“Der Aufstand der Amateure” – Ein Interview mit einer der Filmemacherinnen

 Die Katastrophe von Fukushima ist nun mehr als 16 Monate alt, die Proteste gegen die Atomkraft in Japan wollen jedoch nicht abklingen – ganz im Gegenteil: Sie werden immer größer. Die Initiatoren der Proteste, die sich den Namen “Aufstand der Amateure” geben, sind nun national weitaus bekannt und können immer öfters Proteste mit über Hundertausend Menschen verzeichnen. Diefreiheitsliebe stand nun kürzlich im Gespräch mit einer der Macherinnen des Dokumentarfilms “Radiactivists”, der die Entstehtung der Anti-AKW-Bewegung nach Fukushima dokumentiert.

Diefreiheitsliebe: Wie seid ihr zu dem Dokumentationsprojekt gekommen? Worin lag eure Motivation?
Julia: Ich studiere in Leipzig Japanologie und Politikwissenschaften und habe 2010/2011 ein Jahr in Tokio verbracht, um dort an der Waseda Universität zu studieren. Dabei habe ich angefangen, mich mit der Protestkultur in Japan zu beschäftigen, die ja im öffentlichen Diskurs der Medien oftmals negiert wird. Im Jahr 2009, zu Beginn meines Studiums in Leipzig, wurde ich das erste Mal aufmerksam auf diese Thematik, als Vertreter des japanischen “Aufstandes der Amateure” in Leipzig zu Gast waren. Dabei handelt es sich um eine Gruppierung, die über kreativen Do-It-Yourself-Aktivismus für mehr Freiheit im öffentlichen Raum Tokios eintritt, und das schon seit ungefähr 2004. Dazu muss man sagen, dass Japan eine sehr starke Protestbewegung (vor allem Arbeiter- und soziale Bewegungen) in den 1960er Jahren hatte. Aber durch den Aufstieg Japans zur Wirtschaftsmacht und die zunehmende Kapitalisierung, die Deregulierung der Märkte und die zunehmende Bedeutung japanischer Großkonzerne hat sich auch die Gesellschaft Japans verändert, sogar depolitisiert, und seit den 60er Jahren fanden in Japan kaum noch große Proteste statt. Allerdings formieren sich nun neue Formen des politischen Engagements von Akteuren, die während der Bubble Economy in den 80er Jahren und während der starken Rezession des Landes in 90ern groß geworden sind. Im Kontext einer zunehmenden Prekarisierung vor allem unter jungen Leuten entstehen also seit den 90er und 2000er Jahren politische Gruppierungen wie beispielsweise der “Aufstand der Amateure”, die neuartige, politico-kulturelle Protestweisen entwickeln, was sehr spannend ist!
Mit diesen Dingen beschäftigte ich mich, als plötzlich am 11. März ein riesiges Erdbeben einen Tsunami auslöste, und als im Kernkraftwerk Fukushima unter mehreren Explosionen eine Kernschmelze ausgelöst wurde. Zu dieser Zeit hatte ich gerade Semesterferien, und Clarissa kam mich in Tokio besuchen, da sie gerade ihren Magister in Kommunikations- und Medienwissenschaften abgeschlossen hatte. Die Katastrophe versetzte uns in einen Schock, und auf Drängen der Familie flogen wir 2 Tage später, am 13. März, zurück nach Deutschland. Von dort aus beobachteten wir die Entwicklungen und erfuhren bald auch von den ersten Protesten, die vor den TEPCO-Hauptquartier in Tokio stattfanden. Und etwa einen Monat später fand eine riesige Demonstration im Tokioter Stadtteil Kōenji statt mit mehr als 15.000 Teilnehmern. Organisiert wurde diese Demo ausgerechnet von dem “Aufstand der Amateure”. Clarissa und ich fassten den Plan, irgendetwas tun zu müssen, da in den deutschen Medien von diesen historischen Ereignissen kaum berichtete. Da wir uns beide für Film und Fotografie interessierten, entschieden wir uns, einen Dokumentarfilm zu drehen, und dafür wieder nach Tokio zurückzukehren.
Könnt ihr euch noch an die ersten Gedanken erinnern, als ihr in Japan gelandet seid?
Zum Einen machten wir uns natürlich Sorgen, wieder nach Japan zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt, also im April 2011, wusste noch niemand, was überhaupt in Fukushima vor sich ging, wieviel Strahlung austrat und wie sie sich verbreiten würde. Die japanischen Medien leugneten die Gefahr, die von dem Unfall im Kernkraftwerk ausging, und die deutschen Medien wiederum waren erfüllt von einer wahren “Panikmache”. Wir wussten nicht, welchen Angaben wir trauen sollten und wie wir uns verhalten sollten, aber wir versuchten z.B. auf den Verzehr von Fisch und Leitungswasser zu verzichten.
