50 Jahre des Sieges des chilenischen Wegs zum Sozialismus

5. September 2020 - 12:30 | | Politik | 2 Kommentare

Am 4. September 1970 gewinnen Salvador Allende und die Unidad Popular die Präsidentschaftswahlen in Chile und damit geschah etwas, das in der Geschichte Chiles, Lateinamerikas und der Welt bis dahin noch nicht passiert ist: Ein Sozialist wird demokratisch an die Regierung eines kapitalistischen Staates gewählt.

Die Siegesfeier in der Nacht vom 4. auf den 5. September ist bis heute in das kollektive Gedächtnis von Millionen Chileninnen und Chilenen eingebrannt und Salvador Allende sagte später über diese Nacht:

„Die Linke, die Arbeiter, die Bauern, die Angestellten (…) haben in Chile gesiegt. In der Nacht des Sieges kamen 250.000 Menschen zusammen. Es gab nicht ein abgefackeltes Auto, kein eingeworfenes Fenster und keiner unserer Gegner hätte behaupten können, dass wir ihn gekränkt haben, nicht einmal verbal. Im Gegensatz dazu haben die Sektoren, die die Wahl verloren haben, die extreme Rechte, versucht, unsere Wirtschaft zu sabotieren, und sie besitzen noch immer Söldner, die Bomben legen, also wo bleibt die Demokratie?“

Dies gibt die Strategie und die Realität der chilenischen Bewegung zum Sozialismus sehr gut wieder. Die chilenische Linke hat im Gegensatz zu vielen sozialistischen Projekten niemals versucht, durch Gewalt die Macht zu erringen, sondern versucht, sich an die Spielregeln der bürgerlichen Demokratie zu halten und so ihre Ziele durchzusetzen. Währenddessen hielten sich die Teile, die behaupteten, die bürgerliche Demokratie zu verteidigen, niemals an diese Regeln.

Während in anderen Ländern Lateinamerikas bewaffnete Guerilleros nach der erfolgreichen Revolution auf Kuba die bevorzugte Strategie zur Eroberung der Macht bei Linken war, blieb die chilenische Bewegung größtenteils pazifistisch. Guerillas konnten hier kaum Fuß fassen und Organisationen wie die MIR, die den bewaffneten Kampf propagierten, aber dennoch solidarisch an der Seite von Allendes Projekt standen, blieben eine kleine Minderheit.

Die Unidad Popular, übersetzt, die Volksfront, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Strategie kommunistischer Parteien in den 30er Jahren, war ein Wahlbündnis bestehend aus verschiedenen Parteien. Das chilenische Wahlrecht schreibt vor, dass ein Wahlbündnis beziehungsweise eine Koalition, die später auch im Parlament zusammenarbeiten wird, schon vor dem Wahlkampf geschlossen wird. Das Wahlbündnis der Unidad Popular bestehend aus damals acht Parteien einigte sich am 9. Oktober 1969 auf ein gemeinsames Programm und später auf einen Kandidaten, Salvador Allende. Jede dieser einzelnen Parteien repräsentierte ein Spektrum der gesellschaftlichen Linken und war in verschiedenen Bevölkerungsgruppen verankert. Beispiele sind hier die Izquierda Cristiana, die christliche Linke, die, wie der Name verrät, in der sozialistisch-christlichen Befreiungsbewegung verankert war, oder die Partei MAPU, die vor allem in der Bewegung für eine Landreform vertreten war und bei Bauern und Arbeitern in den Städten mit bäuerlichen Wurzeln beliebt war.

Dieser Umstand war keinesfalls ein Zufall. Das Belegen strategische Überlegungen von Fidel Castro mit den Vorsitzenden der MAPU auf Kuba. Dort legte ihnen Fidel nahe, statt einer marxistischen Argumentation lieber eine christliche Argumentation für den Sozialismus in ihrem Programm festzulegen, da die Izquierda Cristiana in der damaligen Zeit noch als zu klein und unbedeutend galt. Das lag an der Geschichte der MAPU, die aus der christdemokratischen Partei austrat, weil die Landreformen der Regierung ihnen nicht weitgenug gingen.

Der Wahlsieg wurde unterstützt von einem riesigen Teil der Gesellschaft. Große Bewegungen und Ereignisse hatten Chile in den Jahren zuvor geprägt. Dazu zählten zahlreiche Minenarbeiterstreiks im Norden, Haus- und Landbesetzungen für Wohnraum, die Bauernbewegung für eine Landreform, der Beginn der Theologie der Befreiung und der Gründung der Christen für den Sozialismus, Massaker an Arbeitern, Korruptions- und Geldwäscheskandale und Konflikte der Regierung mit indigenen Völkern. Trotz der Fixierung auf das Parlament als zentrales Instrument zur Durchsetzung der Ziele bedeutete das nicht, dass die Unidad Popular organisatorisch allein auf Institutionen ausgelegt war, sondern sah sich viel mehr als parlamentarischer Teil einer Bewegung für eine bessere Welt. Mit den zahlreichen genannten sozialen Bewegungen war das Bündnis eng verbandelt und war im Parlament ihre programmatische Vertretung. Der große Gewerkschaftsbund CUT, der der kommunistischen Partei nahestand, Radiosender, Zeitungen und viele Musiker sowie Dichter arbeiteten Hand in Hand. Eine eigene linke Kultur wurde so geschaffen.

Besonders herauszustellen, ist das 40-Punkte-Wahlprogramm, das sich so leider noch in vielen Ländern des Globalen Südens fordern lässt. So wie das Ende hoher Gehälter für Beamte, keine weiteren Berater für die Ministerien, einen halben Liter Milch für jedes Kind im Land, höhere Löhne und Renten, die Elektrifizierung oder den Aufbau eines Gesundheitssystems. Doch das Bündnis wollte nicht nur Reformen, sondern eine Transformation des Staates und der Wirtschaft. Wichtige Teile der Industrie wie das Kupfer oder die Telekommunikation sollten verstaatlicht und der Staat selbst und die Wirtschaft von Grund auf demokratisiert werden.

Der Wahlsieg am 4. September sollte für Chile ein einschneidendes Ereignis seiner Geschichte werden. Doch was wurde aus Salvador Allende und seiner Regierung der Unidad Popular?

Dem wird im zweiten Teil dieses Artikels nächste Woche am Jahrestag des Putsches am 11. September nachgegangen.

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