Frauen müssen gefördert werden – Diskriminieren Quoten – Im Gespräch mit Ekin Deligöz
Frauen werden in Deutschland diskriminiert, sie erhalten weniger Lohn und haben deutlich schlechtere Aufstiegschancen. Wir haben uns mit Ekin Deligöz, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, über Quoten, Frauenförderung und Diskriminierung im Alltag unterhalten.
Die Freiheitsliebe: In Deutschland verdienen Frauen im Beruf immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen, woher stammt dieser Unterschied?
Ekin Deligöz: Ja, Fakt ist leider immer noch, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich pro Stunde 23 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Damit ist Deutschland bei der Entgeltgleichheit seit Jahrzehnten eines der Schlusslichter in Europa. Die Ungerechtigkeit hört aber nicht etwa beim Gehalt auf: Frauen bekommen oft auch weniger Sonderzahlungen und Gewinnbeteiligungen, sie werden seltener befördert und haben insgesamt geringere Aufstiegschancen im Job.
Oft wird argumentiert, dass die Entgeltlücke auf unterschiedliche Bildung und Ausbildung, typische Berufswahl und selbstgewählte Arbeitsmodelle wie Teilzeit oder Erwerbsunterbrechungen – z.B. wegen Kindererziehungszeiten oder der Pflege von älteren Menschen – zurückzuführen sei.
Dabei muss man aber bedenken, dass es sich häufig um individuelle Anpassungsstrategien der Frauen an strukturelle Gegebenheiten handelt, die sie vorfinden.
Wenn eine Frau zum Beispiel eigentlich einen Vollzeitjob ausüben möchte, sie für ihr Kind aber nur am Vormittag eine Betreuungsmöglichkeit findet, dann entstehen schon die ersten Probleme.
Und selbst wenn man die genannten Faktoren berücksichtigt, lässt sich die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen aber nur mit unmittelbarer und mittelbarer Entgeltdiskriminierung erklären. Obwohl es bereits verschiedene Gesetze gibt, die die diskriminierende Entlohnung von Frauen verbieten, ist sie leider immer noch Realität.
Offensichtlich wird die Lohndiskriminierung, wenn der Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ verletzt wird. Wenn Frauen also selbst bei gleicher Qualifikation und derselben Berufserfahrung weniger verdienen als Männer. Darüber hinaus werden typische „Frauenberufe“ vielfach geringer Wert geschätzt und in der Konsequenz auch schlechter bezahlt. In diesem Fall handelt es sich dann um indirekte Entgeltdiskriminierung. Berufe in der Pflege und der Erziehung werden zum Beispiel immer noch geringer bewertet als Tätigkeiten in der Produktion. Das ist eine große Ungerechtigkeit. Gerade die von vielen Frauen ausgeübten Berufe im Bereich der Care-Arbeit sind für die Gesellschaft sehr wichtig und werden in Zukunft noch an Relevanz gewinnen.
Um die bestehende Ungleichbehandlung beim Arbeitsentgelt zu bekämpfen fordern wir ein Entgeltgleichheitsgesetz mit verbindlichen Regelungen für die Unternehmen. Unter anderem brauchen wir endlich gerechte und transparente Arbeitsbewertungen, damit gleichwertige Arbeit auch gleich entlohnt wird.
Die Freiheitsliebe: In anderen Ländern ist die Situation besser als in Deutschland und Männer und Frauen verdienen ähnlich viel, was kann die deutsche Politik lernen?
Ekin Deligöz: Diese Frage ist sehr eng mit unterschiedlichen Vorstellungen über männliche und weibliche Rollenbilder verknüpft, die die Gesellschaften haben.
In Deutschland war über Jahrzehnte das Rollenbild dominant, dass Frauen für die Kinder und den Haushalt zuständig seien, während der Mann als Alleinernährer das Geld verdiente. Das auch Väter zunehmend in den Blick kommen, war ein Prozess, der sehr lange gedauert hat.
