Die Kindheit ist das Fundament für das ganze Leben – Andrea Asch im Interview
Kinder- und Jugendpolitik sind in Deutschland unterbewertet. Wir sprachen mit der überzeugten Jugendpolitikerin Andrea Asch, Abgeordnete für die Grünen im Landtag von NRW, über ihre Ideale, ihre Ideen und die Zukunft der Kinder- und Jugendpolitik.
Die Freiheitsliebe: Du beschäftigst dich mit Jugend- und Sozialpolitik, wie kommt es, dass du dich besonders in diesen Bereichen engagierst?
Andrea Asch: Ich mache seitdem ich 16 bin Politik. Schon in der Schule war ich Mitglied in der SchülerInnenmitverwaltung und bin auf meine ersten Demos gegen AKWs gegangen. Die Aktionen in der Anti-AKW-Bewegung waren sehr spannend und aufregend, aber auch zum Teil ziemlich hart, da wir oftmals einem massiven Polizeiaufgebot mit Wasserwerfern gegenüberstanden.
An der Uni war ich weiterhin politisch aktiv. Hier engagierte ich mich besonders in der Frauen- und Friedensbewegung. Es war die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, der zur Belagerung der amerikanischen Atomwaffenlager geführt hat. Aber nicht nur die Lager habe ich mitblockiert, auch bei der Blockade der Startbahn West am Frankfurter Flughafen war ich dabei und organisierte viele Aktionen mit.
Zu den Grünen bin ich erst nach dem Studium gegangen. Es war meine Möglichkeit mich einzubringen.
Allerdings bin ich immer noch davon überzeugt, dass jede und jeder, die oder der sich engagiert, sei es in der Schule, im Stadtteil oder in Organisationen Politik macht.
Nun bin ich seit sechs Jahren hauptamtlich politisch tätig. Aber wie ich schon sagte, jede Form der politischen Einmischung ist wichtig und unsere Gesellschaft lebt davon, dass Menschen sich einbringen - nicht nur in die Parteien! Die vielen kleinen Punkte, die man durch seinen Einsatz verändert, verändern dann irgendwann die Gesellschaft.
Die Freiheitsliebe: Wie kommt es denn, dass du im Bereich Kinder- Familien- und Jugendpolitik tätig bist?
Andrea Asch: (lacht) Ganz einfach, sie sind die wichtigsten und zukunftweisendsten Politikfelder. Leider erfahren Kinder und Jugendliche immer noch nicht den angemessenen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Wenn wir Kinder stärken und Jugendlichen eine Perspektive bieten, dann helfen wir ihnen bei der Gestaltung ihrer Zukunft.
Auf den Anfang kommt es an: dies heißt, bei Kleinkindern kann man noch sehr viel fördern und viel bewegen. Was bei den Kleinen angeregt wird, kann die Grundlage für den späteren Erfolg in der Schule und im Arbeitsleben sein. Deswegen ist es so wichtig, dass wir diesen Bereich gut ausstatten und viele Erzieherinnen und Erzieher haben. Mein Ziel ist es, dass die Kinder unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Sprache oder Religion die Möglichkeit haben, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten.
Die Kindheit ist das Fundament für das ganze Leben. Davon bin ich überzeugt!
Ich setzte mich dafür ein, dass Jugendliche mehr Möglichkeiten bekommen, sich zu beteiligen. Sie sollen mitentscheiden können, wenn es etwa ihre Schule und auch ihre Ausbildung betrifft.
So haben wir in den Rot-Grünen Koalition die Drittelparität wieder eingeführt. Dadurch bekommen die Schülerinnen und Schüler wieder mehr Mitsprachemöglichkeiten und -rechte an den Schulen.
Wir müssen uns zudem für mehr gesellschaftliche Teilhabe und Chancen auf dem Arbeitsmarkt einsetzten. Es darf nicht zugelassen werden, dass 20% unserer Jugendlichen keine Perspektive haben und aus dem System fallen. Unser Schulsystem muss durchlässiger und die Bereitschaft der Wirtschaft muss gefördert werden, mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.
Die Freiheitsliebe: In den letzten Jahren wurde sowohl bei Jugendeinrichtungen als auch bei der Kleinkindförderung gekürzt. Welche Möglichkeiten hat Rot-Grün diese Bereiche zu stärken?