Zum Zweiten wussten wir natürlich nicht, auf was wir uns überhaupt einließen mit dem Filmprojekt. Es gab zwar diese riesige Demonstration in Kōenji einen Monat zuvor, aber wir konnten ja nicht wissen, wie sich die Proteste weiterentwickeln würden. Hätte es sich bei dieser Demonstration nur um ein einmaliges Ereignis gehandelt, hätten wir alt ausgesehen, denn was hätten wir dann noch filmen sollen? Zum Glück fanden wir dann während unserer Dreharbeiten eine über alle Maßen aktive Protestszene, und die Demos wurden auch zu unserer Überraschung von Mal zu Mal größer.
Was habt ihr im Laufe der Dreharbeiten für ein Gefühl gehabt? Wie sahen die Reaktionen der japanischen Bevölkerung aus, wurdet ihr gern gesehen, oder wurdet ihr eher als “aufklärerischen Deutschen” abgestempelt?
Während unserer Dreharbeiten stießen wir auf viel Zuspruch als auch Hilfsbereitschaft. Wir sprachen mit vielen Aktivisten und Kritikern, und alle waren froh, in uns eine Möglichkeit gefunden zu haben, über die Ereignisse reden zu können. Die ersten Demonstrationen wurden von den japanischen Massenmedien weitestgehend ignoriert, und die Aktivisten suchten nach Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Unser Film war dafür ideal, und viele der Aktivisten empfingen uns mit offenen Armen, Dass wir dabei aus Deutschland kamen, spielte eine eher untergeordnete Rolle, ja für viele der Aktivisten war es sogar selbstverständlich, denn Deutschland gilt bezüglich seiner breiten Anti-AKW-Szene als Vorbild.
Habt ihr noch Kontakt zu den Gesprächspartnern im Film? Welche größeren Projekte planen die Initiatoren in der nächsten Zeit?
Wir haben noch Kontakt zu unseren Gesprächspartnern, und wir stellen immer wieder fest, dass ihr Kampfgeist nicht nachgelassen hat, obwohl die Ereignisse nun schon weit über ein Jahr zurückliegen. Und in letzter Zeit versammeln sich ja nicht mehr “nur” Zehntausende zu den Demonstrationen, sondern Hunderttausende! Der “Aufstand der Amateure” ist dabei mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund: Sie organisieren weiterhin Großveranstaltungen sowie auch kleinere Demos, aber auch Pressekonferenzen und Info-Events. Mitglieder des Aufstandes stehen mittlerweile auch mit vielen anderen Gruppen und zahlreichen Initiativen in Verbindung.
Die Anti-AKW-Bewegung in Japan hinterlässt den Eindruck einer diffusen Gruppe. In Deutschland entwickelte sich die Anti-AKW-Bewegung zu einer Partei: Die Grünen/Bündnis90. Welche Perspektiven seht ihr für die Anti-AKW-Bewegung in Japan?
Wir sehen mittlerweile viel Potential in der japanischen Anti-AKW-Bewegung. Denn in unserem Film fokussieren wir ja nur eine Gruppierung und eine bestimmten Zeitraum, aber seitdem hat sich Japan wirklich viel getan. Es gibt mittlerweile unzählige Gruppen: Anti-AKW-Organisationen, Umweltbündnisse, Protestakteure… Immer wieder schließen sich neue Akteure mit anderem zusammen und organisieren Großevents oder Konferenzen mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt, stellen Forderungen an die Regierungen (zum Beispiel Senkung der Höchstgrenzen für Strahlenmesswerte usw.), in Fukushima selbst formieren sich schon seit einer ganzen Weile Mütter, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen, die Messstationen einrichten für Lebensmittel, oder sich als Ratgeber für andere Familien zur Verfügung stellen. Ingenieure und Wissenschaftler setzen sich wiederum konkret mit alternativen Energien auseinander und erarbeiten Lösungen für den Atomausstieg. Die offizielle Regierung, die leider immer noch überwiegend die Pro-AKW-Haltung einnimmt, sieht sich inzwischen einer ungemeinen Vielzahl an Gegnern gegenüber, und natürlich gibt es auch Bestrebungen, die Forderungen der Anti-AKW-Bewegungen mittels einer Grünen Partei direkt in die Parlamente zu bringen. Die Entwicklung, die diese neue Anti-AKW-Bewegung innerhalb eines Jahres vollzogen hat, ist also unglaublich. Sie hat nach den ersten “amateurhaften” Demonstrationen mittlerweile eine feste Struktur angenommen, und vernetzt sich zunehmend, auch international. Besonders die neuen Medien machen dies möglich. Hier wirkt dies vielleicht noch diffus, aber in Japan selbst hat diese Bewegung bereits immense und konkrete Ergebnisse erzielt: In aktuellen Umfragen spricht sich die Mehrheit der japanischen Bevölkerung für den Atomausstieg aus, und nachdem Japan seit Mai 2012 atomenergiefrei war, demonstrieren nun japanweit Hunderttausende gegen das Wiederhochfahren des ersten Reaktors in Oi.

