Eine Betrachtung der Nacht im Schanzenviertel aus marxistischer Perspektive

14. Juli 2017 - 16:05 | | Politik | 3 Kommentare
Foto: Autor, CC0

In den letzten Tagen wurde natürlich auch in linken Kreisen viel darüber diskutiert wie man sich zu den Krawallen in Hamburg, den Plünderungen von Geschäften, dem in Brand setzen von Barrikaden, dem Steine werfen, dem Autos anzünden zu verhalten habe.

Während ein Teil der Linken davon redet, diese Menschen seien Verbrecher und hätten aufgrund ihrer Taten mit „uns Linken“ nicht zutun (teilweise wird auch die Theorie aufgeworfen, alle linken Gewalttaten an diesem Wochenende seien Agent Provokateurs zuzurechnen), gibt es einen anderen Teil, der die Krawalle als „legitim“ bezeichnet. Schließlich sei dieser Staat ein brutaler Klassenstaat, der in Hamburg gezeigt habe, wie er mit seinen Gegnern umgeht und wenn Menschen sich dagegen nun zur Wehr setzen würden, sei das legitim und von Kommunisten nur zu begrüßen.

Alles Provokateure?

Ich glaube nicht, dass alle Menschen, die im Schanzenviertel Läden eingeschmissen haben oder Polizisten attackierten, Agenten des Staates waren. Sicher werden diese Agenten die Krawalle später in die ihnen genehme Richtung getrieben haben und es ist zumindest fragwürdig, ob Linke wirklich Twingos, bei denen klar ist, dass ihre Besitzern keine Bonzen sind, in Brand setzen würden. Ausgeschlossen ist für mich jedoch, dass an diesem Wochenende tausende Provokateure eingesetzt wurden. Ein großer Teil dessen, was in der Nacht von Freitag auf Samstag im Schanzenviertel abging, ging von Linken und Kiez Anwohnern aus. Die Kiez Anwohnern, die sich gefreut haben, dass endlich mal was abgeht in ihrem Viertel und sich bspw. Waren aus den Einkaufsläden aneigneten, werde ich im Folgenden aus meiner Kritik ausnehmen.
Es ist im Grunde ja ein Zeichen von vernünftigem Klassenbewusstsein die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse nicht anzuerkennen und sich das zu nehmen was man braucht. Warum es trotzdem besser gewesen wäre, es in diesem Falle nicht zutun, möchte ich im Folgenden darlegen. Es ist aber nur eine Kritik an den bewussten Linken, die genau diesen Teilen der Klasse hätte erklären müssen, warum isolierte Plünderungen nicht die richtige Methode sind diese Klassengesellschaft zu destabilisieren.
Linke haben die Aufgabe die ArbeiterInnen ideologisch anzuführen und ihre berechtigte Wut aufzugreifen, in den Nächten im Schanzenviertel ist die Linke dieser Aufgabe nicht gerecht geworden.
Die Menschen aus dem Kiez, die sich an den Krawallen beteiligten, haben nichts darüber gelernt wie man gemeinsam kämpft, aber viel darüber wie man sich individuell Luft macht. Sie werden nicht als nächstes bei einer marxistischen Organisation anklopfen und fragen, ob sie mal zum Lesekreis vorbeikommen können, sondern ihren Homies bei ’nem Bier erzählen was das für ’ne geile Nacht war und dass man es denen da oben ja mal so richtig gezeigt habe.

Warum man es denen da oben eben nicht gezeigt hat:

Es muss sich doch eigentlich auch den mit den Schanzenkrawallen sympathisierenden Linken die Frage stellen, ob eine Widerstandsform, für die extra Agenten eingeschleust werden, um die Anti G20 Proteste zu delegitimieren, wohl eine sein mag, die den Zielen der ArbeiterInnenbewegung nützlich ist. Sprich: Würde dieser Staat wohl Provokateure Autos anzünden lassen, wenn dies ein taugliches Mittel sei, den bürgerlichen Staat zu zerstören und die sozialistische Revolution zu entfachen?

Für mich steht fest: Die Frage inwiefern Gewalt legitim ist, wird dadurch beantwortet, ob sie zum Erreichen meiner Ziele dienlich ist und gegen wen sie sich wendet. MarxistInnen lehnen Gewalt nicht generell ab, aber sie sind auch keine Abenteurer oder Hooligans, die irgendeinem Gewaltfetisch anhängen und glauben, der Einsatz von Gewalt sei immer und ganz generell legitim.

