Religion sollte nicht aus den Schulen verbannt werden – Im Gespräch mit Josef Winkler (MdB Grüne)

Josef Winkler

In Deutschland gibt es wenige PolitikerInnen, die sich für die Trennung von Staat und Religion einsetzen, einst waren die Grünen die Partei, in der diese Vorschläge noch die größte Zustimmung fanden. Wir haben mit Josef Winkler, dem kirchenpolitischen Sprecher der Partei, über Laizismus und islamischen Religionsunterricht gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Die Grünen waren einst eine Partei, die sich für einen laizistischen Staat einsetzte, trifft das heute noch zu?

Josef Winkler: Das ist so nicht ganz zutreffend. Auch in der Frühphase der Partei spielte Religion für einen Teil der Mitglieder eine große Rolle. Aus Ärger über ausbleibende innerkirchliche Reformen haben sie politisches Engagement dagegengesetzt in der Hoffnung, über Veränderungen im Politischen auch eine Veränderung der kirchlichen Strukturen erreichen zu können. Spätestens mit der Fusion mit dem Bündnis 90 veränderte sich das Verhältnis zur Religion erheblich, weil die meisten dort Engagierten die Kirchen in der Spätphase der DDR als Freiheitsraum wahrnahmen, der ihnen erlaubte, ihre Kritik an der SED zu artikulieren.

Die Freiheitsliebe:  Wie kam es zu diesen Veränderungen?

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Josef Winkler: Wie schon geschildert, vereint Bündnis 90/Die Grünen ein großes Spektrum an Meinungen bezüglich der öffentlichen Rolle von Religionsgemeinschaften. Wir verstehen uns heute als eine moderne Bürgerrechtspartei. Ein elementares Freiheitsrecht ist dabei die Religionsfreiheit. Unser Religionsverfassungsrecht ist sehr freiheitlich, weil es allen Religionsgemeinschaften ermöglicht, ihre religiösen Anliegen möglichst unbeschadet artikulieren und umsetzen zu können, wenn bestimmte Grenzen der Rechtsordnung eingehalten werden. Insofern erkennen wir heute deutlicher, als dies in der Frühzeit der Partei der Fall war, dass die erreichte Trennung von Staat und Kirche beiden Seiten gut getan hat und zukunftsfähig ist, von bestimmten Auswüchsen und Missbräuchen abgesehen.

Die Freiheitsliebe: In NRW haben die Grünen den islamischen Religionsunterricht eingeführt. Welche Gründe sprechen für die Einführung von muslimischen Relgionsunterricht?

Josef Winkler: Der Erfolg salafistischer Prediger zeigt, dass einfache, aber im islamisch-theologischen Binnendiskurs unhaltbare Thesen und Auffassungen auf muslimische Jugendliche sehr anziehend wirken. Das hat auch damit zu tun, dass es nur wenige muslimische Fachleute gibt, die die Argumente der Salafisten auf die Probe stellen. Islamischer Religionsunterricht im Sinne von Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz leistet genau das: Eine kritische Reflexion über die Grundlagen des Glaubens.

Die Freiheitsliebe: Häufig wird kritisiert, dass die Einführung von muslimischem Religionsunterricht vor allem der Festigung von Religion im Bildungssystem dient. Trifft diese Behauptung zu?

Josef Winkler: Ich halte jedenfalls nichts davon, Religion aus der Öffentlichkeit und aus der Schule zu verbannen. Religionsunterricht ist eine gemeinsame Angelegenheit von Staat und Religionsgemeinschaft, was bedeutet, dass der Staat die Aufsicht über die Inhalte ausübt. Dies dient auch der Zivilisierung der Religion. Eine Verdrängung von Religionen ins Private wird aller Wahrscheinlichkeit nach dazu führen, dass religiöse Parallelstrukturen entstehen, auf die der Staat keinen Einfluss hat. Dann sind Erfolge radikaler oder fundamentalistischer Ideen erheblich wahrscheinlicher.

Die Freiheitsliebe: Kritiker des Religionsunterricht fordern die Einführung eines verpflichtendem Philosophieunterrichts statt verschiedenen Fächern für die verschiedenen religiösen Gruppen, wäre dies nicht eine Lösung um den SchülerInnen mehr über andere Religionen und Toleranz beizubringen, gleichzeitig aber auch humanistische Werte zu lehren?

Josef Winkler: Vertreter einer solchen Auffassung unterstellen immer implizit, dass Religionsunterricht Missionierung wäre oder die Schülerinnen und Schüler davon abzubringen versuche, aufklärerisch und selbstbestimmt zu denken. Das Gegenteil ist der Fall: Guter Religionsunterricht ist gerade deshalb ideologiekritisch, weil er sich mit historischen und gegenwärtigen Deutungen des eigenen Glaubens beschäftigt und danach fragt, wie und mit welchen Strategien bestimmte Auffassungen biblisch und christlich-traditionell gerechtfertigt werden. Teil des Religionsunterrichts sind darüber hinaus auch andere Religionen und Weltanschauungen ebenso wie Fragen der Religionskritik. Tolerant gegenüber anderen – auch nichtreligiösen – Überzeugungen kann nur sein, wer seine eigenen Grundlagen und Überzeugungen kennt.

 

Die Freiheitsliebe: In Frankfreich wurde ein Burka-Verbot eingeführt, ist ein solches Verbot nachvollziehbar?

