United States of Angst

3. Oktober 2016 - 08:28 | | Gesellschaft,Politik | 3 Kommentare
Foto by: Jakob Reimann, JusticeNow!, licensed under CC BY-ND 4.0.

Donald Trump ist kein irrlichternder Fremdkörper. Er entspricht viel mehr der politischen Norm in den USA, als die meisten von uns wahrhaben wollen. Diese Norm ist das Geschäft mit der Angst, einer inflationären Angst, die fest in der kollektiven Imagination verwurzelt ist, in prekärer Nähe zur Paranoia, ständig auf der Suche nach Monstern, die es zu zerstören gilt. Und Trumps wichtigstes Anliegen ist es, diese Angst weiter zu schüren.

von Bernd Greiner

Hassprediger, Narziss, Rowdy, Aufschneider, Teilzeitclown, Vollzeitpsychopath, Hitzkopf, Rassist, Ignorant, Faschist, Wüterich, Autist – im Vokabular seiner Gegner fehlt kaum eine abwertende Bezeichnung für Donald Trump. Alle diese Zuschreibungen haben jedoch eines gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass man es mit einem Außenseiter und Abweichler zu tun hat, der gängige Regeln verhöhnt, um die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Optimisten können mit diesem Befund gut leben. Der politische Alltag, so ihre Prognose, wird es richten, weil Trump wie alle Poltergeister vor ihm zwischen Anpassung und Untergang wird wählen müssen. Demnach wäre selbst ein zunehmend unwahrscheinlicher Wahlsieg im November mehr Katharsis als Katastrophe. Pessimisten hingegen haben den Glauben an die Integrationskraft US-amerikanischer Politik und Kultur längst verloren. In ihren Augen ist der republikanische Präsidentschaftskandidat ein nicht integrierbarer Störenfried, der einem amerikanischen Faschismus den Weg ebnen und am Ende zum Sprengmeister des Systems werden kann.

So unterschiedlich die Befunde auch klingen, sind sie doch aus ein und derselben Unterstellung abgeleitet: „The Donald“ verletzt nicht nur Normen, er fällt aus der Norm. Historisch belastbarer ist indes die Gegenthese: Trump entspricht – ganz unabhängig vom Wahlausgang – viel mehr der Norm, als die meisten wahrhaben wollen. Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr des Phänomens Trump.

Trump entspricht viel mehr der Norm, als die meisten wahrhaben wollen. Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr des Phänomens Trump. By Gage Skidmore, flickr, licensed under CC BY-SA 2.0.

Selbstverständlich ist damit nicht gesagt, dass Trump eine Mehrheit vertritt oder auf sonstige Weise das moderne Amerika repräsentiert. Im Gegenteil: Dieses Land ist heute bunter denn je, nie zuvor war die Toleranz für Unterschiedliches und Vielfältiges derart ausgeprägt. Auch und gerade in der sogenannten Provinz – dem „fly-over-country“ zwischen San Francisco und New York – boomt der Markt alternativer Wirtschafts- und Gemeinschaftsprojekte zur Wiederbelebung krisengeschüttelter Kommunen.

Und dennoch ist Donald Trump kein irrlichternder Fremdkörper. Er bedient sich vielmehr aus einem in allen Milieus vorhandenen Ideen- und Gefühlshaushalt. Auf diese Weise spielt er der Mitte der Gesellschaft ihre eigenen Melodien vor. Sie mögen schrill, verzerrt oder wie aus allen Fugen klingen – wiedererkennbar und eingängig sind sie trotzdem.

Die Kohorte der Angstunternehmer

Damit reiht sich Trump in eine Kohorte politischer Aktivisten ein, die einen festen Platz in der amerikanischen Geschichte haben und immer wieder dem Land ihren Stempel aufdrücken konnten: den Angstunternehmern. Gemeint sind Choreografen von Emotionen, vor allem aber Stichwortgeber und Nutznießer von Ängsten.

