Friedensnobelpreis geht an Nadia Murad und Denis Mukwege für ihren Kampf zur Beendigung sexueller Gewalt im Krieg

5. Oktober 2018 - 17:27 | | Politik | 0 Kommentare
By Claude Truong-Ngoc, Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 3.0 (Mukwege), U.S. Department of State, Flickr, published under public domain (Murad), mashup by Jakob Reimann, JusticeNow!.

Der Friedensnobelpreis 2018 wurde an die kurdische Jesidin Nadia Murad und den kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege in Ehrung ihres unermüdlichen Kampfes für den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten verliehen.

Am Freitagmittag gab das norwegische Komitee die Gewinner des Friedensnobelpreis 2018 bekannt: Der renommierte Friedenspreis wurde an Nadia Murad und Denis Mukwege „für ihre Bemühungen zur Beendigung sexueller Gewalt als Waffe in Kriegen und bewaffneten Konflikten“ verliehen.

Nadia Murad ist eine kurdische Jesidin aus dem Irak. Sie wurde 2014 als Neunzehnjährige vom sogenannten Islamischen Staat (IS) aus ihrem Heimatdorf Kocho nahe der irakischen Stadt Sindschar im irakisch-syrischen Grenzgebiet entführt und im August 2014 von IS-Kämpfern in die Stadt Mossul im Nordirak verschleppt. Mossul wurde im Juni 2014 vom IS regelrecht überrannt und innerhalb weniger Tage eingenommen. Es kam zum Exodus aus der Stadt, die seitdem als de-facto-Hauptstadt des „Kalifats“ im Irak fungierte.

Als Nadia in Mossul gefangen gehalten war, wurde sie gefoltert, geschlagen und vergewaltigt, brennende Zigaretten wurden auf ihr ausgedrückt. Sie war eine von 6.700 Frauen, die im Irak von IS-Terroristen entführt wurden.

Nadia Murad erzählt als Zeugin von den Misshandlungen, die sie und andere Frauen und Mädchen erleiden mussten. Hier mit dem damaligen Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Seid al-Hussein (r.) und einem nicht namentlich genannten Übersetzer (l.) auf der Konferenz Vienna+25 im Mai 2018. By Anna Rauchenberger, Österreichisches Außenministerium, Flickr, licensed under CC BY 2.0.

Im Sommer 2014 wurden Dörfer der jesidischen Gemeinde vom IS umstellt und deren Bewohner zum Übertreten zum sunnitischen Islam gezwungen. Wer sich weigerte, wurde zumeist hingerichtet, Massaker und Massenhinrichtungen wurden reportiert. Es kam zum Genozid an den Jesiden: Mehr als 4.000 Menschen wurden von IS-Milizen getötet, mehr als 10.000 entführt und etwa eine halbe Million Menschen vertrieben. Viele Jesidinnen wurden als Sexsklavinnen gefangen gehalten. Hunderttausende Jesidinnen und Jesiden flohen aus ihren Häusern und fanden Zuflucht auf dem Sindschar-Gebirge im Nordirak.

Nadia berichtet vor dem UN-Sicherheitsrat über ihre Geschichte, im Dezember 2015. By United Nations Photo, Flickr, licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

Auch sechs von Nadias Brüdern und Stiefbrüdern wurden vom IS exekutiert. Nadia selbst konnte ihrem Martyrium schließlich entkommen und floh mithilfe einer muslimischen Familie in ein Flüchtlingslager nahe Dohuk, im Nordirak.

Nadia und ihre Schwester bewarben sich erfolgreich bei einem Sonderprogramm des Landes Baden-Württemberg zur Aufnahme von 1.000 geflüchteten Frauen und Kindern. Die zwei Schwestern leben seitdem in Deutschland.

Sie gründete die Nadia‘s Initiative, „die Frauen und Kindern, die Opfer von Völkermord, Massengräuel und Menschenhandel geworden sind, helfen soll, ihre Wunden zu heilen und ihre Gemeinschaften wiederaufzubauen.“

2015 informierte Nadia Murad den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen über das Thema Menschenhandel im Krieg und dient seit September 2016 als Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel der Vereinten Nationen (UNODC).

