Wir brauchen eine neue Frauenbewegung!

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Im letzten Jahr gingen die Bilder der sogenannten Slutwalks um die Welt. Ausgelöst durch die Äußerung eines kanadischen Polizisten, Frauen sollten zu ihrem eigenen Schutz darauf verzichten, sich wie „Schlampen“ zu kleiden, fand am 3. April 2011 der erste Slutwalk – zu Deutsch „Lauf der Schlampen“ statt, in dem Frauen mit absichtlich freizügiger Kleidung für ihr Recht auf freie Kleiderwahl und ihre Persönlichkeitsrechte eintraten. Ihre Message: „Mein Rock hat mit dir nichts zu tun.“ Damit spielten sie auf ein weit verbreitetes Vorurteil an, dass die Opfer von Vergewaltigungen eine Mitschuld an dem Ereignis trügen, wenn sie sich aufreizend kleiden oder verhalten würden.

In der Folge fanden Slutwalks in Stockholm, Frankfurt, Berlin, Paris, London und vielen anderen Städten statt und das Wiedererstarken der Frauenbewegung wurde gefeiert.  Das Jahr 2012 wurde von den Ereignissen um die russische Künstlerinnengruppe Pussy Riot geprägt, die mit einem Auftritt in einer russisch-orthodoxen Kirche gegen das System Putin demonstrierten und zu mehreren Jahren Arbeitslager verurteilt werden – auch eine Form weiblichen Protests. Frauen in der arabischen Welt protestierten und kämpften gegen ungerechte Regimes und Frauen demonstrierten gegen Berlusconi und seine Bunga-Parties. Doch sind diese Proteste Teil einer neuen Frauenbewegung?

In welchem Verhältnis stehen die Unterdrückung der Frau und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zueinander? Warum ist es für Frauen auch heute noch, nach mehr als 100 Jahren Frauenbewegung, überall auf der Welt nötig, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren – teilweise unter Einsatz ihres Lebens?

Weiblicher Widerstand ist aber immer auch ein Kampf gegen Sexismus – ganz gleich, ob er bessere Lebensverhältnisse für Frauen fordert oder Teil eines größeren Kontexts von Protest ist. Eine Gesellschaft, in der ein Teil den anderen aufgrund seines Geschlechts unterdrückt, kann nicht gerecht sein. Die Frage nach den Gründen für die Unterdrückung der Frau ist trotzdem zentral für die Frauen, die sich ihr entgegenstellen. Ist die Herrschaftssucht der Männer schuld? Wollen Männer etwa genetisch bedingt Frauen unterdrücken? Schaffen etwa Männer Strukturen der Macht, die dann Frauen unterdrücken oder ganze Völker in das Chaos stürzen? Oder sind nicht vielleicht gesellschaftliche Strukturen und ökonomische Bedingungen für die Unterdrückung verantwortlich für den Kampf der Geschlechter, der noch immer sehr lebendig ist? Wie kann eine Lösung aussehen? Ist eine neue Frauenbewegung notwendig?

Frauen können zentral sein für einen gesellschaftlichen Umbruch. Während der arabischen Revolution spielte der Widerstand der Frauen eine entscheidende Rolle. In Ägypten starteten die Frauen 2007/2008 mit Streiks in den Textilfabriken, sie hielten die Männer dazu an, mit ihnen gemeinsam gegen die ungerechte Herrschaft von Mubarak und seinem Regime zu kämpfen. Die Proteste der Frauen in allen arabischen Ländern waren ein wichtiger Teil des allgemeinen gesellschaftlichen Widerstands gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Ihr gemeinsamer Kampf hat die Wahrnehmung der Frauen in der arabischen Welt verändert.

Der Kampf von Frauen für ihre Rechte und der Kampf für eine bessere Gesellschaft lassen sich also nicht voneinander trennen. Eine gerechte Gesellschaft bedeutet immer auch eine Gleichstellung der Geschlechter – und zwar nicht nur in den Gesetzen, sondern auch in den Köpfen. Trotzdem hatten Frauen während der Geschichte der Frauenbewegung auch gegen die Mauern in den Köpfen sozialistischer oder linker Männer zu kämpfen.