Stop Islamophobie

Josef Winkler: Ich halte das Verbot für populistisch. Zum einen trägt nur eine absolute Minderheit der muslimischen Frauen in Frankreich eine Burka, so dass ein allgemeines Verbot in keinem Verhältnis zur Fallzahl steht. Zum anderen ist die Alternative für die vom Verbot betroffenen Frauen gerade nicht, wie suggeriert wird, dann die Burka abzulegen. Stattdessen werden diese Frauen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Genau diese Konsequenz aber lehne ich ab. Aber anstatt der Öffentlichkeit den Anblick ganzkörperverschleierter Musliminnen ersparen zu wollen, sollten wir lieber für unsere freiheitliche Ordnung werben und vor allem den Ehemännern von Burka-Trägerinnen deutlich machen, dass wir Geschlechterdiskriminierung in Deutschland ablehnen, wozu auch der Zwang gehört, eine Burka tragen zu müssen.

Die Freiheitsliebe:  Religion kann ein verbindendes Element sein, wird aber häufig missbraucht um die Menschen zu trennen. Wie kann die Politik die Menschen zu verbinden?

Josef Winkler: Auch Politik kann dazu gebraucht werden, Menschen voneinander zu trennen. Von der ideologischen Kluft früherer Jahrzehnte ist aber kaum noch etwas spürbar. Heute sind die meisten Probleme infolge der Komplexität vieler Materien so kleinteilig und spezifisch, dass sie sich kaum mehr für ideologische Debatten eignen – vom Betreuungsgeld vielleicht einmal abgesehen. Die Aufgabe von Politik besteht darin, die Lebenswirklichkeit der Menschen in Deutschland abzubilden und sachgerechte Lösungen für auftretende Probleme zu finden, die auch die Position der Minderheiten ernst nehmen. In diesem Sinne lautet die Herausforderung für die politische Kultur in unserem Land, durch die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in wichtige Entscheidungen unseres Gemeinwesens Teilhabe zu gewährleisten.

Die Freiheitsliebe: Wir danken dir für dieses Gespräch!

  • ErdenKind

    Guter Religionsunterricht… ?
    ist lt. Hr. Winkler “… gerade deshalb ideologiekritisch, weil er
    sich mit historischen und gegenwärtigen Deutungen des eigenen Glaubens
    beschäftigt und danach fragt, wie und mit welchen Strategien bestimmte
    Auffassungen biblisch und christlich-traditionell gerechtfertigt werden.”
    Das stimmt zumindest in Niedersachsen nicht. Das Ziel des Religionsunterrichts ist eben doch die religiöde Prägung (also: Indoktrination) der Kinder.
    Auszug aus dem Kerncurriculum ev. Religion Klasse 1 bis Klasse 4:
    “Diese Grundfragen menschlicher Existenz werden im Religionsunterricht im Gespräch mit
    Zeugnissen der biblisch-christlichen Tradition und gelebtem Glauben bedacht.” Die Formulierungen erschließen sich ift erst auf den zweiten Blick: “Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Möglichkeit, ihre Fragen, ihre Überzeugungen und ihren
    Glauben im Austausch mit anderen mitzuteilen, fortzuführen und Verständnis für andere Überzeugun-
    gen und Glaubensäußerungen zu entwickeln. Sie drücken in unterschiedlichen religiösen Sprachformen aus, was sie fühlen, sich vorstellen und wünschen oder fürchten. Sie werden mit Ausdrucksformen des Glaubens in Bildern, Gesten, Symbolen und Feiern vertraut. Sie werden befähigt, an religiösen Ausdrucksformen wie dem Singen und Beten Anteil zu nehmen.”

    Warum sollten religionsfreie Eltern daran interesseirt sein, daß ihre Kinder sich “in religiösen Sprachformen” ausdrücken können. Was ist das anderes als religöse Prägung?

    Schade, Grüne. Ihr nähert euch immer mehr der CDU an, (leider) nicht nur in Fragen des Religionsunterrichts.

  • http://www.facebook.com/david.berger.395 David Berger

    Mit dem real existierenden Religionsunterricht, dessen Inhalte und auch wer ihn erteilen darf (missio canonica) allein die Kirchen bestimmen, die teilweise demokratie–frauen und homosexuellenfeindlich agieren, hat das Bild das hier Herr Winkler von Religionsunterricht zeichnet, nichts zu tun … So kann man sich etwas schön reden, was man gerne behalten möchte – mit der Realität hat das allerdings nichts zu tun …

  • http://www.facebook.com/heescher Rüdiger Heescher

    Ich glaube Josef Winkler hat sich in seinen Deutungen vertan mit einem historischen Religionsunterricht aus den Erkenntnissen der vergleichenden Religionswissenschaften. Dem würde ich ja zustimmen. Da es aber ein konfessioneller Religionsunterricht ist, der in Schulen stattfindet, sei davor gewarnt, den er hat nur eine Aufgabe und absicht: Indoktrination von Kindern. Dabei spielt es keine Rolle, ob im christlichen oder im islamischen Religionsunterricht jeweils ein “Interpretationspielraum” vorherrscht.

  • Nic

    Hi Kollegen, darf ich den Artikel übernehmen?

    • freeleo

      Hey Nic, gerne kannst du den Artikel übernehmen, mit Verlinkung natürlich (; In Zukunft brauchst Du nicht mehr zu fragen. Solang alles verlinkt wird und die Quelle genannt wird, freuen wir uns!

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