Das Märchen vom „grünen Kapitalismus“

25. Oktober 2018 - 09:00 | | Politik | 0 Kommentare

Die Aktualität der Marx’schen Analyse des Kapitalismus als eines dynamischen Systems ist in keinem Punkt so klar wie in der präzisen Herausarbeitung seines inhärenten Zwangs zum Wachstum. Aufgrund des Konkurrenzmechanismus‘ zwischen Einzelkapitalien unterliegt der Kapitalismus insgesamt einem in ihm selbst verankerten Wachstumszwang. „Bei Strafe des Untergangs“ ist das Einzelkapital gezwungen, einen möglichst großen Teil des Mehrwerts zu akkumulieren, in kapitalintensivere (und energieintensivere) Produktion zu investieren, um im Konkurrenzkampf bestehen zu können. Ein beschleunigter Kapitalkonzentrationsprozess, eine Aufwärtsspirale der Akkumulation auf immer höherer Stufe und weltweite Expansion sind die zwangsläufigen Folgen. Bereits Friedrich Engels hat diesen dem Kapitalismus selbst eingeschriebenen Wachstumsmechanismus scharfsinnig beschrieben: „Aber was wird das Ende von alledem sein? Die kapitalistische Produktion kann nicht stabil werden, sie muss wachsen und sich ausdehnen, oder sie muss sterben. […] Hier ist die verwundbare Achillesferse der kapitalistischen Produktion. Ihre Lebensbedingung ist die Notwendigkeit fortwährender Ausdehnung, und diese fortwährende Ausdehnung wird jetzt unmöglich.“ (MEW 22, 327)

Im Wachstumszwang findet die Irrationalität der kapitalistischen Ökonomie gerade heute, wenn angesichts der Bedrohung unserer natürlichen Lebensgrundlagen nach der Möglichkeit von „Postwachstumsökonomien“ gesucht wird, ihren deutlichsten Ausdruck. Der inhärente Zwang der kapitalistischen Ökonomie zum Wachstum – im Bild gesprochen: ein Fahrrad, das sich beständig vorwärts bewegen muss, um im Gleichgewicht zu bleiben – stellt einen unauflösbaren Widerspruch zum Ziel der Ressourcenschonung und der Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen dar. Eine Wirtschaftsweise unter dem objektiven Zwang zur Profitanhäufung und Kapitalverwertung ist von sich aus unfähig, der Abhängigkeit der Menschen von den natürlichen Lebenszusammenhängen Rechnung zu tragen, weil sie die natürlichen Ressourcen in prinzipiell grenzenlos vermehrbaren Geldwerten ausdrücken und damit deren Endlichkeit ignorieren muss. Der kapitalistische Zwang zum Wachstum macht dieses zum Selbstzweck. Daraus ergeben sich unmittelbar jene Imperative, die uns als Sachzwänge begegnen: Expansion um jeden Preis, Senkung der Kosten der Produktionsfaktoren (wozu die menschliche Arbeitskraft ebenso gehört wie die Natur), technische Innovation (auch um den Preis unbeherrschbarer Risiken), Erzeugung künstlicher Bedürfnisse und eine Produktion „auf Verschleiß“ („geplante Obsoleszenz“). 

Auch politische Zähmungsversuche wie die sogenannte „soziale Marktwirtschaft“ lösen diesen Grundwiderspruch nicht auf, im Gegenteil: Sie sind darauf angelegt, wirtschaftliches Wachstum (im Sinne des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts) auf Dauer zu stellen, zu institutionalisieren. So heißt es bei einem der „Klassiker“ der sozialen Marktwirtschaft: „Der Wettbewerb muss primär als eine Form, möglichst ungehindert den technischen und ökonomischen Fortschritt zu realisieren, begriffen werden. Seine Rechtfertigung ist daher die stete Produktionssteigerung. Eine Politik der sozialen Marktwirtschaft verlangt eine bewusste Politik wirtschaftlichen Wachstums.“ 

