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Altruisten fliegen nicht
Ikarus ist uns bekannt aus der griechischen Mythologie. Seine Hybris, zu denken er könne jeden und alles überfliegen, wird gnadenlos mit dem Tod bestraft. Dass die Mehrheit der Menschheit über ihre Verhältnissen lebt, zu hoch fliegt, ignorieren wir. Doch langsam schmilzt das Wachs, mit dem wir unsere Flügel befestigt haben.
Isoliert, anonym, wertlos
Das sind die undankbaren Attribute eines in der Großstadt lebenden Menschen, welche mir jetzt so präsent wie nie sind. Vor einigen Monaten noch lebte ich in einer anderen Gesellschaft, in einer anderen Welt, deren Lebensstil von entgegengesetzten Werten bestimmt wird. Integriert, als Persönlichkeit anerkannt, man ist ein kleines, aber doch wertvolles Glied in der Gesellschaft. Ich lebte für ein Jahr in einer brasilianischen Favela, in der südlichsten Peripherie Sao Paulos. Arm sind die Menschen dort, haben im besten Fall das Nötigste um zu überleben, doch erscheinen sie mir zufriedener, glücklicher und erweisen sich als solidarischer als die im Überfluss lebende Gesellschaft in der westlichen Welt. Um zu ergründen, warum die Armen in einer Favela in meinen Augen glücklicher sind als die Verwöhnten in der westlichen Welt, müssen wir das Umfeld der beiden Welten betrachten.
Ein gut situierter, westlicher Bürger, der Bourgeoisie angehörend, bringt Maslows’ Bedürfnispyramide zufolge alles mit, um zufrieden und glücklich zu sein. Ein gesunder Körper, ein festes Einkommen, genügend Nahrung, eine Unterkunft. Neben den körperlichen Existenzbedürfnissen und der Sicherheit, ist unser Bürger in einem großen Freundeskreis eingeschossen, hat eine Frau und Kinder, lebt also in einer intakten Familie. Bis hierhin können alle Bedürfnisse im vollen Umfang befriedigt werden. Nun aber nähern wir uns der Stufe, über die in meinen Augen eine ganze Gesellschaft stolpert: Die Stufe der Anerkennung. In der heutigen Leistungsgesellschaft scheint es nicht mehr auszureichen, seine Familie zu ernähren, seine Miete zahlen zu können und sich ein wenig Geld auf die Seite zu legen, um Freitag Abends in einer geselligen Runde das Bier in der Kneipe bezahlen zu können.

