Das „Israel-Problem“ der linken Gatekeeper

21. Januar 2019 - 13:17 | | Politik | 2 Kommentare

Leicht ist das Leben in Hamburg nicht – vor allem nicht als Migrant oder als Personen ohne reiche Eltern. Solidarische Strukturen, erkämpft und verteidigt seit Jahrzehnten durch eine bereite linke Bewegung, bieten bei diesem täglichen Überlebenskampf eine unverzichtbare Unterstützung und ermöglichen ein Stück Freiheit in der durchökonomisierten urbanen Realität.

Aber auch diese Freiheit hat ihren Hacken – die Kontrolle über diese alternativen Freiräume, Hausprojekte, Arbeitskollektiven und Medien liegen in den Händen von längst etablierten Cliquen, zumeist deutsch, oft männlich dominiert. Deren Mitglieder, die über keine geringe Macht und Ressourcen verfügen, nehmen verständlicherweise ihre Funktion als Türsteher sehr ernst. Nein, nicht um zu sorgen, dass der Zugang zu Wohnungen, freien Räumen oder Verdienstmöglichkeiten gerecht verteilt wird, oder sogar als eine Form symbolischer Korrektur zu einem rassistischen und sexistischen System wirkt. Unsere linken Gatekeeper der städtischen Produktions- und Reproduktionsmittel führen oft etwas ganz anderes im Schilde…

Ein Beispiel dafür kam vor Kurzem in unser e-Mail-Fach – durch einen populären linken Verteiler. Wieder eine Zwischenmiete-Anzeige, zwar nur für zwei Monate, dafür aber in bester Lage und für  einen außerordentlich günstigen Preis. In unserem neu-migrantischen Freundeskreis freut man sich auch auf solche Angebote – Muna sucht bereits seit zwei Jahren eine Wohnung, und ständig zieht sie zwischen billigen Hostelzimmern, AirBNB-Wohnungen und linken WGs ein und aus. Shir muss auch ganz dringend eine Wohnung finden – Beziehungsstress halt. Die beiden haben genau so wie wir weder Schufa-Papiere, noch eine Bürgschaft von den Eltern oder einen stabilen Job – Vermieter würden uns nicht mal zu einer Wohnungsbesichtigung reinlassen. Deutsch sprechen wir auch nur auf einem mittelmäßigen Niveau, wenn überhaupt.  Trotzdem haben wir alle schnell verstanden, dass aus dem knapp formulierten e-Mail  auch dieses Mal für uns nichts wird. Dort stand nämlich:

„Wir, eine 6er-WG (…) in einem Wohnprojekt in der Hamburger Hafenstraße, suchen (…) eine Zwischenmieterin. Das Zimmer ist ca. 16qm groß, in der monatlichen Miete von 350 Euro sind alle Nebenkosten (…) inklusive. Mit Hund, Katze, Feminismus, Rauchen, Israel und vegetarischer Küche solltest du kein Problem haben. Interesse? Melde dich bei uns bitte mit ein paar Sätzen zu dir per mail.“

Gegen Hunden oder Katzen haben wir nichts, unser Leben versuchen wir ohnehin feministisch und vegan zu gestalten und das Rauchen geht angesichts der Wohn- und Preislage auch klar – auf Kompromisse sind wir ja eingestellt. Nur die Erwähnung eines Nationalstaates in der Anzeige macht klar, dass wir und unsere Freundinnen und Freunde dort unerwünscht sind. Zwar zweifeln wir sehr, dass in der besagten WG Konsulatsmitarbeiter tätig sind (Wir würden eher auf ein Villa in Blankensee tippen),  der Staatsname taucht trotzdem auf in der Liste als eine weitere Lebensweise  neben Vegetarismus, Haustierhaltung oder Rauchen, mit dem wir kein Problem haben sollten, möchten wir in den Genuss eines billigen Zimmers im Stadtzentrum kommen. Und das ist tatsächlich ein Problem für uns.

Wir möchten nicht mißverstanden werden: Unserer Meinung nach sollte jede Person ein oder mehrere Probleme mit einem Nationalstaat haben, der bereits 51 Jahre Millionen Menschen unter einer mörderischen Militärbesatzung gefangen hält; nicht zuletzt in linksradikalen Kreisen, zu denen sich das Wohnprojekt, in dem sich die WG befindet, dazuzählt. Trotzdem, bei einigen von uns, ist ein „Problem mit Israel“ nicht nur als Ausdruck einer solidarischen Einstellung zur weltpolitischen Lage vorhanden – sondern stellt einen ganz akuten und persönlichen Teil unseres Lebens dar.

Gewiß, es kommt vielleicht als eine große Überraschung für einige, aber Israelis und Palästinenserinnen und Palästinenser leben nicht nur in einer deutschen Fantasiewelt, sondern auch hierzulande, sogar unter euch. Wir leben hier, weil unsere Familien durch den Staat Israel vertrieben wurden oder weil wir das Leben in einer zutiefst rassistischen und militaristischen Gesellschaft nicht mehr ausgehalten haben. Für Muna, Shir oder uns, steht es nicht frei zu entscheiden, ob wir ein Problem mit Israel haben oder nicht, als Palästinenserinnen, Palästinenser oder antirassistische Israelis sind wir zwangsläufig in Konflikt damit.

Daher ist die Bedingung in linken Räumen, kein Problem mit Israel zu haben, nicht nur politisch fragwürdig, sondern rassistisch diskriminierend – in vorderster Front gegenüber Palästinensern, die seit 70 Jahren von jenem Staat in all ihren Lebensbereichen unaufhörlich angegriffen werden, aber auch gegenüber jüdische Israelis, die damit als einzige Gruppe in „antinationalen Räumen“ untersagt wird, sich selber antinational zu äußern. Nicht wie andere Migrantinnen und Migranten, können wir dieses Thema nicht diplomatisch umgehen oder verschweigen – sagen wir woher wir kommen, werden wir diesbezüglich gründlich ausgefragt.

