„Dann sollen sie doch Süßigkeiten essen“

3. Juli 2018 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

„Nachdem die Terrorgruppe Hamas am Freitag damit drohte 5000 brennende Drachen und Ballons in Richtung Israel zu schicken, konterten nun israelische Kinder an der Grenze zu Gaza mit einer fliegenden Friedensbotschaft“, berichtete die Times of Israel.

Im Kibbutz Nir Am, das einige Feuer erleiden musste, die durch aus Gaza kommende Drachen verursacht wurden, schickten Kinder und andere Bewohner*innen mit Süßigkeiten beschwerte Ballons in Richtung der palästinensischen Enklave.

Wir sehen Erwachsene und Kinder, die Heliumballons in die Luft schicken; die Ballons haben schöne, weiche Farben und tragen Süßigkeiten. Einerseits- eine Demonstration der Toleranz. Aber wie tolerant ist es wirklich, Menschen im Konzentrationslager Gaza Süßigkeiten zu schicken, die man gleichzeitig dazu zwingt, Meerwasser zu trinken? Apologeten Israels lieben diese Aktion, darauf können wir uns verlassen. Hier die Reaktion von Hananya Naftali, Premierminister Benjamin Netanyahus stellvertretendem Medienbeauftragten, der unmittelbar twitterte

„Israelische Kinder im Kibbutz Nir-Am lassen Ballons mit Süßigkeiten nach #Gaza aufsteigen. Wir wollen Frieden, aber die Medien werden euch das niemals zeigen. #Hamas“

Israelische Felder in der Nachbarschaft Gazas sind in den letzten Monaten zum Ziel von Drachen und Ballons geworden, die Brandsätze transportierten. Norman Finkelstein, schreibt: „Israel schätzt den Schaden der Feuer auf 1.4 Millionen US-Dollar, oder auch: etwas weniger als der durchschnittliche Wert von zwei Häusern in Brooklyn, New York (wo ich lebe).“

Solch ein Schaden ist anscheinend unvergleichlich viel bedeutender als der der Bewohner*innen Gazas. Unsere Felder vs. ihre Leben.

Daher müssen wir auch offiziell zur Praxis der gezielten Ermordungen („targeted assissantions“) zurückkehren (als ob die Massaker an über 130 unbewaffneten Demonstrant*innen in den letzten Monaten nicht genau dies gewesen seien). Jawohl, der Minister für öffentliche Sicherheit (und Hasbara) Gilad Erdan hat kürzlich genau dies vorgeschlagen: dass Israel „gezielte Ermordungen“ gegen diejenigen durchführe, die die brennenden Drachen steigen lassen.

„Die Tatsache, dass Hamas das Schießen und das Absenden der Drachen ermöglicht, bedeutet, dass wir zu gezielten Ermordungen zurückkehren müssen und die Drachenflieger und Hamas-Kommandeure zur Tötung ausgewählt werden sollten.“

Und so – diesem Vorschlag entsprechend – bombte die israelische Armee das Auto eines „Zellenanführers für brennende Drachen und Ballons“ in Gaza. Die Armee veröffentlichte folgendes kurzes Statement:

„Unsere Streitkräfte haben einen Luftschlag gegen das Fahrzeug eines der Köpfe einer Zelle, die verantwortlich für brennende und explosive Drachen und Ballons ist, durchgeführt. Der Angriff erfolgte als Antwort auf das weiterhin erfolgende Abschicken von brennenden und explosiven Drachen und Ballons nach Israel.“

Die palästinensische Shebab Agentur berichtete, dass der Luftschlag ein leeres Fahrzeug außerhalb einer Moschee im Shejaiya-Viertel von Gaza-Stadt am Sonntag morgen getroffen habe – Tote oder Verletzte gab es wohl nicht.

Die Kampagne mit den Süßigkeitenballons dient Hasbara-Zwecken, die wiederum zwei Ziele anvisieren: einerseits sollen sich israelische Erwachsene und Kinder in ihrer moralischen Überlegenheit wohl dabei fühlen, während gleichzeitig die selbstgerechte Botschaft des „Wir wollen Frieden“ an die Welt geschickt wird. Eigentlich handelt es sich um eine doppelte Botschaft: „Wir wollen Frieden, sie wollen Krieg“, „Wir wollen Liebe, sie wollen Hass“, „Wir bewerfen sie mit Süßigkeiten, sie uns mit Feuer“.

Die Süßigkeiten-Ballon-Kampagne fand gestern ihre logische Fortsetzung, indem neue Gehölze an Stelle der abgebrannten gepflanzt wurden. „Sie verbrennen und wir pflanzen“, sagte das Kampagnennetzwerk.

Solche eine Kampagne ist gerade wegen des ideologischen Zuckergusses schwer zu händeln. Wenn man sie kritisiert, so wie ich das tue, kann man sehr leicht als zynischer Kinderhasser dargestellt werden, der den Frieden nicht unterstützt. Aber gerade solche Zuckerguss-Kampagnen sind historisch dafür bekannt als Vertuschung der zynischsten genozidalen Akte zu dienen.