Der einzige Nutzen, den die Krawalle in der Schanze hatten, war, dass sich einige Linke und ein paar Kiez-Bewohnern ihrem Ärger über die Polizeirepressionen Luft machen und ein bisschen Aufstand spielen konnten.
Zu keinem Zeitpunkt während des Ausnahmezustandes im Schanzenviertel wurden ja politische Forderungen erhoben und ich denke auch nicht, dass diejenigen, die sich an den Krawallen beteiligten, dachten, sie würden sich gerade eine Art autonomes Schanzenviertel erkämpfen, eine von der Polizei befreite Zone, quasi eine „sozialistische Schanze“. Es muss allen Beteiligten klar gewesen sein, dass nachdem sie ein paar Stunden Feuer gelegt und sich in Einkaufshäusern bedient hatten, die Party irgendwann vorbei und die Polizei wieder Herr der Lage sein wird (Wobei es wahrscheinlich ist, dass die Polizei den Riot ganz bewusst eine Zeit lang laufen ließ, und auch durch den Einsatz ihrer Provokateure erstmal die Bilder schaffen wollte, die sie brauchte).
Die Übernahme des Riots von Provokateuren und Hooligans konnte dank mangelnder Organisierung zu keinem Zeitpunkt ausgeschlossen werden und so kam es auch dazu, dass gewaltaffine Machos sich in die Menge mischten und sexistische Pöbeleien von sich gaben oder Pressevertretern attackierten.
Auch ist unklar, ob die Menschen, die ein meterhohes Baugerüst kaperten, vermuteten, dass eine Hamburger Einsatzleitung, die kein Problem damit hatte eine Massenpanik bei der Welcome to Hell Demo am Fischmarkt auszulösen, Menschen von Mauern zu schubsen und brutalst zu verprügeln, sich scheuen würde den Wasserwerfer gegen sie einzusetzen.
Sollten sie diese Illusion gehabt haben, wurden sie schmerzhaft eines Besseren belehrt. Dass bei diesem Wasserwerfereinsatz keine Menschen ums Leben kamen, war reines Glück. Verantwortungsvolle Linke hätten in dieser Situation unbedingt intervenieren müssen und die Menschen vom Gerüst herunterholen müssen.
Den organisierten Linken muss eigentlich auch bewusst gewesen sein, dass die Krawalle zur Delegitimierung der gesamten Anti G20 Proteste benutzt werden wird, sie einen Vorwand zur Repression liefern werden und dass die Mehrheit der Arbeitern in ganz Deutschland, die nicht in der Schanze wohnen, über ihr Verhalten bloß den Kopf schütteln und keinerlei Sympathien für ihre Aktionen zeigen werden.

Welche Aufgaben vor uns liegen

Da die meisten organisierten Linken sich durchaus bewusst darüber sind, dass sie ohne die Arbeiterklasse keine Revolution machen können, sich dieser menschenfeindlichen, kapitalistischen Klassengesellschaft also nicht entledigen können, war also einem Teil der in der Schanze Randalierenden durchaus klar, dass ihr Vorgehen einer Überwindung des Kapitalismus nicht dienlich sein wird.

Ein solches Verhalten muss von Marxisten kritisiert werden. Wir Linke dürfen uns nicht von unseren Emotionen treiben lassen, das macht der Klassenfeind auch nicht.
Wir leben in einem bürgerlichen Klassenstaat mit einer riesigen bürgerlichen Propagandamaschinerie, einer am Boden liegenden ArbeiterInnenbewegung, einer zersplitterten, kommunistischen Bewegung.

Wir können uns nicht viele Fehler erlauben. Wir müssen all unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, dazu benutzen die ArbeiterInnenbewegung aufzubauen und sie ideologisch mit marxistischer Theorie zu versorgen. Wir müssen proletarischen Jugendlichen erklären, warum es nicht hilfreich ist sich isolierte Scharmützel mit den Bullen zu liefern statt sie im Glauben zu lassen, das sei sinnvolle Praxis gegen diesen Staat. Wir müssen aus den Fehlern von Hamburg lernen und das heisst auch Kritik zu üben am Verhalten von Genossen. Und ja, auch Menschen, die Scheiben einschmeissen, sind meine Genossen, auch wenn ich ihr Verhalten nicht gutheisse. Es ändert nichts daran, dass sie Linke sind. Links ist keine moralische Kategorie, die ich Leuten aberkennen kann, wenn ich mit ihrer Praxis nicht einverstanden bin. Gerade weil ich mit diesen Menschen das Ziel teile den Kapitalismus zu überwinden, muss die Debatte mit ihnen darüber geführt werden, welche Mittel dazu geeignet sind.

Ein Beitrag von Hannah Bruns, Mitglied im Landesvorstand der Linken.NRW

Über den Autor

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

3 Kommentare

  • 1

    […] Blog mit dem etwas irreführenden Namen „Freiheitsliebe“ hat  Bruns, einen  Artikel über die G20 Ausschreitungen am vergangenen Wochenende veröffentlicht. Für eine Politikerin […]

  • 2
    Ben Wilmes says:

    Wie kann man denn solche Ereignisse aus „marxistischer Sicht“ betrachten ? Als würde der Marxismus Erklärungsansätze anbieten für das Randalieren völlig enthemmter Krimineller gegen Personen und Sachen ?! Es ist schon einigermassen gruselig, wie hier unter dem Deckmantel einer „fortschrittlichen“ Theorie Gewaltorgien verharmlost , bzw. gerechtfertigt werden. Und die Rüpel vom “ schwarzen Block“ sollen besser sein als Trump, Erdogan und Konsorten ?! Ich jedenfalls möchte weder von den Einen noch den Anderen regiert werden, oder erklärt bekommen wie die Welt auszusehen hat.. Charakterlich, aber auch geistig stehen sie sich viel näher als sie sich das jemals eingestehen können. Ob der Faschismus nun braun oder rotgestrichen daherkommt….. für die Opfer macht es keinen Unterschied.

  • 3
    Frank Wohlgemuth says:

    Schade.

    Ich hatte gehofft, die Linke sei inzwischen wählbar geworden. Aber mit sowas im Landesvorstand eines so großen Landes wie NRW ….

    Meine erster Linke-Wahl wurde gerade wieder aufgeschoben.