Andrea Asch: Wir haben die finanziellen Mittel, die für Jugendarbeit zur Verfügung stehen, um 20 Millionen erhöht. Diesen Bereich hatte die schwarz-gelbe Regierung gekürzt, obwohl sie immer betonte, wie wichtig Kinder- und Jugendpolitik ist.
Mit der Erhöhung fördern wir Jugendzentren, Projekte gegen Rechts und Jugendarbeit. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur selbstbestimmten Freizeitgestaltung der Jugendlichen. Denn sie brauchen auch Zeit und Raum in denen keiner vorgibt, was sie zu tun haben.
Die Freiheitsliebe: Man erkennt bei vielen Jugendlichen die Frustration über dieses Bildungssystem. Mit der Abschaffung der Hauptschulen tut man etwas für die Zukunft. Wie hilft man denen, die die Hauptschule schon beendet haben und nun keine wirkliche Perspektive haben?
Andrea Asch: Wir haben in NRW etwas ganz wichtiges erreicht, wir haben im Schulkompromiss, der auch von der CDU unterstützt wurde, den Bestandsschutz für Hauptschulen aus der Verfassung gestrichen. Die Hauptschule hat keine Perspektive mehr, da Eltern und Jugendlichen sich gegen sie entscheiden.
Jetzt ist der Weg frei für eine neue Schulform: die Sekundarschule. Mit ihr hat NRW neben der Gesamtschule endlich eine weitere Schulform, in der Kinder länger gemeinsamen lernen und sich auch noch später für das Abitur entscheiden können. Die zweite Maßnahme für mehr Perspektiven ist, dass wir gemeinsam mit der Arbeitsverwaltung einen Sonderweg bei der Gestaltung des Übergangs von Schule in den Beruf gehen. Obwohl die Bundesregierung im Bereich ‘Übergang Schule und Beruf’ massiv gekürzt hat, wollen wir Firmen weiterhin fördern und unterstützen, die Ausbildungsplätze anbieten.
Darüber hinaus prüfen wir noch Möglichkeiten wie man eine Ausbildung auch in einem reinen Ausbildungsbetrieb machen kann.
Deutsch als Fremdsprache
Die Freiheitsliebe: Häufig findet man auf Hauptschulen Schülerinnen und Schüler, die relativ schlecht deutsch sprechen, aber auch ihre Muttersprache nicht wirklich beherrschen, wie kann man diesen Schülerinnen und Schülern helfen?
Andrea Asch: In der Grundschule ist es teilweise schon zu spät, um die Sprache wirklich zu fördern. Wir müssen schon bei den Dreijährigen beginnen. Wir wissen, dass die Kinder mit Migrationshintergrund zum Teil nicht in den Kindergarten gehen, weil es kulturelle Hemmschwellen gibt. Ich trete dafür ein, dass es ähnlich wie in anderen europäischen Ländern eine Kindergartenpflicht geben muss. Das soll nicht heißen, dass man keine Zeit mehr zu Hause mit den Kindern verbringen kann. Wir wollen Eltern ansprechen und ihnen sagen, dass es für die Kinder besser ist, wenn sie in den Kindergarten gehen.
Die Freiheitsliebe: Im Zuge der Integrationsdebatte wurde immer wieder gefordert, dass Kinder zuerst Deutsch lernen. Siehst du eine Möglichkeit, dass Kinder beide Sprachen lernen können?
Andrea Asch: Die Sprachforschung sagt uns, dass es ganz wichtig ist, dass Kinder einen sicheren Spracherwerb haben, dabei ist irrelevant um welche Sprache es sich handelt.
Es wäre fatal, wenn Eltern, die nicht sicher deutsch sprechen, mit ihren Kindern deutsch sprechen. In diesem Fall wäre es viel besser, wenn die Kinder zuerst ihre Muttersprache lernen und gleichzeitig im Kindergarten und mit anderen Kindern Deutsch lernen.
Was die Anerkennung der Muttersprache betrifft, haben wir noch einen großen Nachholbedarf. Wir haben uns vorgenommen, dass das Fach Türkisch mehr in den Schulen angeboten wird, um den türkischsprachigen Kindern den sicheren Erwerb der Schriftsprache zu ermöglichen. Denn es ist ein wichtiges und wertvolles Gut, wenn Menschen mehrere Sprachen beherrschen.
Die Freiheitsliebe: Es wird relativ häufig gefordert, dass man in Schulen nur Deutsch spricht. Wie kann man dagegen argumentieren?
