Die Drogenpolitikreform ist mehr als Politik

Encod-member Joep Oomen

 In den letzten Monaten sprachen wir mit einigen Politikern über die Cannabisfrage und andere drogenpolitische Themen, unter anderem mit Frank Tempel und Harald Terpe. Auch unterhielten wir uns mit Maximilian Plenert, dem Grünen-Politiker der seit 2009 auch beim deutschen Hanfverband(DHV) tätig ist. Mit Georg Wurth, dem Geschäftsführer des DHV traten wir ebenfalls in den Dialog. Nun führten wir ein Gespräch mit Joep Oomen, einem bedeutenden Encod Mitglied. Encod ist eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Alternativen zur aktuellen repressiven Drogenpolitik zu entwickeln. Eine effizientere Drogenpolitik soll her. Wie eine gerechte Drogenpolitik gestaltet werden kann und was uns in Zukunft erwartet könnt ihr im folgenden Dialog lesen.

Woraus schöpfst du deine Motivation, dich für eine Legalisierung von Cannabis einzusetzen?

Ich habe drei Beweggründe:

  1. Erwachsenen den legalen Zugang zu Pflanzen, die einen deutlichen Nutzen davon haben(als Medizin, als Zutat um die Gesundheit zu stärken, für das Wohlbefinden, als Teil der Kultur) zu illegalisieren, ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte.

    2. Die Prohibition führt dazu, dass die Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Cannabispflanze in die Hände von Menschen gelangt, die in illegaler Umgebung agieren. Sie tun das weder um Einspruch gegen das ungerechte Gesetz zu erheben, noch um Geld damit zu machen. Die letzt genannte Gruppe ist jedoch verwundbar für Organisationen, die eine kriminelle Philosophie pflegen: Sie haben keine Probleme das Produkt zu panschen und zu strecken, sie erhöhen die Preise ins Unermessliche – ohne Begründung, manipulieren die Menschen, die für die Kriminellen arbeiten und die Konsumenten, wenden Gewalt an und mit den Profiten steigen sie in viele andere kriminelle Tätigkeiten ein. Durch die Cannabisprohibition kreiert der Staat bewusst eine Situation, die schädlich für die Gesundheit der Bürger und die öffentliche Sicherheit ist.

  1. Eine Welt in der Menschen legalen Zugang zu Cannabis haben (entweder über den eigenen Anbau oder über den Ankauf) wird eine bessere sein. Es würde die Beziehung zwischen Autoritäten und Bürgern ehrlicher und transparenter machen, es würde dem Fortschritt dienen(Cannabis kann für die Energiegewinnung verwendet werden, ist zudem ein umweltfreundliches Agrarprodukt, das die Baumwolle, das Papier und Plastik ersetzen könnte etc.). Auch könnte Cannabis als eine gesunde Alternative für die chemischen Produkte aus der Pharmaindustrie eingesetzt werde.

Joep, seit wann engagierst du dich bei der NGO names „Encod“ and was denkst du über die Entwicklung in den letzten Jahren? Ist es nicht paradox, dass du auf der einen Seite zu mehr kommunaler Arbeit aufrufst(wie in dem Video) und auf der anderen Seite für eine europäische Organisation arbeitest?

Ich bin Encod-Mitgründer und bin seit 1993 in der NGO tätig. Seit dem sind wir zwar nicht in der Lage gewesen die Situation in Europa zu verbessern, aber wir haben es einige male geschafft uns Gehör zu verschaffen: Bei Demonstrationen vor der UN und bei Lobbies im europäischen Parlament (die einer dem friedlichen ‘Catania-report’ zugestimmt hat; bei dem wir seit 2004 die treibende Kraft für die Einführung sogenannter „Social-Clubs“ in Europa sind.)

Im Film wurde ich gefragt, was die Menschen machen sollten wenn sie aktiv werden wollen. Ich denke, dass wir engagierte kommunale Gruppen brauchen, um eine Veränderung von unten zu bewirken. Aber natürlich hoffe ich auch, dass diese kommunalen Gruppen ihre Arbeit mit Encod abstimmen.