Das Geschäft von Angstunternehmern besteht darin, Unsicherheit in Angst zu verwandeln, abstrakte Risiken in akute Gefahren umzudeuten und Gefahren umstandslos als Bedrohung innerer oder äußerer Sicherheit aufzubauschen. Ihr ungeschriebenes Statut lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Je rücksichtsloser das Spiel mit Ressentiments, Affekten und Ängsten, desto einträglicher die politische Dividende. Zwar versprechen Angstunternehmer stets eine Bändigung des Bedrohlichen, aber wenn sie im Geschäft bleiben wollen, müssen sie diffuse Ängste am Köcheln halten. Andernfalls verspielen sie ihr wichtigstes Kapital. Daher benötigen sie inszenierte Kulturkämpfe und eine Politik der moralischen Panik.

Das 20. Jahrhundert bereitete Angstunternehmern jeder Couleur eine große Bühne und eine überdimensionierte Echokammer. Parteienvertreter und Kongressabgeordnete traten in dieser Rolle auf, Präsidenten nicht minder – und Millionen von Bürgern, die sich in patriotischen Organisationen gegen den vermeintlich drohenden Untergang stemmten und für eine Revitalisierung von Amerikas Größe und Stärke trommelten. Während des Ersten Weltkrieges kontrollierten „Wehrbürger“ und „Vigilanten“ aus den Reihen der „American Protective League“ die „Heimatfront“. In der Zwischenkriegszeit sorgte sich der Veteranenverband American Legion um die Überwachung von Nonkonformisten und arbeitete jenen Politikern und staatlichen Überwachungsagenturen zu, die von den frühen 1940er bis weit in die 1960er Jahre erneut panische Ängste vor kommunistischer Unterwanderung schürten.

Nimmt man Auftreten und Ausstrahlung der alten und neuen Rechten – von der John Birch Society aus dem Jahr 1958 bis zum 1997 gegründeten Project for a New American Century – hinzu, so lässt sich ohne Übertreibung sagen: Selbst in Zeiten relativer Ruhe und Entspannung sorgen Angstunternehmer für ein Grundrauschen in der amerikanischen Politik. Präsenz und Einfluss verdanken sie einer Liaison von „Graswurzel“-Aktivisten und Eliten oder bisweilen auch einer Koalition von Bürgertum und Mob.

Das Panikskript Donald Trumps ist also über 100 Jahre alt. Amerika „ist der Schuttabladeplatz für den Abschaum aller Nationen“, bedroht von Bürgern, „die das Gift der Illoyalität direkt in die Blutbahnen unseres nationalen Lebens injiziert haben. […] Diese von Leidenschaft, Untreue und Gesetzlosigkeit getriebenen Charaktere müssen durch und durch ausgeschaltet werden.“ Vulgäre Worte aus dem Munde eines politischen Patriziers: US-Präsident Woodrow Wilson. Bürgerinitiativen und private Verbände popularisierten bis 1945 die dazu passende Agenda: Einwanderungsstopp, Deportation illegaler Immigranten, Säuberung aller Schulen und Universitäten von unzuverlässigem Lehrpersonal und anstößigem Schrifttum und vor allem kulturelle „Amerikanisierung“. Letztere definiert die Grenzlinie zwischen den „Zugehörigen“ und den „Auszuschließenden“. Nur wer sich zu bedingungsloser Loyalität verpflichtet, verdient einen Platz in der Gemeinschaft rechtmäßiger Amerikaner. Auch das zweite Dauerthema klingt merkwürdig aktuell: die Phobie vor dem „Verrat von oben“, lauthals artikuliert in Kampagnen „gegen Washington“, mit der sich die Vertreter eines ungefilterten „Volkswillens“ in Szene setzen. Ein ums andere Mal blieben politisch vergiftete Landschaften zurück, beispielsweise nach der Stigmatisierung liberaler Reformpolitiker und Diplomaten in den frühen 1950er Jahren.

Die alles andere ausstechende Trumpfkarte indes hieß und heißt bis heute „nationale Sicherheit“. Der Vorwurf der „Schwäche“ – gegenüber Kommunismus, Totalitarismus oder Islamismus – ist eine Allzweckwaffe, die politische Konkurrenten verlässlich in den Ruin treibt. Und die dafür sorgt, dass der zur Abwehr äußerer Bedrohungen aufgeblasene Staat wie von Zauberhand seine freiheitsbedrohenden Züge zu verlieren scheint.

