Das Bedingungslose Grundeinkommen – Hoffnung für eine gerechtere Gesellschaft ?

Grundeinkommen

Das Bedingungslose Grundeinkommen – Hoffnung für eine gerechtere Gesellschaft oder nur eine gutgemeinte Idee, die letzten Endes an ihren eigenen Ansprüchen scheitern muss?

Seit einigen Jahren schon dringt die Debatte um ein sozialpolitisch revolutionäres Konzept immer stärker an die Öffentlichkeit. Die eigentlich schon nicht mehr ganz so neue Idee, allen Menschen ein vom Staat garantiertes und aus Steuermitteln finanziertes, festes Einkommen zu ermöglichen, durchlebte einen neuen Aufschwung, als sie auf dem Parteitag der PIRATENPARTEI in Offenbach im Dezember 2011 erstmalig Einzug in ein Grundsatzprogramm halten konnte, dem das Potential zugestanden werden kann, zukünftig im Bundestag diskutiert zu werden.

Kritiker, die oft dem neoliberalen Lager entstammen, werfen dem sogenannten „bedingungslosen Grundeinkommen“ vor, Faulheit zu belohnen, da es Arbeit als Einkommensquelle überflüssig mache. Dieser Einwand wird wiederum von den Verteidigern als einem misanthropen Menschenbild entstammend abgelehnt, das u.A. das in der Gesellschaft weit verbreitete ehrenamtliche Engagement ausblende.

Ungeachtet, welche dieser Meinungen nun die Realität eher trifft, sei es stattdessen Intention des vorliegenden Beitrags, eine weniger weltanschauliche, als vielmehr pragmatische Problematik zu beleuchten, die in der öffentlichen Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen bisher gar nicht oder nur sehr unzureichend thematisiert wurde. Dafür soll im Folgenden von einem monatlich jedem Menschen in Deutschland gezahlten Einkommen von 850 € ausgegangen werden. Dieser Satz soll einen Kompromissvorschlag darstellen, der irgendwo zwischen den häufigsten Vorschlägen liegt, die zwischen 400 € und 1500 € variieren.

850€ jeder der 82.000.000 Menschen in Deutschland:
-> 69.700.000.000 € Kosten im Monat

69.700.000.000 € aufs Haushaltsjahr gesehen (x12):
-> 836.400.000.000 €

Der nun abgeschlossene Bundeshaushalt 2011 nutzte Mittel von 296.200.000.000€, also nur gut ein Drittel dessen, was das bedingungslose Grundeinkommen kosten würde.

Um lediglich das Grundeinkommen zu finanzieren, müsste also die Steuerlast (wie auch immer verteilt) verdreifacht ODER die Kreditaufnahme ins endgültig Unverantwortliche gesteigert werden. Der erste Fall ließe sich nicht einmal (!) mit einem Spitzensteuersatz von 100% realisieren, weshalb definitiv auch die unteren Gehaltsklassen durch Besteuerung betroffen wären.
Dazu würden wie bisher die Kosten für Verkehr, Gesundheit, innere und äußere Sicherheit, Bildung und Forschung sowie Schuldentilgung, etc. anfallen. Das würde noch ganz andere Mittel erfordern, von denen keiner weiß, wo sie dann noch herkommen sollen.

Und auch der Sinn hinter dieser Maßnahme erscheint bei genauem Hinsehen zumindest fragwürdig. Warum sollten Geringverdiener Steuern zahlen, damit Millionäre vom Staat 850€ im Monat bekommen, die sie gar nicht brauchen?

Doch das größte Problem am bedingungslosen Grundeinkommen ist im Prinzip sein eigener Anspruch: Alle Menschen bekommen den gleichen Satz bereitgestellt, obwohl z.B. Invaliden, Rentner u.A. Anspruch auf mehr als 850€ im Monat hätten. Selbst die Hartz4-Empfänger, denen ja zusätzlich zu ihrem aktuellen Satz auch die (Sozial-)Wohnung vom Staat finanziert wird, wären (zumindest bei einem Satz dieser Höhe) materiell kaum besser gestellt als jetzt, müssten dann evtl. sogar an einer höheren Mehrwertsteuer mit zahlen.

Wem würde solch ein Grundeinkommen also nützen? Wären orthodoxe Vorschläge des linken Lagers, wie eine deutliche Erhöhung der Hartz4-Regelsätze (oder eines anderen Arbeitslosengeldes) in Kombination mit einem allgemeinen Mindestlohn, der Geringverdienern gestattet mindestens so viel zu verdienen, wie durch staatliche Unterstützung, nicht wesentlich sinnvoller?

