Chile erwacht erneut – Ein Bericht über die Proteste

4. März 2020 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare

Chile ist nicht mehr wiederzuerkennen. Seit über 4 Monaten befindet sich das Land nun im Ausnahmezustand. Seit dem 18. Oktober 2019, als Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe sich weigerten die Fahrpreise für den Nahverkehr zu bezahlen, ist ein sozialer Aufstand ausgebrochen. Währenddessen sah das Land die größten Proteste aller Zeiten. Der Höhepunkt sah bis zu 3 Millionen Menschen auf der Straße, in einem Land das nur 18 Millionen Einwohner zählt.

Seit der Weihnachtspause und der darauffolgenden Sommerpause in Betrieben, Schulen und Universitäten ging die Beteiligung an den Protesten zurück. Der Unmut blieb. Der Unmut, der sich durch über 50 Jahre Neoliberalismus aufgebaut hatte und plötzlich explosionsartig ausbrach, ist noch ungebrochen. Die angekündigten Reformen des Piñera-Regimes blieben entweder wirkungslos oder wurden gar nicht erst angegangen. Das einzige was erreicht wurde ist eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung am 26. April und sogar bei dieser Abstimmung sind viele der Forderungen der Demonstranten nach Geschlechterparität oder der Einbeziehung von Indigenen und sozialen Bewegungen nicht berücksichtigt worden.

Heute kehrten die jungen Menschen, die den Protest starteten, wieder in die Schulen und Universitäten zurück und für viele Menschen mit Familien endete die Urlaubszeit. So gewinnen die Proteste gegen Piñera und das neoliberale System auch wieder an Aufwind. Erst am Freitag fanden sich wieder an die 100.000 Menschen am Zentralenplatz der Hauptstadt zusammen. Der Platz, den die Demonstranten kurzer Hand in den „Platz der Würde“ umbenannt haben.

Die Proteste sind oftmals wie eine große Feier. Es herrscht eine Volksfeststimmung. Am Kulturzentrum für die Dichterin Gabriela Mistral sind Tausenden Kunstwerke an die Fassade gemalt, geklebt oder gebaut worden, die Ultra-Gruppen aller großen Vereine beteiligen sich mit ihren Trommeln und Feuerwerkskörpern an den Demonstrationen und an der Hauptstraße werden an Ständen T-Shirts des sozialistischen Präsidenten, Salvador Allende, Pizza oder marxistische Literatur verkauft. Man geht mit Unbekannten um, als kenne man sich schon ewig und es laufen Menschen als Joker, Spiderman oder Pikachu verkleidet herum.

Vor der bekannten Statue des Reiters halten einige Demonstranten Buchstaben in die Luft: „Es kommt der März, Piñeravirus.“ Mit Ende der Sommerpause werden wieder größere Proteste erwartet. So umgehen die Schülerinnen und Schüler diese Wochen wieder die Preise des Nahverkehrs, am 02.03. erwachte Santiago mit mehr als 80 Barrikaden, die die Zufahrt unmöglich machten und am 8. Und 9. März werden zur Mobilisierung und zum Generalstreik am Frauenkampftag wieder Millionen auf der Straße erwartet. Auch an diesem 28. Februar wird viel über den kommenden Monat gesprochen.

Diese Ausgelassenheit findet jedoch schnell ein Ende, als die Polizei beginnt wahllos aus unbekannter Richtung Tränengas auf die Alameda (die Hauptstraße von Santiago) zu schießen. Das Atmen wird unmöglich und die Nase brennt, die Augen tränen und man kann nichts mehr sehen. Unzählige Menschen bedecken ihr Gesicht mit ihrer Kleidung und beginnen in Panik zu rennen. Einige vermummte junge Menschen treten die Granaten jedoch in eine andere Richtung und ermöglichen das Demonstrieren. Diese „erste Linie“ beschützt die normale Bevölkerung vor der brutalen Repression der Polizei.

Auch an diesem Tag wird wieder ein Demonstrant getötet. Ariel Moreno, 24 Jahre alt, stirbt nachdem eine Tränengasgranate ihn am Kopf trifft. Er ist nach Angaben der Regierung der 46. Tote. Die Dunkelziffer liegt aber um ein Vielfaches höher. Die Polizei mordet und missbraucht mit einem Freibrief der Regierung weiter, die jegliche Menschenrechtsverletzungen leugnet. Tausende Menschen sind seit Monaten ohne Kontakte zur Außenwelt eingesperrt, während weit über 400 Menschen das Augenlicht durch die Gewalt der Polizei verloren haben.

Von dieser bestialischen Unterdrückung lässt sich Chile aber nicht mehr einschüchtern. Viele haben ihre Angst vor der Repression verloren, denn in einem System mit einem Mindestlohn von 373€, einer Rente von 250€ und keiner Chance eines sozialen Aufstiegs durch Bildung, denken viele, dass sie nichts zu verlieren haben. Vor nichts sollte eine Regierung mehr Angst haben als vor einem Volk, das jegliche Angst verloren hat.

Die Tage des Regimes, die Tage der aus der Diktatur stammenden Verfassung und die Tage der Unterdrückung sind gezählt. Der März hat in Chile begonnen.


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