Wer Postwachstum sagt, der muss auch Antikapitalismus sagen

Angesichts der ökologischen Grenzen, das heißt der begrenzten Tragfähigkeit der Ökosysteme einerseits und dem bereits deutlich spürbaren Schwinden der natürlichen Ressourcen andererseits, darf die Ökonomie nicht nur nicht mehr wachsen, sondern es ist ein Schrumpfungsprozess einzuleiten, bis ein Zustand des stabilen Gleichgewichts, des sogenannten steady state (Herman Daly), erreicht wird. Ein solcher Schrumpfungsprozess ist aber kapitalistisch nicht mehr organisierbar. Er kommt ja schulökonomisch einer tiefen, lang anhaltenden Depression gleich. Der Rückgang der Profiterwartungen bedeutet zugleich einen Rückgang der Investitionsneigung. In einer Situation der Knappheit essenzieller Ressourcen müssen marktwirtschaftliche Instrumente zwangsläufig versagen. Ein funktionierender Markt hat ja zur Voraussetzung, dass die Marktteilnehmer auf Preissignale flexibel reagieren können. Bei Ressourcenknappheit haben wir es aber mit „Verkäufermärkten“ zu tun. Das heißt, das knappere Angebot bestimmt den Preis, was notgedrungen zu „Fehlallokationen“ führen muss. Damit ist gemeint: Die knapper werdenden Ressourcen fließen nicht mehr dort hin, wo es uns als Gesellschaft wünschenswert erscheint, sondern dort hin, wo noch Kaufkraft vorhanden ist – und fehlen dann notgedrungen an anderer Stelle.  Was, wie und wie viel produziert wird, wird also einem politischen Aushandlugsprozess unterliegen müssen und kann nicht mehr der Anarchie privater Profitinteressen überlassen bleiben. 

Allerdings – und hier trennen wir ÖkosozialistInnen uns von einer orthodox-marxistischen Tradition – steht mit den ökologischen Grenzen des Wachstums nicht nur die kapitalistische Ökonomie zur Disposition, sondern gleichermaßen auch unser Typ von Industriegesellschaft! Die wesentlich geringere Ressourcenbasis, die uns bei Einhaltung der ökologischen Grenzen zur Verfügung steht, stellt Selbstverständlichkeiten unserer Industriegesellschaft auf dem Niveau der OECD-Länder radikal infrage. Industrielle Abrüstung ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen.

Grünes Wachstum?

Die heute vorherrschende Ideologie ist die These, man könne das BIP-Wachstum in genügendem Maße vom Energie- und Ressourcendurchsatz entkoppeln, sodass sie nicht mehr im Widerspruch zu ökologischer Nachhaltigkeit stehen müsse. Durch immer effizientere Techniken und den Ausbau erneuerbarer Energien sei es mittelfristig möglich, „grünes Wachstum“ zu generieren. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Auffassung  jedoch als völlig unhaltbar. Der Zweckoptimismus im Hinblick auf technische Lösungen hat erkennbar nur den Sinn, der eigentlich politischen Frage auszuweichen, nämlich der Frage, wie wir auf einer wesentlich schmaleren Ressourcenbasis eine solidarische Gesellschaft verwirklichen können und auf welche Weise wir die Verwendung der knapperen Ressourcen politisch auszuhandeln haben. Die technischen Effizienzsteigerungen unterliegen dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens und sind in den Industrieländern weitgehend ausgeschöpft. Erneuerbare Energien haben ebenfalls begrenzte Potenziale und können aufgrund ihrer viel geringeren Energiedichte niemals das Maß substituieren, das uns jetzt noch aufgrund der vorhandenen fossilen Energiequellen zur Verfügung steht. „Erneuerbar“ heißt also keineswegs „unerschöpflich“. Der Ressourceneinsatz, mit dem sie verbunden sind, lässt ihre Energiebilanz in vielen Fällen recht dürftig ausfallen. Wir kommen jedenfalls an der Einsicht nicht vorbei, dass wir in absehbarer Zeit mit erheblich weniger Nettoenergie auskommen werden müssen. Damit stehen wir aber vor der Frage, wie viel Stahl wir dann noch kochen, wie viel Zement und Aluminium wir dann noch erzeugen können und wie wir das Maß an Mobilität und Transport aufrechterhalten wollen, ohne den der globalisierte Kapitalismus mit seiner ausdifferenzierten internationalen Arbeitsteilung nicht mehr funktionieren kann. 

