Messerattacke auf Linksparteimitglied: Liebe ersetzt keine Gegenwehr

6. Januar 2016 - 15:20 | | Politik | 7 Kommentare
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Am Montag wurde Julian Kinzel, Mitglied des Schweriner Kreisvorstandes der LINKEN und Mitglied bei solid, Opfer einer Messerattacke in Wismar. Drei Faschisten schlugen ihn mit den Worten „schwule Kommunistensau“ nieder und stachen 17 mal auf den Aktivisten ein.

Dieser Mordanschlag reiht sich ein, in eine Welle von Angriffen. Neu sind nicht nur der schamlose Einsatz von Messern bis zu Schusswaffen, sondern auch deren gezielter Einsatz gegen bekannte Linke. Genährt durch die Erfolge der rassistischen Mobilisierungen des vergangenen Jahres und das beinahe folgenlose in Brand stecken von Flüchtlingsunterkünften, sowie angreifen von Geflüchteten, hat die Gewaltgelüste der Faschisten nicht besänftigt, sondern beflügelt.

Der Übergriff in Wismar ist kein erschreckendes Einzelbeispiel. Er ist der gnadenlose Vorgeschmack auf eine faschistische Bewegung, die sich stark genug fühlt, linke Aktivist_Innen und Arbeiter_Innenorganisationen gezielt, geplant und direkt anzugreifen.

Wir verurteilen den Angriff auf Julian Kinzel und mit ihm stellvertretend auf die Linkspartei, sowie solid aufs Schärfste. Wir wünschen Julian eine baldige Gesundung, auf das er sich nicht einschüchtern lasse, von den faschistischen Übergriffen.

Doch wir glauben auch, dass es einer kritischen Auseinandersetzung mit seinen Worten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bedarf, als er sagte „wir dürfen auf solche Attacken nicht mit Radikalisierung antworten. Unsere Antwort auf Hass muss Liebe, auf Dummheit Vernunft und auf Gewalt Solidarität sein. Somit ist Hass hier fehl am Platz. Lasst uns dieses Ereignis zum Anlass nehmen, solchen Ideologien durch mehr Menschlichkeit vorzubeugen. Nach meiner hoffentlich baldigen Gesundung werde ich dabei verstärkt mitwirken.“

Während man von persönlicher Größe sprechen könnte, nach einer derartigen Attacke derartiges zu sagen, muss eines klar festgehalten werden. Liebe, Vernunft und Solidarität sind wichtige und gute Eigenschaften, die sich eine linke Bewegung zu eigen machen sollte. Sie sind aber keine Mittel, um die faschistische Bewegung oder ganz praktisch eine scharfe Messerklinge zu stoppen.

1931 schrieb Kurt Tucholsky als Abschluss seines Gedichtes Rosen auf den Weg gestreut „Und verspürt ihr auch in eurem Bauch den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft: Küsst die Faschisten, küsst die Faschisten, küsst die Faschisten wo ihr sie trefft!“

Was vor rund 70 Jahren voll Sarkasmus von einem Sozialisten gegenüber der erstarkenden faschistischen Bewegung geäußert wurde, wird heute mit voller Überzeugung auf der politischen Bühne vor der Arbeiter_Innenbewegung präsentiert. Wie die Geschichte damals verlief, als sich KPD, SPD und Gewerkschaften nicht auf eine gemeinsame Einheitsfront, die auch gemeinsame Selbstverteidigungsorgane bedeutet hätte einigen konnten, wissen wir. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird, aber wir können eines mit Sicherheit sagen. Derartige Kommentare geben nicht nur keine Antwort, wie derartigen Übergriffen praktisch, der dahinterstehenden Bewegung politisch begegnet werden soll. Die ohnehin politisch und ideologisch schwache Arbeiter_Innenbewegung wird zusätzlich in Sätze, die sich in der bürgerlichen Presse zwar gut machen, aber auf der Straße, vor der Flüchtlingsunterkunft oder im Betrieb herzlich wenig taugen, eingelullt.

…wie viele Heime müssen noch brennen, wie viele Gewerkschaftshäuser und Linke Zentren noch beschmiert und angegriffen, wie viele weitere Mordversuche an Migrant_Innen und organisierten Linken, muss es noch geben, bis diese unverfrorene Verbürgerlichung in den Arbeiter_Innenorganisationen unter der Hitze der Ereignisse zu schmelzen beginnt?