Die japanische Bevölkerung ist massiv von der Zensur betroffen, doch langsam fangen sie an dagegen anzukämpfen. Es geht längst nicht mehr um Atompolitik, es geht ums Ganze. Kann man soweit gehen und sagen, dass der Gau in Fukushima für den Auslöser eines neuen Zeitgeists in Japan steht?
Wir sehen das so, aber sicherlich muss man die Entwicklungen weiterhin beobachten, um die Konsequenzen dieser Katastrophe für die Gesellschaft Japans richtig einschätzen zu können. Fakt ist, dass die Menschen, die aktiv protestieren und auf die Straße gehen, um ihre Meinung kund zu tun, immer noch in der Minderheit sind. Aber mittlerweile sieht sich die Mehrzahl der Japanerinnen und Japaner dem Geflecht aus Regierung, Medien und Großkonzernen kritisch gegenüber und versucht, über die Änderung der eigenen Lebensweise gezielt dagegen vorzugehen. Der Regierung ist nicht mehr zu trauen, deswegen muss selbst etwas tun! – das ist zum Motto geworden, aus teilweise ganz unterschiedlichen Gründen: Viele sorgen sich natürlich um ihre Freunde und Familie, wollen ihren Kindern ermöglichen, auch in Zukunft sicher zu leben. Und viele trauen den Massenmedien nicht mehr, sondern informieren sich über soziale Netzwerke und Blogs unabhängiger Journalisten. Viele, vor allem in den Katastrophengebieten, vertrauen nicht den offiziellen Angaben der Behörden, sondern messen selbst die Strahlung in ihrer Umgebung und speisen die Daten in Plattformen im Internet ein. Man kann sogar sagen, dass ein Bewusstseinswandel vonstatten geht: Viele hinterfragen nun die Umstände, die zu dieser Katastrophe geführt haben, und kritisieren ihre eigene Lebensweise, zu viel Energie zu verbrauchen und die Konsequenzen dabei nicht zu hinterfragen. Trotzdem ist erst ein Jahr vergangen, und ich hoffe natürlich, dass sich die bisher herauskristallisierten Tendenzen verstärken, aber mit Sicherheit kann man dies jetzt noch nicht sagen.