Begrenzte Potenziale erneuerbarer Energie

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Ausmaß der Herausforderung, vor der wir global stehen: Wir befinden uns in einer „Zangengriffkrise“, die einerseits bestimmt ist vom beschleunigten Schwund natürlicher Ressourcen ‒ allen voran der fossilen Energieträger, aber auch wichtiger mineralischer Rohstoffe inklusive der sogenannten „seltenen Erden“ ‒ und andererseits von einer umfassenden Biosphärenkrise, deren prominentester Ausdruck der fortschreitende Klimawandel ist. Der Einfachheit halber greife ich zunächst nur diesen heraus: Ausgangspunkt  einer konsequenten Klimapolitik, die diesen Namen wirklich verdient, wäre – als Minimalanforderung – das Zwei-Grad-Ziel, auf das man sich international verständigt hat. Danach steht uns weltweit bis zum Jahr 2050 nur noch ein beschränktes Budget an CO2 zur Verfügung, das wir emittieren dürfen, nämlich weniger als 500 Mrd. Tonnen. Geht man nun unter Gerechtigkeitsaspekten davon aus, dass jedem Menschen auf der Erde dasselbe Maß an Naturnutzung innerhalb der Grenzen der Nachhaltigkeit zusteht, und bezieht man dieses noch zur Verfügung stehende Budget auf die Größe der Bevölkerung in Deutschland, dann würde das bedeuten: Wir müssten, um diesem Ziel gerecht zu werden, sofort unseren jährlichen CO2-Ausstoß auf weniger als ein Viertel reduzieren! Der Streit um selbstgesteckte Klimaziele der Bundesregierung oder der EU ist also müßig. Sie bleiben weit hinter dem ökologisch Notwendigen zurück. Festzuhalten bleibt auch: In Deutschland hat es bisher überhaupt keine Energiewende gegeben. Es gab zwar einen beeindruckenden Ausbau von erneuerbaren Energien für die Stromversorgung, aber der CO2-Ausstoß wurde dadurch überhaupt nicht verringert – und nur er wäre ja der Maßstab für eine echte Energiewende. Die Emissionen stagnierten lange Zeit auf hohem Niveau und steigen in letzter Zeit wieder an. Die einzigen signifikanten Emissionssenkungen sind auf den Zusammenbruch der höchst ineffizienten industriellen Infrastruktur der DDR zurückzuführen. Nicht umsonst bezieht man die Klimaziele deshalb gern auf das Jahr 1990, um diesen Effekt noch in die Rechnung mit aufnehmen zu dürfen und damit zu verschleiern, dass Klimapolitik in Deutschland bis jetzt kaum stattgefunden hat.

Eine konsequente Klimapolitik müsste allerdings mit einem Tabu radikal brechen, das heute durchweg vom gesamten ökoliberalen Mainstream (den meisten Umweltorganisationen, dem Ökoinstitut, den Bündnisgrünen etc.) geteilt wird: vom Tabu, dass man über absolute Reduktionen des Verbauchs nicht reden darf. Stattdessen konzentriert man sich lediglich darauf, welche fossilen Energiequellen man in welchem Zeitraum substituieren kann, ohne das Verbrauchsniveau insgesamt infrage zu stellen. Dabei erspart man sich in den einschlägigen Studien meistens den Nachweis, dass postulierte Potenziale auch tatsächlich existieren, man nimmt ein beschränktes Ziel in den Blick, klammert übergreifende Zusammenhänge systematisch aus und engt bewusst das Blickfeld ein. Einer genaueren Überprüfung halten die gängigen Energiewendeszenarien jedenfalls nicht stand. Es beginnt schon damit, dass der Fokus meist auf die Stromerzeugung verengt wird. Man unterschlägt dabei, dass der elektrische Strom lediglich 16 % der konsumierten Endenergie ausmacht. Unberücksichtigt bleiben dabei so wichtiger Bereiche wie Raum-und Prozesswärme oder Transport und Verkehr. 