Während andere Länder klare Prioritäten in der Geschlechter- und Familienpolitik gesetzt haben, ist das System in Deutschland im Laufe der Jahre immer widersprüchlicher geworden. So ist das deutsche Sozial- und Steuersystem ist immer noch vom Modell des Alleinernährers geprägt. Damit verbunden werden teilweise sehr widersprüchliche Anreize gesetzt. So stehen einerseits das Ehegattensplitting, die kostenfreie Mitversicherung in der Krankenversicherung oder auch Minijobs der Ausweitung der Erwerbstätigkeit von Frauen entgegen. Andererseits wurde mit der Reform des Unterhaltsrechts auf die Eigenständigkeit von Frauen abgestellt – was grundsätzlich auch richtig ist. Richtig ist allerdings nicht, dass das heutige System in unterschiedlichen Lebensphasen Anreize für unterschiedliche Lebensmodelle setzt, die in ihren Auswirkungen nicht zusammenpassen.
Ziel muss sein, bestehende Hürden für eine gleichberechtigte Arbeits- und Lebenswelt abzuschaffen. Zentral ist dabei der Ausbau einer qualitativ hochwertigen Infrastruktur. Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern oder Frankreich gibt es in Deutschland nicht genügend Betreuungsplätze und Ganztagsschulen für Kinder. Entsprechend ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch eine Herkulesaufgabe. Darüber hinaus müssen sich erwerbstätige Mütter in anderen Ländern nicht als „Rabenmütter“ beschimpfen lassen – es gibt übrigens in keiner anderen Sprache ein entsprechendes Wort.
Eine große Herausforderung ist es also, bestimmte Einstellungsmuster zu durchbrechen und entsprechende Strukturen zu schaffen, damit jede und jeder so leben kann, wie sie oder er es will. Das ist natürlich etwas, was nicht von heute auf morgen passiert – umso wichtiger ist es, dass wir hier keine Zeit verlieren!
Im Hinblick auf den Arbeitsmarkt möchte ich noch zwei Beispiele nennen, was wir von anderen Ländern lernen können: Erstens gibt es schon viele europäische Länder, die eine gesetzliche Frauenquote für Führungspositionen eingeführt haben und die damit gute Erfahrungen gemacht haben. Zweitens gibt es in anderen Ländern nicht eine so große Zurückhaltung was das Reden über Löhne anbelangt. In Deutschland wird der Lohn ja vielfach zum Tabuthema erhoben. Beschäftigten muss es aber erlaubt sein, miteinander über ihre Löhne zu sprechen, denn nur wenn sie auch über ihre Löhne reden und sie vergleichen können, werden Diskriminierungen sichtbar.
Die Freiheitsliebe: Welche Verbesserungen wurden bei der Gleichstellung der Geschlechter in den letzten Jahren erreicht?
Ekin Deligöz: Die Frauenbewegung hat unglaublich viel erreicht auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter. Da gab es im Laufe der Jahrzehnte viele Meilensteine, die ich jetzt nicht alle im Einzelnen aufzählen kann – jeder für sich genommen war aber wichtig, um die Gleichstellung weiter voranzubringen.
Um einige wenige Punkte exemplarisch zu nennen: Ein Beispiel, das ich immer gerne nenne, weil es heute so unvorstellbar ist, es aber eben noch gar nicht so lange her ist, ist das der Mann das Sagen hatte ist die Einführung des neuen Eherechts. 1977 wurde in der Bundesrepublik mit dem neuen Eherecht die sogenannte „Hausfrauenehe“ abgeschafft. Bis dahin durften Frauen nur berufstätig sein, wenn ihr Ehemann es gestattete.
Ein Gesetz, dass noch gar nicht so alt ist, die Rahmenbedingungen für Mütter und Väter aber deutlich verbessert hat, ist das 2001 von Rot-Grün eingeführte Gesetz zur Elternzeit. Es gibt seitdem einen Anspruch auf Teilzeitarbeit mit Rückkehrrecht für Mütter und Väter.
Bei allen erfreulichen Erfolgen in den letzten Jahren bleibt aber weiterhin viel zu tun. So haben Frauen insgesamt weltweit immer noch weniger Rechte als Männer. Was Deutschland anbelangt, bestehen immer noch erhebliche Benachteiligungen am Arbeitsmarkt. Neben den bereits angesprochenen Problemen müssen wir uns in Zukunft verstärkt dem Thema Armut im Alter zuwenden – davon sind, aufgrund von niedrigeren Löhne und familienbedingten Arbeitsunterbrechungen, insbesondere Frauen betroffen. In der Konsequenz erwerben sie geringere Rentenansprüche als Männer.
