Massenentlassungen und Streiks bei Neckermann

Solidarität mit Neckermann!

Immer wieder wird von dem neuen deutschen Wirtschaftswunder gesprochen, für viele Menschen müssen solche Sätze wie pure Ironie erscheinen. So entlässt der Versandhändlecker Neckermann Ende des Jahres mehr als 1400 Menschen, die sich nun versuchen mit Streiks und Arbeitskampf gegen diese Situation zu wehren.

Die Pläne waren schon seit Ende April sicher, ihr Ausmaß aber nicht bekannt. In der Logistik, die ganz geschlossen werden soll, werden 800 Arbeitsplätze vernichtet, 390 in der Verwaltung, 140 beim Einkauf und 50 in der Werbung. Einen Neckermann-Katalog soll es nicht mehr geben. Die Beschäftigten waren von der Nachricht geschockt und überrumpelt. Bisher gehen noch täglich 58.000 Sendungen an die Kunden raus. Das Sortiment des Versandhändlers umfasst ca. 700.000 Artikel, in fast allen Bereichen.

Steik und Gewerkschaft

Die MitarbeiterInnen und Ver.di-Mitglieder bei Neckermann hatten Ende Juni  bei einer Abstimmung für die Durchsetzung eines Sozialplans im Falle von Entlassungen gestimmt und drohten, falls dieser nicht komme mit Arbeitskampf.

Anfang der vergangenen Woche hatte ein zweitägiger Streik am Neckermann-Stammsitz in Frankfurt am Main das Unternehmen nahezu lahmgelegt. Mit Demonstrationen durch das Gewerbegebiet an der Hanauer Landstraße, Kundgebungen und einem symbolischen Sitzstreik vor dem Betriebstor protestierten die Beschäftigten gegen den drohenden Abbau von rund 1400 der 2000 Frankfurter Arbeitsplätze.

Die Geschäftsführung des Unternehmens versuchte den Streik zu verhindern und versprach eine Prämie von 10 Euro pro Stunde plus Lohn, für jeden Mitarbeiter, der sich nicht an dem Streik beteiligt. Ein Angebot, das die Wut auf das Unternehmen und dessen Führung noch weiter vergrößerte. Das Angebot wurde nach massivem Druck der Streikenden zurückgenommen. Das Management beharrt nach wie vor darauf, die Logistiksparte und das eigene Textilsortiment sowie die Printwerbung mit dem über Generationen bekannt gewordenen Neckermann-Katalog aufzugeben.

Sun Capital und Neckermann

Anfang des Jahres 2008 wurde Neckermann mehrheitlich an den Finanzinvestor Sun Capital in Florida verkauft. Einen Investmentfond, im allgemeinen Sprachgebraucht auch als Heuschrecke bezeichnet, der auf die Übernahme angeschlagener Firmen spezialisiert ist. Geldgeber sind z.B. Pensionsfonds, Stiftungen und finanzstarke Privatleute. Sun Capital setzt seinen Unternehmen eine Frist von 4 Jahren um profitabel zu werden, andernfalls droht die Zerschlagung und der Verkauf der einzelnen Sparten.

Sun Capital bekräftigt, immer noch ein „langfristiges Interesse an der profitablen Entwicklung des Unternehmens“ zu haben. Es will aber nur noch das Onlinegeschäft von Neckermann weiterführen, der Rest des Unternehmens soll zerschlagen werden.

Das Ausgerechnet der Logistikbereich zerschlagen werden soll ist für die MitarbeiterInnen am wenigsten nachvollziehbar. “All dies sei umso unverständlicher, weil die Logistik-Beschäftigten noch vor wenigen Monaten einen internen Onlinepreis erhalten hatten, nach dem die Arbeitszeiten in der Logistik an die Anforderungen des E-Commerce vorbildlich gestaltet worden waren” sagte Stefanie Nutzenberger, Bundesvorstandsmitglied und Leiterin des ver.di-Fachbereichs 12.

Die Gewerkschafter hatten ein Alternativmodel eintwickelt, dass die Auslastung der Logistik- und Versandkapazitäten erhöhen sollte. Durch Einbeziehung anderer Textilketten, die ihr Angebot um den Versandhandel erweitern könnten, wäre eine deutlich höhere Auslastung der Frankfurter Neckermann-Versandanlage möglich, argumentieren sie. Allerdings hätten auch diese Pläne Arbeitsplätze gekostet, wie Verdi-Funktionäre offen zugaben.

Das Management hat bisher alle Pläne abgelehnt, die Arbeitsplätze retten könnten. Damit drohe eine »soziale Katastrophe«, warnt Nutzenberger. Auch der Verdi-Plan würde Elend schaffen, allerdings in einem deutlich geringeren Maße als die Pläne des Managements.

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