.Kleines Häutchen, große Diskussion

flickr: Demonstration gegen Beschneidung bei der San Francisco Pride Parade im Jahr 2008.

Jahrelang schwieg die Politik zu dem Thema namens Beschneidung. Ende Juni kam es dazu, dass ein vierjähriger Junge, der aus religiösen Gründen beschnitten wurde ins Krankenhaus musste – die Beschneidung wurde zur Quälerei. Nun drängen die deutschen Spitzenpolitiker auf eine schnelle Gesetzesänderung, um möglichen internationalen Spott zu vermeiden.

Es ist ja zu begrüßen, dass sich die Politiker der Fraktionen im Bundestag darum bemühen, eine Lösung für diese schwere Thematik zu finden. Warum es allerdings so dermaßen zügig von der Bühne gehen soll, ist allerdings ein Rätsel. Warum nicht versucht wird , langsam einen Dialog zwischen den den Vertretern der Positionen herzustellen, bleibt unklar. Mit Sicherheit will man es vermeiden, dass sich die Debatte in eine endlos-Debatte entwickelt, die dann zusätzlich auch noch zäher wird. Aber genau diese Strategie, einen schnellen Entschluss zu finden, könnte den verantwortlichen Politikern nun zum Verhängnis werden. Volker Beck kritisiert eben genau dieses plötzliche blitzschnelle Handeln wie folgt: „Ich finde es problematisch, dass die Abgeordneten jetzt so kurzfristig in eine solche Entscheidungsdebatte gezwungen werden“. Warum jetzt alles so hopplahopp geschehen soll, erschließt sich mir nicht“, sagte Beck weiter.

tiefere Problematik

Es ist schon wirklich verwunderlich, wie dieses Thema der Beschneidung von den Medien hochgepusht wurde, es war eines der zentralen Themen der letzten Wochen. Dabei handelt es sich um ein lausiges Häutchen, was es vermag, eine ganze Nation zu spalten: Einer neusten Umfrage zufolge sprechen sich 42 Prozent der Deutschen gegen ein Verbot des rituellen Eingriffs aus, 45 Prozent aber sind dafür. Es gäbe sicher weitaus wichtigere Themen zu besprechen wie zum Beispiel die Aufklärung über den ESM, aber das Häutchen scheint bei den großen Medien eine wichtigere Rolle zu spielen. Eine Beschneidung des ESM-Vertrags wäre wohl ein potentieller Ausgang – das Häutchen ist aber wichtiger.

Kleinreden sollte man das Thema allerdings nicht zu sehr, da manchmal eben gerade die kleinen Dinge verbale Sprengkraft versprechen. So ist die Frage, wie man mit einem möglichen Verbot religiöser Beschneidungen umgehen soll. Dazu muss man allerdings ein gewissen Maß an Vorwissen mitbringen, um Licht ins Dunkle zu bringen.

Jahrtausende alte Tradition

Wer sich dem Häutchen-Thema widmen möchte sollte wissen, wofür die Kölner Richter, die ein Verbot religiöser Beschneidungen befürworten, kritisiert werden. Und zwar geht es darum,

  • dass hier eine Tausende Jahre alte religiöse Tradition als Straftat beurteilt werde
  • dass das Urteil die Religionsfreiheit und das Recht der Eltern auf religiöse Kindererziehung einschränke
  • dass die Beschneidung als Verletzung so schlimm nicht sei, wie von den Befürwortern dargestellt wird. Schließlich seien weltweit nicht nur Muslime und Juden beschnitten, sondern auch ein großer Teil etwa US-amerikanischer Männer – unabhängig von ihrer Religion. Und zwar ohne Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit.

Problem der nicht zeitgenössichen Religion?

Was auch immer wieder thematisiert wird, so bleibt die Frage, ob sich die Religion bzw. die religiösen Bräuche sich dem Zeitgeist nicht anpassen sollten zumal ein Nichtanpassen konsequenterweise Probleme schafft. Auf der anderen Seite liegt in der Religion das ursächliche, der konservative Brauch, den die Anhänger schätzen und preisen. Was also tun? Religiöse Beschneidungen also einfach verbieten oder ausnahmslos legalisieren?

Zuerst einmal bleibt festzuhalten, dass Verbote immer mit einer gewissen Gefahr belegt sind. So ist es nicht schwer zu erahnen, dass ein internationaler medialer Feuersturm Deutschland erreichen würde: Die Antisemitismuskeule, die islamophoben Deutschen, der Islam gehört nicht zu Deutschland etc.

orthodoxe Juden sind empört

Um die Situation für die Juden zu verstehen, bedarf es ein Blick in das alte Testament:

Im Ersten Buch Mose, das zugleich auch das erste Buch des christlichen Alten Testaments ist, heißt es: “Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden. [...] Das soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Ein jegliches Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen. [...] Und wo ein Mannsbild nicht wird beschnitten an der Vorhaut seines Fleisches, des Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, darum dass es meinen Bund unterlassen hat.”