Aber auch die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien stößt an Grenzen. Der rasche Zuwachs des Anteils der Erneuerbaren an der Stromerzeugung in Deutschland (auf etwa ein Drittel) bedeutet lediglich, dass die prinzipiell begrenzten Potenziale schneller ausgeschöpft sind. In Deutschland kommt der Windenergie von allen erneuerbaren Energiegewinnungsformen wohl die größte Bedeutung zu. Die geeigneten Standorte mit der entsprechenden Durchschnittsgeschwindigkeit sind jedoch beschränkt. Gregor Czisch von der Universität Kassel beziffert das entsprechende Potenzial onshore (also die off-shore-Potenziale vor der Küste nicht mit eingeschlossen) auf kaum ein Fünftel unseres derzeitigen Stromverbrauchs. Dieses Ergebnis deckt sich auch mit entsprechenden Studien für ganz Europa. Was die Fotovoltaik betrifft, so gibt es inzwischen erhebliche Zweifel daran, ob sie in Regionen wie etwa Norddeutschland oder der Schweiz überhaupt eine positive Energiebilanz aufweisen, das heißt, ob die Anlagen innerhalb ihrer Lebensdauer tatsächlich Nettoenergie erzeugen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es bei uns bislang nicht üblich ist, den Energiebilanzen das emergy-Konzept (emergy steht dabei für embodied energy) zugrunde zu legen, wie es etwa der US-Amerikaner Howard Oddum anwendet. Er weist darauf hin, dass bei der Bilanzierung einer Energiequelle anteilmäßig der gesamte Prozess der Produktion der entsprechenden Anlagen zu berücksichtigen wäre, das heißt in Bezug auf Fotovoltaik auf der Basis von polykristallinem Silizium: Man müsste – anteilmäßig, versteht sich – beim Bau der Fabriken beginnen, die die Bagger erzeugen, mit deren Hilfe der Sand für die Siliziumgewinnung gefördert wird, etc.  Fotovoltaik ist die energieintensivste Form der Gewinnung von erneuerbarem Strom. Nicolai Georgescu-Roegen führt deshalb die grundlegende Unterscheidung zwischen „machbaren“ und „lebensfähigen“ Energien ein. Lebensfähig wäre eine Form der Energiegewinnung dann, wenn sie sich selbst reproduzieren könnte, das heißt etwa, wenn mithilfe des aus Fotovoltaik gewonnenen Stroms auch der Zyklus der Erneuerung der entsprechenden Anlagen bewerkstelligt werden könnte. Die bis jetzt funktionierenden Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie verhalten sich bislang noch parasitär zur fossilen Energiegewinnung, das heißt, die noch vorhandenen, aber rapide im Schwinden begriffenen fossilen Energiequellen haben vorerst die Bereitstellung von Fotovoltaikanlagen, Windrädern, etc, erst ermöglicht. In die Zukunft lässt sich das nicht fortschreiben. Dabei ist das bis heute nicht zufriedenstellend gelöste Speicherproblem noch gar nicht berücksichtigt …

Die viel beschworene Effizienzrevolution entpuppt sich bei näherem Hinsehen als große Illusionsshow. Es war vor allem Ernst Ulrich von Weizsäcker, der in einer Reihe von populären Buchveröffentlichungen beeindruckende Faktor-Rechnungen aufgemacht hat („Faktor Vier: Doppelter Wohlstand bei halbem Energieverbrauch“, etc.) Dabei bezog er sich im Wesentlichen auf die Suggestivkraft von  Einzelbeispielen, ohne eine Gesamtbilanz vorzulegen. Fred Luks hat die Absurdität dieser Faktorrechnungen rein mathematisch vor Augen geführt: Bei einem unterstellten BIP-Wachstum von einem Prozent müsste sich, um den Energieverbrauch konstant zu halten, die Effizienz um den Faktor 15 steigern lassen, bei 2 % BIP-Wachstum wäre bereits der Faktor 27 erforderlich, bei 3 % der Faktor 43, etc. Es wurde bereits auf das grundsätzliche Problem des abnehmenden Grenznutzens hingewiesen, das heißt: Je mehr Effizienzpotenzial einer Ressource, eines Verfahrens, usw., bereits erschlossen wurde, umso schwieriger wird es, weitere Potenziale „herauszuholen“. Dieser Befund erfährt durchaus auch empirische Bestätigung: In den OECD-Ländern sind – nach anfänglichen beeindruckenden Steigerungen vor allem in den Siebzigerjahren – seit den Neunzigerjahren keine nennenswerten Effizienzgewinne mehr zu verzeichnen. Für Deutschland gilt dies zeitverzögert wegen des Sonderfaktors DDR seit dem Jahr 2000. Im Zeitraum von 1990 bis 2008 gab es in Deutschland eine Steigerung der Energieeffizienz um insgesamt 40 %. Das entspricht etwa einem Faktor 1,4, ist also von den Fantastereien eines Ernst Ulrich von Weizsäcker erheblich entfernt.  Auch die sehr gründliche weltweite Studie der beiden kanadischen Autoren Greenfood und Light ist eher ernüchternd. Die Beiden rechnen für die gesamte Welt ein noch zu erschließendes Effizienzpotenzial von 250 % bis maximal 330 % bis zum Jahr 2100 (!) fest. Hier ist allerdings zu bedenken, dass alle Weltregionen, also auch diejenigen auf einem heute sehr niedrigen Niveau, mit einbezogen sind.

