© Ulrike Eifler

Energiewende ja, aber nicht so!

Die Regenfälle und Überschwemmungen der letzten Wochen haben gezeigt, dass der Klimawandel kein Zukunftsszenario mehr ist, sondern längst begonnen hat. Zur Senkung unserer CO2-Emissionen ist es daher notwendig, vor allem unsere Produktions- und Konsumweise zu dekarbonisieren. Nicht grundlos ist die Transformation industrieller Herstellungsverfahren in aller Munde. Ein Stoff, der dabei eine wichtige Rolle spielt, ist Wasserstoff, der, wenn er aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, auch noch CO2-frei ist. Die Industrie geht von riesigen Mengen Wasserstoff aus, damit alles so bleiben kann wie es ist – nur grüner. Und die Bundesregierung schließt dafür mit Regierungen in Afrika und Südamerika sogenannte Wasserstoffpartnerschaften ab. Freiheitsliebe-Redakteurin Ulrike Eifler hat mit der brasilianischen Umweltaktivistin Soraya Tupinambá über die Verwerfungen gesprochen, die der Energiehunger des Nordens im Süden anrichtet.

Soraya, du arbeitest für TerraMar in Brasilien. Was genau macht TerraMar?

TerraMar ist eine soziale Organisation, die an der Küste der Sierra arbeitet. Sie besteht seit 31 Jahren und ist gleichzeitig Mitglied des brasilianischen Netzwerks für Umweltgerechtigkeit.

Wo genau steht die Energiewende in Brasilien?

Bei der Strommatrix kommt mehr als 80 Prozent aus erneuerbaren Energien. Das ist im übrigen nichts neues, denn Brasilien gewinnt bereits seit Beginn des letzten Jahrhunderts nahezu 80 Prozent seines Stroms aus Stauseen und Wasserkraftwerken. Bei der Energiematrix, die ja den gesamten Bereich der Energiegewinnung umfasst, liegt Brasilien derzeit bei knapp 50 Prozent Erneuerbarer Energien. Da ist der Anteil vor allem von Erdöl nach wie vor sehr hoch.

Wie wirkt sich die Energiewende auf das Ökosystem Brasiliens aus?

Die Auswirkungen sind gewaltig, und sie haben sich seit der Jahrtausendwende noch einmal grundlegend verändert. Im Jahr 2000 wurden die ersten Windkrafträder im Nordosten Brasiliens aufgestellt. Sie hatten damals eine Höhe von 80 Metern. Inzwischen hat sich die Höhe der Generatoren mehr als verdoppelt und liegt mittlerweile bei 160, teilweise sogar bei 200 Metern Höhe…

Haben die größeren Anlagen auch eine größere Auswirkung auf das Ökosystem?

Aber natürlich. Die Generatoren, die vor allem im Nordosten des Landes stehen, sind gigantische Anlagen, Mega-Ventilatoren. Kombiniert mit Elektrolyseuren werden diese Onshore- und Offshore-Windparks zu völlig überdimensionierten Energieproduzenten, die nicht die Nachfrage des Landes befriedigen sollen, sondern ausschließlich für den Export bestimmt sind. Da die gewaltige Nachfrage nach Strom, der für die Herstellung von grünem Wasserstoff notwendig ist, durch die Onshore-Windparks nicht mehr befriedigt werden kann, werden die Generatoren nun auch im Meer errichtet. Dort sind die Bedingungen viel besser, denn es gibt keine Hindernisse und eine hohe Windgeschwindigkeit. Deshalb ist die Kapazitätsauslastung gewaltig – es ist der beste Ort, solche Generatoren aufzubauen. Die Auswirkungen auf das Ökosystem aber sind schon jetzt schon dramatisch.

Wie würdest du diese Auswirkungen beschreiben?