Das Marie Antoinette zugeschriebene Zitat „Dann sollen sie doch Kuchen essen“ (wenn sie kein Brot haben) ist der Inbegriff solcher Ruchlosigkeit geworden. Hier lautet die Entsprechung „Dann sollen sie doch Süßigkeiten essen“ (wenn sie nichts zu trinken haben).

Nur wenige Israelis haben Verständnis gezeigt für die Logik hinter den Drachen und auch den Projektilen aus Gaza  unter diesen wenigen sind aber sowohl Junge als auch Alte. In einer Fernsehsendung über die Schäden auf der israelischen Seite von vor ein paar Wochen (Mako, Hebräisch https://www.mako.co.il/news-israel/local-q2_2018/Article-dd36527c5fcb361004.htm ), wurden ein paar Kinder im Kibbutz Nirim (nur wenige Kilometer südlich vom erwähnten Nir Am) mit Bezug auf Geschosse, die über den Zaun geschossen wurden, gefragt, „Warum denkst du, tun sie das?“. Der neunjährige Neri sagte:

„Sie schießen nur deswegen Raketen, weil wir sie mies behandeln… weil sie ursprünglich in Israel waren und wir sie vertrieben haben und wir haben auch einige von ihnen getötet.“

Nicht schlecht. Der kleine Neri scheint die Logik verstanden zu haben. Das ist schon etwas.

Dann ist da auch der 78-jährige Schriftsteller Yehoshua Sobol. Er wurde von einem Interviewer (Maariv, Hebräisch) gefragt: „Identifizieren Sie sich mit denjenigen, die Branddrachen fliegen lassen?“ Sobol antwortete:

„Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie ich mich als Kind im Gaza-Streifen fühlen würden, wenn meine Nachbarn verwundet und getötet werden. Meine Verwandten kommen als Invaliden oder mit durchlöcherten Körpern nach Hause zurück und ich fragte mich selbst: „Was würde ich als Kind tun?“. Ich erinnere mich an meine Kindheit in den 1940er Jahren in der Sharon-Ebene (zentrale Küstengegend, Palästina). Wir ließen Drachen steigen. Keine brennenden Drachen, denn wir hatten keinen Grund zur Verzweiflung.“

Also verstehen tatsächlich einige Israelis, was passiert. Aber sie sind nur wenige. Und es wird nicht helfen, diese Situation mit Zuckerguss zu übergießen, während Israel seine mörderischen Strategien mit offen angekündigten gezielten Ermordungen ausbaut. Die Bevölkerung Gazas braucht nicht mehr Süßigkeiten. Sie braucht Wasser. Sie braucht ein vollständiges Leben. Und wenn die Israelis sie weiterhin dafür erschießen, dass sie gegen den Entzug ihrer grundlegendsten Menschenrechte protestieren, dann wird auch die größte Menge Süßigkeiten in der Welt nicht helfen.

Zu Apartheidszeiten war Südafrika Ziel von Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen. Ich kann mich nicht erinnern, dass damals das Argument erhoben worden wäre, dass BDS rassistisch sei, weil es „den Weißen ein Heimatland verweigere“. Es ist möglich, dass ich das einfach verpasst habe, aber falls jemand etwas entsprechendes geäußert haben sollte, ist er inzwischen im Abfalleimer der Geschichte gelandet. Aber wenn es um Israel geht, wird diese Behauptung regelmäßig verbreitet – „die verweigern dem jüdischen Volk ein Heimatland“, „sie leugnen Israels Existenzrecht als jüdischer Staat“ etc.

Wenn südafrikanische Weiße über einen „weißen Staat“ oder gar „den weißen Staat“ redeten, dann würde dies spätestens im Nachhinein als Ausdruck von Rassismus gewertet, ohne dass es auch nur als lohnenswert betrachtet würde, dies weiter zu erörtern. Aber aus irgendeinem Grund gilt das Reden von einem „jüdischen Staat“, oder gar „dem jüdischen Staat“ als komplett tolerant, moderat und gerechtfertigt.

Unsere Wahrnehmung eines „weißen Staates“ (dem Ideal der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung) als zutiefst rassistischer Idee, gilt heute als Allgemeinplatz und ist heutzutage leicht zu verstehen. Nicht weil wir etwas gegen Weiße hätten. Solch eine Behauptung – dass es rassistisch sei, weißen Suprematismus zu bekämpfen – wird natürlich von Rassisten wie Richard Spencer aufgestellt und die meisten Menschen durchschauen dies augenblicklich, ohne sich darüber allzusehr den Kopf zu zerbrechen. Aber zugleich wird die Behauptung, dass es rassistisch sei, gegen einen jüdischen Staat zu opponieren, von vielen Menschen unterschrieben.

