„Ich bin von Ekel erfüllt“ – Im Gespräch mit Moshe Zuckermann

28. Februar 2015 - 16:31 | | Politik | 2 Kommentare

In Israel wird gewählt und der Wahlkampf läuft auf vollen touren. Wir haben mit Moshe Zuckermann, Professor für Soziologie an der Universität Tel Aviv gesprochen.

Moshe Zuckermann, wie empfinden Sie den jetzigen Wahlkampf, der, wie das Wahlkampfvideo des Likud, wohl wieder sehr auf den Sicherheitsaspekt ausgelegt ist? (Das Video wurde auf Facebook veröffentlich und ist dort wieder gelöscht worden. In dem Video fahren vollbärtige Männer mit IS-Fahne einen Jeep und halten neben einem Mann in einem anderen Auto an. Sie fragen ihn mit einem arabischen Akzent, wo es denn nach Jerusalem ginge. Der Mann antwortet auf hebräisch: „Nehmt links!“. Ein Slogan in Großbuchstaben erscheint: „DIE LINKE WIRD BEI TERROR AUFGEBEN!“ Sie bedanken sich und fahren jubelnd mit Schüssen in die Luft nach links auf eine Straße in Richtung Jerusalem. Die Kamera schwenkt auf das Auto des Mannes und zeigt auf einen in Israel bekannten Sticker, auf welchem „Irgendwer außer Bibi.“ steht. Wieder wird ein Slogan eingeblendet. „Es geht um uns oder sie. Nur der Likud. Nur Netanyahu.“)

Moshe Zuckermann: Naja, wie ich diesen Wahlkampf persönlich empfinde, ist nicht wirklich relevant. Ich bin von Ekel erfüllt. Das Video, das Sie ansprechen, hat mehr mit Volksverhetzung als mit sachlichem Wahlkampf (insofern es überhaupt einen solchen geben kann) zu tun. Zugleich ist dieses Video aber auch symptomatisch. Denn gerade, weil die Amtsperioden Netanjahus – es waren schon drei – Israel in vielen Bereichen in die Katstrophe geritten haben, wird im Likud-Wahlkampf alles umgangen, was zur ernsthaften Auseinandersetzung führen könnte. Stattdessen begibt man sich aufs Terrain der Sicherheit, obwohl gerade unter Netanjahu von Sicherheit absolut nicht die Rede sein kann. Es geht letztlich ja auch nicht um reale Sicherheit, sondern um Angstmache und perfide Beschmutzung all dessen, was „zum anderen Lager“ gehört. Nichts anderes hat Netanjahu und seine Gefolgschaft anzubieten, und so sieht entsprechend der Wahlkampf aus. Seit Jahren gab es keine überflüssigere Wahlen als die demnächst anstehenden. Seit Jahren ist der Wahlkampf nicht hohler geführt worden.

Jedoch hört man auch vom „Zionistischen Block“ (die Vereinigung der sozialdemokratischen „HaAwoda“ und der liberalen „Kadima“) relativ wenig über soziale Themen. Ist dies ein grundsätzliches Problem oder ein Phänomen der letzten Jahre?

Zuckermann: Es ist insofern ein grundsetzliches Problem, als die Arbeitspartei sich schon seit Jahrzehnten ihres sozialdemokratischen, mithin gesellschaftlichen Auftrags selbstgewollt entledigt hat. Niemand hat beispielsweise den Gewerkschaften Israels so viel Schaden zugefügt wie gerade die Arbeitspartei. Das hat aber auch nicht zuletzt damit zu tun, daß die Arbeitspartei in den letzten Jahren dermaßen schwach war, daß sie es nicht vermochte, Netanjahu wählerwirksam etwas Ernstes entgegenzusetzen. Das Ergebnis ist, daß sie eher reaktiv agiert (eben auf Vorgaben des rechten Blocks) statt selber Akzente zu setzen und (soziale) Themen zu generieren. Allerdings meine ich, daß das mit einer allgemeinen Krise der Sozialdemokratie im Westen zu tun hat. Im israelischen Fall kommt halt noch Spezifisches hinzu.

Viele Israelis haben aufgrund der gescheiterten Osloer-Verträge kein Vertrauen mehr in die Linke. Ist die israelische Gesellschaft der Veränderung müde oder sollte sie gerade in solchen, von Kriegen geplagten Zeiten, nach diesem Strohhalm greifen?