Im Endeffekt kann nur festgehalten werden, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen, so es denn wirklich eine monetäre Verbesserung zur aktuellen Lage finanziell benachteiligter oder mittelloser Menschen darstellen soll, durch die selbst produzierte Steuerlast weitgehend aufgefressen würde. Stattdessen sollte (vom Staat und auch der Gesellschaft) immer wieder aufs Neue festgestellt werden, wo wirklicher Handlungsbedarf besteht und den dort Betroffenen Hilfe zuteil kommen. Und zwar in einer deutlich konsequenteren Weise als bisher

Gastbeitrag: Ed Rockefeller

 

Quellen:

Piratenpartei und Grundeinkommen: http://www.sueddeutsche.de/politik/parteitag-der-piraten-in-offenbach-mehrheit-fuer-das-grundeinkommen-1.1225654

Bundeshaushalt 2011: http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_124500/sid_D12CF6E4D73CF2D3350F92DA59A8D837/DE/BMF__Startseite/Multimedia/Infografiken-Bundeshaushalt/InfografikenBildergalerie.html?__nnn=true

  • Susanne

    Sehr falsch gerechnet…
    Das Grundeinkommen teilt die Gesamtwirtschaftsleistung so auf, dass jeder ein ausreichendes Stück vom gebackenen Kuchen bekommt.
    Ob dieses Stück ,800,1000, 1500 € groß sein soll, legen wir zusammen demokratisch fest.
    Das Grundeinkommen wächst in die bestehenden Einkommen hinein. Das Einkommen besteht dann aus zwei Komponenten. Dem staatlich garantierten Grundeinkommen und dem variablen Erwerbseinkommen. Die Gesamthöhe kann gleich bleiben.Neu zu schöpfen aus Steuermitteln ist das Grundeinkommen nur für diejenigen die heute weniger als das BGE zu Verfügung haben.Bedarfe über das Grundeinkommen hinaus sind nicht bedingungslos , sondern können beantragt werden.

    • Ed Rockefeller

      Ich habe mich auf 850€ festgelegt, weil es ungefähr mittig liegt. Dass die umgesetzte Höhe variieren kann, ist mir klar, und ich denke das wird aus meinem Beitrag auch deutlich.
      Du wirfst mir – wie ich es mir beim verfassen gedacht hatte – vor, falsch gerechnet zu haben. Gleichzeitig sagst du aber, der Staat würde auch nach deiner Vorstellung das Grundeinkommen (welcher Höhe auch immer) bereitstellen. Zusätzlich könne jeder, der Erwerbsarbeit nachgeht, noch mehr verdienen (variabel).
      Wo würde der Staat denn deiner Ansicht nach die definitiv mehrere hundert Milliarden bis mehr als eine Billion hernehmen, wenn nicht aus Steuermitteln?

      Oder willst du mir sagen, dass nur diejenigen Geld aus Steuermitteln bekommen, die nicht arbeiten, während diejenigen, die schon mehr als 1000€ verdienen, nichts bekommen? Das wäre kein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern nur ein etwas höherer Hartz-IV-Satz.

      Aber danke für dein Interesse.

      • Ed Rockefeller

        “die schon mehr als 1000€ verdienen”

        Ich meine natürlich 850€ bzw. auf welchen Satz auch immer die Menschen sich einigen.

      • susanne

        Teile der Gelder, die heute die Lohne sind, müssten zum Staat transferiert werden, der dann diejenige Komponente des Lohns der Grundeinkommen heisst bedingungslos stellt.
        Ich danke dir auch für deine Arbeit und begrüsse die Diskussion.

  • gast

    Ich stimme dem Autor zu. Als ich das erste Mal vom BGE hörte, war ich auch recht angetan von der Idee. Wenn man jedoch länger darüber nachdenkt, ist es in unserer jetzigen Gesellschaft einfach nicht realisierbar. Die Idee ist trotzdem nicht schlecht und könnte die Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung sein, vielleicht in Kombination mit Schwundgeld.

  • Charlies Tante

    Träumt weiter…

  • gast

    Das nevt! BG ist also nicht bzahlbar? Wie man das BG finanzieren könnte ist doch in x Variationen vorgerechnet worden. Ich hab Euch jetzt mal aus meinen Lesezeichen entfernt.

    • Ed Rockefeller

      Ja, die “Bezahlbarkeitsrechnungen” werden immer ganz gerne in Foren, Blogs und sonst wo behauptet. Aber irgendwie konnte mir da noch nie jemand etwas konkretes vorlegen. Daher mein Beitrag :)

  • weiterdenken

    An alle, die behaupten, das alte BGE sei “durchgerechnet”: Wo finde ich (abgesehen vom BGE 2.0) eine Berechnung für ein BGE, das sowohl ausreichend hoch (und zwar in Netto-Kaufkraft incl. Preissteigerungen) als auch finanzierbar ist?
    Konnte ich nirgends entdecken. Ich finde nur entweder finanzierbare und indiskutabel niedrige oder aber einigermaßen ausreichende, aber unfinanzierbare Modelle.
    Wie wäre daher eine Diskussion des “BGE 2.0″? Einfach mal googeln!

    Da gibt es selbst bei 2.000 € keine Finanzierungsprobleme, weil es aus den Umsätzen der Wirtschaft finanziert wird, was lediglich 35% Personalkosten bedeutet.

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