Trump auf einer Rally in Dellas, Texas im September 2014. By Jamelle Bouie, flickr, licensed under CC BY 2.0 (edited).

US-Geschichte als Zyklus hausgemachter Hysterisierung

So gesehen kann die jüngere Geschichte der USA auch als Zyklus hausgemachter Hysterisierung beschrieben werden. Dabei verbreiten sich kollektive Obsessionen und Erregungszustände in prekärer Nähe zur Paranoia. Immer steht angeblich das Ganze auf dem Spiel, ist die Bedrohung total, der Feind zu allem entschlossen und – in Trumps Worten – Amerika vor einer akut drohenden Vernichtung von innen und außen zu bewahren. Minimale Möglichkeiten in maximale Wahrscheinlichkeiten umzudeuten, ist der Ausgangspunkt dieser Gefühls- und Gedankenwelten, das Verlangen nach „totaler Sicherheit“ ihr flirrender End- und Fluchtpunkt.

Bei der Gefahrenabwehr ist im Zweifel alles erlaubt und keine Rücksicht geboten, auch nicht gegenüber dem als lästige Selbstbeschränkung apostrophierten Recht. Der Manichäismus definiert eine politische Grundrechenart, die historischen Umbrüchen beharrlich trotzt.

Diese überzeitliche Resistenz, die Selbstimmunisierung gegenüber Korrekturversuchen, kann nicht oft und nachdrücklich genug betont werden. Mit anderen Worten: Angstunternehmer sind keineswegs auf Wirtschaftskrisen, Kriegsgefahr oder Terror angewiesen. Sie betreiben auch in Phasen wirtschaftlicher Blüte oder machtpolitischer Triumphe erfolgreiche Geschäfte – siehe 1919 und 1945, als der Rest der Welt in Trümmern lag und gleichwohl Amerikas Untergang im Zeichen des roten Sterns phantasiert wurde, siehe 1989/90, als Forderungen nach einer neuen, kooperativen Sicherheitsarchitektur an der alten Phobie vor unberechenbaren Gefahren in einer unbekannten Zukunft abprallten.

Prädikat als furchtlosester Kriegsherr

Dreh- und Angelpunkt dieser Horrorvisionen ist die angebliche Immunschwäche von Einwanderergesellschaften wie den USA. Gerade wegen seiner Weltoffenheit und Toleranz – so der traditionelle Tenor von Angstunternehmern – setzt sich Amerika dauerhaft einem Belastungstest voller Unwägbarkeiten aus. Im Grunde genommen wird der liberale Glaube an die Integrationskraft der amerikanischen Gesellschaft durch ein angstbesetztes Dogma ersetzt: Nationale Sicherheit ist ein prekäres Gut, weil das Land es immer wieder mit Neuankömmlingen zu tun bekommt, die sich nicht „amerikanisieren“ können oder wollen. Sei es, weil mangelhafte Bildung oder bedrückende Lebensumstände sie in die Arme radikaler Agitatoren treiben; sei es, weil ihnen die Liebe zu ihrem Herkunftsland wichtiger ist als die Loyalität zur neuen Heimat. Sozialpsychologen sprechen von „Überwältigungsphantasien“ oder „Infektionsängsten“, die phobische Züge annehmen, sobald bestimmte Gruppen oder Ethnien als verlängerter Arm ausländischer Mächte gesehen werden. Just darum drehte sich beispielsweise der „Red Scare“ nach den beiden Weltkriegen. Nicht die materielle oder militärische Macht der UdSSR war das entscheidende Problem; den Ausschlag gab vielmehr die Vision eines Antagonisten im Äußeren, der Helfershelfer im Inneren der USA rekrutiert – vorzugsweise in den Reihen der Nicht-Assimilierten. Demzufolge können auch schwache Gegner eine tödliche Bedrohung „nationaler Sicherheit“ darstellen. Wie immer die einschlägigen Phantasien ausbuchstabiert werden, eines schwingt stets mit: der Appell zur periodischen Selbstreinigung des öffentlichen Lebens von Unangepassten jeder Couleur.

