Der Kolumbus-Tag gehört endlich abgeschafft!

9. Oktober 2018 - 15:01 | | Politik | 0 Kommentare

Jedes Jahr am zweiten Montag im Oktober wird in den USA und andernorts der Columbus Day gefeiert. Als Heroisierung eines brutalen Tyrannen, der den Massenmord und die Massenversklavung der indigenen Bevölkerung eines ganzen Kontinents initiierte, gehört der Feiertag abgeschafft.

Vorgestern fragte die Süddeutsche Zeitung: Christoph Kolumbus – Held oder Schurke?

Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass sich ein liberales Blatt – wie es die SZ sein will – ernsthaft diese Frage stellt.

Gestern – jeweils am zweiten Montag im Oktober – wird in den USA und andernorts der Columbus Day zelebriert, in Ehrung des weltberühmten Christoph Kolumbus. In der Absicht, westwärts einen Seeweg nach Indien zu finden, setzte der unter spanischer Flagge reisende italienische Seefahrer 1492 Fuß auf die Karibikinsel Hispaniola, dem Territorium des heutigen Haiti und der Dominikanischen Republik. Die spanischen Konquistadoren fanden jedoch, anders als erhofft keine indische Bevölkerung vor, sondern das Volk der Taíno – das indigene Volk, das seit etwa 800 n. Chr. die karibischen Inseln bewohnte.

„Was immer man von ihnen erbittet“, so Kolumbus in seinem Bordbuch über das Volk der Taíno, „sie sagen nie nein, sondern fordern einen ausdrücklich auf, es anzunehmen und zeigen dabei so viel Liebenswürdigkeit, als würden sie einem ihr Herz schenken. … Sie sind sehr freundlich und ohne Wissen über das Böse; weder morden noch stehlen sie.“ Ein Jahr später ließ Kolumbus einen Taíno hinrichten – der erste schriftlich dokumentierte Mord der Spanier an den Indigenen Amerikas.

Das Wirken des gefeierten Kolumbus wirft lange Schatten: Versklavte Ureinwohner der Amazonas-Region Anfang des 20. Jahrhundert in Peru. By Walter Hardenberg, Wikimedia Commons, published under public domain.

Als Kolumbus seinen Fuß auf Hispaniola setzte, gab es Schätzungen nach rund 2 Millionen Taíno in der Region. Wenige Jahrzehnte später waren die Taíno vollständig ausgerottet – gestorben an den Folgen der Sklaverei, durch Exekutionen und Krieg, dahingerafft von Krankheiten, die die Kolonialisten aus Europa einschleppten. Der erste Genozid des soeben aus der Taufe gehobenen Spanish Empire – losgetreten von Christoph Kolumbus.

Kolumbus wurde nach seiner ersten Reise von der Spanischen Krone zum Gouverneur der Westindischen Inseln ernannt. Er gilt in dieser Funktion gemeinhin als brutaler Tyrann und inkompetent. Er folterte und verkaufte Menschen in die Sklaverei. Aufstände der einheimischen Bevölkerung gegen die Tyrannei der Kolonialisten ließ Kolumbus blutig niederschlagen. Die Körper der Getöteten wurden gevierteilt, die Leichenteile als Einschüchterung und Abschreckung potentieller Nachahmer durch die Straßen gefahren. Bei seiner Rückkehr nach Spanien wurde Kolumbus zusammen mit zwei seiner Brüder für ihre Verbrechen in Übersee ins Gefängnis gesteckt – König Aragón erließ sie auf freien Fuß, Kolumbus ging zurück in die Kolonien.

Auf Kolumbus‘ Befehl hin initiierte Spanien schließlich die so folgenreiche Kolonialisierung des Kontinents und damit einhergehend die massenhafte Versklavung der indigenen Bevölkerung. Es folgten Raubzug und Expansionismus, zu deren Peakzeiten sich das Spanish Empire von den heutigen Grenzen Kanadas bis an den Südzipfel Argentiniens erstreckte.

Maximale Ausdehnung des Spanish Empire um 1790. By Nagihuin, Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 4.0.

Entgegen der Romantisierung des Tyrannen Kolumbus als mutigen Entdecker und furchtlosen Pionieren handelte er aus wesentlich trivialeren Motiven: Edelmetalle, insbesondere Gold standen im Fokus seiner Explorationen. Als treuer Soldat der iberisch-katholischen Konquistadoren handelte Kolumbus stets im Sinne der Macht und des Kolonialismus der Spanischen Krone.