Ein besonders brisantes Problem stellt die Mobilität dar. Anstatt unsere Mobilität grundsätzlich anders zu organisieren bzw. auch ein anderes Verhältnis zur Mobilität zu fördern, setzt die etablierte Politik im Einklang mit dem Umweltverbänden und deren think tanks nach wie vor auf motorisierten Individualverkehr, nun jedoch mit Elektroantrieb. Selbst wenn man alle anderen Probleme des Automobilverkehrs (Flächenverbrauch, etc.) ausklammert, ist das E-Auto als Ersatz für heutige Benzin- und Dieselfahrzeuge ein ökologisches Desaster. Aufgrund der vermehrten Leichtbauweise, um das Gewicht der Batterie zu kompensieren, verbraucht ein E-Auto im Schnitt bereits in der Produktion um etwa 40 % mehr Energie als vergleichbare Benzin- und Diesel-Fahrzeuge. Allein die Produktion des Akkus setzt – je nach Speicherkapazität – zwischen sechs und zehn Tonnen CO2 frei. Und angesichts der recht knappen Lithium-Vorräte (von anderen seltenen Erden wie etwa Neodym ganz zu schweigen), die auf weltweit etwa 35 Mio. Tonnen geschätzt werden, ist diese Form der Mobilität auf keinen Fall universalisierbar, das heißt für alle Weltregionen verallgemeinerbar. So beeindruckend die Effizienz eines Elektromotors an sich (nämlich der hohe Wirkungsgrad bei der Umsetzung von elektrischer in kinetische Energie) auch ist: Das Gesamtsystem E-Auto ist höchst ineffizient. Es wird mit Sicherheit seine beschränkte Rolle (als Taxi, Einsatz- und Betriebsfahrzeug, etc.) spielen. Unser auf motorisierten Individualverkehr abgestelltes Mobilitätskonzept lässt sich damit aber keineswegs fortschreiben. Von mit Wasserstoff angetriebenen Brennstoffzellen ist – mit Recht – immer weniger die Rede. Erzeugt man nämlich den Wasserstoff auf erneuerbarer Basis, das heißt nicht aus Methan, sondern mittels Elektrolyse aus Wasser, dann bleiben nach dem erforderliche doppelten Umwandlungsprozess von der ursprünglich eingesetzten Energie knappe 20 % übrig. Dabei sind die erheblichen logistischen Probleme noch gar nicht angesprochen: die nötigen hohen Transportkapazitäten (21 mal so viel Volumen als bei fossilem Treibstoff) und das Gefahrenpotenzial des hoch explosiven Wasserstoffs …

Die Problematik der Gewinnung von Biodiesel aus Ölpflanzen bzw. von Ethanol aus zuckerhaltigen Pflanzen (Zuckerrohr, Mais …) ist inzwischen allgemein bekannt. Der EROEI (energy return of energy invested), das heißt das Verhältnis von eingesetzter Energie (bei Berücksichtigung des Einsatzes von mineralischem Dünger, Landwirtschaftsmaschinen, etc.) und gewonnener Energie ist allenfalls leicht positiv, das heißt, es gibt nur einen recht geringen Nettoenergiegewinn. Zudem konkurrieren die entsprechenden Flächen fruchtbaren Bodens scharf mit den für unsere Ernährung notwendigen Flächen. Würde man alles fruchtbare Land der Erde allein für die Treibstoffgewinnung verwenden, hätte man gerade einmal die Hälfte des Treibstoffs zur Verfügung, den uns heute fossile Quellen liefern.

Industrielle Abrüstung

Es führt also kein Weg daran vorbei: Wir haben uns darauf einzustellen, in Zukunft mit erheblich weniger Nettoenergie auszukommen und auf dieser viel schmaleren materiellen Basis eine solidarische Gesellschaft aufzubauen. Orthodoxen Linken fällt an dieser Stelle natürlich auf, dass damit Karl Marx von Kopf auf die Füße gestellt wird. Er sah ja umgekehrt die höchste Entfaltung des Potenzials der Produktivkräfte als die Voraussetzung für eine sozialistische Gesellschaft an. Andernfalls würde dies – so sagt er an einer Stelle der „Deutschen Ideologie“ – lediglich die „Verallgemeinerung der ganzen alten Scheiße“ bedeuten. Wir sehen heute klarer. 