Die Kehrseite der chronischen Angstattacken ist ein gleichermaßen ausgeprägtes Verlangen nach Sicherheit. Just darin gründen Prestige und Akzeptanz von Angstunternehmern – in dem Versprechen, dem Staat auf eigene Rechnung und Verantwortung zur Seite zu stehen, sobald die Gefahrenlage es erfordert. Nicht von ungefähr standen „Vigilanten“, freiwillige Sicherheitskräfte und Bürgerwehren zur Zeit des Ersten Weltkrieges, besonders hoch im Kurs. Bei der Abwehr der „fünften Kolonnen“ feindlicher Ausländer und Agenten übernahmen sie de facto die Aufgaben eines damals nur rudimentär vorhandenen Inlandsgeheimdienstes. Der zügige Aufbau des FBI, vor allem aber die Entwicklung des „Nationalen Sicherheitsstaates“ machten dergleichen Zuarbeit zwar überflüssig, das übersteigerte Bedürfnis nach Schutz vor realen und imaginierten Gefahren aber blieb und wurde zur Messlatte für Präsidenten. Mit anderen Worten: Wer das Image des „mächtigsten Mannes der Welt“ bedienen will, muss diffuse Ängste dramatisieren und sich zugleich als zuverlässiger Feuerwehrmann anpreisen. So wollte Senator Arthur S. Vandenberg seinen Rat an Präsident Harry S. Truman in den frühen Tagen des Kalten Krieges verstanden wissen: „Scare the hell out of them, Harry!“ Und in diesem Sinne lieferten sich alle Kandidaten, von Jimmy Carter und Barack Obama abgesehen, einen Überbietungswettbewerb um das Prädikat des furchtlosesten Kriegsherren. Daran wird sich so lange nichts ändern, wie die Öffentlichkeit martialische Auftritte und eine „Politik der Stärke“ um ihrer selbst willen honorieren – siehe die Umfragewerte für George W. Bush. Auch in dieser Hinsicht fällt Donald Trump mit seiner Bemerkung, der größte Militarist von allen zu sein, nicht aus dem Rahmen. Und deshalb läuft die Kritik an „imperialen Präsidenten“ in der Regel ins Leere – weil sie durchaus als Kompliment verstanden werden kann.

Politische Zukunftspanik

Dass Angstunternehmer auch und gerade aus Rassismus und Fremdenhass Kapital schlagen, wurde bereits mit dem Aufstieg der „Tea Party“ in Erinnerung gerufen. Vermutlich wäre diese Bewegung ohne die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten im November 2007 gar nicht zustande gekommen. Barack Obama aber weckte Urängste im Milieu des weißen, konservativen Amerika, sein unerwarteter Erfolg schweißte eine Negativkoalition aus rechten „Graswurzelaktivisten“, einflussreichen Radio-, Fernseh-, Print- und Online-Journalisten sowie Granden der republikanischen Partei zusammen. Im Zentrum ihres Welt- und Politikbildes steht der in düstersten Farben ausgemalte demographische Wandel Amerikas: die Tatsache, dass Weiße voraussichtlich im Jahr 2045 erstmals seit Gründung der Republik in der Minderheit sein werden. Und die Behauptung, schon heute die hauptsächlichen Opfer von Diskriminierung zu sein – wie deutlich über 50 Prozent weißer Amerikaner in einer Meinungsumfrage zu Protokoll gaben. Daher der Zorn gegen alle, die schon jetzt zur neuen Mehrheit gerechnet werden können: nicht-weiße Immigranten und Ethnien. Hauptsächlich auf sie bezieht sich die aggressiv aufgeladene Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen“; Letzteren gilt der Vorwurf, sich auf Kosten hart arbeitender Amerikaner staatliche Sozialleistungen zu erschwindeln oder gar als Handlanger des politischen Islam den „American Way“ von innen angreifen zu wollen. Aus derlei Konstrukten eine gravierende Gefahr für die „nationale Sicherheit“ abzuleiten, gehört zum politischen Kerngeschäft der „Tea Party“ und der Wählerschaft von Donald Trump.