Die Japaner sind bekannt für ihre ruhige, passive und kollektive Lebensweise. In der Dokumentation sah das etwas anders aus: Die Stimmung scheint gereizt, die Wut kann man förmlich spüren. Doch wie sieht es mit der Gewaltbereitschaft aus? Wenn an die späten 70er Jahre in Deutschland denkt, sah der Protest anders aus.
Den Aktivisten ist bewusst, dass Gewalt ihrem Vorhaben eher kontraproduktiv entgegen steht. Demos haben in Japan immer noch ein eher schlechtes Image, denn viele assoziieren Demonstrationen mit den brutalen Ausuferungen zwischen Protestgruppen während Studentenrevolten in den 60er und 70er Jahren, als es sogar zu Mordanschlägen kam. Den Aktivisten heute ist es jedoch wichtig, dass sie Menschen wieder dazu animieren, an Protesten teilzunehmen. Deswegen organisieren die Akteure Demonstrationen, die bunt sind, die Spaß machen sollen, die Musiker und Künstler mit einbeziehen, und die vor allem friedlich ablaufen. Sie wollen damit das Image der Demonstrationen verbessern, um möglichst viele Teilnehmer für sich zu gewinnen.
Demgegenüber steht allerdings eine sehr repressiv agierende Polizeigewalt, die mit allerlei Auflagen die Demonstrationszüge zu kontrollieren versucht. So müssen die Organisatoren viel Geld an die Behörden zahlen, um die Demonstration anzumelden. Die Stadt stellt für diesen Tag dann Polizisten, die die Massen der Demonstranten in kleine Gruppen à 200 Personen einteilen, und diese Gruppen dann geregelt durch den Stadtverkehr leiten. Die Demonstranten dürfen dabei nur auf der Busspur der Straße laufen, und den Verkehr nicht stören. Außerdem ist die Polizei dazu in Lage, willkürlich Demonstranten festzunehmen und bis zu 23 Tage lang festzuhalten, ohne ein Untersuchungsverfahren einzuleiten. Das ist menschenrechtlich gesehen äußerst problematisch, und viele der Aktivisten macht es natürlich wütend zu sehen, wie ihre Freunde ohne Angabe von Gründen verhaftet werden. Im Sommer letzten Jahres kam es auf den Demonstrationen vom “Aufstand der Amateure” vermehrt zu solchen Verhaftungen, im September z.B. wurden 12 Personen fest genommen, darunter auch Organisatoren der Demo. Es ist trotzdem nicht zur Eskalation gekommen (denn dies hätte die Situation nur verschlimmert, und den Zielen der Aktivisten entgegengewirkt). Die Aktivisten gründeten daraufhin Rettungskommittees für die Verhafteten, organisierten Anwälte und veranstalteten Pressekonferenzen, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Bislang st noch niemand länger als 23 Tage festgehalten wurden, da sich im Nachhinein kein triftiger Grund für die Verhaftungen finden ließ.

 

Habt ihr vor, eine zweite Dokumentation über die Bewegung zu drehen?
Sehr gerne! Für das nächste Projekt möchten wir allerdings schon im Vorfeld die Finanzierung sichern, denn bei RADIOACTIVISTS haben wir zuerst alles aus eigener Tasche finanziert, und erst im Nachhinein zur Unterstützung über eine Crowdfunding-Kampagne aufgerufen. Über das Thema des nächsten Films denken wir momentan noch nach, aber wir freuen uns natürlich auch, dass das Interesse an RADIOACTIVISTS bisher noch nicht nachgelassen hat!

Vielen Dank für das nette Gespräch und viel Erfolg bei eurem nächsten Projekt!

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