Politisch stehen wir heute vor der Alternative, den unausweichlichen Schrumpfungsprozess naturwüchsig über uns hereinbrechen zu lassen – mit allen sozialen Verwerfungen, die das mit sich bringt – oder ihn bewusst zu gestalten, das heißt, rechtzeitig den „geordneten Rückzug“ anzutreten. Soll dieser Prozess industrieller Abrüstung demokratisch erfolgen, das heißt von einer Mehrheit der Menschen getragen sein, dann müssen wir, anstatt ihnen weiterhin Technikillusionen einzuflößen, die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen und eine Perspektive des „guten Lebens“ jenseits unserer Überflussgesellschaft entwickeln. Ein wesentlicher Faktor dabei ist der Zeitwohlstand, der uns in diesem Prozess der „Befreiung vom Überfluss“ geschenkt wird. Der radikale Umbau und Rückbau unserer Industriegesellschaft erfordert es selbstverständlich auch, die sozialen Sicherungssysteme so auszugestalten, dass Menschen die Existenzangst genommen wird, und insgesamt eine radikale soziale Umverteilung einzuleiten – nicht, wie die altbackenen Keynesianer immer noch verkünden, um konsumgetriebenes Wachstum zu generieren, sondern gerade weil dieses Wachstum nicht mehr möglich ist. Es muss jedenfalls gerecht zugehen bei diesem industriellen Abrüstungsprozess, wenn er von der Mehrheit der Beteiligten gewollt und gestaltet werden soll.

Das bedrückendste Problem ist natürlich der Zeitfaktor. Wenn wir uns überhaupt noch politische Handlungsspielräume bewahren wollen, wenn wir verhindern wollen, in eine nicht mehr kontrollierbare Dynamik hineinzugeraten (was durch sogenannte positive Rückkoplungseffekte leider sehr schnell passieren könnte), in der Politik dann nur noch Katastrophen verwalten kann, dann brauchen wir sehr kurzfristig drastische Reduktionen unserer Emissionen. Das heißt: Wir müssen bereits jetzt die bestehenden Instrumente, vor allem des Ordnungsrechts, ausnutzen, um unseren absoluten Verbrauch an Energie und Rohstoffen deutlich zu reduzieren. Vieles ist bei vorausgesetztem politischen Willen ohne Weiteres umsetzbar. Ein großer Teil davon betrifft zunächst gar nicht unsere Lebensqualität, sondern lediglich kapitalistischen Leerlauf, krankmachenden Unsinn, Repressionsapparate, etc. Ein Gesetz gegen geplante Obsoleszenz nach dem Vorbild Frankreichs etwa könnte die Produktion auf Verschleiß eindämmen. Energieverschwendender Verpackungsmüll könnte ordnungspolitisch vermieden werden (z.B. Weißblechdosen als Getränkebehälter, etc.). Die Forderung der sofortigen Beendigung der Rüstungsproduktion ist kein naiver Radikalismus mehr, sondern bereits unabhängig von der friedens- und außenpolitischen Sinnhaftigkeit unter Ressourcengesichtspunkten eine schlichte Notwendigkeit. Es ist der Gipfel der Absurdität, in Vorbereitung auf künftige Kriege um knapper werdende Ressourcen (vgl. European Defense Paper aus dem Jahr 2004) eben diese Ressourcen zu verschwenden. Verzicht auf den weiteren Ausbau der fossilen Infrastruktur, auf Prestigeprojekte, Verbot von völlig überflüssigen Kurzstreckenflügen, etc. – dies wären einige der möglichst rasch zu stellenden Weichen, um überhaupt die Spielräume für die Gestaltung einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft offenzuhalten. Allerdings haben wir dann auch tiefgreifende Umstrukturierungen unserer Ökonomie zu gewärtigen. So fordern wir ÖkosozialistInnen zum Beispiel, die Zulassung von PKWs für den rein privaten Gebrauch ab 2030 einzustellen und die Automobilproduktion insgesamt auf ein Zehntel zu reduzieren. Selbstverständlich stehen dann auch unsere Konsummuster und auch in breiten Bevölkerungskreisen eingeschliffene Verhaltensweisen zur Disposition. Dazu wäre aber zu allererst mit der Illusion aufzuräumen, wir müssten lediglich einen anderen Saft in die Leitungen einzuspeisen, um unsere kapitalistische Konsumgesellschaft mit smarteren Mitteln fortzuschreiben.

Ein Beitrag von Bruno Kern, Netzwerk Ökosozialismus.

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