Intoniert wird diese politische und moralische Zukunftspanik von einem gut situierten Mittelstand, von überwiegend weißen Amerikanern, die im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt älter, gebildeter und wohlhabender sind. Zwar spricht die „Tea Party“ auch Unterprivilegierte, Abgehängte und Perspektivlose an, aber sie lebt nicht von ihnen. Deshalb führen alle Versuche, sich mit aktuellen Krisendaten aus dem Wirtschafts- und Sozialleben einen Reim auf die Bewegung zu machen, in die Irre. Sie verhandelt weniger handfeste Zustände in der Gegenwart als Phantasien über eine bleierne Zukunft, der Phantomschmerz wiegt schwerer als reale Kalamitäten. Wie auch immer: Weil vermeintlich wieder einmal das Ganze auf dem Spiel steht, prägen Unversöhnlichkeit und extreme Intoleranz gegenüber Andersdenkenden den politischen Umgangston. Man könnte auch von einem manischen Zwang zur Dämonisierung und einem ausgeprägten Mangel an Empathie gegenüber allen außerhalb der eigenen Zirkel sprechen. Hier kämpfen weder Sprachlose noch Ohnmächtige, sondern wortmächtige Protagonisten, die für sich die alleinige Deutungshoheit über Politik und Kultur beanspruchen – und denen die Polarisierung des Landes Mittel zum Zweck ist.

Der Beschützer und Erlöser

56 Prozent der Anhänger der rassistischen, ultranationalistischen Tea Party Bewegung sympathisieren mit Trump (Tendenz steigend). Hier zu sehen mit Sarah Palin, einer der Aushängeschilder der Bewegung, auf einer Veranstaltung in Ames, Iowa im Januar 2016. By Max Goldberg, flickr, licensed under CC BY 2.0 (edited).

Wie kein Zweiter bedient Donald Trump diese Stimmungslagen. Ängste zu schüren, ist sein wichtigstes Anliegen: Angst vor Mexikanern, Muslimen, Schwarzen, vor korrupten Eliten, vor der Außenwelt und vor einem Ende des „amerikanischen Weges“ sowieso. Erniedrigung setzt er dabei als effektivste Waffe ein – andere klein zu machen, um sich selbst zu erhöhen. Die Verachtung von Eliten kommt genauso geifernd daher wie die Häme gegen Immigranten, vor seiner aggressiven Geringschätzung ist buchstäblich niemand gefeit. Trump kann sagen, was er will – gerade deshalb laufen ihm seine Wähler zu. Vermutlich selbst dann, wenn er mitten auf der 5th Avenue jemanden erschießen würde: so O-Ton Trump. Allein die Konjunktur seines verschwörungstheoretischen Irrsinns zeigt, wie müßig es ist, bestimmte Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und ihm die Bilanz vorzuhalten. Derlei Versuche verpuffen, ehe überhaupt jemand von ihnen Notiz nimmt. Was der Zähmung von Affekten dienlich sein könnte, ist in einer affektgesteuerten Umgebung schlicht nicht gefragt. So sind auch Trumps Zustimmungswerte unter Anhängern der „Tea Party“ zu verstehen: 20 Prozent vor Beginn seiner Kampagne, 56 Prozent seither, Tendenz hier weiter steigend.