Auch die Frage, wie wir in Zukunft die Potentiale von Migrantinnen stärker nutzen können, müssen wir stärker in den Blick nehmen.
Unser Ziel ist es, dass sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen können und alle Aufgaben zwischen den Geschlechtern gerecht verteilt sind – bis dahin liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.
Die Freiheitsliebe: Die Grünen haben sich den Kampf gegen die Diskriminierung auf die Fahne geschrieben, welche Bündnispartner gibt es für deine Partei?
Ekin Deligöz: Da gibt es sehr viele. Viele Vereine haben sich diesem Thema verschrieben, aber natürlich setzen sich auch die Gewerkschaften und andere Parteien für die Bekämpfung von Diskriminierung ein. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass wir die Männer allgemein als Bündnispartner verstehen und nicht gegen sie arbeiten. Nur wenn beide Geschlechter an einem Strang ziehen, kann die Gleichstellung auch langfristig funktionieren.
Wie gut die Zusammenarbeit klappen kann, wenn man ein gemeinsames Ziel vor Augen hat, zeigt das von mir mit initiierte Bündnis der „Berliner Erklärung“. Das Bündnis wurde von Vertreterinnen aus allen Fraktionen des Deutschen Bundestages sowie den Frauenverbänden Bundesverband der LandFrauen, Verein “Frauen in die Aufsichtsräte” (FidAR), Deutscher Juristinnenbund (djb), Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU), Business and Professional Women Germany (BPW Germany) und European Women´s Management Development (EWMD) gegründet.
Diese Initiative, die wir Ende letzten Jahres angestoßen haben, ist ein überparteiliches und gesellschaftliches Bündnis, das sich für die gleichen Verwirklichungs- und Teilhabechancen von Frauen und Männern einsetzt. Unser erstes Ziel ist zu erreichen, dass Frauen gleichberechtigt in die Entscheidungsprozess der Wirtschaft einbezogen werden. Zu diesem Zweck haben wir die Berliner Erklärung formuliert, in der wir in einem ersten Schritt eine Quote für die Aufsichtsräte börsennotierter, mitbestimmungspflichtiger und öffentlicher Unternehmen fordern. Die Quote soll zunächst mindestens 30 Prozent betragen.
Ich freue mich wirklich sehr über diese Initiative und die große Resonanz, die wir bislang erfahren haben. Neben vielen namenhaften Erstunterzeichnerinnen tragen schon über 22.000 Frauen und Männer unser Anliegen mit. Unter www.berlinererklaerung.de kann unsere Forderung auch weiterhin unterstützt werden.
Die Freiheitsliebe: Die Diskriminierung von Frauen im Beruf zeichnet sich nicht nur bei der Bezahlung, sondern auch bei den Aufstiegschancen ab, können Quoten diese Probleme lösen?
Ekin Deligöz: Ja, ich denke, ohne eine Quote für Führungspositionen werden wir an dieser Stelle einfach nicht weiterkommen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns leider gezeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft nichts bringen. Von allein wird sich da auf absehbare Zeit nichts ändern und das obwohl es einen zunehmenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften gibt.
Wenn man einen Blick in die deutschen Führungsetagen wirft, dann findet man dort eine rein „männliche Monokultur“. In den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen sind derzeit nur Rund drei Prozent Frauen, in den Aufsichtsräten gibt es gerade mal zwölf Prozent weibliche Mitglieder.Was den Anteil von Frauen in Toppositionen anbelangt, läuft Deutschland international noch immer hinterher. Erfahrungen anderer EU-Länder zeigen, dass gesetzliche Regelungen diesen Missstand beseitigen können.