Im Nordosten werden die Generatoren zum Teil in den Dünen errichtet, was den Küstenschutz und die Wasserreserven beeinflusst. Gleichzeitig wird der Zugang zum Strand gesperrt. Schwere Traktoren zerstören die Dünen. Andauernde Schwertransporte verursachen Risse in den Wohnhäusern der Anwohner. Archäologische Stätten werden zerstört. Und die Anwohner beginnen, krank zu werden. Krabbenfarmen mit ihren unzähligen Anzuchtbecken haben in der Vergangenheit die Nutzung des Strandes durch die Anwohner stark eingeschränkt. Aber die Generatoren stellen die Lebensgrundlagen der Menschen ernsthaft in Frage.

Und die Menschen lassen sich das gefallen?

Nein. In einem Fall sind die Anwohner irgendwann auf die Barrikaden gegangen. Sie organisierten eine 13-tägige Blockade und ließen keinen einzigen Schwertransport mehr durch. Der wirtschaftliche Schaden war für die Firmen so groß, dass sie nachgaben. Den Anwohnern wurde der Zugang zum Meer wieder erlaubt, allerdings nur mit einer Erlaubnis und in Begleitung der Polizei. Der Ort war mit seinen Lagunen einmal ein Paradies. Davon ist inzwischen nichts mehr zu sehen.

Du hast davon gesprochen, dass die Menschen immer häufiger krank werden. Was sind das für Krankheiten?

Die meisten Menschen erkranken am Turbinensyndrom. Durch die ständige Bewegung der Rotorblätter entsteht Infraschall – kaum hörbare Druckschwankungen, aber auch ein permanenten Surren. Beides wirkt sich negativ auf die Gesundheit der Anwohner aus. Gleichzeitig werfen die Rotorblätter alle fünf Sekunden einen Schatten, der sowohl die Menschen, als auch die Tiere durcheinanderbringt. Letztere beispielsweise folgen ihrem Fluchtreflex, weil sie davon ausgehen, dass ein Raubtier hinter ihnen auftaucht. Für die Anwohner nimmt der allgemeine Stress zu, ebenso wie die Schlaflosigkeit. Die Menschen nehmen vermehrt Medikamente, um schlafen zu können. Gleichzeitig häufen sich Herz- und Herzkreislaufkrankheiten.

Gibt es sowas wie ein Abstandsgebot zu den Windgeneratoren?

Es gibt bislang nur eine Empfehlung, die auf unsere Initiative zurückzuführen ist. Sie ist Teil eines von uns ausgearbeiteten Dokumentes mit 200 Empfehlungen zum Umgang mit dieser Situation. Dieses Dokument haben wir an das Generalsekretariat des brasilianischen Präsidialamtes übergeben. Es gab daraufhin in drei Provinzen Vor-Ort-Besuche, um unsere Berichte zu überprüfen. Doch noch immer gibt es keine Lösung, weil die Regierung und die öffentlichen Behörden sich nicht mit der Windenergielobby anlegen wollen. Denn eigentlich bestünde die Lösung der beschriebenen Probleme darin, statt Windrädern Solaranlagen im Meer zu errichten. Dabei würde überhaupt kein Schaden angerichtetes werden. Aber dazu müsste man sich mit der Windenergielobby anlegen.

Wird die Windenergie ins Ausland exportiert?

Nein. Die Windenergie exportieren wir nicht ins Ausland, sondern vom Norden in den Süden. Durch den Klimawandel gibt es südlich von Sao Paulo ein Wasserproblem. Dadurch gibt es ein Stromdefizit, das durch die Energieerzeugung im Norden ausgeglichen wird. Brasilien hat keinen Bedarf nach mehr Energie, es gibt eher ein Problem mit der Stromverteilung. Die Privatfirmen unterhalten und warten die Infrastruktur des Stromnetzes nicht. Das heißt, die Stromnetze werden immer störungsanfälliger. Das ist eigentlich das Hauptproblem.

Das heißt, während das Stromnetz zur Versorgung der Bevölkerung verfällt, werden Unsummen in immer größere Windgeneratoren investiert, um die Nachfrage aus dem Norden nach grünem Wasserstoff zu befriedigen?

