Proletarisches Theater: Klasse, Corona?

3. November 2020 - 16:27 | | Kultur,Meinungsstark | 0 Kommentare
Image by bigter choi from Pixabay

„Unsere ‚Stücke’ waren Aufrufe, mit denen wir in das aktuelle Geschehen eingreifen.” Vor gut 100 Jahren, am 14. Oktober 1920, fand in der Berliner Hasenheide die erste Agitprop-Aufführung in der Weimarer Republik statt. Es war die Geburtsstunde des „Proletarischen Theaters“: Piscator forderte eine Demokratisierung der Künste, ein allumfassendes „Totaltheater” als Ausdruck proletarischer Kultur und des sozialen Wandels. Theater als „Volkstheater” forderten in der Folge zahllose linke Theaterschaffende und Kulturpolitiker:innen. Doch was ist heute vom sozialen, gar klassenkämpferischen Anspruch des Theaters geblieben und wie verändert die Corona-Pandemie die Lage auf und hinter der Bühne?

Wer sich Theater anschaut, darüber gab jüngst die vom LINKEN Kultursenator Klaus Lederer beauftragte Studie zur Kulturellen Teilhabe Auskunft. Demnach sind rund 46 Prozent der Theaterbesucher:innen in der Hauptstadt über 60 Jahre alt, 53 Prozent haben einen Hochschulabschluss (Gesamtbevölkerung: 24,8 Prozent). 30 Prozent der insgesamt Befragten haben in den vorangegangenen 12 Monaten ein Theaterstück besucht. Über den sozialen Hintergrund der deutschen Theaterschaffenden lässt sich auf der Grundlage der Schweizer Studie „Art.School.Differences“ mutmaßen: Ihr zufolge kommen die dort Schauspiel Studierenden aus ähnlich reichen, bildungsbürgerlichen Familien wie Medizin-Studierende. Diese Zahlen verdeutlichen: Theater ist kein Volkstheater, sondern vor, auf und hinter der Bühne der Ort eines ganz bestimmten gesellschaftlichen Milieus – eines, das sich Theater überhaupt noch leisten kann.

Diese Tendenz wird sich mit der Corona-Pandemie verstärken: Zurzeit stehen aufgrund notwendiger Hygienebestimmungen viel weniger Tickets als gewöhnlich zur Verfügung, an den großen Stadt- und Staatstheatern sind die Stücke meist auf Wochen hin ausverkauft. Um dieser Tage Theater anzusehen, muss man sehr genau Bescheid wissen – und es sich angesichts von weit verbreiteter Kurzarbeit leisten können, etwa in Düsseldorf 15 Euro für einen 45-Minuten-Monolog zu zahlen oder 19 Euro für die billigsten Plätze im Mainfranken-Theater in Würzburg.

Im nächsten Jahr werden die Steuerausfälle im Zuge der Coronakrise die finanziell ohnehin gebeutelten Kommunen wie ein Schlag in die Magengrube treffen. Dass an der „freiwilligen” Aufgabe Kultur gespart wird, ist absehbar. Steigen die Ticketpreise? Wie viel weniger Stücke werden an den öffentlichen Bühnen gezeigt? So oder so: Der ökonomische Druck auf die 142 Staats- und Stadttheater steigt. Und das hat aufgrund der engen Verzahnung in der Branche massive Konsequenzen für die ohnehin prekärer aufgestellte Freie Szene.

Denn ganz besonders trifft die Coronakrise diejenigen Theaterschaffenden, die als Feste Freie in guten Zeiten regelmäßig von einem bestimmten Haus beschäftigt werden. Können sie damit im Idealfall freie Tätigkeiten mitfinanzieren und haben ein Minimum an Planungssicherheit, fallen sie in schlechten Zeiten aus den sozialen Sicherungsnetzen. Für sie sind die Zustände „schwierig bis untragbar”, berichtet Anica Happich vom Ensemble Netzwerk, selbst bestehende Verträge wurden zum Teil mit Verweis auf „höhere Gewalt” aufgelöst.

