Der Schlächter von Bosnien

25. März 2016 - 17:47 | | Balkan21 | 10 Kommentare

Späte Genugtuung für die Opfer und Hinterbliebenden des Bosnien-Krieges. Der bosnische Serbenführer Radovan Karadžić ist vom Den Haager UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Karadžić hat sich demnach des Völkermords, schwerer Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Während des Bosnien-Krieges zwischen 1992 und 1995 starben etwa 100.000 Menschen, allein beim Massaker in Srebrenica, von Karadžić und seinen Mitstreitern verursacht, wurden circa 8.000 muslimische Bosniaken bestialisch ermordet. Das Urteil kommt spät, 20 Jahre nach Kriegsende, aber die Wunden, die der Krieg hinterließ, sind alles andere als verheilt.

Attribute über Radovan Karadžić gibt es viele: Psychiater, Familienvater, Poet, doch er ist auch einer der schlimmsten Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts. Als Oberbefehlshaber der bosnischen Serben verübten Karadžićs Truppen unter Führung des noch immer in Den Haag einsitzenden Ratko Mladić schwerste Kriegsverbrechen, so wurden in der ostbosnischen Stadt Srebrenica etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen von serbischen Truppen und Milizen umgebracht. Dies bezeichnete Den Haag als Völkermord. Als die Hauptstadt Sarajevo dreieinhalb Jahre lang belagert wurde, ließ Karadžić die Menschen dort beschießen, bombardieren, umzingeln und qualvoll aushungern, Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Bosnien in den 1990er-Jahren wurde zu einem nicht für möglich gehaltenen nächsten Sündenfall, den Europa nach den Schrecken der Nationalsozialisten erlebte.

Die Geschichte lehrte schon einmal, dass der Balkan ein Pulverfass sein kann, als durch die Ermordung des österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo der Startschuss für den Ersten Weltkrieg fiel. Dass die Gewalt ab 1990 in diesem dramatischen Ausmaß explodieren könnte, hätte sich zuvor kaum jemand ausmalen können. Nach der Unabhängigkeitserklärung der jugoslawischen Teilrepubliken Kroatien und Slowenien, sprachen sich auch in Bosnien die Mehrheit für die Abspaltung vom zu der Zeit eher serbisch-dominierten Vielvölkerstaat Jugoslawien aus. Im April 1992 begannen serbische Truppen, nachdem sie die serbisch-stämmige Bevölkerung zum Verlassen der Gebiete aufgefordert hatte, mit der Bombardierung und Einkesselung, die die Vertreibung und Vernichtung der muslimischen Bevölkerung Bosniens zum Ziel hatte. Mit aller Macht sollte das großjugoslawische Reich erhalten werden.

Drei lange Jahre schaute die Weltgemeinschaft zu, wie etwa 100.000 Frauen, Männer und Kinder abgeschlachtet wurden. Erst 1995 griffen NATO-Flugzeuge ein und drängten die Serben endgültig zurück. Selbst in UN-Schutzzonen wurde die exzessive Gewalt nicht gestoppt, ganz im Gegenteil: Der Völkermord in Srebrenica fand in genau einer solchen UN-Schutzzone statt, niederländische Blauhelmsoldaten ließen tatenlos zu, dass die Truppen um Oberbefehlshaber Karadžić und seinem General Mladić etwa 70 Prozent des heutigen Bosnien-Herzegowinas kriegerisch einnahmen. Bis heute halten die Serben als einer der großen drei Bevölkerungsgruppen die Hälfte des Staatsgebietes Bosnien-Herzegowinas. Unter der Name „Republika Srpska“ (RS) wurde den Serben nach dem Dayton-Abkommen von 1995 ein nicht unerhebliches Gebiet zugeteilt und verfügt heute über weitreichende Autonomierechte. Dayton beendete den Krieg, brachte aber keinen Frieden, hört man oft.

Die Reaktionen auf den Schuldspruch 

Wie erwartet fallen die Reaktionen auf das historische Urteil sehr unterschiedlich aus. Vertreter der Bosnisch-Kroatischen Föderation, einer der beiden Hauptentitäten des Gesamtstaates, begrüßten das Urteil Den Haags. Der Parteichef der sozialdemokratischen Partei Bosnien-Herzegowinas Nermin Nikšić fühlte sich bestätigt:“Karadžić wird in die Geschichte eingehen als einer der größten Verbrecher“. Prozessbeobachter und Menschenrechtsorganisationen im In- und Ausland halten das Urteil ebenfalls für gerecht, auch wenn gerade von Seiten der Opfern richtigerweise immer wieder betont wird, dass kein Urteil die Schuld Karadžićs und der serbischen Führung ausgleichen können wird.