So ist es. Es sind insgesamt 95 Windparks geplant. Und die drei Bundesstaaten, in denen diese Windparks entstehen, sind dieselben, in denen auch die Entwicklung des grünen Wasserstoffs vorangetrieben wird. Das sind Riogrande del Norte, Riogrande del Sur und Sierra – auf diese drei Bundesstaaten entfallen etwa 50 Prozent aller neuen Energieprojekte. Weitere ökologische Verwerfungen werden sich hier auftun, denn die Herstellung von grünem Wasserstoff ist strom- und wasserintensiv. Das ist deswegen ein Problem, weil nicht nur die Wälder für die Sauerstoffproduktion zuständig sind, sondern auch die Ozeane. Deshalb ist die Gesundheit der Ozeane genauso wichtig wie die Gesundheit der Wälder. Aber ungeachtet dessen finanziert die Weltbank den Ausbau der Offshore-Anlagen kontinuierlich weiter – in Brasilien ebenso wie in Kolumbien oder Chile.

Warum sprecht ihr von Energiekolonialismus?

Weil der Süden wiederholt ausgeplündert wird. Und dies geschieht unter dem Vorwand, die Welt retten zu müssen, weshalb unbedingt der CO2-Ausstoß reduziert werden müsse. Niemand schaut auf die Krise der Biodiversität, auf die Wasserkrise oder auf die Krise der Energiearmut. Und während alle nur auf die CO2-Entwicklung schauen, geht es dabei in Wirklichkeit gar nicht um die Rettung des Klimas, sondern darum, dass weiter ungestört Gewinne gemacht werden können. Der Ausbau der Windenergie und der grüne Wasserstoff haben die ganze Situation noch verschärft. Deshalb ist unser Motto: Windenergie ja, aber nicht so.

Deshalb die 200 Empfehlungen…

Ja. Es geht uns um die Frage, wie das gesamte Territorium geschützt werden kann – das Land ebenso wie das Meer. Deshalb legen wir auch Wert auf eine differenzierte Betrachtung der Ozeane, die sehr verschieden sind. Im Norden beispielsweise hat das Meer eher gemäßigtere Temperaturen, und es gibt keine große Fischvielfalt, dafür aber sehr viel Fisch. Im Süden dagegen gibt es eine viel größere Vielfalt, aber nicht solche großen Mengen wie im Norden. Die Fischerei ist deshalb sehr unterschiedlich. Während im Norden großindustrieller Fischfang betrieben wird, wird im Süden überwiegend mit kleinen Segelbooten bis zu 20 Kilometer vor der Küste gefischt. Die Windgeneratoren aber stehen vier bis fünf Klometer vor der Küste. Das entspricht nicht einmal den internationalen Standards, ist in Brasilien aber ein Kostenfaktor. Die Windkrafträder werden so nah an der Küste gebaut, weil der grüne Wasserstoff gegenüber dem grauen Wasserstoff gar nicht wettbewerbsfähig ist und deshalb die Windkrafträder in Küstennähe gebaut werden müssen

Was sagen die Fischer dazu?

Für sie gibt es keinerlei Verhandlungsspielraum. Aus ihrer Sicht muss die Herstellung von Windenergie und von grünem Wasserstoff umgehend eingestellt werden, denn sie wissen genau, dass das ihre Lebensgrundlage zerstört.

In Deutschland kämpfen eine starke Klima- und Gewerkschaftsbewegung für eine schnelle und sozialgerechte Energiewende. Gibt es etwas, was du ihnen mitgeben möchtest für ihre Auseinandersetzungen?

Meine Botschaft ist: Wir haben nur diese eine Welt. Ich verstehe den europäischen Bedarf nach grünem Wasserstoff und nach Energie. Aber es muss klar sein, was unsere Probleme sind und was die europäischen Probleme sind. Und das sind nicht dieselben. Bei uns geht es um die Bodenerosion und das Abholzen der Wälder. Und in Europa geht es um die Mobilitätswende. Wir müssen begreifen, dass wir alle vor Herausforderungen stehen, aber dass es unterschiedliche Herausforderungen sind. Und aktuell verursachen die Lösungen für die Probleme im Norden neue Probleme im Süden. Deshalb müssen wir nach gemeinsamen Lösungen suchen.

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