Liebe Genoss_Innen der Linkspartei, liebt doch wen ihr wollt, aber das ist keine Antwort auf faschistische Übergriffe. Die einzige Antwort auf faschistische Übergriffe sind eigene Selbstverteidigungsorgane, die gezielte Auflösung faschistischer Versammlungen und die Entwaffnung ihrer Organisationen durch die Arbeiter_Innenbewegung. Dann könnt ihr eure Liebe haben. Es wird vermutlich nicht die Liebe der bürgerlichen Presse, die Liebe der bürgerlichen Parlamentskolleg_Innen sein, aber die Dankbarkeit all jener, die ein reales Interesse am Kampf gegen den Faschismus haben.

Während sich die Faschisten radikalisieren und der Staat nach rechts rückt, zur Mäßigung aufzurufen, heißt sich noch im Vorhinein von Auseinandersetzung der Möglichen Kampfmittel zu berauben. Die Realität ist keine wohlfeile Zusammenstellung von Moralvorstellungen, die nur mit feuriger Inbrunst vor der Gesellschaft vorgetragen müssen. Die Realität ist eine historische Krise des Kapitalismus, in der die Klassenkämpfe zum erneuten erstarken faschistischer Organisationen führen. Wir als Sozialist_Innen sind voller Optimismus, dass auch die Revolutionär_Innen stärker werden und letztlich siegen können – aber nur dann, wenn sie es auch wollen.

Ein Gastbeitrag von Georg Ismael

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7 Kommentare

  • 1
    katharina sagt:

    17x zugestochen. Wie schwer verletzt ist denn Herr Kinzel?

    • 1.1
      Fritz Huber sagt:

      Bericht im NDR:
      Laut Polizei ist Kinzel mittlerweile wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden.

      • 1.1.1
        Wunderüberwunder sagt:

        Das werden Spielzeugplastikmesser gewesen sein oder spitze Finger. Was anderes kriegen die Faschisten doch sowieso nicht gebacken. Oder HeldInnen der Arbeit sind unzerstörbar, selbst siebzehn Messerstiche können sie höchstens einen Tag lang lahmlegen.
        Der Sieg ist gewiss, bei solchen FeindInnen, bzw. solchen HeldInnen!

  • 2
    Fritz Huber sagt:

    „Die einzige Antwort auf faschistische Übergriffe sind eigene Selbstverteidigungsorgane, die gezielte Auflösung faschistischer Versammlungen und die Entwaffnung ihrer Organisationen durch die Arbeiter_Innenbewegung.“

    Da ruft einer offen zu Gewalt auf! und das ist strafbar!

    Hier mal ein Snippet vom WDR:

    „Polizei: Anzeige und Parteischilderung nicht deckungsgleich
    Auf Nachfrage des NDR bestätigte das Polizeipräsidium Rostock, dass eine Anzeige von Kinzel eingegangen sei. Diese sei allerdings erst einen Tag nach der Tat und über das Internetportal der Polizei erstattet worden. Präsidiumssprecherin Isabel Wenzel sagte, es gebe noch Klärungsbedarf, da die von der Partei kommunizierten Informationen und die in der Anzeige genannten Fakten nicht deckungsgleich seien. Man müsse nun „Licht ins Dunkel bringen“, so Wenzel.“

    Und dafür wollt ihr voreilig in den Krieg ziehen?

  • 3
    H.Ewerth sagt:

    Adorno sagte schon vor gut einem halben Jahrhundert: „Ich habe keine Angst vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

    Egal wie viel Messerstiche, Fakt ist, dass noch immer viele auf dem „rechten Auge“ blind sind. Fakt ist auch, dass alleine seit dem Mauerfall, mehr als 160 Menschen wieder auf Grund einer menschenverachtenden Ideologie, ermordet, getötet, tot geschlagen, zu Tode gehetzt oder verbrannt? Von den vielen täglichen Beleidigungen und Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime ganz zu schweigen. Aber eigentlich auch ganz klar, Deutschland hatte zwar zwei Weltkriege verloren, deshalb war doch die menschenverachtende Ideologie nicht weg. Denn die meisten kamen damals davon, und viele verharmlosen, relativieren alles heute, ja leugnen sogar in diesem Zusammenhang. Sonst wären die NSU Morde innerhalb von 10 Jahren nicht möglich gewesen.

  • 4
    Thanthalas sagt:

    Hier mal ein paar Informationen vom Tagesspiegel:

    http://www.tagesspiegel.de/politik/messerattacke-in-wismar-zweifel-an-der-darstellung-der-linkspartei/12811638.html

    Na ob der Herr sich nur ins Rampenlicht rücken wollte?

  • 5
    Thanthalas sagt:

    http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/108746/3221906

    Der Herr scheint sich die Verletzungen selber beigebracht zu haben.
    Im Kampf gegen Rechts scheint manchen Menschen wohl alles recht…