Der Schriftsteller und Theologe Bartolomé de Las Casas charakterisiert in seiner Streitschrift Kurzbericht über die Verwüstung Westindiens (1542) die von Kolumbus eingeleitete Ära als eine Zeit von „Massenmorden, Verbrennungen, Vergewaltigungen und Zerstückelungen, wobei auch Kinder, Schwangere oder Alte nicht verschont wurden“.

Unzählige Stauen auf der ganzen Welt ehren den brutalen Imperator Kolumbus. Hier vor der Hamburger Kornhausbrücke. By Soenke Rahn, Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 3.0.

Das heutige Amerika wurde vor etwa 15.000 Jahren von Jägern und Sammlern aus Ostasien über die Beringstraße kommend besiedelt. Dennoch gilt Kolumbus gemeinhin als „Entdecker“ der „Neuen Welt“, wird in den USA als „erster echter Amerikaner“ gefeiert – ein Vokabular, das nichts als Ekel in mir hervorruft, negiert es doch die Jahrtausende währende Geschichte von Millionen und Abermillionen Menschen, für die die Landmasse zwischen Atlantik und Pazifik auch vor Eintreffen der Europäer ihr zu Hause war.

US-Präsident Benjamin Harrison rief 1892 den Columbus Day zum offiziellen Feiertag aus. Kinder haben schulfrei, im ganzen Land werden Paraden abgehalten, allein auf der auf der Fifth Avenue in New York werden eine Millionen Menschen erwartet. Auch in Spanien, italienischen Communities in aller Welt und weiten Teilen Lateinamerikas wurde ein entsprechender Feiertag eingeführt. Seit jeher gibt es jedoch auch teils massive Widerstände gegen die Zelebrierung des Imperators.

Seit der Kubanischen Revolution wird der Tag auf der Karibikinsel nicht mehr gefeiert, in weiteren Ländern gab es Umbenennungen und damit einhergehende Umdeutungen: „Tag der Begegnung der zwei Welten“ (Chile seit 2000), „Tag des indigenen Widerstands“ (Venezuela seit 2002) oder „Tag der Dekolonisation“ (Bolivien seit 2011). Auch in den USA gibt es auf Landes- und Kommunalebene Widerstände: Alaska, Florida, Hawaii, Oregon, South Dakota, und Vermont erkennen den Columbus Day nicht als Feiertag an. Ausgehend von Berkeley, California, 1992, wird im Rahmen des Tages in vielen weiteren Großstädten als Indigenous Peoples‘ Day der Leiden und Widerstände der indigenen Bevölkerungen gedacht.

Es ist schlicht eine Schande, im 21. Jahrhundert in nationalen Feiertagen eines brutalen Tyrannen zu gedenken, dessen von Gier und Kolonialismus getriebene Expeditionen zur Zerstörung eines gesamten Kontinents beitrugen und schließlich zum Massenmord, zur Massenversklavung und zur großflächigen Auslöschung der Kultur der indigenen Bevölkerung führten.

Der Columbus Day gehört endgültig auf den Müllhaufen der Geschichte.


Article picture by Sebastiano del Piombo, Wikimedia Commons (Columbus), and Library of Congress, Picryl, both published under public domain (drawing), mashup by Jakob Reimann, JusticeNow!, licensed under CC BY-SA 3.0.

Über den Autor

Ich bin seit Ende 2015 bei Die Freiheitsliebe mit dabei. Als studierter Biochemiker habe ich ein Jahr in Nablus, Palästina gelebt und dort an der Uni die Auswirkungen israelischer Industrieanlagen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in der Westbank erforscht. Nach einiger Zeit in Tel Aviv, Haifa, Prag und Sunny Beach (Bulgarien) lebe ich jetzt wieder in Israel und kenne daher „beide Seiten“ des Konflikts und die jeweiligen Mentalitäten recht gut. Soweit ich zurückblicken kann, bin ich ein politisch denkender Mensch und verabscheue Ungerechtigkeiten jeglicher Art. Aus bedingungslos pazifistischer Sicht schreibe ich gegen den Krieg an und versuche so, meinen kleinen Beitrag zu leisten. Meine Themenschwerpunkte sind Terrorismus, das US Empire, Krieg (Frieden?) und speziell der Nahe Osten.