Andrea Asch: Es muss noch sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit alle einsehen, dass mehrere Sprachen hilfreich sind. Man kann den Menschen die Ergebnisse der Sprachforschung vermitteln. Als Politik müssen wir deutlich machen, dass es einen hohen Wert hat, wenn man zwei oder mehr Sprachen fließend spricht. Man sollte es daher eher fördern und nicht eindämmen. In der Wirtschaft ist dieses Wissen schon angekommen – im Bildungssystem leider noch nicht. In anderen Ländern ist das ganz anders, ich habe die deutsche Gemeinde in Istanbul besucht und gesehen, dass die Kinder dort Deutsch sprechen. In der Türkei würde niemand auf die Idee kommen den Kindern vorzuschreiben, welche Sprache sie sprechen. In Deutschland ist es häufig eine ideologische Frage!
Jugend und Politik
Die Freiheitsliebe: Es fällt auf, dass die Jugendlichen, die sich in der Politik engagieren meist einen relativen hohen Bildungshintergrund haben. Könntest du erklären woran das liegt?
Andrea Asch: Wir wissen, dass es einen hohen Zusammenhang zwischen Bildungsferne, Armut und politischer Partizipation gibt. In benachteiligten Stadtteilen gibt es weniger Bürgerinitiativen, weniger Ehrenamt und eine niedrigere Wahlbeteiligung. Ich kann mir vorstellen das Menschen, die Angst um ihre Existenz haben, meinen, weniger Möglichkeiten zu haben, sich politisch einzumischen.
Ich glaube, dass es für junge Leute wichtig ist, dass sie sich auch bei kleineren Projekten durchaus auch außerhalb der Parteien engagieren können. Politik hat immer mit menschlichem Miteinander zu tun, das heißt, man müsste versuchen, über persönliche Kontakte eine Annäherung zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Menschen entstehen zu lassen.
Die Freiheitsliebe: In den Schulen wird vermittelt wie das politische System funktioniert und welche Funktion internationale Organisationen haben. Wieso wird nicht vermittelt wie man sich selber einbringen kann und wäre das nicht ein Punkt um die Jugend mehr zu begeistern?
Andrea Asch: Ja, das stimmt, in den Schulen könnte man darauf deutlich mehr eingehen. So könnte man etwa in Schulen vermitteln, welche Auswirkungen unser Konsumverhalten hat. Denn auch das eigene Konsumverhalten ist Politik.
Die Freiheitsliebe:Siehst du bei Jugendlichen eher ein Desinteresse an Politik oder an Parteien?
Andrea Asch: Es gibt kein nachlassendes Interesse an Politik, wie uns etwa die Shell Jugendstudie belegt. Jugendliche in Deutschland haben ein hohes Interesse an Themen aus den Bereichen Umwelt, Bildung, Energieerzeugung, Gerechtigkeit und Frieden. Über all diese Themen machen sich Jugendliche sehr viele Gedanken.
Das Engagement hat nicht nachgelassen, sondern nur das Interesse an den Parteien. Die Parteien müssen sich fragen, wie man Jugendliche mehr begeistern kann. Die Grünen sind ein gutes Beispiel für den richtigen Weg, denn wir schaffen es, der Grünen Jugend viel Wertschätzung entgegen zu bringen.
Die Grüne Jugend bekommt viel Beachtung und wird von den Grünen sehr stark eingebunden. Ich glaube wir zeigen, dass wir die Grüne Jugend sehr ernst nehmen und mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren.
Die Freiheitsliebe: Es wird viel darüber diskutiert, dass man das Wahlalter absenkt und allen Menschen die Möglichkeit bietet zumindest auf kommunaler Ebene zu wählen, welche Initiativen gibt es, damit Jugendliche ohne deutschen Pass sich nicht komplett ausgeschlossen fühlen?
Andrea Asch: Grüne und SPD haben in der gemeinsamen Koalitionsvereinbarung beschlossen, dass wir uns genau diesem Thema annehmen und uns dafür einsetzen. Das größte Problem ist allerdings, dass wir die Stimmen der CDU brauchen. Denn um das Wahlalter zu senken, brauchen wir eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Momentan führen wir dazu Gespräche mit der CDU. Ich hoffe, dass sie dazu führen, dass das Wahlalter gesenkt wird.
Die Freiheitsliebe:Wir danken dir für dieses Gespräch


