 Apache-Kampfhubschrauber, die im Luftraum über Bagdad patrouillierten, das Feuer auf eine Gruppe Zivilisten auf einer Straße unter sich. Dabei töteten sie eine Reihe Menschen, darunter zwei Reuters-Journalisten und den Fahrer eines Transporters, der die Verletzten aufsammeln wollte.

Während des Mỹ-Lai-Vorfalls landete ein mutiger amerikanischer Soldat seinen Hubschrauber zwischen den Zivilisten, die sich niederkauerten, und den vorrückenden GIs und sagte den Amerikanern, er würde auf sie schießen, wenn sie nicht aufhörten. In Bagdad setzte sich der US-Soldat Ethan McCord über die Befehle seiner Vorgesetzten hinweg und rettete zwei irakischen Kindern das Leben.

Wo die Parallelen enden

Einige Parallelen zwischen den beiden Ereignissen sind unheimlich. Doch was sich jeweils daraus entwickelte, war vollkommen unterschiedlich. Beides waren Geschichten eines Massakers des US-Militärs an unschuldigen Zivilisten, lediglich zwei Beispiele vieler solcher Massaker in Vietnam und im Irak. Beide nahmen ihren Anfang mit einem Whistleblower, Ridenhour im Falle von Mỹ Lai und Manning im Falle von Bagdad. Beide Storys wurden von großen Medien abgelehnt und fanden schließlich in unbekannten Medien Platz. Die Veröffentlichung machte WikiLeaks dann weithin bekannt. Manning war zunächst bei der Times und der Washington Post abgeblitzt.

Doch hier enden die Parallelen. Die Mỹ-Lai-Enthüllung führte zu Ermittlungen im Militär und zur Verurteilung eines US-Soldaten wegen Massenmordes. Als alle Fakten ans Licht kamen, bewirkte das einen globalen Aufschrei. Die Story war ein Beitrag zur wachsenden Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten. Und sie katapultierte Hersh ins Rampenlicht. Der freie Journalist erhielt aufgrund seiner Story eine Anstellung bei der New York Times.

Seymour Hersh und Julian Assange verdienen für ihre ausgezeichnete, unendlich wichtige Investigativarbeit nichts als größten Respekt. Der eine bekam einen Job bei der New York Times, der andere sitzt im Gefängnis in London. By Institute for Policy Studies, Flickr, licensed under CC BY 2.0 (Hersh), Cancillería del Ecuador, Wikimedia Commons, licensed under CC BY 2.0 (Assange).

Das Massaker von Bagdad führte dagegen zu keinen militärischen Ermittlungen, es wurde auch keiner der beteiligten Soldaten angeklagt, obwohl das Video ein stärkerer Beweis war als das, was man von Mỹ Lai in Erfahrung bringen konnte. (Der Armee-Fotograf räumte damals ein, dass er Fotos zerstört hatte, auf denen man sah, wie die Morde begangen wurden.) Der Whistleblower kam nicht ins Gefängnis wie Manning, sondern man schenkte ihm Gehör und es wurde eine Untersuchung eingeleitet. Das „Collateral Murder“-Video verursachte Aufruhr, aber keineswegs einen globalen Aufschrei, und es war auch kein Beitrag zu einer US-Friedensbewegung. Zwar kam WikiLeaks ins Rampenlicht, doch dem WikiLeaks-Herausgeber wurde nicht der Pulitzer-Preis verliehen wie damals Hersh. Vielmehr schmachtet er in einem Londoner Gefängnis in U-Haft und wartet auf die Entscheidung, ob er an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wird, um sich dort wegen Spionage vor Gericht zu verantworten.

Das muss wiederholt werden: Zumindest ein amerikanischer Soldat kam im Falle Mỹ Lai ins Gefängnis. Hersh und der Whistleblower wurden nicht inhaftiert. Kein einziger US-Soldat musste dagegen wegen des Massakers von Bagdad ins Gefängnis, und die Whistleblowerin und der Journalist, die das Verbrechen enthüllten, wurden beide ins Gefängnis gesteckt.

Die 35-jährige Haftstrafe von Manning wurde 2017 umgewandelt. Sie kam nochmals für mehr als 250 Tage ins Gefängnis, weil sie sich weigerte, vor einer Grand Jury gegen Assange auszusagen, ehe sie im März entlassen wurde. Assange bleibt in einem Hochsicherheitsgefängnis dafür, dass er das Gleiche tat wie Hersh.

Diese grundlegend verschiedenen Folgen einer frappierend ähnlichen Situation zeigen, wie tief die amerikanische Gesellschaft im Sumpf des Autoritarismus und des Gehorsams versunken ist.

Unidentifizierter Mann während des Mỹ-Lai-Massakers. By Ronald Haeberle, Wikimedia Commons, published under public domain.

Ellsberg und Assange

Eine weitere Geschichte der Vietnam-Zeit bildet einen scharfen Kontrast zu WikiLeaks und zeigt, wie sehr die Vereinigten Staaten sich in einem halben Jahrhundert zum Schlechteren verändert haben. Während des Prozesses gegen den Whistleblower Daniel Ellsberg im Jahr 1973 wegen des Leaks der Pentagon Papers wurde bekannt, dass die Regierung ins Büro von Ellsbergs Psychiater eingebrochen war und sein Telefon verwanzt hatte, auf der Suche nach schmutzigen Geheimnissen. Dem Richter in dem Fall wurde auch eine gehobene Stellung beim FBI angeboten, sollte Ellsberg verurteilt werden.

Als diese ernste Verfehlung im Verfahren bekannt wurde, wurde Ellsbergs Fall sofort abgewiesen, und er war ein freier Mann. Jetzt spulen wir 50 Jahre vor zu Assanges Fall. Es ist nun öffentlich bekannt, dass die spanische Firma UC Global von der ecuadorianischen Regierung beauftragt wurde, Assange in der Londoner Botschaft rund um die Uhr zu überwachen, und dass dieses Audio- und Videomaterial – inklusive vertraulicher Gespräche zwischen Assange und seinen Anwälten – an die CIA verkauft wurde.

Mit anderen Worten: Die anklageführende Regierung hörte die Vorbereitungen der Verteidigung ab. Dies ist ein noch ungeheuerlicheres Vergehen als jenes im Falle Ellsberg, und doch hat es nicht dazu geführt, dass der Auslieferungsantrag wegen Spionagevorwürfen augenblicklich abgeschmettert wurde.

Bei einer Demo für Assange in London im Februar fragte ich Yanis Varoufakis, den ehemaligen griechischen Finanzminister, warum sich das so verhielte. „Der Unterschied ist, dass Dan vor ein normales Gericht gestellt wurde,“ sagte er [und meint Daniel Ellsberg]. „Julian wird diese Chance nie bekommen. Julian wird in einem System verschwinden, in dem nicht einmal seine Anwälte die Vorwürfe kennen werden. Der Habeas-Corpus-Schutz existiert für ihn nicht. Es wird immer schlimmer. Viel schlimmer.“


Dieser Artikel von Joe Lauria erschien zuerst im Englischen auf Consortium News und wurde von Susanne Hofmann für die NachDenkSeiten ins Deutsche übersetzt.

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