Zugleich erhebt sich Trump über die selbst verfertigten Horrorszenarien und pflegt sein Bild des Beschützers und Erlösers von Ängsten. Im Grunde tritt er wie der Prototyp des wehrhaften Helden, des „Vigilanten“, auf: In einem System, das seinen Bürgern keinen Schutz mehr bietet, nimmt ein Außenseiter das Gesetz in die eigene Hand, diktiert das Geschehen nach seinen Regeln und rettet das Land aus einer tödlichen Abwärtsspirale. „Das ist ein Kerl, der keine Scheu hat, jene zu missbrauchen, die uns missbrauchen. Er wird austeilen, […] weil er es kann“, tönt es aus seiner Anhängerschaft. „Trump kämpft. Trump gewinnt. Ich will einen Alphamann, der es den Feinden gibt. Ich bin es leid, Verlierer zu unterstützen.“ Reinigungsphantasien gepaart mit dem Wunsch nach Selbstermächtigung und dem Anspruch, tun und lassen zu können, was man will, politisch motivierte Gewalt inklusive – davon sprechen diese in endloser Zahl protokollierten Aussagen. Es sind Zeugnisse autoritär fixierter Persönlichkeiten, die im Lager des Starken unterkommen wollen und zugleich eine Lizenz zum Kujonieren der Schwachen beanspruchen. Selbstverständlich ist Trumps Retter-Image so hohl wie alles andere in seiner Kampagne. Was aber zählt, ist nicht der reale Trump, sondern die Vorstellung, die sich das Publikum von ihm macht – und die Tatsache, dass er mit einem trefflichen Gespür für emotionales Verlangen genau das ausspricht, wonach seine Klientel giert. Als „confidance man“ kann er Lächerliches sagen, ohne in den Augen seiner Wähler lächerlich zu wirken: „Ich werde Euch dermaßen glücklich machen. […] Und denkt daran, ich werde Euch niemals hängen lassen.“

Die großartigste Nation der Welt

Doch die bittere Ironie des Phänomens Trump dürfte noch auf uns warten: Denn die lange Geschichte amerikanischer Angstunternehmer zeigt, dass sie gar keine Wahl gewinnen müssen, um im Ergebnis doch zu siegen. Als die Aktivisten des „Red Scare“ 1920 vom Innenministerium demobilisiert wurden, war ihre rassistische und fremdenfeindliche Mission noch längst nicht zu Ende; sie wurde von anderen weitergeführt, weniger rowdyhaft, aber nicht minder effektiv. Als Senator Joseph McCarthy von Präsident Dwight D. Eisenhower zur Ordnung gerufen wurde und seine Phobien anschließend nur noch im Suff zu betäuben wusste, ließ er eine von Misstrauen zerfressene politische Kultur zurück. Und als der republikanische Rechtsaußen Barry Goldwater 1964 seinen Kampf ums Weiße Haus krachend verloren hatte, frohlockte er trotzdem. Er hatte nämlich die Partei umgekrempelt und dafür gesorgt, dass die Republikaner wenige Jahre später seine Ideen zu ihrem Programm erklärten. Auch der „Trumpismus“ wird seinen Namensgeber überleben, teils, weil dieser mit seiner Grobheit und Pöbelei die Grenzen des Sag- und Machbaren bereits jetzt verschoben hat, vor allem aber, weil der Treibstoff für Trumps politische Karriere weiterhin reichlich fließt. Insbesondere Amerikas Machtverlust wird, abgesehen von Einwanderung und Rassismus, künftig im Zentrum angstgesteuerter Kampagnen stehen. Die Zeiten hegemonialer Entfaltung und eines unangefochtenen Sonderstatus sind vorbei. Das Land muss, wie alle Imperien vor ihm, eine Antwort darauf finden, wie es sich in einem neu formatierten geostrategischen Umfeld positionieren will. Welche „exit options“ in einer derartigen Situation präferiert werden, wie die Rolle des Militärs und der Diplomatie bemessen werden, kann zu jahrzehntelangen, mitunter quälenden Kontroversen führen – so die Erfahrungen Großbritanniens, Spaniens, Portugals oder der Türkei.

„Make America Great Again“ ist Ausdruck des tief verwurzelten Gefühls eines US-amerikanischen Exzeptionalismus: Wir weigern uns, mit anderen auf eine Stufe gestellt zu werden, die USA sind und bleiben die „großartigste Nation“ der Welt. By m01229, fickr, licensed under CC BY-SA 2.0.