Bereits während der französischen Revolution setzten sich Frauen dafür ein, dass nach dem Beispiel der Erklärung der Menschenrechte auch eine Erklärung der Rechte der Frau erfolgt. In den USA wurden Frauen im Rahmen der Abschaffung der Sklaverei politisch aktiv und forderten Bildungsmöglichkeiten, Arbeitserlaubnis und das Wahlrecht für Frauen. Lange blieben das allerdings unerfüllte Forderungen. Die Gesellschaft der USA und in Europa räumte Frauen lediglich einen Platz im häuslichen Bereich ein, Bildung diente nur der Vorbereitung ihrer Rolle als Ehefrauen. Die Bereitschaft zum Widerstand braucht aber ein gewisses Maß an Bildung im Sinne von Aufklärung und Erkenntnis, um die eigene Situation überhaupt kritisieren zu können. Trotzdem gelang es einigen Frauen, ein eigenes politisches Bewusstsein zu erkämpfen. Der Kampf der Arbeiterklasse Ende des 19. Jh. spielte dabei eine wichtige Rolle, denn Karl Marx erkannte in der Unterdrückung der Frau einen „Nebenwiderspruch“ zum „Hauptwiderspruch“ der Kapitalverhältnisse, er stellte also einen Zusammenhang zwischen der Unterdrückung der Frau und der Ausbeutung des Proletariats durch den Kapitalismus her.

Um 1900 sammelten sich in den USA und in England die sogenannten Suffragetten, die ein Frauenwahlrecht forderten. Sie setzten vor allem auf Versammlungen, aber auch das öffentliche Rauchen war eine Geste des Protests, die in den 1920er Jahren schließlich salonfähig wurde und in der Mitte der Gesellschaft ankam. Die Suffragetten schreckten sogar vor Gewalt nicht zurück, am sogenannten „Schwarzen Freitag“ im November 1910 kam es vor dem britischen Unterhaus zu Zusammenstößen mit bewaffneten Frauen.

In Deutschland entstand zur gleichen Zeit eine bürgerliche Frauenbewegung um Louise Otto-Peters und Helene Lange. Sie forderten bessere Bildung und das Recht auf Arbeit. Den proletarischen Frauen der Arbeiterbewegung war das nicht genug. Sie wollten eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Die Kommunistin Clara Zetkin war ihre Galionsfigur und in zahlreichen Reden erklärte sie, dass die Unterdrückung der Frau eine Folge der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist. Sie trat für eine gewerkschaftliche Organisation der Frauen ein, um gemeinsam mit anderen Sozialisten wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ein Ende der Ausbeutung der Arbeiterklasse zu erreichen, das auch ein Ende der Unterdrückung der Frau bedeutet.

Die Weimarer Republik gestand Frauen ab 1919 das Wahlrecht zu. Dennoch dauerte es bis zur vollständigen gesetzlichen Gleichstellung von Frauen in Deutschland noch viele Jahrzehnte – gerade das ist ein Umstand, dessen sich viele junge Frauen gar nicht mehr bewusst sind. Erst seit 1949 sind Frauen Männern in Deutschland gesetzlich gleichgestellt. Bis 1958 durften Lehrerinnen nicht heiraten. Das Recht auf eine straffreie Abtreibung gibt es erst seit 1974 und die Strafverfolgung von Vergewaltigungen in der Ehe gemäß einer Vergewaltigung außerhalb der Ehe gibt es sogar erst seit 2004 – womit wir schon wieder ganz dicht an den Slutwalks sind.

In den 1960er Jahren formierte sich in Westdeutschland die Frauenbewegung als Teil der Linken neu. Frauen waren Agenten sozialen Wandels, das bedeutet, sie setzten sich für eine offenere Gesellschaft ein,  sie forderten auch eine Gleichberechtigung der Geschlechter in den Köpfen und in der Sprache. Sie wollten nicht mehr als Mütter und Gebärmaschinen betrachtet werden, sondern kämpften für die Selbstbestimmung jenseits von Mutterschaft und Ehe. Sie waren die Wegbereiter für das heutige Verständnis von Feminismus. Vielen, gut ausgebildeten Frauen ging es darum, die Strukturen aufzudecken, die zu Unterdrückung führten und Alternativen für eine Veränderung aufzuzeigen.

