„Nicht in unserem Namen“ – Zensur im Namen Israels und was Künstlerinnen und Künstler davon halten

28. August 2018 - 07:30 | | Politik | 1 Kommentare

Die Musiktage Donaueschingen sind innerhalb der Szene der Neuen Musik international berühmt. Ihr Intendant Björn Gottstein und der Südwestdeutsche Rundfunk (SWR) sind im Begriffe es international berüchtigt zu machen.

Ausgangspunkt ist eine scheinbare Petitesse: der englisch-deutsche Komponist Wieland Hoban hatte Gottstein eine Komposition zur Aufführung bei den Musiktagen angeboten. Nun hat eben jener Zyklus (Rules of Engagement) eine stark politische Ebene: er thematisiert den militärischen Angriff Israels auf Gaza zur Jahreswende 2008/2009 bei dem mehr als 1400 Palästinenser*innen getötet wurden. Dabei brachten die Israelis unter anderem weißen Phosphor zum Einsatz, der von kritischen Beobachter*innen als chemische Waffe bezeichnet wird und grausame Wunden zufügt.

Die Gottstein-Doktrin  

Gottstein machte in seiner Antwort an Hoban unmissverständlich und kategorisch klar, dass er keine Kritik an Israel akzeptiere und dafür sorgen werde, dass entsprechende Stücke niemals ihren Weg in das Programm der Musiktage finden werden. Auf kritische Rückfrage Hobans hin milderte er diese Position nicht nur nicht ab- er untermauerte sie. Später verbat er Hoban, die Passage aus der Email direkt zu zitieren, verdoppelte seine Aussage inhaltlich jedoch in einem Tweet für das Musikmagazin VAN. 

Mittlerweile hat Hoban diese Unterdrückung der Freiheit der Künste in einem offenen Brief thematisiert und kritisiert- und die Unterstützung für diese Sicht ist nicht ausgeblieben. Die Liste der Erstunterschreibenden liest sich recht beeindruckend: Noam Chomsky und Norman Finkelstein, die antifaschistische Sängerin und Holocaustüberlebende Esther Bejarano, die israelischen Historiker Ilan Pappe und Moshe Zuckermann, die Rocklegende Roger Waters sind darunter. Außerdem als Organisationen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ (Deutschland) und das „Projekt Kritische Aufklärung“. Aber auch eine große Anzahl von Künstler*innen und Musiker*innen aus der Szene hält Gottsteins Zensur ebenfalls für inakzeptabel.

Außerdem gibt es bei change.org eine Online-Petition namens „Weg mit der Zensur in Sachen Israel, SWR!“ Der Schwerpunkt wird hier noch stärker vom Festivalleiter weg hin zu den Verantwortlichen im SWR verschoben. Es werden konkrete Forderungen an den Sender gestellt.

Der SWR in Nöten

Auf Anfragen von Die Freiheitsliebe verwiesen die Pressesprecher*innen der verschiedenen Sendersparten jeweils direkt auf ihren Chef, Wolfgang Utz.

Utz scheint die übliche Kommunikationstaktik in solchen Fällen zu fahren: Totschweigen. Er antwortete weder auf telefonische noch Anfragen per Mail.

Ob dieser Teflon-Versuch von Erfolg gekrönt sein wird, dürfte fraglich sein- insbesondere nachdem es der BDS-Kampagne gelungen ist, gerade im Kulturbetrieb für einige Unruhe zu sorgen und Palästinasolidarität sowohl bei der Popkultur Berlin als auch bei der Ruhrtriennale prominent zu platzieren.

Gottstein beansprucht in seinen Äußerungen öffentlich für die Positionen des SWR zu stehen- auch dies könnte heikel werden. Ein steuerfinanzierter Sender mit öffentlich-rechtlichem Rundfunkauftrag, der als offizielle Politik den Staat Israel von jeglicher Kritik ausnimmt und entsprechende Stimmen zensiert- das könnte sogar innerhalb Deutschlands zu einer blutigen Nase führen.

Als neueste Wendung hat sich nun die dissidente Stimme der israelischen Gruppe BfW („Boycott! Supporting the Palestinian BDS call from Within“) zu Wort gemeldet. In einem scharfen Statement weist sie Gottsteins Position entschieden zurück und wirft ihm unter anderem vor, nicht zwischen Juden einerseits und dem Staat Israel andererseits unterscheiden zu können und die Augen vor israelischen Kriegsverbrechen zu verschließen.

Es wird abzuwarten sein, ­­­wie lange der SWR mit seiner Zensur- und Schweigetaktik noch durchkommt. Dies wiederum wird in starkem Maße davon abhängen, ob der öffentliche Druck gehalten oder gar noch weiter gesteigert wird.

Dank und Ausblick

Aber schon jetzt lässt sich ein zweifacher Dank formulieren. Ein ironischer an Gottstein: er hat endlich einmal schriftlich jene zionistisch motivierten Zensurbemühungen dokumentiert, die wir allzuoft erleben, aber oft auch nur erahnen können- oder die uns unter dem Mantel der Verschwiegenheit zugetragen werden.

Damit sind wir beim zweiten Dank und diesmal einem gänzlich unironischen: mit der Veröffentlichung und Skandalisierung der Gottsteinschen Doktrin, hat Wieland Hoban sowohl der Meinungsfreiheit als auch der Palästinasolidarität in diesem Land einen großen Gefallen getan und dies unter nicht unerheblichem persönlichen Risiko- Whistleblower machen sich nirgendwo beliebt.

Es bleibt zu hoffen, dass der SWR durch öffentlichen Druck zu einem Wiederruf seiner desaströsen Kulturpolitik in Sachen Israel gebracht werden kann- und mehr Menschen den Mut aufbringen, derartige Missstände öffentlich anzuprangern.

Wir werden über das weitere Geschehen berichten.

Über den Autor

Christoph Glanz ist Antifaschist und Palästina-Aktivist.

Ein Kommentar

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