Das ist natürlich kein Sonderfall in einer Hamburger WG – vielerorts in Deutschland werden linke Palästinenserinnen, Palästinenser und Israelis von progressiven Räumen ausgeschloßen. Fälle von Israeli, Palästinenserinnen und Palästinenser, denen Arbeitsstellen in linken ASTAs, NGOs oder Clubs verweigert wurden, einzig wegen ihrer Positionierung zum Nahost-Konflikt, sind uns aus mehreren Städten bekannt. Oder akademische Konferenzen und politische Events zu Thema Rassismus und Migration, von denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler palästinensischer Herkunft ausgeladen werden, weil Druck von Geldgebern oder „antideutschen“ Gruppierungen kam.

Oder wir hörten von einer linken Tageszeitung, die sich weigerte einen Artikel eines Israelis zu veröffentlichen, weil er Israel zu sehr kritisierte -wohlgemerkt, der angebotene Artikel hatte mit Israel nichts zu tun. Dieses diskriminierende Türsteher-Sein setzt sich sogar im tatsächlichen Türstehen um – weil er anscheinend zu „antiisraelisch“ sei, wird ein israelischer Freund von uns in Berlin seit einem Jahr zu Partys in der ganzen Stadt von einem bestimmten Türsteher nicht mehr reingelassen. Dazu kommt das Verbot der Kufiya (Palituch) in mehreren Clubs, ein Kleidungsstück das aufgrund falscher historischen Behauptungen (https://www.akweb.de/ak_s/ak616/10.htm) dämonisiert wurde. Damit wird auch symbolisch in mehreren Orten am Eingang verkündet „Palästinenserinnen und Palästinenser sind hier unerwünscht“.

So kommt es, dass wir , die Protagonistinnen und Protagonisten eines Konflikts, der für mehrere Strömungen in der deutschen Linke identitätsstiftend war uns ist,  mit unserer Anwesenheit eine Bedrohung darzustellen scheinen– die ferngehalten werden muss. Das Wissen über unser Heimatland soll von deutschen Experten vermittelt werden, die nicht mal Arabisch und Hebräisch sprechen aber uns erklären können, warum wir die Realität verkennen. Das nennen wir mal Deutschsplaining! Demgegenüber dürfen oft Veranstaltungen mit israelischen und palästinensischen Linksaktivistinnen nicht einmal stattfinden. Zudem müssen die feinen sprachlichen Regeln, die Deutschen sich (teilweise berechtigterweise)  auferlegen, wenn sie über Israel-Palästina sprechen, auch von uns eingehalten werden – emotional wirken sollten wir auf keinen Fall nicht und Wörter wie Faschismus, Rassismus oder Apartheid bitte nicht in den Mund nehmen.

Dass in der deutschen Linke auch eigenartige Positionen zu Israel-Palästina vorherrschen, könnte womöglich zu produktiven Diskussionen beitragen und uns positiv herausfordern. Eine offene Diskussion auf Augenhöhe findet aber zumeist nicht statt. Die Machtverhältnisse sind klar zugunsten Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft gestellt. Das ist zuerst kein Vorwurf an sich – es gibt u.a nachvollziehbare Gründe, warum weiße Deutsche in den meisten Hausprojekten, Arbeitskollektiven oder akademischen Räumen eine dominante Stellung innehaben (und dafür gute Gründe warum es nicht so bleiben sollte). In diesem Zustand werden jedoch migrantische Aktivistinnen und Aktivisten, die auf diesen Strukturen angewiesen sind, zu oft zur Gnade der deutschen Gatekeeper überlassen. Wer ihre Empfindlichkeiten nicht sorgsam genug berücksichtigt, fliegt raus.

Bekannt ist diese Konstellation für viele nicht-deutsche Aktivistinnen und Aktivisten: Einerseits wird in der alternativen Szene Antirassismus und internationale Vernetzung auf die Fahnen geschrieben, anderseits sollten die Erfahrungen und Positionen migrantischer Linken auf keinem Fall die vorherrschenden Attitüden zu sehr überfordern. In unserem Fall führt diese komplexe Realität ad absurdum. Damit zeichnet sich doch die Lösung der deutschen Linke zum eigenen Nahostkonflikts durch seine Einfachheit aus: Keine Israelis, Keine Palästinenser, kein Problem!

Ein Artikel von Michal und Ran. Der Text entstand durch Gespräche zwischen mehreren Israelis und Palästinenserinnen und Palästinenser in Hamburg und Berlin.

Über den Autor

2 Kommentare

  • 1
    Donny Donowitz says:

    am iysrael khai
    be berlin
    <3

  • 2
    Chris says:

    Guter Beitrag. Der Türsteher-Komplex kommt auch vermehrt darin zum Ausdruck, dass linken Organisationen und Aktivist/innen, die eine pro-palästinensische Position im sogenannten Nahost-Konflikt vertreten, systematisch der Zugang zu Räumen für Veranstaltungen verwehrt wird. Mit bürokratischen Methoden wird hier versucht, alle Israel-Kritik mit dem Totschlagargument des Antisemitismus zu unterdrücken und damit auch eine Debatte, die unabhängig der jeweiligen Positionierung dringend geführt werden muss. Dabei wird auch vor physischen Angriffen nicht zurückgeschreckt. Siehe z.B. hier: http://bildungohnebundeswehr.blogsport.de/2018/12/09/stellungnahme/