Die Gespräche mit den DAX-30-Unternehmen und den Ministerinnen haben nur noch mal deutlich gemacht, dass den Unternehmen eine grundlegende Veränderung in Sachen Gleichstellung nicht am Herzen liegt. Was wir brauchen sind keine weiteren PR-Offensiven, sondern gefragt ist Gestaltungswille, damit der Aufholprozess jetzt starten und für die Unternehmen planbar gemacht werden kann. Schon lange ist bekannt, dass Unternehmen profitieren, wenn Frauen ihre Kompetenzen stärker einbringen können – auch auf Führungsebene. Die verfestigten Strukturen konsequent aufzubrechen, ist also nicht nur gerecht, sondern unternehmerisch klug.
Die grüne Bundestagsfraktion fordert daher eine gesetzliche Geschlechterquote von mindestens 40 Prozent für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen und Unternehmen mit Arbeitnehmermitbestimmung. Eine vergleichbare Regelung soll es auch für Vorstände geben. Damit das Gesetz kein zahnloser Tiger bleibt, fordern wir bei Nichteinhaltung auch entsprechende Sanktionen. Klar ist: Ohne Druck geht es nicht!
Die Freiheitsliebe: Eine Quote für Frauen in Vorständen würde nur wenigen Frauen zu gute kommen, wäre es nicht wichtiger, dass alle Frauen gefördert werden?
Ekin Deligöz: Dieses Argument wird ja immer wieder gerne von Quoten-KritikerInnen ins Feld geführt. Wir sprechen hier allerdings keineswegs über ein „Elite-Problem“. Wichtig ist, dass Frauen auch in den Entscheidungsgremien präsenter werden und Mitspracherechte bekommen. Frauen brauchen positive Vorbilder, sie müssen sehen können, dass sie es ganz nach oben schaffen können, wenn sie das wollen. Die männliche Monokultur in den Führungsetagen macht den Frauen doch nur deutlich, dass sie keine Chance haben und eh nicht rein gelassen werden. Immer noch wählen Männer diejenigen aus, die ihnen selbst ähnlich sind und das Potential an qualifizierten Frauen kommt gar nicht zur Geltung. Das ist für Frauen wenig motivierend. Wichtig ist, dass Männer wie Frauen die gleichen Chancen bekommen – das ist heute wahrlich nicht der Fall.
Wenn mehr Frauen in wichtigen Entscheidungsgremien sitzen, rücken automatisch auch andere Belange von Frauen und Männern in den Blick – davon können dann sowohl die Mitarbeiterinnen als auch die Mitarbeiter profitieren.
Abgesehen davon setzen wir uns ja nicht nur für eine gesetzliche Geschlechterquote ein. Wir fordern auch ein generelles Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, ein Entgeltgleichheitsgesetz sowie einen Mindestlohn, von dem in erster Linie Frauen profitieren würden.
Die Freiheitsliebe: Abschließend noch eine Frage unserer LeserInnen: Würde eine Quote nicht eine neue Form von Diskriminierung schaffen?
Ekin Deligöz: Es kann ja niemand ernsthaft behaupten, dass bei einer faktischen Männerquote von rund 90 Prozent immer die qualifiziertesten Bewerber das Rennen gemacht haben. Schon heute haben häufig Frauen die besseren Abschlüsse in der Tasche, wenn sie die Universitäten verlassen. Derzeit kommt also nur die Hälfte der Besten zum Zuge, die andere Hälfte der Potentiale wird einfach nicht genutzt. Hier etwas zu ändern, ist einfach nur vernünftig und keine neue Form der Diskriminierung.
Abgesehen davon gibt es einen klar formulierten Auftrag im Grundgesetz, auf die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und der Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken. Dafür zu sorgen, dass Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer, ist also keine Frage einer neuen Form der Diskriminierung sondern die Umsetzung geltenden Rechts.
An dieser Stelle möchte ich gerne auch noch mal betonen, dass in der Diskussion ja immer wieder der Eindruck erweckt wird, als ob man mit einer Quotenregelung den Unternehmen etwas ganz Schlimmes zumuten würde und die Belange der Unternehmen in Zukunft von lauter unqualifizierten Frauen bestimmt würden. Das ist Quatsch! Zahlreiche Studien haben belegt, dass gemischte Teams viel erfolgreicher sind. Die Förderung von Frauen müsste also eigentlich im ureigenen Interesse der Unternehmen liegen.
Die Freiheitsliebe: Wir danken dir für dieses Interview
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