Der politischen Führung der DDR entstand die  Gleichberechtigung von Mann und Frau aus ihrem sozialistischen Selbstverständnis, ebenso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Für viele Frauen aus den sogenannten neuen Bundesländern sind deshalb die Debatten um Kinderkrippen und Berufstätigkeit irritierend.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland zwischen 15-25 % aller Frauen in ihrem Leben Opfer von sexueller Gewalt werden. Das bedeutet, dass auch in den Köpfen deutscher Männer nach wie vor die Überzeugung zu finden ist, sie hätten ein „Anrecht“ auf eine bestimmte Frau und dürften ihre Persönlichkeitsrechte verletzen. Die Fälle von sexistischen Beleidigungen und sexueller Belästigung dürften um bis zu dreimal so hoch liegen, genaue Zahlen gibt es nicht. Die unterschiedliche Bezahlung von Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ist ein hochaktuelles Thema. Die Motive der Frauen, die an den Slutwalks teilnehmen, betreffen also die meisten Frauen unter uns – und dennoch ist eine neue Frauenbewegung, die von gesellschaftlicher Relevanz ist, nicht in Sicht.

Das mag auch an der Kritik von Frauen untereinander liegen. Den Initiatorinnen der Slutwalks wird zum Beispiel von Feministinnen vorgeworfen, ein eindeutig negatives Wort – nämlich „Du Schlampe!“ -  positiv besetzen zu wollen. Was bedeutet es, wenn eine Frau über sich selbst sagt: „Ich bin eine Schlampe!“? Entwertet sie sich damit selbst oder greift sie selbstbewusst einen sexistischen Begriff auf und gibt ihm damit eine neue Bedeutung?

In den 1990er Jahren formierte sich eine dritte Welle der Frauenbewegung, die jung und frech sein wollten, die Riot Grrrls dienten den Frauen von Pussy Riot als Vorbild. Laute, punkige Musik als Protestform sollte die Frauenbewegung zu einem Lebensgefühl vor allem für junge Frauen machen. Gleichzeitig gab es heftige Kritik am Feminismus. Er diskriminiere Männer aufgrund ihres Geschlechts und führe nicht zu einer Vereinbarkeit der Geschlechter, sondern zu einem Festschreiben von Rollenbildern. Entweder bist du Feministin und Karrierefrau oder aber eine unterdrückte Frau und Hausfrau.

Diese Tendenz fand sich jüngst im Buch der Familienministerin Kristina Schröder wieder. Sie erklärte darin, dass Feminismus ebenso einseitig sei wie konservative Rollenbilder – das nennt sich dann „Postfeminismus“.

Wer sich die Entwicklung der Frauenbewegung und die verschiedenen Formen weiblichen Protests anschaut, dem fallen zwei Dinge auf: Weibliche Protestformen haben oft subtile Elemente, wie zum Beispiel das öffentliche Rauchen der Suffragetten oder sind kreativ wie die Pussy Riots. Frauenwiderstand mag zwar oft das erklärte Ziel haben, die gesetzlich festgeschriebene oder gesellschaftlich legitimierte Unterdrückung durch den Mann zu beenden. Doch da das in den westlichen Ländern gesetzlich längst geschehen ist, bleibt die Frage, warum die Realität ganz anders aussieht und warum viele Frauen jeden Tag unter Sexismus und Diskriminierung leiden. Das Grundgesetz stellt Männer und Frauen gleich, niemand darf aufgrund seines Geschlechts diskriminiert werden. Trotzdem verdienen Frauen weniger und sind häufiger von Armut und Gewalt betroffen als Männer. Sexismus findet sich im Fernsehen, den Zeitungen, in der Werbung. Hat die Frauenbewegung also versagt? Brauchen wir eine neue?

Die Spur reicht zurück bis zu Karl Marx und Clara Zetkin, erhält ihre Bestätigung im mutigen Kampf der arabischen Frauen und findet sich auch in den Forderungen von Pussy Riot. Wer für eine bessere Gesellschaft kämpft, kämpft auch für die Rechte der Frauen. Erst in einer Gesellschaft, in der die ökonomischen Bedingungen auf eine gerechte Teilhabe aller ausgerichtet sind, ist eine Gleichberechtigung der Frauen möglich, erst dann ist der biologische Umstand, schwanger oder vergewaltigt werden zu können, kein gesellschaftlicher Nachteil mehr.

Bis dahin kann es nichts schaden, an einem Slutwalk teilzunehmen.

 

 

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