Warum konnte Encod die Situation nicht verbessern? Ist die Pharma-Lobby zu mächtig? Hast du es geschafft einen Dialog mit den Lobbisten aufzubauen? Lässt dein Scheitern dich nicht demotivieren?

Die Idee einer einheitlichen europäischen Drogenpolitik trieb die europäischen Kommission an dies umzusetzen. Als sie NGO’s fragten Encod als Dialogspartner in diesem Prozess der Kommunikation einzubinden, kamen sie aber nie in die Gänge, so war es nicht möglich die verschiedenen europäischen Drogengesetze zu vergleichen und zu ergründen was nun gerecht und was effektiv sei. Wir haben uns dann als europäisches Netzwerk aus Aktivisten neugegründet, die für ein Ende der Drogenprohibition kämpfen. Wir haben verstanden, dass Drogen nicht unschuldig sind, aber es ist die Prohibition die es viel gefährlicher macht.

Die Pharmalobby ist seit dem Beginn der Prohibition auf der Seite der Prohibitionsbefürworter. Für sie zählt nur die oberste Ratio der Ökonomie. Es ist nicht in ihrem Interesse die Abhängigkeit der Bürger an den Produkten der Pharmakonzerne aufzugeben. Es ist ökonomisch effizienter die Konsumenten mit den eigenen Produkten abhängig zu machen, anstatt ihnen eine gesunde Alternative für den eigenen Garten aufzuzeigen. So tauchen sie selbstverständlich auch bei wissenschaftlichen Konferenzen auf, unterstützen Lobby Abgeordnete und verkleiden sich als NGOs, um einen Fuß zwischen die Tür zu setzen.

Pharmalobbies reden nicht mit Reformaktivisten. Sie versuchen dich zu ignorieren, dann machen sie dich lächerlich, dann bekämpfen sie dich – es ist wenn du anfängst zu gewinnen wie Gandhi einst sagte.

Wenn du scheiterst, dann vergiss nicht daraus deine Lehren zu ziehen sagen sie. Das ist der Weg um nicht entmutigt zu werden denke ich.

In Belgien sind Cannbis clubs legal. Was denkst du über diese Art der Legalisierung?
Wir haben keine Legalisierung in Belgien. Auf der Basis von einem sehr kurzen Leitfaden von 2005, wird der Besitz einer weiblichen Cannabispflanze pro Bürger entkriminalisiert. Diese Entkriminalisierung ist Teil der sogenannten „Cannabis Social Clubs“ (Trekt Uw Plant). Dort wachsen die Cannabispflanzen für den Eigenkonsum ihrer Mitglieder. Wird wurden zwar rechtsstaatlich verfolgt, aber eben auch zwei mal freigesprochen. Nun lassen uns die Politiker seit 2010 in Ruhe.

Allerdings gibt es keinen klaren gesetzlichen Rahmen für unsere Arbeit. Das Wichtigste aber ist, dass wir als ein Modell für die Regulierung, die allen zugute kommt und nicht nur dem Schwarzmarkt und seinen Nutznießern.

Wir sind eine Non-Profit-Organisation und bauen biologisches Cannabis an. Der Preis pro Gramm beträgt für die Mitglieder 6€. Seit November 2011 konnten wir bereits rund 150 Menschen mit dem Cannabisanbau in den Social-Clubs und den Ratschlägen wie man Cannabis selber anbauen kann, helfen. Vor kurzem haben wir einen Dialog mit den lokalen Behörden aufgebaut, die uns nun einen Platz zur Verfügung stellen, um für eine begrenzte Gruppe von Cannabiskonsumenten legal Cannabis anzubauen.

Gute Neuigkeiten. Die Social Clubs könnten als Mittel genutzt werden um die Bürger zu informieren. Es ist als ob man sagt „hey schau mal die Social Clubs helfen Menschen ihren Schmerz zu minimieren“. Ich habe gehört, dass die Wartelisten für die Social Clubs sehr lang sind…sind weitere Clubs geplant?

Es gibt zwei ‘Trekt uw Plants’ in den belgischen Provinzen Limbourg und Arlon, aber soweit wir wissen gibt es keine weiteren Social Clubs.

Ist es möglich das CsC-Model(Social Club model) in andere Länder wie Deutschland oder Österreich zu übernehmen?

