Offener Brief von „call from Within“ an Leiter der Donaueschinger Musiktage

28. August 2018 - 08:30 | | Politik | 0 Kommentare

Die Musiktage Donaueschingen sind innerhalb der Szene der Neuen Musik international berühmt. Wie wir auf der Freiheitsliebe berichteten, gibt es Streit um einen Künstler, der Stücke zum Angriff auf Gaza 2008/2009 komponierte.

Inzwischen gibt es einen öffentlichen Brief an Björn Gottsein der Gruppe „Supporting the Palestinian BDS call from Within“, den wir an dieser Stelle bringen möchten und der auf change.org unterstützt werden kann.

„An Hr. Björn Gottstein!

Wir sind Bürger*innen Israels (1) und empfinden es als Notwendigkeit auf Ihre Statements zu Wieland Hoban im Musikmagazin VAN zu antworten (2). 

Während wir hier sprechen, richtet Israel ein fortschreitendes Massaker an unbewaffneten Protestierenden an, die seit März ein Ende des 11-jährigen Belagerungszustands, den Israel über sie verhängt hat, fordern. Dieser Blockade macht sie zu Gefangenen im größten Freiluftgefängnis der Welt. In den letzten drei Monaten allein, hat Israel über 170 Palästinenser*innen getötet und über 18.000 verletzt, darunter Kinder, Sanitäter*innen und Journalisten.Wir möchten hier einmal kurz pausieren und bitten Sie, sich auch nur diese wenigen Fakten einmal ernsthaft vor Augen zu führen: 11 Jahre Belagerungszustand, 170 niedergeschossen, 18.000 verletzt, Kinder einschließlich -und das in nur viereinhalb Monaten. 

Hr. Gottstein, das sind Kriegsverbrechen, und zwar in einem Maße, dass sie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gelten könnten. Man könnte davon sprechen, dass diese Taten Kritik verdienen, um es einmal sehr milde zu formulieren. Und dabei handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs, da wir noch Israels kriegerische, militärische Besatzung  und die kolonialen Siedlungen in der Westbank, sowie über 65 Gesetze innerhalb Israels selbst (4), die die eigenen palästinensischen Bürger*innen diskriminieren und dies kulminiert im erst vor kurzem beschlossenen „Nationalstaatsgesetz“, welches Israels systematische Diskriminierungspolitik zu einem verfassungsartigen Rang erhebt (5).
Aus Ihrem Statement lässt sich schlussfolgern, dass, hätte Hobans Werk ein anderes Regime kritisiert, sie dieses der Plattform (in Donaueschingen, Anmerkung des Übersetzers) für würdig befunden hätten. Sollte dies so sein, müssen wir uns die Fragen stellen, ob nicht Sie es sind, der Israel einem einzigartigen Doppelstandard unterwerwirft- und damit zu dessen Straflosigkeit beiträgt.

Als israelische Staatsbürger*innen und Nachfahren von Holocaust-Überlebnden, ist es unsere moralische Verpflichtung, unser eigenes koloniales Erbe zu kritisieren und nichts geringeres erwarten wir von deutschen Bürger*innen. Es ist Ihre Verpflichtung als Deutsche aus den Fehlern ihrer Vorfahren zu lernen und Nationen zu kritisieren, die sehr wohl in der Lage sein könnten, diese zu wiederholen.
Es ist nichts Antisemitisches daran, Kriegsverbrechen zu kritisieren. Wenn Israel diese begeht und gleichzeitig behauptet, dass der Staat für alle Jüdinnen und Juden spreche, dann ist es unsere Verpflichtung, diese Behauptung zurück zu weisen. Sie als Deutsche müssen wiederum lernen zwischen Jüdinnen und Juden einerseits und dem Staat Israel andererseits zu unterscheiden. 

Nicht in unserem Namen. 
Mit freundlichen Grüßen. Boycott! Supporting the Palestinian BDS call from Within (Eine Gruppe von Israelis, die den palästinensischen BDS-Aufruf „von innen heraus“ unterstützen)

[1] http://boycottisrael.info/
[2] https://van-us.atavist.com/rules-of-engagement
[3]  https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-snapshot-casualties-context-demonstrations-and-hostilities-gaza-30-march-16
[4] http://www.adalah.org/en/content/view/7771
[5] https://www.adalah.org/en/content/view/9565

Ein Artikel von Christoph Glanz, er ist Antifaschist und Palästina-Aktivist.

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