In der RS reagiert man empört über den Schuldspruch. Der Vorsitzende der Serbischen Demokratischen Partei SDS Mladen Bosić hofft, dass der Berufungsprozess, den der Angeklagte bereits angekündigt hatte, das „Unrecht“ korrigiere. Auch der Ministerpräsident Serbiens, Alexander Vucic, äußerte sich ähnlich, er hatte eine Sondersitzung einberufen und sich mit dem Patriarchen der Serbisch-Orthodoxen Kirche beraten. In der RS gilt Karadžić  – wie auch Mladić – noch immer als Nationalheld. In vielen Städten und Dörfern werden die Drahtzieher von Srebrenica und Sarajevo hoch verehrt, gerade im Volke, aber auch die Regierung in Banja Luka, der „Hauptstadt“ der RS, sowie in Belgrad selbst, genießt Karadžić einen guten Ruf. Immerhin sei er der Gründer der „Republika Srpska“. Jüngst weihte der Präsident der RS ein Studentenwohnheim mit dem Namen „Radovan Karadžić“ ein. Viele serbische Medien, sowohl in der RS als auch in Serbien verurteilen das Ergebnis des UN-Tribunals. Es ist die Rede von „Vergewaltigung am serbischen Volke“.

Der Angeklagte selber vertrat eine eiserne Linie. Zunächst einmal vertrat sich Karadžić selbst vor Gericht, lehnte anwaltliche Hilfe ab, und vertraute nur auf ausgewählte Rechtsberater in seinem engen Umfeld. Er sah sich immer als unschuldig an, habe nie etwas von den Massakern gewusst, sie auch nie in Auftrag gegeben. Originalaufzeichnungen sprechen allerdings eine andere Sprache. In persönlichen Gesprächen prophezeite er, dass Sarajevo zu einem „schwarzen Kessel“ werden soll, in dem „die Muslime sterben sollen“. Heute wird er so zitiert, dass die Anschläge in Brüssel zeigten, welche Gefahr von Muslimen ausginge, und sich die Serben schon in den 90er-Jahren dem ausgesetzt sahen.

Bosnien-Herzegowina – ein zerrissenes Land

Nicht nur anhand der so divergierenden Reaktionen auf das Urteil im Fall Karadžić ist ersichtlich, wie gespalten Bosnien-Herzegowina heute ist. Das fragile Staatsgebilde, 1995 offiziell entstanden, besteht aus zwei großen Entitäten, die den komplizierten politischen Prozess, dem das Land tagtäglich ausgesetzt ist, bestens widerspiegelt. Im Turnus regieren Kroaten, Bosniaken, und Serben an der Staatsspitze in Sarajevo. Insgesamt besteht der Gesamtstaat aus – erstens – der Bosnisch-Kroatischen Föderation, und – zweitens – der oben genannten Republika Srpska, die sich weder des bosnischen, noch des serbischen Staates staatsrechtlich zugehörig fühlt.

Die Konfliktlinien verlaufen hier ethnisch-religiös und hindern das Land erheblich an der Entwicklung und Aussöhnung. Kroaten sind traditionell katholisch, die Bosniaken Muslime, und die Serben orthodox. Jede ethnische Gruppe hat ihre eigene Erinnerungspolitik, die die Opfer der anderen Seite oft genug vergisst. Von manchen Experten wird das Staatsmodell Bosnien-Herzegowinas als „Halbprotektorat“ bezeichnet, das sich am Verhandlungstisch bildete, und sowohl politische als auch wirtschaftliche Weiterentwicklung blockiert. Auch sind andere Bevölkerungsgruppen rechtlich nicht gleichgestellt, obwohl sie sehr wohl Bosnier im Sinne der Staatsangehörigkeit sind.

Die BosnierInnen leiden also nicht nur unter den Folgen der blutigen Geschichte und des wenig effizienten politischen Systems, sondern auch unter der hohen Korruption. Eine engere Anbindung an Europa, auch die Europäische Union, würde die politische Elite unter Druck setzen, Mindestkriterien zur Erfüllung des europäischen Standards einzuhalten, die nationale Aussöhnung voranzutreiben, und die Jugend zu stärken, die zu oft das Land verlassen (brain drain) muss, sich teilweise radikalisiert, oder perspektivlos im informellen Sektor das wirtschaftlichen Überleben bestreitet.

Ein Urteil von internationaler Bedeutung

Verbrechen müssen strafrechtliche Konsequenzen haben, das ist in der Politik viel zu selten der Fall. Radovan Karadžić hatte es versucht, sich der juristischen Verantwortung für die begangenen Barbareien zu entziehen, 13 Jahre lang war untergetaucht und konnte unbehelligt als Dr. Dragan Dabić bei Belgrad eine Praxis führen, bis 2008 die Festnahme erfolgte. Nicht nur scheint es überdeutlich, dass viele Kriegsverbrecher der ehemaligen jugoslawischen Führung von Belgrader Nachfolgeregierungen, dem Geheimdienst und der Justiz verschont wurden, auch wenn die juristische Auseinandersetzung ein Vorbedingung für die Aufnahme Serbiens in die EU darstellt.

