„Messiah“ – Al-Qaida-Terrorist, russischer Spion oder sexy Jesus?

11. Juni 2020 - 14:00 | | Kultur | 0 Kommentare
© Netflix.

2019, der Islamische Staat ist wiedererstarkt und rückt auf Damaskus vor. Über viele Tage hüllt ein schwerer Sandsturm die syrische Hauptstadt in dichten Staub. Unbeirrt von diesen Naturgewalten und von den Stadtgrenzen aus einschlagender IS-Artillerie predigt unaufhörlich ein junger Mann, der schließlich verkünden wird, er allein habe den IS in die Flucht geschlagen. Der Mythos um den unfassbar charismatischen, einnehmenden Fremden beginnt.

Aus dem Yarmouk-Geflüchtetenlager bei Damaskus schließen sich ihm rund 2.000 palästinensische Refugees an und folgen ihm in die Wüste, darunter auch der junge Jibril. Der Weg ins Nirgendwo bekommt schließlich doch ein Ziel – Golanhöhen, die militärisch bewachte syrisch-israelische Grenze. Während unser Protagonist erst vom israelischen Militär festgenommen wird und kurz darauf vor dem Tempeldom in Jerusalem vermeintlich einen von israelischen Sicherheitskräften erschossenen Jungen zurück ins Leben holt, harren seine 2.000 Anhänger*innen in der sengenden Wüstenhitze am Grenzzaun aus, dem Hungertod nahe. Schnell finden internationale Medien Interesse am hochpolitisierten Refugeedrama vor der israelischen Grenze – und israelische und US-Geheimdienste an den „Wundern“ des „Messias“.

Die Netflix-Serie Messiah ist ein äußerst gelungener Politthriller vom Januar 2020, der gekonnt klassische Elemente der Geheimdienst- und Spionagethriller mit dem großen persönlichen Drama und der Sehnsucht nach spiritueller Erlösung verbindet und die Zuschauenden dabei von der ersten Sekunde an elektrisiert und nicht nur einmal in kompletter Verwirrung zurücklässt.

Aus atheistischer Perspektive banal und trivial, aus der anthropologischen Vogelperspektive jedoch äußerst interessant: Was müsste in unserer zum großen Teil säkularisierten, digitalisierten, globalisierten Welt anno 2020 eigentlich geschehen, um der Wiederkunft des Messias „Glauben“ zu schenken? Was ist die Verifikation? 350.000 Likes auf Instagram? Der solide Investigativbericht auf CNN inklusive Go der Factchecking- und der Rechtsabteilung? Die Bestätigung durch den US-Präsidenten und seiner Geheimdienste?

Die Serie beginnt in Syrien und spielt dann in Israel, Palästina und den USA. Trotz dem Chaos, das rund um den „Messias“ immer wieder aufpoppt, hat die Serie – genau wie ihr Protagonist – eine sehr ruhige Grundatmosphäre und will mir als Zuschauer nicht wie so viele andere von vornherein einhämmern, wen und was ich gefälligst für Gut und Böse zu halten habe – sehr sympathisch. Die Szenen in Palästisrael ließen großes Fernweh in mir aufsteigen.

Die Story dreht sich um den jungen geflüchteten Palästinenser Jibril und dessen Freund Samir, den machistischen, versoffenen, doch irgendwie sympathischen Shin-Bet-Agenten Avi, die äußerst ambitionierte, unnahbare CIA-Agentin Eva und den naiven texanischen Priester Felix und dessen Familie – komplett unterschiedlich, doch alle auf ihre Art mit vom „Schicksal“ gebeutelten Existenzen, alle mit kaputten Leben, die dabei sind auseinanderzubrechen. Doch im Zentrum all dieser Personen steht der wunderschöne Payam aus Teheran, bald weltweit als „Al-Masih“ bekannt, der Messias, mit seiner fast schon unverschämt strahlenden Aura und seinem Charisma, das einfach alles und jeden in seinen Bann zu ziehen vermag – bis hin zum US-Präsidenten.

Messiah schafft es, Welten zu vereinen, die rein gar nichts gemein zu haben scheinen, unvereinbar sind. Die omnipräsente Religiosität, Spiritualität, kommt mir als Von-Kopf-bis-Fuß-Atheisten weder nervig noch missionarisch daher und auch wenn gerne das Motiv der blindfolgenden Schafe gebraucht wird, will die Serie auf der individuellen Ebene auch Verständnis für die Unterwerfung unter die Religion – oder unter das, was die Person auch immer meint, sich unterwerfen zu müssen – hervorrufen: Auf dem schmalen Grat der Bedienung unterschiedlichster Erwartungshaltungen schlägt Messiah Purzelbäume.

Im Kern der Serie steht eine Frage: Wer ist er?

Ein Hippie, ein Scharlatan? Der Teufel, die Wiederkehr Jesu? Ein Al-Qaida-Terrorist oder Friedensengel? Ein naiver Weltverbesserer? Ein russischer Agent? Ein Geisteskranker? Ein Zirkusjunge, Taschenspieler, Trickbetrüger? Der Messias? All das? Gott?

Und was will er mit seinem aktivistischen Non-Aktivismus überhaupt erreichen? Die Befreiung Palästinas? Die Errichtung des islamischen Kalifats? Oder doch des jüdischen Weltreichs? Die Sintflut? Den ewigen Weltfrieden?

(Wenn’s irgendwie geht, schaut die Serie auf Englisch mit Untertiteln, da auch das Switchen zwischen Englisch, Arabisch und Hebräisch als stilistisches Mittel eingesetzt wird, was in der deutschen Synchro einfach nur Mist ist.)


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Über den Autor

Ich bin seit Ende 2015 bei Die Freiheitsliebe mit dabei. Als studierter Biochemiker habe ich ein Jahr in Nablus, Palästina gelebt und dort an der Uni die Auswirkungen israelischer Industrieanlagen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in der Westbank erforscht. Anschließend habe ich neben mehreren Ländern in Osteuropa und dem Balkan auch einige Zeit in Tel Aviv und Haifa in Israel gelebt und kenne daher „beide Seiten“ des Konflikts und die jeweiligen Mentalitäten recht gut. Soweit ich zurückblicken kann, bin ich ein politisch denkender Mensch und verabscheue Ungerechtigkeiten jeglicher Art. Aus bedingungslos pazifistischer Sicht schreibe ich gegen den Krieg an und versuche so, meinen kleinen Beitrag zu leisten. Meine Themenschwerpunkte sind Terrorismus, das US Empire, Krieg (Frieden?) und speziell der Nahe Osten.