Insgesamt, so schätzt Happich, werden auf unbestimmte Zeit immer weniger Gäste engagiert werden, auch von Neueinstellungen würden Spielstätten wohl absehen. Düstere Aussichten also für die etwa 300 Schauspieler:innen und etwa noch einmal so vielen Regisseur:innen und Bühnenbildner:innen, die in diesem Jahr allein von den staatlichen Hochschulen abgehen. Sie ereilt ein Arbeitsverbot, bevor sie überhaupt ins hart umkämpfte Berufsfeld einsteigen können.

Zuletzt sind auch die allermeisten kleinen und Studio-Bühnen aktuell aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen, also genau die, auf denen auch mal experimentelle Stücke laufen und sich der Theaternachwuchs präsentieren kann. Das verstärkt soziale Ungleichheiten weiter: Gehen Theater nun auf Nummer sicher, kommen in aller Regel die etablierten alten weißen Männer zum Zuge. An deutschen Bühnen gibt es ohnehin nur 22 Prozent Intendantinnen, nur 30 Prozent der Regiearbeiten stammen von Frauen. Menschen aus Arbeiter:innenfamilien und ihre Lebensrealität sind am Theater eklatant unterrepräsentiert. Und besonders für die Theaterschaffenden ohne reiche:n Partner:in, Familie oder Tatort-Engagement steht ihre komplette berufliche Existenz auf dem Spiel. Dabei gilt: Ohne die Repräsentation der Arbeiter:innenklasse kann es keine Diversität im Theater geben!

Wie kann also ein Theater, das nicht bloßes „Bildungstheater” (Piscator) beziehungsweise männliches, weißes Mittelschichtstheater sein will, seinem sozialen Anspruch in diesen Krisenzeiten und darüber hinaus gerecht werden? Oder, um mit dem Berliner Landesverband Freie Darstellende Künste (LAFT) zu sprechen: „Was ist aus den großen Ansprüchen an Barriere-Abbau, Gender-Budgeting und Diversitätsentwicklung geworden?”

Ein kulturpolitischer Forderungskatalog von links:

Existenz von Solo-Selbständigen und freiberuflich Tätigen sichern. Wir haben uns immer wieder für die Bezuschussung der Lebenshaltungskosten in Form einer monatlichen Pauschale von 1180 Euro eingesetzt. Wir dürfen die Mehrzahl der Freischaffenden – nämlich die ohne hohe Betriebskosten – nicht im Regen stehen gelassen werden.

NEUSTART KULTUR auch für Nachwuchs. Viele Programme im Bundesprogramm NEUSTART KULTUR lassen Nachwuchskräfte außen vor, so auch bei den Programmen für die darstellenden Künste. Dabei sollten insbesondere die Neulinge, wie etwa die Absolvent:innen dieses Jahres, gezielt unterstützt werden.

Kultur für alle sichern. Im nächsten Jahr werden die Steuerausfälle im Zuge der Coronakrise die finanziell ohnehin gebeutelten Kommunen wie ein Schlag in die Magengrube treffen. Der Legitimationsdruck für die öffentliche Kulturförderung steigt. Daher müssen wir das Verhältnis der Anteile von Bund, Ländern und Kommunen an der Kulturförderung überdenken. Um die Bedeutung von Kultur festzuschreiben, fordert DIE LINKE als einzige Partei in ihrem Parteiprogramm eine Staatszielbestimmung von Kultur im Grundgesetz.

Kultursektor nachhaltig krisenfest gestalten. Um zu belastbaren Strukturen vor allem in der projektgeförderten Freien Szene zu kommen, muss Kulturförderung insgesamt nachhaltiger und weniger projektorientiert gestaltet werden. Die Flexibilisierung des Zuwendungsrechts von Fördermitteln muss beibehalten werden. Ergänzend sind spartenübergreifende, langfristige Stipendienprogramme sinnvoll, die auch die Bildung von Rücklagen ermöglichen.

Faire Gagen und Strukturen. Zu guter Letzt solidarisiere ich mich mit den Arbeits- und Tarifkämpfen aller Theaterschaffenden. Immer mehr junge Kräfte, und ganz besonders die Frauen unter ihnen begehren gegen starre Theaterhierarchien und untragbare Arbeitsverhältnisse auf.

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Über den Autor

Simone Barrientos ist kulturpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag. Homepage: https://simone-barrientos.de/
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