Das Den Haager Tribunal musste sich in aller Regelmäßigkeit Vorwürfe der Schlamperei und Verschleppung gefallen lassen. Es war zweifelsfrei ein Mammutprozess mit etwa 400 Zeugen, Zehntausenden Schriftstücken, und unzähligen Verhandlungstagen. Verglichen mit den Nürnberger Prozessen ab 1945, bei denen einige der noch überlebenden „Nazigrößen“ angeklagt waren, war der Prozess fast achtmal so lange. Insgesamt wurden 161 Personen angeklagt, 80 wurden rechtskräftig verurteilt und tausende Fälle sind noch offen, die die Nachfolge-Tribunale des ICTY zu verhandeln haben.

Karadžić ist zweifelsohne der ranghöchste aller Angeklagten in den Prozessen, doch zwei weitere Urteil in den kommenden Wochen wird den Balkan gehörig aufwühlen. Neben Serben-General Ratko Mladić muss sich auch der serbische Ultranationalist und aktuelle Politiker Vojislav Seselj vor den Den Haager Richtern verantworten. Mit Spannung wird in Sarajevo und anderen Landesteilen in die Niederlande geschaut. Vollendete Gerechtigkeit wird es nie geben, die Aussöhnung wird weder das Karadžić-Urteil, noch die der beiden anderen mit sich bringen, aber sie hat zumindest einen der größten Kriegsverbrecher Europas zur Rechenschaft gezogen und somit für eine moralische Unterstützung aller Opfer gesorgt.

 

Über den Autor

Politikwissenschaftler // Institute for Security and Development Policy Stockholm, Schweden & Aalborg University, Aalborg, Dänemark

10 Kommentare

  • 1
    Ralf sagt:

    Ich finde diesen Text problematisch und wundere mich daher, weil er unangemessen einseitig und im Sinne der herrschenden Meinung hierzulande antiserbisch und stellenweise wie eine Rechtfertigung des völkerrechtswidrigen und mit erlogenen Darstellungen begründeten NATO-Kriegs gegen Jugoslawien daher kommt. Als etwas andere Sicht dazu: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47787/1.html
    Und auch dieses Haager Gericht ist zwiespältig, weil es notorisch nur diejenigen verfolgt, die gegen den Westen waren, wogegen die Verbrechen der Mächtigen westlicher Länder und ihrer Freunde nicht verfolgt werden. So was hat dann mit Recht wenig zu tun, denn diese muss alle gleich behandeln, sonst ist es kein Recht.

  • 2
    notarfuzzi sagt:

    Es ist schon erstaunlich, so eine abseitige, an den Realitäten völlig vorbei gehende Meinung zu lesen. Keine Frage, wer Jugoslawien demontiert hat, keine Frage, wodurch die Völker dieses Staates aufeinder gehetzt wurden und auch keine Relativierung der vorgeworfenen Kriegsverbrechen beispielsweise in dem Sinne, wer denn mit der gewaltsamen Vertreibung von Serben aus der Krajna begonnen hat. Alles ideologisch vermüllt!

    • 2.1

      Es geht in diesem Text nicht darum, die Mitschuld des Westens zu „vertuschen“, aber es darf und kann nicht der Anspruch eines jeden Textes zum Jugoslawienkrieg sein, immer ALLE Verbrechen, ALLER Seiten und die Mechanismen hinter allem zu nennen. Dann wäre jeder Text ersteinmal zu 50 Prozent identisch.

  • 3
    Pit sagt:

    Und wann kommen endlich Schröder und Fischer wegen Bruch des Völkerrechts und führen eines Angriffskrieges vor Gericht?

    • 3.1

      Das fragen sich viele Menschen. Aber da es um reale Machtverhältnisse geht: Nie.

      • 3.1.1
        Pit sagt:

        Das sehe ich anders, es bleibt zu hoffen das diese Typen nicht vorzeitig das Zeitliche segnen. Keine Diktatur hält sich ewig und die Geschichte entwickelt sich zur Zeit recht rasant.

      • 3.1.2
        AntiRa sagt:

        @ daniel

        „Und wann kommen endlich Schröder und Fischer wegen Bruch des Völkerrechts und führen eines Angriffskrieges vor Gericht?“

        Antwort….

        „Das fragen sich viele Menschen. Aber da es um reale Machtverhältnisse geht: Nie.“

        Warum thematisiert ihr Transatlantic-Linke dann nicht diese Verbrechen im gleichen Maße wie ihr die Verbrechen der anderen Seit thematisiert?????

    • 3.2
      Valter sagt:

      Interessant, wie man auf die anderen zeigt. Aber Thema ist Karadics Verurteilung und das ist auch richtig so. Möge er in einem dunklen Loch verrotten und sein Kadaver von Ratten gefressen werden.