Zuckermann: Das real Vorwaltende und das Seinsollende sind ja bekanntlich nicht immer miteinander vereinbar, zumeist sind sie es im Sozialen und Politischen ganz und gar nicht. Natürlich sollte Israel den Frieden anstreben, denn ohne Frieden hat es m.E. keine zivilgesellschaftlich irgend wünschbare Zukunft. Und doch erweist sich, daß seit fast 50 Jahren immer wieder Parteien bzw. Parteikonstellationen gewählt werden, denen es absolut nicht um den Frieden zu tun ist bzw. jede Friedensmöglichkeit, die sich öffnet, sogleich erdrosseln. Warum dem so ist, habe ich versucht in meinem letzten Buch zu ergründen. Kurz gesagt: Israel hat den Frieden nie wirklich angestrebt, weil es denn Frieden aus ideologischen Gründen nicht wollte. Und es wollte den Frieden nicht, weil es nicht an sein eigenes historische Projekt, den Zionismus, bzw. an dessen Versprechen und Zielsetzungen je wirklich geglaubt hat.

Die arabischen Parteien haben sich verbündet und trotzdem schallt es aus den Reihen des Balad, dass eine Regierungsbeteiligung kategorisch ausgeschlossen wird. Wie empfinden Sie diese Verweigerung insbesondere unter dem Aspekt, dass Herzog, Vorsitzender der HaAwoda, um eine klare Mehrheit bilden zu können, auch die arabischen Parteien hinter sich bringen muss?

Zuckermann: An einer Regierungsbeteiligung der arabischen Parteien ist ja auch Herzog bzw. seine Partei nicht interessiert. Man war nie daran interessiert, die arabischen Parteien realiter an Regierungskoalition teilhaben zu lassen – selbst Rabin nicht im Jahrzehnt des Oslo-Prozesses. Das war quasi ein Tabu. Bezeichnend ist aber, daß die Majorität der arabischen Wähler, wie in der heutigen Ausgabe der Haaretz berichtet wird, an einer Regierungsbeteiligung interessiert ist, nicht zuletzt um die ökonomischen und sozialen Interessen der israelischen Araber besser vertreten zu können. Man muß abwarten, was die Wahlen ergeben werden; vielleicht kann sich an diesem in der Tat problematischen Grundverhältnis nun doch etwas ändern.

In diesem Jahr wird das 50. Jubiläum zur Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel gefeiert. Sehen Sie diese Geschichte als Erfolgskonzept, auch wenn jegliche Kritik an der israelischen Politik aus Europa, besonders aber aus Deutschland, als Antisemitismus deklariert wird?

Zuckermann: Ich würde dazu eine zweiteilige Antwort geben. Zum einen – ja. Vieles von dem, was anfangs nicht aufgearbeitet und von daher eine Annährung zwischen beiden Staaten nach dem, was zwischen Juden und Deutschen im 20. Jahrhundert geschehen war, zutiefst eschwerte, hat sich im Laufe der Jahrzehnt zwar nicht vollkommen aufgelöst, hat aber doch eine Metamorphose durchlaufen, die man über lange Jahre kaum für möglich erachten mochte. Darin würde ich durchaus einen Erfolg sehen. Zum anderen aber ist die Beziehung zwischen beiden Staaten von Anbeginn stark ideologisiert worden, mithin das Aufzuarbeitende fremdbestimmt instrumentalisiert und politisch in perfider Art und Weise, die mit einem wahrhaften Holocaust-Andenken gar nichts zu tun hat, funktionalisiert worden. In dieser Hinsicht hat man sich in der Tat in eine Sackgasse geritten, aus der man sich (im Interesse beider Staaten) schnell herausmanövrieren sollte. Ich weiß allerdings nicht, wie das geschehen soll. Vor allem den selbsternannten „Antisemiten-Jägern“ in Deutschland, deren Aktivität am allerwenigsten etwas mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun hat, sollte man rigoroser entgegentreten, als es geschieht. Aber dafür ist man in Deutschland zumeist zu feige. Man will sich ja nicht als Antisemiten apostrophieren lassen, und das wissen jene, die eine Karriere daraus machen, diese Mittel der Einschüchterung hinterhältig und effektiv einzusetzen.

Das Interview wurde geführt von Markus Boegner

Moshe Zuckermanns neues Werk „Israels Schicksal: Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt“ kann hier bestellt werden.

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