Der geldsüchtige Stier sieht rot!
Vor rund vier Jahren stieg Geraint Anderson, zu seinen Zeiten ein mit Bonuszahlungen überhäufter Investmentbanker, aus dem Geschäft aus, wollte nicht länger gute Miene zum bösen Spiel machen. Bei einem einfachen Ausstieg Andersons blieb es nicht. Er wollte die Banker dran kriegen, wandt sich an die Presse und erklärte den Lesern, dass das Finanzsystem viel, sehr viel Dreck am Stecken hat.

Vielleicht inspirierte Geraint auch Greg Smith, einen Goldman-Sachs Investmentbanker, der am gestrigen Mittwoch morgen in einem öffentlich Brief erklärte, welcher in der New York Times online erschien, Goldman Sachs den Rücken zu kehren. Hinter der schlichten Überschrift “Why I am leaving Goldman Sachs” verbirgt sich ein äußerst kritischer Bericht über den Zustand des Unternehmens Goldman Sachs, welcher sicher noch für hohe Wellen sorgen wird.
In den letzten Jahren wurde unter anderem auch durch überraschender Rücktritte von Topmanagern in TV-Shows dabatiert. Viel passiert ist nicht. Auch nach der großen Wirtschaftskrise von 2008 und in Zeiten der Eurokrise
scheinen die meisten Großunternehmen nicht aus den Fehlern gelernt zu haben. Es scheint, als rennen gerade die Globalplayer mehr denn je dem Kapital nach, handeln ausschließlich nach den monetären Interessen und blenden die eigentlichen Aufgaben wie z.B. sichere Geldanlagen der Kunden völlig aus.
Um Erfolg zu haben, müsse man den Kunden in diejenigen Produkte investieren lassen, die man loswerden wolle, erklärt Smith.Das ganze sei ein abgekatertes Spiel. Ein Spiel, welches nur für diejenigen gut endet, die die Spielregeln verstanden haben und sie nur im Eigeninteresse anwenden – anstatt die Karten auf den Tisch zu legen.
Beinahe zwölf Jahre habe Smith in der Firma verbracht, zuerst als Praktikant, danach zehn Jahre in New York und in London. «Heute kann ich nur sagen, dass das Umfeld so vergiftet und destruktiv ist, wie ich es nie zuvor erlebt habe.» Smith fasst zusammen: «Die Art wie die Firma arbeitet und Geld macht, bringt mit sich, dass die Kundeninteressen systematisch vernachlässigt werden.»
Der Veröffentlichung Smith’ Brief kommt für Goldman Sachs zur Unzeit: Vielmals ist das Unternehmen in die Kritik geraten. Erst hatte nach Auffassung der US-Börsenaufsicht SEC die Bank Investoren beim Verkauf von Hypothekenpapieren hinters Licht geführt, um selbst abzukassieren. Dann, ende 2009 verteidigte Goldman-Chef Lloyd Blankfein die hohen Gehälter der Investmentbanker mit dem Satz, sie täten nur “Gottes Werk”. Ein Jahr später waren E-Mails publik geworden, in denen Mitarbeiter ein fragwürdiges Geschäftsgebaren an den Tag legten. Und nun die Offenbarung von Greg Smith.
Zeit für Veränderungen
An einem gewissen Punkt habe Smith dann erkannt, dass es nicht weitergeht. Die Reißleine musste gezogen werden. Dieser Entschluss des “Nein-sagens”, dieser Entschluss, welcher der Moral die Hand reicht, habe er gefasst, als er den Studenten in den Rekrutierungsvideos nicht mehr in die Augen schauen konnte.
Unpopulär, den Kunden das Beste zu raten
«Wenn du genügend Geld verdienen kannst, und nicht gerade ein Axt-Mörder bist, kommst du an die höchsten Positionen.» Um Erfolg zu haben, müsse man den Kunden in diejenigen Produkte investieren lassen, die man loswerden wolle, gibt Smith dem Leser zu wissen. Nicht nur die Tatsache, dass die Papiere so undurchsichtig sind, ist ein Problem für alle Kunden einer ganzen Branche, sondern vorallendingen die Tatsache, dass die Kundeninteressen vollkommen außer acht gelassen werden, mag Bände sprechen. «Ich war an Metings, wo niemand ein einziges Wort darüber verlor, wie man einem Kunden helfen kann. Es ging nur darum, möglichst viel Geld zu machen.» Geld, Geld, Geld und nochmals Geld!
Goldman Sachs bestreitet
Die Führung von Goldman Sachs tut das, was sie tun muss: Alle Kritik von sich weisen. In einem ersten Communiqué schrieb Goldman Sachs knapp: «Wir gehen nicht einig mit den geschilderten Ansichten, und diese reflektieren nicht die Art, wie wir unsere Geschäfte tätigen. Nach unserer Ansicht sind wir bloss erfolgreich, wenn unsere Kunden erfolgreich sind. Diese fundamentale Wahrheit ist das Herzstück unseres Benehmens.»
Kritik am Kapitalismus wird gestärkt
Der Smith-Ausstieg aus Goldman Sachs zeigt einmalmehr den Wahnsinn des Kapitalismus auf. Wir müssen uns bewusst werden, dass sich das Kapital in eben solchen riesigen Banken kumuliert. Wenn ein Unternehmen sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt hat und in der Chamions League spielt, geht es nur noch um Machterhalt und Machtausbau, der nur über noch mehr Kapital zu erreichen ist.
Wir müssen die Systemfrage stellen und uns Alternativen überlegen, wie zumindest eine soziale Marktwirtschaft funktionieren kann, in der das Gemeinwohl im Vordergrund steht und nicht das Kapital.