Trump jedenfalls hat sich auf eine Antwort festgelegt: „Make America Great Again!“ Will heißen: Wir weigern uns, mit anderen auf eine Stufe gestellt zu werden, die USA sind und bleiben die „großartigste Nation“ der Welt, und die Welt wird lernen müssen, sich diesem Anspruch zu beugen. „Glaubt mir, ich werde alles ändern. Wir werden wieder respektiert sein. Ich will nicht den Begriff ‚gefürchtet‘ benutzen, aber …“ Was genau darunter zu verstehen ist, weiß niemand, vermutlich noch nicht einmal Trump selbst. Trotzdem hat er binnen kürzester Frist die schüchternen Bemühungen Barack Obamas um eine Korrektur amerikanischer Selbst- und Leitbilder desavouiert und die außenpolitische Debatte wieder auf das engstirnige Mantra von militärischer Stärke und Abschreckung zurückgeworfen. Und zugleich neokonservative Kritiker, die sich an seinen wirren Aussagen zur Nato und anderen Entgleisungen stoßen, in Verlegenheit gebracht. Denn auch ihnen ist an der Restauration amerikanischer Hegemonie gelegen, auch ihre Auftritte lassen sich mit Trumps Hymne unterlegen: „We’re Not Gonna Take It (Anymore).“

Dass Politiker vom Schlage Donald Trumps Gegner einschüchtern und ihnen die eigene Agenda aufzwingen können, ist hinlänglich bekannt. Im Unterschied zu paranoiden Aufwallungen der Vergangenheit aber grassiert heute ein merkwürdiger Pessimismus unter Amerikas Liberalen, viele scheinen das Zutrauen in die Widerstandsfähigkeit des politischen Systems verloren zu haben. Auch in diesem Sinne können die landläufigen Vergleiche mit Hitler oder Mussolini gelesen werden. Zweifellos trägt die Internationalisierung des „Trumpismus“ zu dieser Wahrnehmung bei – die Tatsache, dass von Venezuela bis Russland eine Front aus Populisten und Autokraten mittlerweile die gleiche Sprache spricht: das betrogene Volk vom Diktat der Eliten befreien und jene mit allumfassenden Befugnissen ausstatten, die den „wahren Volkswillen“ erkannt haben. Erst recht aber dämmert Trumps Gegnern, wie fest der heimische Boden unter seinen Füßen ist und welchen Preis Amerika für Generationen von Angstunternehmern zahlt. Nämlich den Preis einer inflationären Angst, die in der kollektiven Imagination verwurzelt ist und vor dem Hintergrund tatsächlicher Krisen ebenso regelmäßig wie maßlos dramatisiert wird. Ständig auf der Suche nach Monstern, die es zu zerstören gilt, sind offenkundig die Maßstäbe zur Unterscheidung zwischen Risiko, Gefahr und Bedrohung abhandengekommen – und zwar nicht mehr nur an den Rändern des politischen Spektrums, sondern in dessen Zentrum. Davon handeln die Geschichte des Donald Trump und sein Aufstieg zu einem Extremisten der Mitte.

 

Dieser Text von Bernd Greiner erschien zuerst in der September-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik. JusticeNow! und Die Freiheitsliebe bedanken sich recht herzlich bei den „Blättern“  und bei Bernd Greiner für das Recht zur Übernahme – connect critical journalism!

Über den Autor

3 Kommentare

  • 1
    wolf says:

    Hervorragender Artikel!
    Er zeigt auf, dass nicht die Vernunft die Welt regiert, sondern die Angst. Und da bekanntlich Angst die Seele frißt, beherrschen paranoide Zombies die Politik.
    Und wer hats erfunden? Die Kirchen – als erste Angst-Fabriken!

  • 2
    healer says:

    Die Wahl ist Pest gegen Cholera.
    Abgesehen davon dass der Artikel zu lang ist, …wo ist der Artikel über Cholera?
    Da gibt es auch ne Menge zu schreiben.

  • 3
    Illoinen says:

    Warum bleibt Hillary Clinton in diesem Kontext fast unerwähnt? So als wolle der Autor den Eindruck vermitteln, es gäbe nur eine Alternative Mrs. Clinton? Für mich war und ist Hillary Clinton viel gefährlicher als Trump. In Deutschland gibt es einen Spruch der geht so: “ Hunde die bellen die beißen nicht“ Hillary Clinton ist viel gefährlicher und subtiler, eine „Wölfin im Schafspelz“ Sanders wäre der bessere Kandidat gewesen.