Restiamo umani – Mensch bleiben

 

Trauer um Vittorio

Der Gazakrieg Ende 2008 bis Anfang 2009 wird den meisten Menschen im Gedächnis bleiben, als ein Krieg einer hochgerüsteten Militärmacht gegen ein unterdrücktes Volk, dass sie in seiner großen Mehrheit nicht wehren konnte und wollte. Vittorio Arrigoni war einer der wenigen Ausländer, die sich während des Krieges im Gazastreifen aufgehalten haben und mit ihrem Leben versucht haben die PalästinenserInnen zu schützen.

 

Vor wenigen Monaten ist im Zambon Verlag eine Neuauflage seines Werks “Restiamo Umani – Mensch bleiben” erschienen, in dem neben seinen eigenen Beschreibungen, auch Widmungen zu seinem Tod, zu finden sind. Karin Leukefeld, Journalisten bei der Jungen Welt, beschreibt wieso sie Zweifel an der Geschichte des Mordes hat, der angeblich von islamistischen Djihadisten ausgeführt wurde, die weder danach noch davor jemals wieder in Erscheinung traten. Sie äußert nicht nur Zweifel, sondern beschreibt auch, wie hoch die Wertschätzung Vittorios in der palästinensischen Gesellschaft war.

Mord durch Salafiten?

Als nächstes finden sich ein kurzer Artikel über die Distanzierung der Hamas von Salafisten und die Stellungnahme dieser, dass sie den Mord an Vittorio ablehnen. Gilad Atzmon, ein bekannter israelischer Musiker, erhält die Möglichkeit an den palästinensisch-israelischen Filmemacher Juliano Mer-Khamis zu erinnern, der ebenfalls ermordet wurde.

“Sie haben Vittorio Arrigoni umgebracht, aber wir sollten uns nicht darauf beschränken, ihn zu beweinen… Symbole der Solidarität unter den Menschen, der Gerechtigkeit, der wirklichen Demokratie, der Menschlichkeit.” so schreibt Giulietto Chiesa über Vittorio und gibt damit wieder, was Millionen Menschen weltweit über den Friedensaktivisten dachten.

Gegossenes Blei

“Dieser selbstgerechte Zorn ist ein ständig zu beobachtendes Phänomen der Israelis, wie zuvor bei den Zionisten während der Enteignung und Besetzung Palästinas. Jede Tat, ob es sich um ethnische Säuberung, Besetzung, Massaker oder Zerstörung handelte, wurde als moralisch gerecht und als ein reiner Akt der Selbstverteidigung dargestellt, der nur zum großen Bedauern Israels in ihrem Krieg gegen die wohl schlimmste Art von Menschen begangen wurde. Vor der Linken bis zur Rechten, von Likkud bis Kadima, von der Akademie bis zu den Medien, konnte man diese selbstgerechte Wut eines Staates hören, der mehr als jeder andere Staat auf der Welt damit beschäftigt ist, eine indigene Bevölkerung zu vernichten und zu enteignen,”  so schreibt der israelische Historiker Ilan Pappe in dem Vorwort zu dem eigentlichen Werk von Vittorio.

Hilfsbereit beim Aufbau

Vittorios Beschreibungen aus Gaza zeichnen das Bild einer Bevölkerung, die nicht weiß wo sie sich verstecken kann, vor den Bomben einer deutlich überlegnen Militärmacht verstecken kann. Nicht verwunderlich sind seine Worte vom ersten Tag der Operation “Gegossenes Blei”, die am 27.12.2008 begann:”Ich habe keine Terroristen gesehen unter den Opfern, nur Zivilisten und Polizisten. Noch tags zuvor hatte ich mit ihnen gescherzt, weil sie sich so eingemummelt hatten gegen die Kälte.” Das Unverständnis für den Krieg und seinen Anfang sind in diesen Worten deutlich zu spüren, das Ziel seiner Anwesenheit in Gaza vergisst er trotz der Morde nicht. “Ich wünsche mir, dass diesen Toten wenigstens durch die Wahrheit Gerechtigkeit wiederfahren kann,” ein Wunsch, dem er mit seinem Buch mehr gedient hat, als die Worte tausender europäischer PolitikerInnen. Jeder Tag über den er berichtet, ist ein Tag voll Trauer und Tod, seine Berichte zeichnen die Trauer, die er empfand deutlich nach, in einfacher Sprache, die tiefer geht, als es die Worte der meisten Medien können.

Weißer Phosphor tötete in Gaza

Vittorio zeigt seine Wut über den Krieg und auf diejenigen, die ihn wollten, er trauert dabei nicht nur um die palästinensischen, sondern auch um die wenigen israelischen Opfer. Zum Ende des Kriegs schreibt er “In den vergangenen 20 Tagen haben wir 1075 palästinensische Opfer gezählt, mehr als 5000 Verletzte, von denen mehr als die Hälfte Minderjährig sind. 303 grauenhaft geschlachte Kinder. Glücklicherweise nur vier israelischer Opfer.”

Die Toten und die Lebenden

In Gaza gab es niemand, der keine Toten kannte, niemand der sich keine Hoffnung auf die Erholung für schwerverwundete FreundInnnen machte. Ihre eigene Situation wurde nach dem Krieg jedoch nicht deutlich besser. “In Gaza haben nur die Toten das Ende des Krieges gesehen” schreibt Vittorio und er hat Recht, die Blockade ist kein Krieg mit Waffengewalt, aber sie fordert Opfer Monat für Monat. Am deutlichsten und für internationale Medien unübersehbar zeichnet ein israelischer Minister die Konsequenz des Krieges. “Wenn die enormen Zerstörungen im Gazastreifen bekannt werden, kann ich nicht mehr als Tourist nach Amsterdam, sondern nur noch, um vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag zu erscheinen” so die ehrliche Einschätzung des Minister, der damit Vittorios Worten deutlich Recht gibt.

Gedenkkundgebung für Vittorio

Seine Beschreibungen der Toten, sein Mut sich für die Menschen in Gaza als Schutzschild darzustellen und ihr Schicksal zu teilen und seine Ehrlichkeit, wenn er darüber spricht, wie es den Menschen geht ohne dabei Hass auf andere Menschen zu empfinden, sind bemerkenswert. Sein Buch ist die letzte große Überlieferung eines Mannes, der bereit war sein Leben zu opfern für den Frieden, für Gerechtigkeit und die Wahrheit. Vittorio wird nicht vergessen werden, wir schreiben weiter auch im Gedenken an seine Taten. Dieses Werk ist ein Muss, für alle die eine menschliche und humanistische Sicht auf die Abscheulichkeit des Krieges erhalten wollen.

Restiamo umani – Mensch bleiben

 

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