Natürlich. In jedem Land, wo der Cannabisbesitz für der Eigengebrauch entkriminalisiert ist, kann man das CsC-Modell als Alternative für den Schwarzmarkt einführen. Hier zu den Details:

http://www.encod.org/info/ON-A-EUROPEAN-CODE-OF-CONDUCT-FOR,3376.html

http://www.encod.org/info/MANUAL-TO-CREATE-A-CANNABIS-SOCIAL.html

Hast du einen Tipp wie man in Ländern, wo der Cannabisbesitz verboten ist, die Entkriminalisierung erzwingen kann?

Organisiere eine Veranstaltung, lade Menschen aus Ländern ein, wo der Cannabisbesitz entkriminalisiert ist. Sie sollen von den gesellschaftlichen Veränderungen durch die Entkriminalisierung referieren: Nicht nur Aktivisten, aber auch Politiker, Doktoren…


Siehst du bereits eine Veränderung in Belgien nachdem der erste Social Club seine Pforten öffnete? Hat sich die Einstellung gegenüber Cannabis verändert?

Ja, die Medien berichten sehr positiv über das CsC-Modell. Es scheint, dass sie dies als eine gute Alternative unterstützen.

Was sind deine Ziele in der nahen Zukunft? In einer kurzen Dokumentation spricht Du über deinen Traum Cannabis in Gewächshäusern anzupflanzen. Wann wird das geschehen?

Mein gegenwärtiger Plan ist es, langsam aber beständig die Kapazität von Social Clubs zu erhöhen, um zu zeigen, dass die Bürger konkrete Alternativen zum Schwarzmarkt entwickeln können.

Wir pflanzen bereits Cannabis in Gewächshäusern an – im privaten Besitz allerdings.
Ich hoffe, dass wir in den nächsten 3-5 Jahren die offizielle Erlaubnis von der Politik bekommen – da bin ich ein geborener Optimist.

Joep, die letzten Worte gehören dir…

Die Kehrtwende ist absehbar, mehr und mehr wird sichbar, dass unser politisches System nicht in der Lage ist, Lösungen zu finden. Es wird immer klarer, dass das System korrumpiert ist, also müssen nun die Bürger das Zepter übernehmen und Alternativen zum Krieg gegen die Drogen entwickeln. Es ist Zeit, dass wir beginnen, einen aktiven Beitrag zu unserem Schicksal zu leisten: Eine Welt von gleichen Menschen teilen diesen Planeten – so wie es ein guter Hausvater (und / oder eine Mutter) es tun würde. Wir sollten auf der Suche nach Gerechtigkeit, Gesundheit und einer soliden Volkswirtschaft für alle sein anstatt die Rechte auf natürliche Ressourcen aufzugeben, um somit die mächtigen finanziellen Interessen weiter zu unterstützen.

Wir danken Dir für das Interview.

 

  • neumond

    Bin im Prinzip zwar auch der Meinung, dass Cannabis legalisiert gehört, muss mich hier aber doch über eine Äußerung Joep Oomens echauffieren: Er sagt “… könnte Cannabis … eine gesunde Alternative für die chemischen Produkte aus der Pharmaindustrie …” sein. Ich fänd’s wirklich schön, wenn man endlich aufhören würde, die chemischen Produkte der Natur (auch Cannabis bzw. THC ist Chemie!) gegen die chemischen Produkte der Industrie auszuspielen. Chemie ist Chemie.

    • freeleo

      heutzutage wird das Zeug gestreckt und gepanscht….das ist vollkommen unnatürlich und chemisch. Durch die Entkriminalisierung von Cannabis und der Einführung von Social Clubs können allerdings 100% natürliche Knospen gedeihen. Wo siehst du denn da die Chemie?

  • Iris Ring

    “Eine Welt von gleichen Menschen (…)” – wie gruselig! Die Natur scheint die Vielfalt und die Einzigartigkeit des Individuums zu schätzen, sonst könnten wir uns ja einfach durch Senker vermehren wie manche Pflanzen. Vielleicht sollte man diese Idiotie von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” endlich durch Freiheit, Gleichberechtigung, Geschwisterlichkeit ersetzen.

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