Im Jahr 2016 erhielt sie sowohl den Václav-Havel-Menschenrechtspreis des Europarates als auch den renommierten Sacharow-Preis des EU-Parlaments, der ihr zusammen mit einer weiteren jungen jesidischen Frau, Lamija Adschi Baschar, verliehen wurde.

Denis Mukwege ist ein kongolesischer Gynäkologe und Menschenrechtsaktivist, der Opfer sexueller Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo behandelt. Er setzt sich für Frauen und Mädchen ein, die in Kriegen Opfer von (Massen-)Vergewaltigungen wurden, insbesondere in seinem Heimatland Kongo, in dem seit Jahrzehnten der mit mehr als sechs Millionen Getöteten verlustreichste Krieg seit Ende des Zweiten Weltkriegs wütet.

Mukwege trug seinen Kampf zum Schutze von Frauen und Mädchen auch auf die politische Bühne. In seinem Appell vor den Vereinten Nationen 2012 rief er die Weltgemeinschaft auf, sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen nachdrücklich zu verurteilen und die Vergewaltiger wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor nationale und internationale Gerichte zu stellen. Im selben Jahr überlebte Mukwege nur knapp einen Mordanschlag.

Er gilt als weltweit wichtigstes Symbol für den Kampf gegen sexuelle Gewalt in Kriegen und bewaffneten Konflikten, so das Nobelpreiskomitee.

Denis Mukwege Grundprinzip lautet: „Gerechtigkeit geht uns alle an“. Der Friedensnobelpreisträger von 2018 ist das wichtigste und einheitsstiftendste Symbol für den Kampf gegen sexuelle Gewalt in Kriegen und bewaffneten Konflikten auf nationaler und internationaler Ebene. By MONUSCO Photos, Flickr, licensed under CC BY 2.0. (edited).

„Eine friedlichere Welt kann nur erreicht werden, wenn die Grundrechte und die Sicherheit von Frauen im Krieg anerkannt und geschützt werden“, sagte die Vorsitzende des Nobel-Komitees, Berit Reiss-Andersen, bei der Vorstellung der zwei diesjährigen Gewinner.

„Denis Mukwege und Nadia Murad haben ihre persönliche Sicherheit aufs Spiel gesetzt, um mit all ihrem Mut Kriegsverbrechen zu bekämpfen und nach Gerechtigkeit für die Opfer zu streben“, erklärt das norwegische Nobelkomitee in einem Statement.

„Durch die Anwendung der Prinzipien des Völkerrechts haben sie die Freundschaft und den Zusammenhalt unter den Völkern vorangetrieben.“, so das Statement weiter.

Die Freiheitsliebe sendet die herzlichsten Glückwünsche an Nadia Murad und Denis Mukwege und wünscht den Beiden auch weiterhin viel Mut und Erfolg in ihrem so wichtigen Kampf für den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen in den Kriegen dieser Welt.

Über den Autor

Ich bin seit Ende 2015 bei Die Freiheitsliebe mit dabei. Als studierter Biochemiker habe ich ein Jahr in Nablus, Palästina gelebt und dort an der Uni die Auswirkungen israelischer Industrieanlagen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in der Westbank erforscht. Nach einiger Zeit in Tel Aviv, Haifa, Prag und Sunny Beach (Bulgarien) lebe ich jetzt wieder in Israel und kenne daher „beide Seiten“ des Konflikts und die jeweiligen Mentalitäten recht gut. Soweit ich zurückblicken kann, bin ich ein politisch denkender Mensch und verabscheue Ungerechtigkeiten jeglicher Art. Aus bedingungslos pazifistischer Sicht schreibe ich gegen den Krieg an und versuche so, meinen kleinen Beitrag zu leisten. Meine Themenschwerpunkte sind Terrorismus, das US Empire, Krieg (Frieden?) und speziell der Nahe Osten.