Demzufolge also ist ein Verbot der religiösen Beschneidung für orthodoxe Juden gar nicht im Bereich des möglichen. Ein Auswandern für orthodoxe Juden wäre also mit einem Beschneidungsverbot einhergehen. Orthodoxe Juden kritisieren, dass sie aus einem Land vertrieben werden, das bereits schon einmal versucht hat, sie auszurotten.

Richter wollen nur das Gute?!

Den Kölner Richtern allerdings vorzuwerfen, dass sie die Juden vertreiben wollen wäre allerdings abstrus und würde sicher nicht der Wahrheit entsprechen. Die Richter hingegen berufen sich eher auf die Recht der Kinder. Die haben zum Beispiel ein das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Auch  geht es hier um nicht weniger als um das Grundgesetz in Deutschland, also auch um das Recht auf körperliche Unversehrtheit jedes einzelnen Menschen, um die Freiheit, über den eigenen Glauben und die Religionszugehörigkeit und alle Konsequenzen auch selbst entscheiden zu können – und darüber, ob man sich den Ritualen unterziehen und ihre Folgen in Kauf nehmen will.

Prallen diese beiden Meinungen, religiöse Tugend und ärztliche Vernunft, aufeinander, so wird es wohl kaum einen Konsens geben. Da wir aber in einer Demokratie leben und es zu einem kleinsten gemeinsamen Nennen kommen muss, wäre sicher über die Alternative einer religiösen Beschneidung in Krankenhäusern eine Alternative. Dass sich folglich orthodoxe Juden und Muslimen bevormundet sehen werden, ist klar, aber um genau dies zu verhindern und trotzdem ein Entscheidung zu treffen, die allen gerecht wird, liegt die Kunst der Politiker, die sich momentan noch an den Positionen aufhängen, anstatt in den Dialog zu treten.

Annäherung in Sicht

Hoffnung auf weitere Annährung in der Debatte schürt der  Rabbiner Yehoram Mazor vom Hebrew Union College in Jerusalem, der in der FAZ folgendes sagte: “Wer als Jude geboren ist, aber nicht beschnitten wurde, ist trotzdem ein vollwertiges Gemeindemitglied. Die Religion macht da keinen Unterschied.”

Auch die Tatsache, dass in Israel knapp 5% der Menschen nicht beschnitten sind und fast ein Drittel der Eltern gern auf die Beschneidung verzichtet hätte, aber  die Beschneidung vor allem aufgrund von sozialem und familiärem Druck vornahmen, zeigt sehr deutlich, dass in dieser Debatte noch längst nicht das letzte Wort gesprochen ist.

 

Zur Diskussion

  • gast

    Ich sags mal so, würden nur die Moslems beschneiden, hätte es schon längst ein Verbot gegeben. Da nun aber dummerweise auch die Juden beschneiden, geht das nicht wegen Merkels Staasträson und man muss die Debatte ganz schnell beenden.

  • http://twitter.com/Takumo89 τακοῦμoς

    “dass das Urteil die Religionsfreiheit und das Recht der Eltern auf religiöse Kindererziehung einschränke” – eben nicht; Das Urteilt stärkt die Religionsfreiheit, da Religionsfreiheit eben nicht heißt, von der willkürlichen Wahl der Eltern zu einer Religion abhängig zu sein, sondern die Religion frei zu wählen. Es steht bei der Beschneidungsdebatte also die körperliche Unversehrtheit und die Religionsfreiheit des Kindes gegen das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung, wobei ja die Frage ist, ob “religiöse Erziehung” auch die Wahl der Religion durch die Eltern miteinschließt.

  • http://www.facebook.com/profile.php?id=100000414029274 Amadeus Brümmer

    Eigentlich sprechen sowohl die Religionsfreiheit des Kindes als auch die universell gültigen Menschenrechte klar gegen diesen archaischen Ritus. Allein die Angst unserer uninformierten oder ignoranten Abgeordneten führten zu diesem Akt des Rechtsbruchs.

    Welche Begründung gibt es denn für die medizinisch nicht indizierte Beschneidung aus Tradition?
    Die Bibel, bzw das alte Testament? Oder die Tatsache, dass sie so lange Teil der jüdischen, christlichen oder islamischen Geschichte ist? Das sind Sklaverei, Steinigungen und Unterdrückung der Frau ebenfalls. Kein Grund also in religionspolitisch überkorrekte Panik zu verfallen!
    Nun wird es also mit ziemlicher Sicherheit eine Verfassungsklage geben, die das Gesetz wieder kippen wird. Völlig unnötig.

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