Bei der Ablehnung der Idee einer weißen Vorherrschaft geht es nicht um Weiße und Nicht-Weiße an sich. Es geht um Rassismus. Es geht um Menschen, die einem rassistischen Paradigma unterworfen werden – und wie wir wissen, hat die rassistische Ideologie die Tendenz, sich auszuweiten und sich andernorts ebenfalls zu manifestieren.

Wir betrachten die Idee, Jüdinnen und Juden stellten eine Rasse dar, als rassistisch. Historisch gesehen, hat der Zionismus „politisch korrektere“ Begriffe angewendet – der am stärksten institutionalisierte dieser Begriffe ist der der „jüdischen Nation“. Richard Spencer strebt ebenfalls eine „weiße Nation“ an. Er betrachtet sich faktisch als weißen Zionisten.

Viele Weiße würden es heute als abscheulich betrachten, sich dem rassistischen Gedankengebäude einer Überlegenheit der Weißen zu verschreiben und würden nicht ruhen, bis sie sich davon in der Öffentlichkeit losgesagt haben. Sie würden auch davon ausgehen, dass ein solcher Akt nicht ausschließlich den Nicht-Weißen dienen würde- sondern letztlich auch den Weißen selbst. Sie verstehen, dass ein rassistisches Vermächtnis früher oder später auf sie selbst zurückfällt und dies unabhängig von ihrem unmittelbaren Gefühl der moralischen Angewidertheit heute.

Wiederum scheint dieselbe Logik nicht für viele Zionist*innen zuzutreffen und genauso wenig auf ihre vielen willigen und teils ganz unbewussten Unterstützer*innen. Sie betrachten den jüdischen Staat als gerechtfertigt – tatsächlich sogar als unersetzbar. Herrschaftsformen jedoch sind ersetzbar. Jedes Herrschaftsmodell, das sich selbst als ewig betrachtete, musste historisch betrachtet erfahren, dass es dies nicht war. Menschen sind keine Götter – sogar dann nicht, wenn sie jüdisch sind. „Memento homo“ oder „Gedenke, dass du sterblich bist“ wurde den ruhmreichen Cäsaren des Römischen Imperiums zugeflüstert. Auch dieses Imperium hat sich aufgelöst.

Die Frage, wie lang der jüdische Staat in der Lage sein wird zu bestehen, stellt sich nicht. Ich glaube nicht, dass allzuviele von uns eine Träne darüber verdrücken, dass das Römische Imperium nicht länger existierte. Die Frage hingegen, die relevant ist, lautet: Was tat dieses Regime, während es Bestand hatte? Israel ist sicherlich ein ziemlich netter Ort für viele Jüdinnen und Juden (nicht für alle, müsste man hinzufügen) und dies in einem ähnlichen Sinne, wie wohl Rom für priveligierte Römer auch einen netten Ort dargestellt haben mag (dabei ignorieren wir die Frage, wie die Sklaven dort gelebt haben). Aber heutzutage kann kein Mensch ernsthaft in die Tage dieser Unterdrückung zurückkehren wollen (obwohl ein Richard Spencer wahrscheinlich nichts dagegen hätte).

Für Zionist*innen ist das Überleben des jüdischen Staates ein Muss – und zwar um jeden Preis. Das ist nicht nur eine hohle Phrase – vielmehr handelt es sich um den zentralen Punkt an der Geschichte. Diesem Ziel werden sie sogar häufig ihr Leben opfern, dieses Opfer XXXXXXXXXXXXX und diejenigen, die nicht das Ideal unterstützen, als undankbar und unpatriotisch bezeichnen. Aber es gibt etwas anderes, das es zu retten gilt. Und ich würde die Meinung vertreten, dass es wesentlich bedeutender ist und eine wesentlich längere erwartete Lebensdauer hat. Ich spreche vom Vermächtnis der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichberechtigung und davon, dass wir uns dafür entscheiden können, diese zu fördern, zu stärken, kurz: als Menschen Teil dieser Ideale zu werden. Ich für meinen Teil will Teil dieser Bestrebungen sein, „I want to be in that number“. Ich weiß nicht, ob die „Heiligen einmarschieren werden“, wie es das berühmte Spiritual der Schwarzen darstellt – ich würde lieber sehen, dass die menschlichen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren können. Ich würde lieber sehen, dass normale menschliche Wesen ihr Leben ohne Apartheid leben können.

Auch du kannst dich entschließen, Teil dieser Bestrebungen, dieser Ideale zu sein. Es steht dir frei, zu sagen, ich sei ein Träumer – aber John Lennon und ich sind nicht die einzigen.

Zuerst erschienen bei Mondoweiss: http://mondoweiss.net/2018/06/israels-ideological-incendiary/ – Autor ist Jonathan Ofir, israelischer Violinist, Dirigent und politischer Blogger, er lebt in Dänemark.

Über den Autor